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19. September 2007, 08:10 Uhr

"Ein schwuler Kanzler wäre möglich"

Berlins Regierender Bürgermeister ist keiner, der seine Ambitionen mühevoll verbirgt. Bekannt ist, dass er sich selbst für einen fähigen Bundespolitiker hält. Neu ist, dass er unverhohlen mit höchsten Weihen kokettiert. Dem stern hat Wowereit jetzt gesagt, dass die Deutschen auch einen schwulen Regierungschef akzeptieren würden.

Autobiograf mit Ambitionen: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und sein Freund Jörn Kubicki© Marcus Brandt/ddp

Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister Berlins, hält die Deutschen für ausreichend tolerant, einen Homosexuellen zum Kanzler zu wählen. "Ich glaube, das wäre möglich", sagte er in einem Interview, das in der neuen Ausgabe des stern erscheint. Die deutsche Gesellschaft sei liberaler geworden.

Allerdings, schränkte der SPD-Politiker ein, bekomme er noch "genügend Schmähbriefe. Mit sexistischem Inhalt übelster Art", so der SPD-Politiker, der sich auf einem Landesparteitag im Juni 2001 geoutet mit einem mittlerweile legendären Spruch geoutet hatte: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so", hatte Wowereit damals wissen lassen. Dass diese offensive Strategie auch daneben hätte gehen können, gibt Wowereit in dem stern-Interview unumwunden zu. "Mein Outing hätte die Öffentlichkeit auch überfordern können. Das war schon ein Risiko", sagte er.

Äußerung mit Hintersinn

Zu den Aussichten eines schwulen Kanzlerkandidaten äußert sich Wowereit nicht ohne Hintersinn. Zwar ist er in der Riege der drei, von Parteiboss Kurt Beck handverlesenen künftigen SPD-Vizechefs nicht vertreten, aber man darf Wowereit getrost unterstellen, dass sein Machthorizont sich über das Jahr 2009 erstreckt, in dem voraussichtlich die nächsten Bundestagswahlen stattfinden. Würde die SPD mit ihrem jetzigen Spitzenpersonal, von Beck über die "Stones" Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier bis hin zur Linken Andrea Nahles, scheitern, dann bliebe der siechen Partei nichts anderes übrig, als auch den vormals belächelten Wowereit an die Spitze zu ziehen. Darauf spekuliert der Bürgermeister, der sich mit seiner rot-roten Koalition auch als Eisbrecher seiner Partei in Richtung Linkspartei begreift.

In seiner Familie sei nie offen über seine Homosexualität gesprochen worden, berichtete Wowereit, dessen Autobiografie ab dieser Woche verkauft wird, in dem stern-Interview. Seine 1995 verstorbene Mutter habe es gewusst, "davon bin ich fest überzeugt. Aber wir haben nicht darüber geredet. Es war eben kein Thema. Sie wusste es - und fertig", sagte Wowereit dem stern.

Aus seinem Privatleben berichtete Wowereit auch, dass sein Lebensgefährte, der Arzt Jörn Kubicki, ihn bei der Pflege seiner Mutter unterstützt habe. "Sie mochte ihn. Sie hat ihn "mein Studentchen" genannt." Im stern bekannte sich Wowereit auch zu seiner Sympathie für Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Als Person ist sie mir sympathisch. Über diese Frau ist kübelweise Gülle ausgeschüttet worden. Und sie hat gestanden. Sie hat sich in der CDU-Männerwelt durchgesetzt." Das könne man auch als politischer Gegner anerkennen, "ohne in den Verdacht zu geraten, dass man selber den momentanen Marienkult pflegt".

Wowereit attestiert SPD "Mobbingkultur"

Als gewichtiges Hindernis auf seiner Karrierleiter betrachtet Wowereit offenbar weniger Vorurteile der Bevölkerung oder gar Angela Merkel. Im stern-Interview attestiert er viel eher seiner eigenen Partei eine "stabile Mobbingkultur". "Die Parteispitze könnte mal ein 14-tägiges Ruderseminar gebrauchen. Beim Rudern merkt man ganz brutal, wenn einer die anderen hängen lässt und man den Riemen ins Kreuz bekommt. Das kann recht lehrreich sein", sagte Wowereit. "Wir brauchen ein Klima, in dem Kritik als konstruktiv empfunden wird", fügte er hinzu. Zugleich rief Wowereit die Sozialdemokraten auf, "mutiger" zu sein. "Nehmen wir den Mindestlohn. Da muss man eine Summe nennen! Es ist doch klar, dass der Mindestlohn sich um 7,50 Euro bewegen wird. Das müssen wir auch sagen", forderte er im stern.

Plädoyer für Elternpflegejahr

Um eine Pflegekatastrophe in Deutschland zu verhindern, plädierte Wowereit für die Einführung eines Elternpflegejahres. "Wer Vater oder Mutter pflegen will, muss vom Arbeitgeber freigestellt und vom Staat finanziell unterstützt werden", sagte er dem stern. In der Ausgestaltung stelle er sich das "genau so" vor wie die Elternzeit bei Kindern. "Bis auf wenige Ausnahmen könnten alle ihre Eltern pflegen - unter Einschränkung ihrer Individualität und ihres Lebens", so der SPD-Politiker. Er habe "zwar großes Verständnis für alle, die es nicht tun. Die können mir nur nicht erzählen, dass es nicht geht". Wowereit hatte selbst jahrelang seine kranke Mutter und seinen querschnittsgelähmten Bruder gepflegt, "wickeln, waschen, alles". "Es musste geholfen werden, ich war da, also."

"Wir müssen uns Optionen öffnen"

Wowereit setzte sich erneut dafür ein, Koalitionen der SPD mit der Linkspartei in den Bundesländern zu prüfen. "Wir müssen uns Optionen öffnen", sagte er dem stern. In Anspielung auf die ablehnende Haltung von SPD-Chef Kurt Beck sagte Wowereit: "Denkverbote nutzen nur dem politischen Gegner." Im Bund sei 2009 eine rot-rote Koalition undenkbar. "Aber auf Landesebene muss das jeder für sich entscheiden. Wenn man Tabus aufbaut, landet man nur in der babylonischen Gefangenschaft mit der CDU."

Die SPD-interne Auseinandersetzung um den vorsorgenden Sozialstaat bezeichnete Wowereit als "nur ein Streit um Worte". "Wir müssen aufpassen, dass wir die Leute nicht zu sehr bemuttern, ihnen alles abnehmen", sagte er dem stern. "Es gibt eine Verantwortung der Solidargemeinschaft gegenüber Hilfsbedürftigen. Aber der Staat ist nicht für alles da." Es gebe auch "keine Entschuldigung dafür, dass man kriminell wird, weil man aus einfachen Verhältnissen stammt".

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 39/2007

Weitere Informationen

Weitere Informationen Im neuen stern spricht Klaus Wowereit über seinen Freund, seine Mutter, die SPD und wohin ihn seine Karriere noch führen kann.

 
 
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