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17. Oktober 2009, 19:30 Uhr

"Jetzt beginnt die Mund-zu-Mund-Beatmung"

Heiße Phase im Koalitionspoker: Zwar haben sich Union und FDP noch bei der Atompolitik geeinigt, zentrale Themen sind aber weiter strittig. Die Parteichefs laden daher in den "Beichtstuhl".

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"Wir sind alle vom Willen beseelt, zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen": FDP-Generalsekreater Dirk Niebel© Michael Gottschalk/DDP

Die Koalitionsverhandlungen von Union und FDP sind in die heiße Phase getreten. Kanzlerin Angela Merkel, FDP-Chef Guido Westerwelle und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer begannen am Samstag damit, im "Beichtstuhlverfahren" mit den Fachpolitikern die Schnittmengen auszuloten. Jetzt beginne die "Mund-zu-Mund-Beatmung", sagte FDP-Generalsekretär Dirk Niebel.

In den Einzelgesprächen der Parteivorsitzenden, die am Sonntag fortgesetzt werden sollen, sollte zunächst über die Knackpunkte Gesundheit und Energie gesprochen werden. Zwischendurch wollen sich Merkel, Seehofer und Westerwelle dem Vernehmen nach immer wieder unter sechs Augen beraten, um die Übereinstimmungen zu erörtern.

"Es wird nicht nur über Wohltaten zu reden sein"

"Jetzt sind die dran, die alles berechnen müssen", sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, nachdem die Arbeitsgruppe Haushalt und Finanzen der großen Runde Bericht über die Vorschläge der verschiedenen Ressorts und die daraus resiultierenden Kosten erstattet hatte. Dann werde "nicht nur über Wohltaten zu reden sein". Rüttgers kündigte an, die neue Koalition werde Klarheit nicht nur über Steuersenkungen, sondern auch über Kürzungen schaffen. "Die Leute werden in wenigen Tagen wissen, was auf sie zukommt."

Die Spitzenpolitiker hatten sich am Morgen in weiteren Detailfragen geeinigt, in den zentralen Streitfragen aber noch keinen Durchbruch erzielt. Die große Koalitionsrunde beschloss, den Mittelstand zu stärken und den Bürokratieaufwand um 25 Prozent zu reduzieren. Als Beispiele nannten Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und FDP-Wirtschaftsexperte Rainer Brüderle eine Vereinfachung des Vergaberechts, von Aufbewahrungsfristen, Bilanzierungsregeln und Schwellenwerten. Keine Einigung zeichnete sich hingegen im Ringen um die geplanten Steuersenkungen und den Gesundheitsfonds ab.

FDP dementiert Einigung über Gesundheitsfonds

Empört wies die FDP die Darstellung von Familienministerin Ursula von der Leyen zurück, wonach sich beide Seiten auf den Erhalt des Gesundheitsfonds verständigt hätten. Diese Äußerungen gäben allein die Sicht der Union wieder, sagte FDP-Chefunterhändler Philipp Rösler. "Es ist noch gar nichts entschieden", räumte auch Unionsfraktionschef Volker Kauder ein.

Von der Leyen hatte in der Nacht zum Samstag erklärt: "Wir sind übereingekommen, dass wir den Gesundheitsfonds weiterentwickeln." Kauder bekräftigte das Ziel der Union, am Fonds festzuhalten. Diese Geldsammelstelle ermögliche den Wettbewerb, betonte er. Dissens gebe es auch über die von der FDP geforderte Kopfprämie. Schon heute sei es möglich, einen auf ein Prozent begrenzten Zusatzbeitrag zu erheben. "Darüber wird noch zu reden sein."

Streitpunkte bei Atompolitik ausgeräumt

In der Energiepolitik haben Union und FDP sich dagegen im Grundsatz geeinigt. Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kündigte an, für Schwarz-Gelb solle die Atomkraft eine Übergangstechnologie und irgendwann verzichtbar sein. Die Öko-Energien sollten jedoch ausgebaut werden und seien ein Schwerpunkt. Einige Details würden noch in den kommenden Tagen geklärt.

Bis zum Ende der Koalitionsverhandlung dürfte es noch ein paar Tage dauern. Merkel hatte am Morgen bekräftigt, endgültige Entscheidungen werde es erst in der kommenden Woche geben. Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Christian Wulff wies darauf hin, dass die Regierungsbildung erst für die übernächste Woche geplant sei. CDU und CSU haben für den 26. Oktober zu Kleinen Parteitagen geladen, um das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen absegnen zu lassen. Die FDP erwägt, am 25. Oktober einen Sonderparteitag einzuberufen.

mad/AP
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
christof10 (19.10.2009, 20:40 Uhr)
Neoliberale Märchenstunde
Die neoliberale Antwort auf die Systemkrise - die Menschen sollen noch länger arbeiten, noch weniger verdienen und flexibler sein etc. aber selbstverständlich trotzdem mehr konsumieren, mehr Kinder bekommen, soziale Verantwortung übernehmen etc.- einfach nur schizophren !
Das FDP-Theater um die Steuern ist die größte Lachnummer, Unternehmen schaffen keine Arbeitsplätze wegen Steuerersenkungen, sondern wenn sie Absatzmöglichkeiten sehen,
und die sind begrenzt.
Wir brauchen eine neue Politik, mit Stärkung der dahin siechenden Binnenkaufkraft und zwar nicht durch Steuersenkung sondern durch Senkung der Lohnnebenkosten und Mindestlöhne.
Natürlich eine höhere Besteuerung auf Kapitalerträge, das Geld endlich auch wieder verstärkt in die Realwirtschaft fließt, denn die Krise zeigt, Spekulanten sind das Krebsgeschwür der Marktwirtschaft.
Solche Forderungen werden immer schön weggebügelt mit Argumenten, dies müsste international geschehen, natürlich jetzt in der Krise wäre auch die Chance dazu, aber doch nicht mit Westerwelle und Co.
VolkerRockel (18.10.2009, 12:40 Uhr)
Unsere Demokratie braucht eine Generalüberholung!
Wir haben in Deutschland eine Parteiendemokratie und das ist gut so! Nur haben sich in den letzten Jahren in den politischen Prozessen Mechanismen eingeschlichen, die die Gefahr bergen, dass die Bürgerbeteiligung zum notwendig hingenommenen Übel der Demokratie verkommt und die Parteien weiter zu Mandats u. Berufspolitikerparteien degenerieren. Mit der Gefahr, dass immer weniger das Gemeinwohl im Vordergrund des politischen Handelns steht, sondern politische Ambitionen Einzelner!

Die Tatsache, dass zunehmend nicht legitimierte (selbsternannte) Eliten Einfluss auf die Politik und ihre Entscheidungen nehmen; mithin sich Demokratie einer interessensgeprägten Einflussnahme von kleinen gesellschaftlichen Gruppen nicht mehr entziehen kann, widerspricht jeglichem Demokratieverständnis!

Das kann von Souverän in diesem Land - dem Bürger - nicht gewollt sein. Insoweit gilt es dem aktiv entgegen zu wirken!


Ich denke die Mahnungen von Horst Köhler haben, im Hinblick auf mehr Bürgerbeteiligung, haben daher auch mehr denn je ihre Berechtigung! Es ist höchste Zeit, dass die verkrustete Demokratie einer Generalüberholung unterzogen wird!

Und die unabsehbaren Folgen die Deutschland als Resultat der politischen Orientierungslosigkeit der Tigerenten-Koalition drohen, sollten Anlass genug sein, nun konkret darüber nachzudenken!
umjo (17.10.2009, 22:23 Uhr)
Nachtrag
Im Grunde meines Herzens hasse ich solch ätzenden Kommentare!
Aber (meine Grund-Überzeugung): nicht wählen gehen (das Wetter war's diesmal ganz sicher nicht!!), und anschließend auf der Straße rumjammern...
Verdient ist verdient! Kein Votum für Mitte-Links ist nun mal ein -indirektes- Votum für Mitte-Rechts... Und das ganz ohne verfassungswidrige Überhang-Mandate!
Merkelt Euch das irgendwann mal!
umjo (17.10.2009, 22:13 Uhr)
@oppenwehe
Satz eins: ebenso!
Satz zwei und Satz drei: genau!!
Nur: 'Glück damit' wird für viele 'Neutral-Demokraten' jetzt wohl ein frommer Wunsch bleiben.
Aber ... man hat's ja auch nicht wirklich kommen sehen können ... oder etwa doch???
oppenwehe (17.10.2009, 21:07 Uhr)
@ umjo
Ich habe weder schwarz noch gelb gewählt. Dementsprechend gönne ich dem Wähler jetzt, was er gewählt hat. Viel Glück damit!
umjo (17.10.2009, 20:40 Uhr)
Hat da...
...irgend jemand tatsächlich geglaubt, außer längeren AKW-Laufzeiten käme jetzt die ganz große Wende, z.B. im Finanzwesen oder aber im Gesundheitswesen???
Alles Käse! - Die Damen und Herren Wunsch-Koalitionäre haben schon v o r der Wahl ganz genau gewußt, was möglich und/oder durchsetzbar ist, und was eben nicht!
Längere AKW-Laufzeiten kosten halt mittel-bis langfristig nur mehr Menschenleben, kurzfristig aber haben wir erst einmal alle 'sauberen', bezahlbaren Strom...
Das ist wie...fällt mir gerade so ein...'Asse (und Co.) aus dem Ärmel schütteln...'
Liebe Links- und Links-der-Mitte-Nichtwähler! Nicht die Straße ist unser Medium, sondern das Wahllokal!!
oppenwehe (17.10.2009, 20:17 Uhr)
Atompolitik
Ich höre gerade, dass man bei der Atompolitik einig ist: längere Laufzeiten. Hoffentlich geben die Gesundheitspolitiker auch mehr Geld für die Bekämpfung von Leukämie aus...
oppenwehe (17.10.2009, 19:47 Uhr)
Koalitionsgespräche
Der Gesundheitsfonds bleibt, der Stufentarif bei der Einkommensteuer kommt nicht, die Unternehmesteuerreform wird nur bei den Bilanzierungsregeln korrigiert. Das fängt ja gut an...
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