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30. September 2009, 14:08 Uhr

Die ergrünte Atomindustrie

Der Regierungswechsel sichert der Atomindustrie Zusatzgewinne in Milliardenhöhe. Mit diesem Geld könnte die Energiewende vollzogen werden. Doch es gibt Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Konzerne. Von A. Hildebrand und S. Wiese

Atomkraft, Kernkraft, Atomkonsens, Akw, Atomkraftwerk

Atomkraftwerk Grafenrheinfeld (bei Würzburg): Nach derzeitigem Stand dürfte es nur noch fünf Jahre in Betrieb bleiben - Union und FDP wollen nun die Laufzeiten verlängern© Ralph Orlowski/Getty Images

Atomkraftwerke sind für ihre Betreiber wahre Gelddruckmaschinen. Insgesamt fünf bis sechs Milliarden Euro könnte ihnen jedes weitere Jahr Laufzeit bringen, schätzt die Bank Sal. Oppenheim. Da ist es nur allzu verständlich, dass die großen Energiekonzerne so vehement für eine Aufschiebung des bislang für 2021 geplanten Ausstiegs kämpfen. Mit dem schwarz-gelben Wahlsieg scheinen die deutschen Akw-Betreiber ihr Ziel erreicht zu haben: Die Verlängerung der Reaktor-Laufzeiten gilt als ausgemacht. Doch dafür will die neue Regierung die vier großen Konzerne, RWE, Eon, EnBW und Vattenfall, ordentlich zur Kasse bitten. In ihren Wahlprogrammen kündigen Union und FDP an, die Zusatzgewinne "zum größten" Teil abzuschöpfen. Als Parteilinie hat man sich in der CDU auf "mindestens die Hälfte" geeinigt. Von Tanja Gönner, Umweltministerin in Baden-Württemberg, stammt der Vorschlag. Sie wird als neue Umweltministerin im Bund gehandelt.

Unabhängige Experten ermahnen die künftigen Regierungsparteien, Wort zu halten. Claudia Kemfert, Energie-Expertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), hält die Verlängerung der Laufzeiten grundsätzlich für vernünftig - wenn man die Kraftwerksbetreiber an die Kette legt. "Die Energiekonzerne haben es in der Vergangenheit versäumt, die notwendigen Investitionen zu tätigen. Nun muss man sie in die Pflicht nehmen", sagte sie stern.de.

Kemferts Katalog der dringendsten Aufgaben: eine verbesserte Infrastruktur, die Förderung von erneuerbaren Energien, ein stärkerer Wettbewerb auf dem Strommarkt, die Erforschung von neuen Technologien. "Deutschland ist gut beraten, sich auf eine Welt ohne Kernenergie vorzubereiten", sagt die DIW-Ökonomin. In fast allen westlichen Industriestaaten setze sich die Einsicht durch, dass die Atomkraft langfristig nicht die weltweiten Energieprobleme lösen könne. "An den erneuerbaren Energien geht kein Weg vorbei."

Und das sehen offenbar auch Union und FDP so: Als Übergangstechnologie bezeichneten sie zuletzt die Kernenergie. Ihre bisherigen Pläne sehen vor, dass ein Teil der Zusatzgewinne in einen Fonds fließen, mit dem beispielsweise regenerative Energien gefördert werden. "Wir werden mit den Konzernen noch so manche schwierige Frage zu klären haben", sagte die baden-württembergische Umweltministerin Gönner der "Financial Times Deutschland".

Im Detail sind vor allem drei Punkte zu klären. Erstens: Warum ist das überhaupt nötig? Energieexpertin Kemfert hält es prinzipiell für sinnvoll, die Energiekonzerne an die Kandare zu nehmen. "Die Konzerne behaupten natürlich, sie selbst könnten am besten in Infrastruktur und neue Technologien investieren." Aber, so Kemfert: "Sie haben es bisher nicht gemacht." Zweitens: Um wieviele weitere Jahre sollen die Reaktor-Laufzeiten verlängert werden? Der bayerische Umweltminister Markus Söder (CSU) schlägt acht Jahre vor. Ein überschaubarer Zeitraum, den auch DIW-Expertin Kemfert für vernünftig hält: "Für die Verlängerung der Laufzeiten sollte man ein relativ kurzes Zeitfenster anvisieren", sagte sie. "Je länger man den Ausstieg aufschiebt, desto träger wird man." Drittens: Welcher Teil der Gewinne soll abgezweigt werden? Die Atomlobby zeigt sich handzahm. Sie weiß um die Brisanz des Themas; der Pannen-Meiler Krümmel und die ungeklärte Endlager-Frage sind noch im öffentlichen Bewusstsein. Die Kraftwerksbetreiber wollen keine grundsätzliche Debatte aufkommen lassen und geben sich so von Anfang an kompromissbereit. RWE-Chef Jürgen Großmann kann sich vorstellen, einen "dicken zweistelligen Prozentsatz" an den geplanten Fonds abzugeben. "Ob das 50, 45, 55 Prozent sind, muss man eben sehen."

Allerdings bleibe ein Grundproblem, fürchtet Justus Haucap, Chef der Monopolkommission. Auf dem deutschen Strommarkt herrscht ein Oligopol: 85 Prozent der Versorgung sind in der Hand von nur vier Energieriesen. "Die Aufschiebung des Atomausstiegs sorgt für eine Konservierung dieser Struktur", sagte Haucap stern.de. "Der Markteintritt für neue Anbieter wird erschwert - das ist schlecht für den Wettbewerb."

Auch die Umweltlobby hält die Gewinnabfuhr für ein Ablenkungsmanöver. "Ein absurder Vorschlag", findet Greenpeace-Atomexperte Tobias Münchmeyer. Das Signal der längeren Laufzeiten würde private Investoren in erneuerbare Energien abschecken - ein Boom würde abgewürgt.

Das Problem sieht auch Ökonomin Claudia Kemfert. Man dürfe sich nicht nur mit dem Abschöpfen der Zusatzgewinne begnügen. Eine nachhaltige Energiestrategie müsse erarbeitet werden. Dazu gehöre auch, "dass der Handel unter den europäischen Ländern gefördert wird, um die hiesigen Konzerne einem stärkeren Wettbewerb auszusetzen."

Diese Position dürfte Unterstützung vor allem in der FDP erfahren, der selbsternannten Partei des Mittelstands und der freien Marktwirtschaft. Zunächst muss sie nun eine Regierung mit der Union bilden, dann wird verhandelt. Auf stern.de-Nachfrage heißt es bei EnBW, man erwarte von den neuen Regierungsparteien einen "unvoreingenommenen Dialog".

Atomkraft in Deutschland Derzeit sind noch 17 Atomkraftwerke am Netz. Das Gesetz zum Atomausstieg, welches derzeit gilt, billigt jedem Meiler eine Strommenge zu, die er noch produzieren darf - dann erlischt die Betriebserlaubnis. Das letzte Atomkraftwerk soll nach dieser Planung etwa 2021 vom Netz gehen. Nächste Kandidaten sollen Biblis A und B, Neckarwestheim 1, Brunsbüttel, Isar 1, Unterweser und Philippsburg 1 sein.

Was verdient man mit den Atomkraftwerken?
Sollten die Atomkraftwerke länger betrieben werden, fallen für die Betreiber - Eon, RWE, Vattenfall und EnBW - erhebliche Gewinne an. Nach Einschätzung der Bank Sal. Oppenheim könnten es fünf bis sechs Milliarden Euro sein, die jedes Jahr zusätzliche Laufzeit der Reaktoren bringen könnte. Einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg zufolge könnten sie sich bei einer Verlängerung um 25 Jahre auf 200 Milliarden summieren. Eingerechnet ist hier bereits die Steigerung des Börsenwerts der Unternehmen.

Was hat Schwarz-Gelb vor? Schwarz-Gelb will den Atomausstieg bald stoppen und die Laufzeiten jener Atomkraftwerke verlängern, die als sicher gelten. Beide Parteien haben sich dafür in ihren Regierungsprogrammen ausgesprochen. Als einziger CDU-Spitzenpolitiker rückte Saarlands Ministerpräsident Peter Müller von einer Verlängerung der Laufzeiten ab. Das sei "nicht prioritär", sagte er der "Financial Times Deutschland".

Die Union hält die Kernenergie für einen "unverzichtbaren Teil" in einem ausgewogenen Energiemix. Derzeit seien "klimafreundliche und kostengünstige Alternativen" noch nicht in Sicht. Einen Neubau schließt sie jedoch ausdrücklich aus.
Die FDP hält den Ausstieg aus der Kernenergie für "ökonomisch und ökologisch" falsch. Sie werde als Übergangstechnologie gebraucht.

Von A. Hildebrand und S. Wiese
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
-Lea- (30.09.2009, 22:12 Uhr)
@manta
Genau das ist es, siehe mein Posting unten. Aber irgendwie ... scheint das für manche schwer zu verstehen sein.
manta (30.09.2009, 20:16 Uhr)
Meine Fresse...
Ach Leute denkt doch einmal mit...grade die AKW gegner die hier schreiben. Der PC vor dem ihr sitzt, die Zimmerbeleuchtung etc. der ganze Stromverbrauch steigt immernoch exponentiell. Er wird es auch weiterhin tun, wenn ihr Pfosten euren Wohlstand nicht aufgeben wollt. Vom Skilift über Schwimmbäder bis zu High-End SirectX11 Grafikkarten, alles braucht Saft ohne Ende. Einmal ein schlüssiges, bezahlbares Konzept wie man das alles ohne Kernenergie und Fossile Energien schaffen soll. Und jetzt bitte nicht kommen mit "alle deutschen Windkraftanlagen schafenn..." den Braten mit der verfügbarkeit müsst ihr doch riechen...*stöhn* Solarenergie ists das selbe in grün. Waserkraft ist ausgebaut ohne Ende, da geht nichts mehr. Freut euch doch dass wir die geniale Entdeckung der Spaltungsenergie so gut nutzbar gemacht haben. Wir werden sie noch lange brauchen, das verspreche ich euch ! Und bitte ordnet mich nicht ein in kategoerien wie AKW befürworter oder sowas. Ich mache einfach nur gebrauch von meinem Gehirn, glaubt mir das schadet euch auch nichts. und BITTE keine kleingeistigen Tschernobylvergleiche mehr. Ich bringe ja auch nicht bei jedem Chemiestörfall einen Sevesovergleich, bei jedem Politiker einen Hitlervergleich und bei jedem dicken Menschen einen Ottfried Fischer Vergleich. Denkt doch mal mit !!!
helelle (30.09.2009, 19:51 Uhr)
...was man sich nicht wünschen darf....
wenn man sich vorstellen würde( wünschen darf man es nicht!), in Deutschland würde es durch Atomkraft zu
einem SuperGau kommen, dann brauchen wir keine Diskussion mehr, dann brauchen wir auch keine Lobbyisten mehr, dann brauchen wir keine Politiker mehr.... dann brauchen wir nichts mehr.
Es ist hier ein so großes Risiko - im technischen und menschlichen Versagen - nicht ausgeschlossen ( der Bevölkerung gegenüber wird gerne verniedlichend von
" Restrisiko" gesprochen, auch von " Brückenernergie" - welch Wortschöpfung), dass alles andere als sofortiger Ausbau der erneuerbaren Energien und Ausstieg aus der Kernenergie unverantwortlich ist.
Hoffentlich erweist sich Gorleben als nicht sicheres Endlager und in einem Bundesland mit schwarz-gelb wird eins "entdeckt" - was dann Angie und Guido wohl zu sagen hätten.
Vielleicht kommt mal jemand auf die Idee und vergleicht die Finanzmarktkrise ( die war doch eigentlich auch nicht möglich) mit
einem möglichen Supergau.
Einen Unterschied gibts allerdings : hierfür wird es keinen Rettungsschirm geben,
hoffentlich erhebt sich bei jetzt schon dreist und frech geforderter Laufzeitverlängerung eine solche Welle des Protestes, wie wir sie noch nicht erlebt haben !
susiwolf (30.09.2009, 19:40 Uhr)
@mowgli 18.19h - die Brisanz der Affen
Mit Ihrer Zuschrift haben auch Sie pauschalierte Schlagwörter an den Rand der Betrachtungen gestellt.
Bleibt sicherlich die Kernaussage und unsere gemeinsame Auffassung - der Atomindustrie durch Austrocknung des Nachfrageblocks den Wind aus den Segeln zu nehmen - soll heißen, daß Geld dahin nicht mehr fließen zu lassen.
-
Abgesehen davon sind uns ja noch einige Tschernobyl-Typen im etwas weiteren Umkreis erhalten. Das ist die Brisanz, die die 3 Affen verleugnen. Und den deutschen Betreibern sind diese Affen sehr sympatisch. Sehr sogar.
gesox (30.09.2009, 19:26 Uhr)
Vier neue Gorleben!
Hier schon mal die vier "Kandidaten" für neue atomare Endlager:

http://maps.google.com/maps/ms?ie=UTF8&hl=de&msa=0&msid=116015316010337097396.000474ce209e16ac03a05&ll=50.443513,8.525391&spn=10.317726,26.433105&z=6

Es ist immer wieder spannend, wie begeistert Atomkraftbefürworter sind, wenn man ihnen den Dreck vor der eigenen Haustür eingraben will.

Diese Standorte wurden bereits im Auftrag des wurden im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit erkundet und analysiert.
mowgli (30.09.2009, 18:19 Uhr)
@susiwolf
Wenn du schon den Tschernobyl-Vergleich bringst, wäre es nett das auch etwas näher zu erläutern wo genau du da Parallelen zu unseren Anlagen siehst.
Die sowjets haben mit Tschernobyl gezeigt, dass man ein Kernkraftwerk unsicher bauen (und betreiben) kann, wenn man nur will - mit unseren Anlagen hat das aber nix zu tun, zumahl die nach völlig anderen technsichen und physikalischen Prinzipien funktionieren... Wenn du aber wirklich einen schlüssigen Beleg findest, dass Tschernobyl auch in unseren Kraftwerken möglich wäre, kriegst du sofort den Nobelpreis verliehen, denn damit hättest du die Naturwissenschaft von Grund auf revolutioniert.
Versteh mich nicht falsch: Es ist durchaus legitim gegen Kernkraft zu sein, aber fachliche Argumente tragen einfach mehr bei als reine Pauschalisierungen und Schlagwörter
hannes_schinder (30.09.2009, 18:13 Uhr)
Atomenergie
kostet einfach zu viel. Die Kurzsichtigkeit mancher Politiker und die mörderische Gier der Lobbyisten ist erschreckend.
alanka (30.09.2009, 17:57 Uhr)
Die ergrünte Atomindustrie
"Deutschland ist gut beraten, sich auf eine Welt ohne Kernenergie vorzubereiten", sagt die DIW-Ökonomin Kempfert und schlägt u.a. die weitere Förderung von erneuerbaren Energien vor. Sie sagt jedoch nicht, daß über 20.000 Windkraftanlagen mit einer gegenwärtigen Leistung von 25.000 MW und zahllose Solarstromanlagen mit ca. 4.000 MW Leistung bisher nicht in der Lage sind bzw. waren, die Kernenergie mit derzeit 20.000 MW zu ersetzen. Weil sie wetterabhängig arbeiten. Wäre es der Fall, dann wären die Kernkraftwerke aus ökonomischen Gründen längst abgeschaltet. Wie soll sich unter diesem Umständen Deutschland auf eine Welt ohne Kernenergie vorbereiten? Um Kernkraftwerke zu ersetzen, gibt es nur eine Möglichkeit: sie müssen gegen andere, leistungsgleiche und für die Stromlieferung ebenso verläßliche Wärmekraftwerke ausgetauscht werden. Dazu sind nur effiziente Gas- und Kohlekraftwerke geeignet - aber niemals Wind- und Photovoltaikanlagen. Sie sind bisher mit all ihren Kostenbelangen und Umweltbeeinträchtigungen nur hinzu gekommen und nicht anstatt. Der Ruf nach weiterer Förderung der erneuerbaren Energien im Zusammenspiel mit der Kernenergie verleiht dieser lediglich einen grünen Anstrich.
manta (30.09.2009, 17:21 Uhr)
---
"wie es (immer noch) aussieht - in Tschernobyl"Da siehts sogar recht schön aus. Wunderbare Natur !
Ich war erst letztens da: http://images.lokalisten.de/photos/a-gal/2009/09/22/16/05/4837081_1253631146366l.jpg

Aktivität auf der Strasse ~20µR/h das ist nicht viel im Vergleich. Klar, vorm Sarkophag ists mehr.
Aber diese Tschernobyllaberei von vollkommenen n00bs nervt einfach nur.
Der Müll ist (noch) ein Problem, aber wenn man sich mal anstrengen würde, würde dafür schon ein Platz gefunden werden.
Die GAU Sache iust jedoch einfach lächerlich....Und wie gesagt, keine Äpfel mit Birnen vergleichen, ein RBMK ist kein DWR mit positivem Void und Keramischen Auffangbecken unter dem Kern.

Bis Deutschland komplett ohne Kohle/Gas/Öl und Kernenergie auskommt werden noch viele viele Jahre vergehen und die technologie wird aus China kommen. Den Zug für Solarzellen und Windenergie hat Deutschland bereits verpasst.....
-Lea- (30.09.2009, 17:13 Uhr)
Gut
Eine Verlängerung ist unumgänglich. Für alle grünen und roten Traumtänzer stellt sich die Frage: Wer soll das sonst bezahlen?

Ist den Leuten eigentlich klar, was für Milliardenrückstellungen die Kraftwerksbetreiber einstellen mussten?

Ist auch klar, wer das bezahlen muss? Der Endverbraucher.

Umweltschutz ist richtig.

Atomstrom ist nicht gut.

Aber wenn es nicht finanzierbar ist, sind alternative Energien nicht machbar. Vorerst nicht.

Und deswegen ist nur das hier der richtige Schritt. Alles andere ist falsch.
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