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15. Oktober 2009, 10:43 Uhr

Showdown in Schäubles Revier

Beim Thema innere Sicherheit prallen in den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen Welten aufeinander: Die Forderungen der FDP sind eine Kampfansage an Innenminister Wolfgang Schäuble. Heute ist die entscheidende Sitzung. Von Sönke Wiese

Innere Sicherheit, Wolfgang Schäuble, Vorratsdatenspeicherung, Onlinedurchsuchung, FDP

Die FDP wirft ihm eine "vernichtende Bilanz" vor: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU)© Oliver Hoslet/DPA

Wie viel politischen Sprengstoff das Thema innere Sicherheit birgt, erfuhr bereits die letzte schwarz-gelbe Koalition unter Helmut Kohl. Nach langem Streit trat 1996 die liberale Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zurück - aus Protest gegen den Großen Lauschangriff. Dabei ist das Gesetz von damals im Vergleich zu dem, was in der Zwischenzeit beschlossen wurde, fast schon eine Petitesse.

Vor allem nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 haben der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) und Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Sicherheitsgesetze massiv verschärft. Systematisch erweiterten sie die Befugnisse der Ermittlungsbehörden, schränkten Datenschutz und den Schutz auf Privatsphäre ein. Die Vorratsdatenspeicherung und die Möglichkeit von Online-Durchsuchungen sind die jüngsten Entscheidungen.

Für die FDP ein Katalog des Grauens

Sicherheit vor Freiheit: Für diese Politik steht wie kein zweiter Schäuble. Und er hat schon Pläne für die nächste Legislaturperiode: Er will den Bundeswehreinsatz im Innern erlauben und die Onlinedurchsuchung ausdehnen. Auch noch nicht aufgegeben ist der sogenannte Große Spähangriff, der die heimliche Installation von Videokameras in Privaträumen erlauben soll.

Für die FDP ist all dies ein Katalog des Grauens. Die Freidemokraten wettern seit langem gegen die zunehmende Überwachung der Bürger durch den Staat. "Der Gesetzgeber muss endlich aufhören, sich stets nur an der Grenze des noch verfassungsrechtlich Zulässigen zu orientieren", steht im FDP-Regierungsprogramm. Gegen wen sich diese Spitze richtet, ist klar. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagte vor der Bundestagswahl: "Die Bilanz des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble ist vernichtend."

Die bayerische FDP-Chefin, die wieder als nächste Bundesjustizministerin gehandelt wird, will nicht nur "den Bürgerrechtsabbau stoppen". Die Liberalen haben auch versprochen, wesentliche Korrekturen beim neuen BKA-Gesetz durchzusetzen. Die wichtigsten Forderungen der FDP:

  • Die Vorratsdatenspeicherung soll wieder abgeschafft werden.
  • Auf heimliche Online-Durchsuchungen soll verzichtet werden.
  • Der Große Lauschangriff soll rückgängig gemacht werden.
  • Überlegungen zum erweiterten "Spähangriff" sollen eingestellt werden.
  • Maßnahmen zur Gefahrenabwehr (zum Beispiel das Abhören von Telefonaten) sollen nicht mehr präventiv, ohne konkreten Verdacht durchgeführt werden dürfen.
  • Dem Bundeskriminalamt sollen die Befugnisse zur Gefahrenabwehr wieder entzogen werden; sie sollen bei den Landeskriminalämtern bleiben.
  • Auf die automatische Kfz-Kennzeichenerfassung ohne Anlass soll verzichtet werden.
  • Der Einsatz der Bundeswehr im Innern wird abgelehnt.
  • Eine "uferlose" Ausweitung der DNS-Datei soll unterbunden werden.
  • Die Erhebung von Fluggastdaten wird abgelehnt.
  • Staatliche Zensur von Internetseiten darf nicht stattfinden.
  • Berufsgeheimnisträger wie Anwälte und Ärzte sollen wieder besser vor staatlicher Überwachung geschützt werden.
  • Die bereits beschlossenen Überwachungsgesetze sollen auf Verfassungsmäßigkeit überprüft werden.

Jeder Punkt muss eine Provokation für den amtierenden Innenminister Wolfgang Schäuble sein, das Programm ist eine volle Breitseite gegen seine gesamte Politik. Die FDP attackiert den Kern seines Werks als Innenminister, das er mühsam gegen die Sozialdemokraten durchgesetzt hat.

Wer macht sich unglaubwürdig?

Anders als bei der Gesundheits- oder Steuerpolitik, bei denen es trotz aller Differenzen auch eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten gibt, prallen bei der inneren Sicherheit Weltanschauungen aufeinander. Die Liberalen lehnen die Überwachungsmaßnahmen und Gesetzesverschärfungen nicht nur inhaltlich ab, sie halten sie auch für verfassungsrechtlich bedenklich.

Der Showdown findet heute statt, die Arbeitsgruppe hat sich fest vorgenommen, bis zum Abend alle offenen Fragen in der Innen- und Rechtspolitik zu klären. Ansonsten würde das Thema in die große Runde mit den Parteivorsitzenden am Wochenende gegeben. Kein anderes Thema sorgt für eine größere Konfrontation in den Koalitionsverhandlungen. Und bei keinem anderen Thema ist für Union und FDP die Gefahr größer, ein Glaubwürdigkeitsproblem zu bekommen.

Mit Korrekturen gäbe die Union indirekt zu, dass die Maßnahmen in ihrer Radikalität doch nicht notwendig waren. Wolfgang Bosbach, Fraktionsvize der Union, sagt: "Wenn wir jetzt von diesem Sicherheitsstandard Abstriche machen würden, könnte ich das den Bürgern nicht plausibel erklären." Das hieße nämlich, dass all die Bedrohungsszenarien, die zur Legitimation der Gesetzesverschärfungen herhalten mussten, zumindest übertrieben waren.

Ließe sich wiederum die FDP auf Kompromisse ein, würde sie ihren Anspruch als die Bürgerrechtspartei Nummer Eins und die freiheitliche Orientierung in diesem zentralen Politikfeld aufgeben. Die Liberalen haben immer wieder klar gemacht: Es geht ihnen hier nicht um Kosmetik, sondern um die grundsätzliche Richtung der Innenpolitik. Und diesmal lassen sich nicht Sachzwänge vorschieben wie etwa bei der Steuerreform das angeblich unerwartet hohe Haushaltsdefizit.

Die Fronten sind so verhärtet, dass Unionsfraktionsvize Bosbach vorgeschlagen hat, die heiklen Punkte bei den Koalitionsverhandlungen auszuklammern und abzuwarten, wie das Bundesverfassungsgericht über die Vorratsdatenspeicherung und das BKA-Gesetz entscheidet. Denn dagegen wurde eine Verfassungsklage eingereicht. Unter den Klägern: FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

Was fällt unter die Vorratsdatenspeicherung? Seit Anfang 2008 sind Telekommunikationsanbieter verpflichtet, Verbindungsdaten aller Kunden für sechs Monate zu speichern. Dazu gehören unter anderem: Telefonnummern von Anrufern und Angerufenen, Kontaktdaten bei SMS, Standorte bei Handynutzung, bei Internetnutzung IP-Adressen und E-Mail-Adressen von Sendern und Empfängern. Polizei und Ermittlungsbehörden können auf diese Daten bei Bedarf zugreifen.

Wie funktioniert die Online-Durchsuchung? Bei der Online-Durchsuchung greift die Polizei oder der Bundesnachrichtendienst heimlich auf einen privaten Computer zu und durchsucht ihn, ohne dass es der Besitzer merkt. Es kann auch eine dauerhafte Überwachung des Computers geben. Technisch funktioniert das mit speziellen Software-Programmen (umgangssprachlich auch "Bundestrojaner" genannt), die entweder online auf die anvisierten Rechner gespeist oder heimlich in der Wohnung direkt auf dem Computer installiert werden. Laut Bundeskriminalamt ist bisher noch keine Online-Durchsuchung veranlasst worden.

Von Sönke Wiese
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
DarkSpir (15.10.2009, 21:11 Uhr)
Badauz!
Und da liegen sie. Gerade kam die DPA-Meldung rein. Die FDP stimmt der Vorratsdatenspeicherung zu unter der Vorraussetzung, dass der Zugriff auf schwere Straftaten beschränkt wird. Toll, das ist der IST-Zustand. Abschaffen sieht anders aus.

Online-Durchsuchung wird zugestimmt, der Antrag zu einer Solchen muss allerdings von der Bundesanwaltschaft kommen. Klingt für mich erstmal nach einer Mogelpackung, denn Abschaffen sieht auch anders aus.

Und jetzt der Knaller: Die Netzsperren bleiben, allerdings werden sie für ein Jahr ausgesetzt, in dem das BKA das Motto "Löschen statt Sperren" praktizieren soll. Nach einem Jahr will man dann diese Erfahrung auswerten. Klingt gut und toll, bedeutet, dass das BKA in einem Jahr dasselbe sagt, was sie heute schon sagen: "Wir müssen sperren, weil wir nicht in der Lage sind zu löschen"

Auch hier sieht Ablehnen und Abschaffen ganz anders aus. Aber vielleicht hat man es ja in einem Jahr vergessen.

Aber jammert MICH bitte nicht voll, ich hab die Piraten gewählt.
jps-mm (15.10.2009, 18:05 Uhr)
Bürgerrechtsverletzungen schwerster Art - Schäuble und Merkle persönlich verantwortlich
"Unter Online-Durchsuchung wird Verschiedenes verstanden, das ist klar. Da wird ... da wird sowohl verstanden ... der Telekommunikation ... der ... der Verkehr, als auch die Durchsuchung in den Systemen selbst, weil die Durchsuchung in den Systemen selbst, weil die technische Entwicklung eben so ist, aber da müssen wir jetzt schon fast die ... die ... die Internetexperten genauer befragen. Sich so entwickelt, dass eben unsere, oder meine laienhafte Vorstellung, dass Internet so etwas Ähnliches sei wie ne moderne Telefonanlage, das stimmt eben schon lange nicht mehr, und deswegen braucht man da ... Wenn Sie wollen, kann das der Herr Fromm genauer erläutern, der versteht's ein wenig, richtig verstehen tut er's wahrscheinlich auch nicht ..."

Diese paranoide Person ist dafür verantwortlich, dass die Bürgerrechte schon vollständig ausgehöhlt und die letzten Restbestände der Verfassung faktisch außer Kraft gesetzt. In Deutschland herrschen schon längst Verhältnisse wie in einem Unrechtsstaat.

Der Schäuble muss weg. Und die Merkel auch.

auwei (15.10.2009, 16:08 Uhr)
@DarkSpir
Eine Koalition der Kleinen? Interessant. Ob sie aber auch die Probleme in den Griff kriegen würde? Es ist ja nicht so, dass es immer nur den Königsweg gibt (Gesundheit, Arbeit, innere Sicherheit), sondern dass ein Ausgleich zwischen den Interessengruppen geschaffen werden muss. Daher ist Politik auch immer eine Mischung aus Kompromiss und Weltanschauung. Sind die Piraten für oder gegen die Bürgerversicherung? Oder die Mitbestimmung? Fragen, die beantwortet werden wollen. Was die FDP in Sachen Bürgerrechte postuliert, klingt ok. Ich glaube nur nicht, dass sie das wirklich bewegt (abgesehen vom Recht, sich besinnungslos zu bereichern), was sie im Arbeitsrecht fordert, ist Horror pur. So geht's mit allen Parteien . und der Wähler muss sich die größte Schnittmenge suchen. In diesem Dschungel müssen sich die Piraten ersteinmal positionieren und behaupten. ich werde es mit Interesse verfolgen.
DarkSpir (15.10.2009, 15:51 Uhr)
@auwei
Ja. Das ist das Problem, was ich generell mit unserer bundesweiten Politik habe. Eine Regierung mit Schwarz halte ich für etwas Schreckliches. Eine Regierung mit SPD-Rot ebenfalls. Den Linken traue ich Regierungsarbeit nicht zu. FDP... naja, wir werden sehen. Jedenfalls erinnerte mich die Wahlparty der FDP an gutbetuchte Kunden von mir, bei denen ich den Eindruck hatte, dass sie nur rech geworden sind, weil sie ihr Geld brutalst zusammen halten und in ihrem bisherigen Leben jeden beschissen haben, den sie legal bescheissen konnten. Die Grünen? Irgendwie traue ich denen auch keine sinnvolle Regierungsarbeit zu. Aber Krawall machen können sie. :)

Und die Piraten?

Also ich glaub ich hätte gerne eine Koalition zwischen den Piraten und ein-zwei kleineren Parteien gesehen. FDP, Grüne und Piraten vielleicht? Wär sicher grossartig geworden. Aber die Piraten als größerer Part in einer Koalition? Ich trau den Jungs vieles zu, weil von ITlern viel erwartet wird. Aber ich weiss auch, dass es Dinge gibt, die man sich unmöglich mal eben schnell aneignen kann. Insofern kann ich mir so eine Partei noch nicht als Main Player vorstellen. Aber als Sidekick hätten sie viel lernen können.

Wie hiess es am Wahlabend so schön: Wir hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera und haben uns stattdessen für Krebs und Aids entschieden.
auwei (15.10.2009, 15:09 Uhr)
@raptor
Gemach, das ist hier doch keine Gladiatorenarena. Ja, ich bin misstrauisch und glaube der FDP ihre Freiheitsrhetorik nicht. Das ist mein gutes Recht - ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen. Sie werden staunen: Ich bin sogar Fan der "alten" FDP von Hirsch , Baum & Co. Von den Westerwelles, Gerhards, Niebels und wie die Karrieristen alle heißen mögen, halte ich wenig, das poste ich dann eben auch (Skandal?). Übrigens: Ich möchte Ihre Postings lesen, wennd er Wahlsieger Rot-Rot-Grün geheißen hätte.
raptor-xl (15.10.2009, 14:52 Uhr)
@DarkSpir
die piraten hätten nie 18% bekommen, ja nicht mal 5. das war allen klar. auch wenn es sicher besser gewesen wäre. aber wenigstens hat die fdp in dieser sache von anfang an ebenso in die richtung gedacht. daher ist es mit lieb, dass die fdp teil einer regierung ist. denn selbst bei parlamentsstärke der piraten, hätten die ja keinen koalitionspartner gehabt und somit nichts durchbringen können... also schauen wir auf den kampf zensursula/schäuble gegen liberalität.
raptor-xl (15.10.2009, 14:48 Uhr)
@auwei
wetten das sie nur darauf warten, dass die fdp einknickt? denn es wäre ihnen gar nicht recht, wenn gerade die fdp etwas zu ihren rechten unternimmt. dann leben sie lieber mit einem lauschangriff weiter, bevor sie von denen eine wohltat annehmen... und genau das ist peinlich!
lieber ein ideologisch, linkes posting absondern, als etwas für alle zu erreichen...
DarkSpir (15.10.2009, 14:22 Uhr)
@raptor-xl
Also wenn die Piraten 18% bekommen hätten, wär mir jetzt ehrlich gesagt wohler. Denn dann hätte ich die Gewissheit, dass hier tatsächlich etwas bewegt wird.

Aber naja, lassen wir uns mal überraschen, noch sind sie ja standhaft. Auch wenn ich es ihnen nicht zutraue, vielleicht kriegen sie es ja doch hin Nein zu sagen.
auwei (15.10.2009, 13:54 Uhr)
Wetten
...dass die FDP einknicken wird? Steuersenken und Mitbestimmung torpedieren ist schließlich wichtiger. Sie kann sich ja immer noch rühmen, der Freiheit der Besserverdienenden Vorschub geleistet zu haben.
raptor-xl (15.10.2009, 13:46 Uhr)
selbst wenn nur die hälfte durchkommt...
wäre es viel mehr, als die piratenpartei sich zu erhoffen wagte. also fdp: immer schön standhaft bleiben!!!
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