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23. September 2007, 16:53 Uhr

Merkel-Machtwort blieb wirkungslos

Unterschiedliche Positionen bei der inneren Sicherheit, beim Thema Mindestlohn - derzeit zieht die Koalition wohl nicht an einem Strang. Auch Kanzlerin Angela Merkel kann die Wogen nicht glätten - und gerät zunehmend zwischen die Fronten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) versuchen die Koalition am Laufen zu halten - nicht immer erfolgreich© Axel Schmidt/DDP

Die Stimmung in der großen Koalition ist weiter auf einem Tiefpunkt: Auch nach dem Machtwort von Kanzlerin Angela Merkel streiten Union und SPD über das Thema innere Sicherheit. Außenminister Frank-Walter Steinmeier warf CDU-Sicherheitspolitikern am Wochenende vor, "die Ängste der Menschen täglich neu zu mobilisieren". Merkels Bemühungen, die Koalition wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen, laufen bislang ins Leere. Auch nach dem Treffen zwischen Merkel, Vizekanzler Franz Müntefering und SPD-Chef Kurt Beck stritten Union und SPD am Wochenende über zentrale Fragen wie den Post-Mindestlohn und die Einschätzung der Sicherheitslage. Die Sozialdemokraten schossen sich zunehmend auf Merkel ein, die mehr Führungsstärke zeigen und sich klarer positionieren müsse. Die Regierungschefin hatte Müntefering und Beck am Freitag zu einem klärenden Gespräch empfangen.

Merkel "führt nicht"

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck zeigte sich "erstaunt, wie die Kanzlerin Debatten laufen lässt". Der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, Johannes Kahrs, nannte es ein Problem, dass Merkel "nicht führt". Ähnlich äußerte sich Justizministerin Brigitte Zypries. Der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach stellte wiederum fest: "So wie in den vergangenen Tagen geht es jedenfalls nicht weiter." Dass sich die SPD wie eine Oppositionspartei verhalte, mache sauer, sagte er dem Kölner "Express".

Die SPD kritisierte erneut Innenminister Wolfgang Schäuble für seine Warnung vor atomaren Sprengsätzen in Terroristenhand sowie die Äußerungen von Verteidigungsminister Franz Josef Jung zum Abschuss gekaperter Passagierflugzeuge. Müntefering bescheinigte den zwei Christdemokraten, eine "rote Linie" überschritten zu haben. Struck betonte, die SPD habe sich durch die Aussagen provoziert gefühlt.

Keine öffentliche Stellung - bisher

Merkel bezog bisher öffentlich nicht Stellung. Intern soll sie Berichten von "Spiegel" und "Süddeutsche Zeitung" zufolge Jung und Schäuble kritisiert haben. Sie habe mangelnde Kommunikation beklagt und Besserung verlangt. Laut "Süddeutscher Zeitung" war die Kanzlerin "stinksauer" über den Verlauf der öffentlichen Debatte.

Merkel unterstützte erneut Schäubles Plan, die Online-Durchsuchung nach rechtsstaatlichen Kriterien zu ermöglichen. In öffentlichen Auftritten ging sie am Wochenender aber trotz Aufforderungen der SPD nicht auf seine und Jungs umstrittene Äußerungen ein. Beck erklärte deutlicher als bislang seine grundsätzliche Bereitschaft zur Online-Durchsuchung, wenn enge rechtsstaatliche Voraussetzungen gegeben seien.

Neuer Streitpunkt: Mindestlohn

Zur Belastungsprobe für die Koalition wird zunehmend der Streit über den Post-Mindestlohn. Beck zeigte sich überrascht von Merkels Plan, sich in den Tarifkonflikt einzuschalten. Einem "Spiegel"-Bericht zufolge will die Kanzlerin in Kürze Post-Chef Klaus Zumwinkel auffordern, gemeinsam mit den Konkurrenten des Marktführers und den Gewerkschaften einen neuen Mindestlohn auszuhandeln. Müntefering und die SPD bestehen wiederum darauf, dass der allein zwischen Deutscher Post und Verdi vereinbarte Mindestlohn von bis zu 9,80 Euro auf die gesamte Branche übertragen wird. 2Ich halte es für müßig, weitere Gespräche zu führen", sagte Beck. "Die Politik wird die Entscheidungen der Tarifparteien nicht korrigieren."

DPA/Reuters
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
tripex (25.09.2007, 06:11 Uhr)
Fox59Fire
Genauso sehe ich das auch. Jung will Unmoral rechtmaessig machen. Wenn doch mal nen Jumbo mit 200 Passagieren runtergeschossen wird braucht er sich nur hinstellen und "Ich habe nach [meinem] Gesetz gehandelt" schreien.
Fox59Fire (24.09.2007, 21:46 Uhr)
Der Schein trügt?
Könnte es nicht sein, dass Kanzlerin Merkel ihre beiden Minister (Jung u. Schäuble) nur vorgeschickt hat, um die Stimmung im Lande bzgl. der angesprochenen Themen zu testen und den Boden für Gesetzesänderungen oder neue Gesetze zu ebnen? Das Prozedere ist doch altbekannt: Je länger sich der Bürger mit kontroversen Themen, die ihn persönlich betreffen (könnten), auseinandersetzt, desto besser sickern diese Themen in seinen Alltag ein. Haben sich die Wogen erst einmal geglättet, kennt man nicht nur die Meinung des Bürgers, sondern man hat besagte Themen sozusagen „gesellschaftsfähig“ gemacht, um das, was man in Wirklichkeit beabsichtigt, langsam und oft vom Bürger unbemerkt durch die Instanzen und hin zu einer Gesetzesänderung zu boxen. Niemand kann mir erzählen, dass die Äußerungen von Jung und Schäuble nicht mit der Kanzlerin abgestimmt waren. Nun hat sie die Möglichkeit, sich als Führungspersönlichkeit zu profilieren. Und beide Minister sind ihrem Ziel ein Stück näher gekommen: Schäuble der umfassenden Kontrolle und Überwachung aller Bürger und Jung der Möglichkeit, irgendwann seinen „übergesetzlichen Notstand“ im Falle eines z. B. terroristischen Anschlags zu etablieren und damit seinen Kopf aus der Schlinge ziehen zu können. Während ehemalige Verteidigungsminister im Falle eines Falles hinterher ihren Hut genommen hätten, will Jung um jeden Preis auf seinem Sessel und strafrechtlich unbehelligt verbleiben können, selbst um den Preis der Außerkraftsetzung einiger gesetzlich verankerter Menschen- und Bürgerrechte.
Erek (24.09.2007, 13:29 Uhr)
Gezielte Provokationen
Es handelt sich m. E. um gezielte Provokationen der Unionisten gegen die weithin hilflos wirkende SPD. Mit einem schwachen Fraktionsboss Struck und dem inkompetenten Wiefelspütz (Ausschußvorsitzender).
Wer nur solches miese Personal einteilt???
Sprechen wir es offen aus: Die Kanzlerin macht auf noble und allseits verbindende Staatsfrau. Das Meiste ist jedoch nur Schein. Ob gilt auch: Außen hui, Innen pfui. Obwohl auch Parteivorsitzende und somit "Partei" im Ganzen, lässt sie das ganze Getöse "augenzwinkernd" laufen. Schäuble und Jung treiben immer wieder neue Hunde und Katzen durchs Dorf. Die FDP rührt sich nicht, hat anscheinend Beißhemmungen, träumt von der bürgerlichen Einheit ( nur der sehr ruhige Herr Stadler aus Nieder-bayern, leise wie Biene Maja), statt mit massiven Worten um Rechtsstaat, Freiheitsrechte, Bürgerrechte und Menschenrechte konsequent zu kämpfen. Da müßten auch mal sehr deutliche Worte fallen wie : freiheitsfeindliche Obrigkeits-staatsfanatiker und Schnüffelstaat-Propagandisten und verantwortungslose Angstmacher und Zündler am inneren Frieden.
Wie sagte doch der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft: Zahl der Polizisten sinkt sehr stark. Wer Polizei personell ausdünnt, sabotiert die Terroristenbekämpfung oder er lügt Gefahren herbei oder dramatisiert diese, die es so oder in diesem Umfang nicht gibt.
Roy05441 (24.09.2007, 12:13 Uhr)
Was ist ein Machtwort?
Ein Machtwort z.Bsp. wäre:"Neuwahlen auszurufen"!
RomanTicker (24.09.2007, 08:59 Uhr)
Merkel muss eingreifen
Als Kanzlerin kann Merkel es nicht akzeptieren, dass einer ihrer Minister eine klare Ansage macht, gegen die Verfassung verstoßen zu wollen. Auch wenn Verteidigungsminister Jung genau wie Merkel zur CDU gehört, muss Merkel eingreifen und den Herrn entlassen. Ich sehe es genau wie die Kritiker von der SPD. Merkel führt nicht. Sie zieht es vor, sich publikumswirksam auf Auslandsreisen zu begeben und sich nur mit Dingen zu beschäftigen, die bei der Mehrheit der Bürger gut ankommen. Deutschland braucht aber keine Schönwetter-Kanzlerin, die die mühsamen Aufgaben anderen überlässt.
tripex (23.09.2007, 21:44 Uhr)
Machtspiele
"Dass sich die SPD wie eine Oppositionspartei verhalte, mache sauer."
Hallo? Nur weil ihr die Kanzlerin stellt, seid ihr doch noch lange nicht die Alleinherrschenden. Dass bei einer so "unmoeglichen" Koalition gestritten wird sollte eigentlich mehr als logisch sein. Eigentlich sollte es sogar fast unmoeglich sein, ueberhaupt auf einen Nenner zu kommen. Nur Machtspiele machen dies moeglich. :-(
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