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6. Oktober 2008, 10:50 Uhr

Dubiose Kraftmeierei

Was in der Großen Koalition steckt, zeigt sich in ihren aktuellen Beschlüssen, die sie betont kraftstrotzend durchwinkte: eine Garantie für Spareinlagen, höhere Beiträge für die Krankenversicherung und ein Beschluss zum Einsatz der Bundeswehr im Inland - allesamt dubiose Entscheidungen mit offenen Folgen. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Spareinlagen sichern: Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück© Rainer Jensen/AP

Bienenfleißig, kraftvoll, politisch sehr entschlossen - so präsentiert sich die Große Koalition nach ihrem jüngsten nächtlichen Treff. Solle ihr doch keiner mehr nachsagen, ihre Hauptbeschäftigung bestehe in Selbstblockade, Machtkämpfen, Richtungsstreit. Ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl waren Union wie SPD sehr daran interessiert, endlich mal wieder eine akzeptable Rechtfertigung für ihr Elefantenbündnis zu liefern. Rumgezerrt haben sie die vergangenen Monate reichlich.

Beruhigungspille zu Spareinlagen

Welche Kraft in forsch gezeigten großkoalitionären Muskeln tatsächlich steckt, bleibt abzuwarten. Das gilt vor allem für den in Aussicht gestellten Komplettschutz der Sparanlagen der Bundesbürger. Kein Euro soll verloren gehen. Was das im Ernstfall heißt, ist noch offen. Unklar ist vorerst, für welche Sparanlagen genau diese Staatsgarantie gelten soll, die weit über das bisherige Sicherungssystem hinausgeht. Und es bleibt die Frage, weshalb die Bundesregierung jetzt eine Beruhigungspille verabreicht, die sie noch vor kurzem zum Beispiel mit Blick auf Irland verurteilt hatte. Weil sie befürchtet, die Finanzkrise könnte noch ungeahnte Dimensionen annehmen?

Die Beschlüsse zur Krankenversicherung überraschen nicht. Die Kanzlerin und ihre Gesundheitsministerin haben sich nun einmal in dieses System der Gleichmacherei seit langem verbissen. Nur sollten sie jetzt endlich aufhören, sich dafür mit Selbstlob zu streicheln. Unbestreitbare Tatsache ist doch, dass für Millionen Menschen die Krankenversicherung teurer wird. Keine Rede kann davon sein, durch die gleichzeitige Senkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung werde der neuerliche Aderlass ausgeglichen. Wer bisher in einer billigen Krankenkasse war, muss künftig wesentlich mehr bezahlen. Von den Rentnern ganz zu schweigen, denn sie erhalten für die Mehrkosten keinen Ausgleich, da sie in die Arbeitslosenkasse nicht mehr einzahlen. Und ob im Gesamtkonzept wirklich eine überzeugende finanzielle Lösung für das Gesundheitssystem steckt, bleibt abzuwarten. Alle Experten bestreiten das jedenfalls.

Bundeswehr im Innern

Vollends dubios ist der Beschluss zum Einsatz der Bundeswehr im Innern. Amtshilfe im Katastrophenfall darf sie schon jetzt leisten. So sichern Bundeswehrflugzeuge zum Beispiel den Luftraum bei G8-Gipfeln auf deutschem Boden oder bei Besuchen des Papstes. So weit, so akzeptabel. Aber Innenminister Wolfgang Schäuble will mehr: Die Soldaten sollen bei ihren Einsätzen künftig auch schießen dürfen. Die SPD ist nur bereit, dies unter ganz engen Voraussetzungen im Grundgesetz zu verankern. Wenn etwa ein Flugzeug, in dem ausschließlich Terroristen sitzen, aufs vollbesetzte Berliner Olympiastadion zusteuert. Für den Fall, dass auch Unschuldige an Bord sind, hat das Verfassungsgericht bei seiner erfreulich klaren Entscheidung über Otto Schilys, SPD!, rigoroses Luftsicherheitsgesetz den Daumen gesenkt.

Die Frage ist jedoch, ob für den Fall eines Terroristenangriffs aus der Luft wirklich ein Eingriff ins Grundgesetz notwendig ist. Für den Luftraum war die Bundeswehr schon bisher zuständig. Doch in der jetzt angestrebten Lösung steckt auch die Befugnis für eine Eilentscheidung durch den Bundesinnenminister oder den Verteidigungsminister. Da kann sehr wohl vermutet werden, dass Wolfgang Schäuble damit erst mal eine Schuhspitze in eine leicht geöffnete Türe stellen will. Irgendwann später, so dürfte er hoffen, wird der volle Einsatz der Bundeswehr im Innern dann schon möglich werden. Man darf gespannt sein, wie die FDP darauf reagiert. Im Prinzip hat sie es über den Bundesrat, in dem sie jetzt über Bayern bald noch stärker vertreten sein wird, in der Hand, eine Grundgesetzänderung zu stoppen, die von den Verfassungsvätern nach den Erfahrungen im Dritten Reich auch heute noch ganz gewiss abgelehnt würde.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 24)
 
schichtarbeiter (06.10.2008, 19:18 Uhr)
@fuchs0202
Stimmt. Wie konnte ich das nur vergessen?????
fuchs0202 (06.10.2008, 19:18 Uhr)
@Eisenbaer
köstlich und morgen kommt der weihnachtsmann.
Eisenbaer (06.10.2008, 19:05 Uhr)
Merkels Bürgschaft....
...ist das richtige Signal zur rechten Zeit. Denn gesichert sind nur die Spareinlagen, nicht aber der Wert der Bank. Das heißt im Umkehrschluß, wenn die Bank, wie z.B. die Hypo Real Estate schlecht wirtschaftet und in finanzielle Schieflage gerät, dann hält sich der Staat in Zukunft heraus und lässt die Banker unter sich die selbst eingebrockte Suppe selber auslöffeln. Für den Steuerzahler heißt das: er trägt nur das Risiko für sein eigenes Vermögen und die Banken tragen ihr Risiko seit gestern selbst.

Warum hat sich der Autor des Artikels gesetern nicht mal 1+1 zusammengezählt? 1. Die Bundesregierung gibt die Bürgschaft bekannt; 2. die Banken untereinander raufen sich zusammen und finden gemeinsam eine Lösung für die HRE. Und dass wo es gestern vormittag noch geheißen hatte, dass das Loch viel größer sei als die Bürgschaft der BRD für die HRE in Höhe von 35 Mrd. Euro und Zahlen von bis zu 65 Mrd. im Raume standen. Warum also dieser plötzliche Sinneswandel?

Wegen dieser Bürgschaft gegenüber den Spareinlagen eben.

Und zum anderen noch ein erfreulicher Nebeneffekt: Solche Zusagen erfreuen Anleger aus aller Welt. Und es steht zu erwarten, dass nach dieser Ankündigung (viel) ausländisches Kapital nach Deutschland fliessen wird. Wovon nicht auch zuletzt unsere Banken profitieren werden. Was dann letztendlich wiederum dem Steuerzahler zu Gute kommen wird.

Siehe Irland.
fuchs0202 (06.10.2008, 17:19 Uhr)
der tag ist nicht mehr fern,
an dem kinder auf ihre eltern schießen müssen. all das wollte deutschland nach den erfahrungen mit den nazis nicht mehr. aber wie schon damals, setzt eine wirtschaftskrise kräfte frei, die wir für überwunden gehalten haben. die gehen für ihren machterhalt über leichen. machen wir uns nichts vor, die nächste diktatur steht in den startlöchern. damit wir uns nicht falsch verstehen, es sind nicht die glatzköpfigen hohlnieten gemeint, die werden uns nur zur ablenkung vorgesetzt. sie dienen zweierlei zweck, einmal haben die gutmenschen ein feindbild, und desweiteren sind die gegner der glatzen auch die, die von bundeswehr, im katastrophenfall
(upps aufstand, hungerrevolte), dann wegfängt.
Gisella (06.10.2008, 17:18 Uhr)
"Armselige Politiker-
armselige Politik.", Ein 80 Millionen Land, das vor lauter Schulden kaum noch aus den Augen sehen kann, eine Regierung, die sich überall auf der Welt anbiedert und unsere Steuergelder anbietet, beschliesst Gesetze gegen die eigene Bevölkerung. Es ist unglaublich.Die da"Oben" haben keine Achtung oder Respekt mehr, vor uns den Bürgern. Dieses Land lässt "uns" für 1 Euro oder sogar umsonst arbeiten und covert das als Praktikanten-Job ab-so geschehen mit einem Mann, der 40plus Jahre LKW fährt.Meinem Mann-als der sich dagegen zu wehren "versuchte", fragte man ihn, ob er nicht wieder auswandern wollte. Armes Deutschland-
universal1909 (06.10.2008, 16:27 Uhr)
Nur noch Stümper an der politischen Front...
... am Werk. Alle Spareinlagen sind gesichert, d.h. der Steuerzahler kommt letztendlich für seine eigene Absicherung auf. Halten die uns für so blöd oder wird die Bundeswehr im Inneneinsatz für die Absicherung der Spareinlagen gebraucht? Welch eine "Fiasko-Band" ist da am Werkeln? Ja, unter Führung Merkel(n)...
knilch_59 (06.10.2008, 16:25 Uhr)
Noch viel schlimmer …
… als dass, was der Koalitionsausschuss entschieden hat, ist das, was er NICHT entschieden hat: Bei der Rettung von Banken ist man schnell. Zum Ausgleich bleibt man bei der Sicherung des sozialen Netzes untätig.
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Der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung soll unter den Satz, den die „Experten“ noch vor der Finanzkrise als richtig angesetzt haben gesenkt werden. Andererseits will man die Ausgabensteigerungen für den Gesundheitsfond ausgleichen, den keiner haben will, und zu dem die Experten der Meinung sind, dass die 15,5 % noch zu wenig sind. So plant man eine Finanzierungslücke von mindestens 5 Mia Euro. Firmen-Manager würden wegen ihrer ungenügenden Risikovorsorge bei dieser Beweislage wegen Veruntreuung vor Gericht gestellt und todsicher verurteilt.
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Da werden Spareinlagen garantiert, aber verschwiegen, dass auch im Privathaushalt diese Ersparnisse nur den geringsten Teil ausmachen – weniger als 15 %. Der Rest bleibt weiter „ungeschützt“. Eine klassische rhetorische Nebelkerze, zumal vom Giro-, Festgeld-, Tagesgeld und Sparkonto in der Praxis auch schon vorher fast alles durch die bestehenden Einlagensicherungssysteme hundertprozentig abgesichert war. Wenn die ins Wanken geraten, ist das Sparbuch tatsächlich unser kleinstes Problem. Bildlich gesprochen wäre das so, als wenn nach dem Erdbeben alles platt wäre, aber dann jemand stolz berichtet dass eine Espressotasse unversehrt gerettet sei. Was soll uns das Schweigen der Regierigen hierzu sagen?
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Der Bankensektor wird mit Mia-Garantien stabilisiert, der Arbeitsmarkt ausdrücklich nicht. Gerade im Abschwung an der Grenze zu Rezession und Depression wäre eine vertrauensbildende Maßnahme an die Arbeitnehmer wichtig: Deutlich machen, dass ihre Jobs sicher sind, solange es den Firmen gut geht: Verbot von Massenentlassungen bei profitablen Firmen, Erhöhung der gesetzlichen Abfindungen, drastische Einschränkung von Zeitarbeit, tarifliche Gleichsetzung von Leiharbeit mit der Stammbelegschaft, Kontingentierung der 400-€-Jobs, Abschaffung der 1-€-Jobs und Verbot von unbezahlten Praktika, außer für Pflichtpraktika im Rahmen von schulischen oder studentischen Ausbildungsgängen. Das hätte der breiten Bevölkerung mehr geholfen als eine nebulöse Garantie für Sparguthaben – aber: ausdrückliches Schweigen der Großen Kopulation! Was will uns dieses sagen, wer soll hier gef**** werden?
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Aber es stimmt schon – In der Mischung von Aktivitäten und diversen Untätigkeiten gewinnt der jetzt endlich mögliche Einsatz der Streit(!)kräfte im eigenen Land eine wichtige Bedeutung!
bR4iNST0RM (06.10.2008, 16:24 Uhr)
@ Gisella
In diesem Punkt sind wir uns einig, Gisella! Die „Sicherheit gegen den Terror“ ist auf Deutsch: Überwachung der Bürger! Warum? Wie wurde das von ihnen, Gisella, treffend formuliert: „aufmüpfige Staatsbürger“!
So viel Mist, wie momentan verzapft wird, ist wirklich schwer zu Toppen. (und auch nicht wirklich zum Nachmachen tauglich!) Mich wundert es nicht, wenn es einen sprunghaften Anstieg der Staatsgegner gibt. Und so dumm sind „unsere“ Vertreter dann auch wieder nicht, dass sie sich nicht ausmalen könnten, was ihre Entscheidungen mit sich bringen!
Prato61 (06.10.2008, 16:16 Uhr)
Bundeswehr im Binneneinsatz
Ich finde es absolut richtig, dass dieses äußerst wichtige Thema endlich angepackt und einer Lösung zugeführt wurde. Wie ein Mitkommentator so treffend bemerkte, müssen ja demnächst unsere tollen Banken geschützt werden, wenn sich der deutsche Spar-Mob aufmacht, die Geldinstitute zu stürmen, um ihre Spareinlagen abzuholen. Für diese Aufgabe würde sich unsere Bundeswehr hervorragend eignen. Eine ebenfalls sinnvolle Aufgabe für die Bundewehr: Die Autos unbescholtener Bürger nach Geldbeträgen über € 10.000,-- zu filzen.
Mein Gott, in diesem Land ist es fast nicht mehr zum Aushalten. Wann endlich schicken wir diese Stasischnepfe samt ihrem Ignorantenstadel Bundeskabinett in die Wüste? Wie lange wollen wir uns diese Regierung eingentlich noch antun?
Gisella (06.10.2008, 16:07 Uhr)
Überwachung??
Bewachung??? Was ist aus Deutschland geworden???? alles abgeguckt von den Amerikanern, die mit ihrer Nationalgarde in den frühen 80zigern gegen die Trucker aufgerufen wurden???Und-auch schossen. Das ist doch nicht gegen Terroristen gedacht-das richtet sich doch gegen uns, den vielleicht zu "aufmüpfigen" Staatsbürger. Wir werden doch eigentlich schon genug kontrolliert und "bepunktet". Für jedes "Vergehen" ein Punkt ob nun in Flensburg oder Berlin-ist egal- bis wir alle "ausgepunktet" sind. Wählen wir sie endlich ab.
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