Bahnreform, Rente, Mindestlöhne, Haushalt, Pendlerpauschale, Gesundheitsfonds: Die Liste der Streitthemen für den Koalitionsausschuss von CDU, CSU und SPD ist lang. Hat die große Koalition noch die Kraft, das Land zu regieren? Ein Überblick von Hans Peter Schütz und Lutz Kinkel

Die Antipoden der großen Koalition: SPD-Chef Beck und Kanzlerin Merkel© Peer Grimm/DPA
Kürzlich genoss die Kanzlerin ihr Leben. Sie saß im roten Sessel beim ersten "Kultursalon" der Union im Bundestag, neben sich Senta Berger und Hannelore Elsner, auch Mario Adorf und Till Schweiger waren da. Heile, schöne Kanzlerinnen-Welt.
Einige mittelständische Unternehmer dürfen die Bilder aus Berlin mit Ingrimm betrachtet haben. Etwa Manfred Wittenstein, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). Ein Vorzeige-Mittelständler. Er ist stinksauer auf diese Kanzlerin. Er hat Sehnsucht nach Gerhard Schröder. "Der hatte immerhin den richtigen Ansatz." Wittenstein und 80 andere Unternehmer haben der Frau im Kanzleramt Ende 2007 einen Protestbrief zu ihrer Wirtschaftspolitik geschrieben. Antwort haben sie bis heute nicht bekommen.
Rüttgers und die Rente
Aber sie würden jederzeit den Satz unterschreiben, mit dem sich Friedrich Merz nach längerer Zeit wieder wirtschaftspolitisch zu Wort gemeldet hat. "Die CDU tut in der Regierung überwiegend das Gegenteil von dem, was wir vorher gemeinsam beschlossen haben", ätzte der noch immer beste wirtschaftspolitische Kopf der Union.
Und wer wissen will, wie jenseits des "Kultursalons" die Stimmung in der CDU/CSU ist, muss nur zur Kenntnis nehmen, wie sich die Unionisten wegen des jüngsten Vorstoßes von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers in Sachen Mindestrente und Altersarmut fetzen. Für die Merkel-Getreuen legt Rüttgers damit die Hand an "Wurzeln der CDU." Für die anderen ist es beinahe ein Verrat der christlichen Soziallehre. Und die CSU sieht beinahe genüsslich zu, wie sich die CDU in dieser Frage streitet.
Richtungsstreit in der Union
Unterm Strich der Koalition steht: In der CDU/CSU tobt ein Richtungsstreit über den weiteren politischen Kurs und die lasche Führung durch die Vorsitzende, die aus der Sicht ihrer Kritiker lieber Wohltaten verteilt als Reformen anpackt. In der SPD überlagern die ungelöste Frage, wer als Kanzlerkandidat gegen Merkel antreten muss und der Richtungsstreit zwischen rechtem und linkem Flügel jedes sachpolitische Problem. Keine guten Voraussetzungen dafür, dass die Große Koalition noch einmal die Kraft findet, sich auf ein ansehnliches restliches Reformprogramm zu einigen.
Angetreten ist Merkel einst mit dem Ziel, "die Prioritäten des politischen Handelns neu zu ordnen." Reformieren, sanieren, investieren - das war der Dreiklang, unter den sie ihre Kanzlerschaft zu Beginn gestellt hat.
Problem Finanzpolitik Die Zwischenbilanz sieht bescheiden aus. Saniert ist der Haushalt bei weitem nicht. Das Ziel, bis 2011 einen Etat des Bundes ohne Neuverschuldung auf die Beine zu bringen, wackelt erheblich. Denn die unverändert sprudelnden Steuerquellen werden vorwiegend zur Finanzierung neuer Wohltaten genutzt. Die Rentner wurden mit einer außerplanmäßigen Erhöhung bedient. Es gab mehr Elterngeld, höheres Wohngeld und mehr Kinderzuschlag, längeres Arbeitslosengeld für ältere Arbeitnehmer. Weil die CSU drängelte, zahlen die Bergbahnen nur noch den halben Mehrwertsteuersatz. Und ob Merkel am Ende tatsächlich dem Druck aus München widersteht, die Pendlerpauschale wieder vom ersten Kilometer an zu zahlen, darauf möchte niemand wetten. Von der "gestaltenden Finanzpolitik," mit der die Große Koalition einmal angetreten ist, ist nichts zu sehen.
Wer wird EU-Kommissar? Wenn heute Abend der Koalitionsausschuss im Kanzleramt nach sage und schreibe fast sechs Monaten endlich einmal wieder zusammenkommt, dann stapeln sich die ungelösten Fragen auf dem Tisch. Bei der Bahnreform will die SPD die geplante Privatisierung auf maximal 24,9 Prozent der Verkehrssparte festschreiben, die Union hält das im Prinzip für unakzeptabel, denkt aber daran, später einmal die Quote erhöhen zu können. Man streitet sich über die Begrenzung der Managergehälter und die SPD-Forderung, dass Abfindungen nur noch bis zu einer Million Euro voll von der Steuer abziehbar sein sollen. Was aus der Gesundheitsreform und dem von Bayern und Baden-Württemberg bekämpften Gesundheitsfonds wird, ist ungewiss - sicher scheint nur zu sein, dass das ganze System noch kostspieliger wird. Ungelöst das Versprechen, die Kfz-Steuer in eine CO2-Steuer umzuwandeln. Im Rentenstreit mit Rüttgers macht die Kanzlerin auf Ablehnung, aber ob sie am Ende gegen die starke NRW-CDU und die Sozialpolitiker steht, darauf will niemand wetten. Ungelöst weiterhin die Frage der künftigen Erbschaftssteuer, bei der die CSU mit einem Veto droht. Unverändert strittig auch das Thema Mindestlohn. Rote und Schwarze fetzen sich ausserdem über den nächsten Haushalt und wie man finanzieren soll, was eigentlich im Bereich der Forschungsförderung oder der Entwicklungshilfe fest beschlossen ist. Und weil man so schön am kabbeln ist, fetzt man sich auch noch bei Personalien, die wie die Nachfolge von EU-Kommissar Günter Verheugen erst in einem Jahr entschieden werden müssen.
Parteien-Programme unklar Abzuarbeiten wäre eine Menge. Aber das ist zunächst einmal die bayerische Landtagswahl, bei der der CSU 44 Prozent zurzeit vorhergesagt werden, was ein Desaster wäre für die neue CSU-Führung. Und zudem sind Union wie SPD durch erhebliche innere programmatische Richtungskämpfe und personelle Probleme nur noch bedingt handlungs- und kompromissfähig. Keine guten Voraussetzungen dafür, dass unpopuläre, aber notwendige Veränderungen endlich angepackt werden.