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Der Rechenfehler der Kristina Schröder

Es ist ihr ganz persönlicher Triumph: Die Zahl der Kita-Plätze in Deutschland steigt. Doch die Statistik hat ihre politischen Tücken - ausbaden müssen das die Familien.

Von Katharina Grimm

  Ab August 2013 gilt ein Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Doch nicht alle Kinder werden einen bekommen.

Ab August 2013 gilt ein Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Doch nicht alle Kinder werden einen bekommen.

Welch ein schöner Termin: Vor die Presse treten und sich einmal gut dabei fühlen. Heute wird sie nicht wieder im Schatten ihrer Vorgängerin verblassen. Heute hat Kristina Schröder selbst gute Nachrichten. Die Bundesfamilienministerin hat eingeladen, um gemeinsam mit ihr die aktuellen Ausbauzahlen der Kita-Plätze für Ein- bis Dreijährige zu feiern. Schon ein flüchtiger Blick auf die Tabelle zeigt: Schröder hat ihr Ziel – bis zum August 2013 rund 780.000 Krippenplätze anzubieten – erreicht. Juhu! Kita für alle!

Nein, leider nicht, denn der Teufel steckt im Detail. Nackte Zahlen zu beklatschen hilft wenig, wenn am Ende wieder Familien ohne Kita-Platz bleiben. Zwar haben die Kleinen - oder eher deren Eltern - ab August 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz. Doch schon jetzt ist klar: Die Realität hinkt dem Rechtsanspruch hinterher.

Genügend Plätze sind vorhanden

Sicherlich gibt es viele Plätze. Schröder hat die Städte und Kommunen zum Kita-Ausbau angetrieben - und nebenbei reichlich Geld verteilt: Bisher sind gut 2,57 Milliarden Euro Finanzhilfen geflossen, bis 2014 gibt es 3 Milliarden Euro für die Qualitätssicherung, danach jährlich 845 Millionen Euro. 160 Millionen Euro Finanzhilfen hätten die Ländern noch gar nicht abgefragt, so Schröder.

Also ist laut der Ministerin alles bestens organisiert: Aktuell stehen 711.917 Plätze zur Verfügung, rund 90.000 weitere folgen "demnächst" – eine Formulierung, die so schwammig ist, dass damit auch Ende 2014 gemeint sein könnte. Aber nur, wer "aktuell" und "demnächst" zusammenzählt, kommt auf die eindrucksvolle Gesamtplatzzahl von 813.093. Das klingt groß. 780.000 Plätze waren gefordert - womit ein Anteil von 39 Prozent der Ein-bis Dreijährigen versorgt wäre. Ob ein Platz, wohnortnah und für die individuellen Arbeitszeiten relevant, für das eigene Kind dabei ist, sagt die Statistik allerdings nicht.

Stadt, Land, Kita-Platz

Die traurige Wahrheit: In den Ballungszentren und Großstädten reicht der Ausbau nicht, Kinder werden auch ab August ohne Betreuung auskommen müssen – während in den Weiten der deutschen Prärie, vor allem in Ostdeutschland, wo die Infrastruktur der Kinderbetreuung traditionell sehr viel besser ausgebaut ist, so mancher Kita-Platz kein Kind abbekommt. Dort bleiben die Mütter eben öfter daheim, jetzt gibt es ja auch Betreuungsgeld dafür. Die Frauen in den Städten hingegen müssen zu Hause ausharren; wo soll nur das Kind hin?

Denn die Ministerin zählt die falschen Schäfchen – das bestätigt auch der Deutsche Städtetag. Es gehe nicht um die Plätze, sondern um die jeweilige Zahl der faktisch zu versorgenden Kinder. Hier hat sich die Ministerin schwer verrechnet. Sie summiert einfach die geschaffenen Plätze pro Bundesland, gleichgültig, ob diese in einem schwach besiedelten Naturschutzgebiet oder im Altstadtkern von München entstanden sind. Das ist natürlich albern, wer braucht schon tausende Kinderbetreuungsplätze in weit entfernten Dörfern, wenn in Berlin, Hamburg oder dem Ruhrgebiet die Kinder kitalos bleiben. Nur um eine Quote zu erfüllen, nur um eine Statistik zu verschönern, nur um von Erfolg reden zu können?

"Kindeswohlgefährdenden Bedingungen"

Obendrein hat der beschleunigte Kita-Ausbau seine Tücken. Ende Mai meldete sich der Chef der Arbeiterwohlfahrt besorgt zu Wort: Wegen des Tempos leide die Qualität der Einrichtungen. Mitarbeiter würden schon von "kindeswohlgefährdenden Bedingungen" sprechen. Der Städtetag klagt, es gäbe zu wenig Fachpersonal – bis zu 12.000 Erzieher würden fehlen. Und für die kommenden Jahre sei eine steigende Nachfrage zu erwarten, folglich brauche es noch mehr Kita-Plätze inklusive Personal.

"Der Bund will nicht für 39 Prozent bauen, sondern bedarfsgerecht", wehrt sich die Ministerin. Das sei ein ewiges Missverständnis, so Schröder. Es handele sich bei den 39 Prozent um einen Mittelwert. In den Städten sei das Interesse höher, dort würde jedes zweite Kind in eine Kita kommen. In ländlichen Regionen seien es dagegen nur 30 Prozent - der Durchschnitt verlaufe eben bei 39 Prozent. Und wenn die Plätze nicht reichen, so Schröders simple Erklärung, dann müssten die Städte nun mal selber die Aufgabe wahrnehmen und ausreichend Plätze zu schaffen. Den Familien, gerade in den Großstädten, hilft das nicht weiter.

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