HOME

"Kernenergie ist keine Lösung"

Der Erfolgsdruck in Kopenhagen ist groß, meint Vorzeigeunternehmer Michael Otto. stern.de sprach mit ihm über erfolgreichen Klimaschutz, Kernenergie und die Verantwortung der Wirtschaft.

Herr Otto, hat die Wirtschaft das Klimaproblem verstanden?
Die Wirtschaft nimmt sich verstärkt des Klimaproblems an und ergreift immer mehr Maßnahmen! Ich habe zum Beispiel vor zwei Jahren mit einer Reihe von Unternehmern die Initiative "2 Grad - Deutsche Unternehmer für Klimaschutz" gegründet. Wir wollen die Bundesregierung dazu bewegen und sie darin unterstützen, ehrgeizige Klimaziele zu setzen und die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass sie auch erreicht werden können. Hier könnte natürlich noch mehr getan werden, es müsste auch insgesamt noch schneller gehen.

Dabei müssen die Unternehmen mitspielen. Wie bindet man sie noch besser in den Klimaschutz ein?
Es sollten noch ehrgeizigere staatliche Klimavorgaben auf den Weg gebracht werden - möglichst global, mindestens europaweit. Man kann aber auch durch wirtschaftliche Anreize die Entwicklung beschleunigen - etwa durch Forschungsförderung. Der Staat und die Privatwirtschaft könnten bei der Energieforschung noch viel stärker zusammenarbeiten. Und wir sollten auch über steuerliche Anreize für Unternehmen nachdenken.

Die größte unternehmerische Klimainitiative ist derzeit das Projekt Desertec, mit dem Solarstrom für Europa in Nordafrika produziert werden soll. Können wir so das Energieproblem lösen?
Ich finde das Projekt sehr gut. Weil es zeigt, dass die Wirtschaft gemeinsam handeln kann - und erkannt hat, dass wir regenerative Energien brauchen und einen Wandel in unserer Energiepolitik. Ein Fragezeichen würde ich allerdings machen, ob dieses Projekt Nordeuropa sinnvoll mit Energie versorgen kann. Für die Investitionen in die Leitungen muss sehr viel Geld aufgebracht werden. Und es kommt zu Energieverlusten beim Transport des Stroms. Vielleicht sollte man sich in Nordeuropa doch eher darauf konzentrieren, neue und bessere Stromnetze zu installieren und auf eine dezentrale Versorgung mit erneuerbaren Energieträgern hinzuarbeiten. Ein anderes Problem könnte eine zu hohe politische Abhängigkeit von Nordafrika sein, wenn vor allem von dort der Strom geliefert wird. Man sollte sich geografisch breiter aufstellen, um der Gefahr vorzubeugen, politisch erpressbar zu werden.

Inwieweit die EU-Staaten bei solchen Fragen zu gemeinsamen Standpunkten kommen, ist fraglich. Auch jetzt, kurz vor dem Kopenhagener Klima-Gipfel, zeigen sie sich alles andere als einig. Die Vorzeichen sind insgesamt nicht die besten. Wie viel trauen Sie der Staatengemeinschaft zu?
Es war schon eine große Leistung, dass sich alle Industrienationen und die Schwellenländer im Sommer in Rom auf das Zwei-Grad-Ziel geeinigt haben. Erfreulich ist auch, dass die Industrieländer bis 2050 den CO2-Ausstoß um die Hälfte senken wollen. Und die Amerikaner sind hier dabei, das ist ein wichtiger Schritt nach vorne. Doch er wird nicht reichen. Tatsächlich brauchen wir bis 2050 eine Reduzierung um 90 bis 95 Prozent. Auch unsere Ziele in Europa reichen bei weitem nicht aus, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Wir brauchen bis 2020 dafür eine CO2-Reduktion um mindestens 40 Prozent.

Wie soll das erreicht werden?
In Kopenhagen müssen deutlich höhere Ziele vereinbart werden. Die Staaten wissen, was auf dem Spiel steht, der Druck ist hoch. Deshalb gibt es reale Erfolgschancen. Bei einem Scheitern würden viele Jahre vergehen, bevor man einen neuen Anlauf nehmen kann.

Sie klingen optimistisch. Woher kommt diese Zuversicht?
Das gestiegene gesellschaftliche Bewusstsein für die Gefahren des Klimawandels ist ein guter Nährboden. Auch in der Wirtschaft hat ein Umdenken stattgefunden. Die Bedingungen sind also besser geworden für weitreichende Entscheidungen. Doch auch bei einzelnen Verordnungen und Gesetzen müssen wir strenger werden. Oft ist das Entsetzen in der Wirtschaft groß, aber sind wir doch ehrlich: Wenn man Ingenieuren ehrgeizige Ziele setzt, werden sie sehr kreativ und entwickeln gute Lösungen; die hohen deutschen Klimaschutzvorgaben haben unsere Wirtschaft innovativ gemacht: Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz ist eine internationale Erfolgsgeschichte geworden. Und die grüne Industrie verzeichnet in Deutschland schon mehr Arbeitsplätze als die Automobilindustrie.

Diese Erkenntnis setzt sich in Europa vielleicht durch. Doch wie können wir die Schwellenländer davon überzeugen, dass der Klimaschutz die Wirtschaft stärkt und nicht schwächt?
Die Schwellenländer sind selbst immer stärker überzeugt von der Notwendigkeit des Klimaschutzes. Wenn ich mit Chinesen spreche, dann erkennen sie die Bedeutung durchaus. Sie haben im eigenen Land mit Klimaproblemen zu kämpfen - sehen etwa, wie große Agrarflächen versteppen und zu Wüsten werden. Dagegen gehen sie mit beachtlichen Maßnahmen vor wie etwa den Planungen für CO2-freie Städte und anderen Projekten. Es geschieht eine Menge - auch in Brasilien. Dort wird zunehmend verstanden, welche Bedeutung die tropischen Wälder im Amazonasgebiet für den Klimaschutz haben.

Sie setzen also vor allem auf Lernprozesse in den Ländern selbst...
Nicht nur! Man wird auch den Schwellenländern Klimaziele setzen müssen. Zwar nicht, dass sie ihren CO2-Ausstoß absolut reduzieren sollen, was ein Ende ihres Wirtschaftswachstums bedeuten würde. Aber eine deutliche Effizienzsteigerung beim Energieverbrauch kann ein sehr sinnvolles Klimaziel sein. Und wir müssen diesen Staaten die modernsten Technologien für Energieeffizienz und die Nutzung alternativer Energien zur Verfügung stellen. Dies kann über Entwicklungshilfe finanziert werden - oder aber die Technologien werden zu einem Vorzugspreis angeboten.

Vor allem ein Land muss die Schwellenländer überzeugen: die USA. Was erwarten Sie von Obama mittelfristig in der Klimapolitik?
Barack Obama ist vollauf gewillt, neue Signale zu setzen. Schon alleine durch die Ernennung von Steven Chu zum Energieminister. Chu ist ein großer Verfechter der CO2-Reduzierung. Auch die Anträge für neue Klimaschutzgesetze, die Obama ins Parlament einbringt, zeigen seinen starken Willen zu Veränderung.

Sehen sie in Deutschland einen ähnlich starken Willen?
Deutschland hat wichtige Schritte eingeleitet und sich in Europa als Vorreiter gezeigt. Bei den Konjunkturprogrammen hätte ich mir aber deutlich höhere Anteile für den Klimaschutz gewünscht, gerade zur Förderung der erneuerbaren Energien. Da haben die USA größere Programme aufgelegt; es werden zweistellige Milliardenbeträge in die Erforschung neuer Klimaschutz-Techniken investiert. Für uns ist das eine Gefahr: Wir müssen schauen, dass wir unsere Führungsrolle bei den erneuerbaren Energien und den Klimaschutz-Techniken behalten. Da ins Hintertreffen zu geraten ist eine viel größere wirtschaftliche Gefahr als neue, strengere Klimaschutzvorgaben.

Wo muss die neue Bundesregierung jetzt ansetzen?
Wir brauchen eine größere staatliche Forschungsförderung - natürlich in Abstimmung mit der Wirtschaft. Hier muss es neue Akzente geben. Dann müssen wir die Energieeffizienz deutlich erhöhen und gleichzeitig Energie einsparen, und zwar nicht nur in der Industrie, sondern auch in den privaten Haushalten. Dafür müsste es auch noch stärkere staatliche Anreize geben.

Schwarz-Gelb setzt im Kampf gegen den Klimawandel auf die Kernkraft. Ist die Atomenergie für Sie eine Technologie, um die Erderwärmung einzudämmen?
Nein, sie ist für mich keine Lösung. Wir müssen vielmehr schauen, dass wir einen Innovationsschub bei den erneuerbaren Energien bekommen. Das muss der Schwerpunkt sein.

Sie haben als Unternehmer sehr früh den Umweltschutz zum Unternehmensziel erklärt. Woher kommt Ihr grüner Antrieb?
Der Anstoß kam Anfang der 1970er Jahre mit dem ersten Bericht an den Club of Rome: "Die Grenzen des Wachstums". Da bin ich sehr nachdenklich geworden. Ich habe erkannt, dass man Bewusstsein schaffen muss, aber noch wichtiger: dass gehandelt werden muss. Da habe ich im eigenen Unternehmen angefangen, mit ersten Umwelt-Projekten Ende der 70er Jahre bis hin zum Aufbau eines ganzen Umweltmanagementsystems.

Gab es Menschen, die Sie für den Umweltschutz begeistert haben?
Ich habe über "Die Grenzen des Wachstums" sehr viel mit meinem Freund Eduard Pestel diskutiert, der ja Mitbegründer des Club of Rome war. Er war Wissenschaftler, aber auch ein sehr pragmatischer Denker. Das gefiel mir. Als Unternehmer stelle ich mir immer die Frage: Was kann man konkret verändern? So dachte auch Pestel. In seinem späteren Bericht an den Club of Rome "Jenseits der Grenzen des Wachstums" hat er einige Feststellungen aus dem ersten Bericht korrigiert und klar gemacht, dass ein Nullwachstum unrealistisch ist.

Welches Wachstum brauchen wir?
Wenn wir die Kluft zwischen armen und reichen Ländern reduzieren wollen, brauchen wir Wachstum - allerdings ein organisches Wachstum, wie Eduard Pestel es nannte. Wir dürfen den Globus also nicht überfordern, sondern ihn nur soweit beanspruchen, dass er sich wieder regenerieren kann. Das ist das wichtigste Thema.

Thorsten Schäfer

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren