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6. Juli 2010, 18:00 Uhr

Gefährliches Beziehungsexperiment

Der rot-grüne Koalitionsvertrag steht. Damit beginnt in NRW ein Experiment, in dem die SPD voll auf Risiko geht: Entweder schafft sie ein rot-rot-grünes Bündnismodell für Berlin - oder verspielt jede Glaubwürdigkeit. Ein Kommentar von Christoph Cöln

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Mit Hannelore Kraft (r.), SPD, und Sylvia Löhrmann, Grüne, bekommt NRW erstmals ein weibliches Führungsduo© Clemens Bilan/DDP

Jetzt steht er also, der Koalitionsvertrag von SPD und Grünen in Nordrhein-Westfalen. Es ist angerichtet. Stimmen die Parteitage von SPD und Grünen dem Bund am Wochenende zu, kann die SPD-Frau Hannelore Kraft in der kommenden Woche zur Regierungschefin in Düsseldorf gewählt werden, im Tandem mit der Grünen-Spitzenfrau Sylvia Löhrmann. Die beiden werden zu einem Regierungsduo ohne Regierungsmehrheit.

Weil ihnen nichts anderes übrig bleibt, versuchen die Grünen und ihre Genossen an Rhein und Ruhr aus der Not eine Tugend zu machen: Flexibiliät heißt das Zauberwort. Mal will man auf die Linken zählen. Mal auf die CDU. Mal auf die FPD. Sachorientiert. Pragmatisch. Mit den Worthülsen einer echten, vermeintlich besseren Verhandlungsdemokratie wird kaschiert, dass diese offene Beziehung, die wechselnden Partnerschaften der rot-grünen Spitzenfrauen, nicht aus der Lust geboren ist, sondern aus der schieren Not. Kraft, die künftige Chefin, wollte dieses Experiment eigentlich nicht wagen. Zumindest nicht schon jetzt.

Rot-Grünes Techtelmechtel mit den Linken

Aber selbst wenn das große Hin und Her in Düsseldorf nur von begrenzter Dauer sein sollte, so hat das Experiment großes Potenzial, belastbare Koalitionen für die Zukunft hervorzubringen. Gelänge es Rot-Grün in der Praxis tatsächlich, seriös und belastbar mit der vermeintlichen Chaostruppe der Linkspartei zusammenzuarbeiten, könnte eine Ministerpräsidentin Kraft sich mit Hilfe der vermeintlichen Betonköpfe profilieren, würde das eine Vertrauensbasis für ein rot-rot-grünes Bündnis schaffen. Das wiederum hätte, trotz aller Querelen im Umfeld der Wahl des Bundespräsidenten, Modellcharakter für den Umgang miteinander im Bund. Genau aus diesem Grund war ab einem gewissen Zeitpunkt auch die Berliner SPD-Spitze so versessen auf das Wagnis Minderheitsregierung. Und man darf auch getrost davon ausgehen, dass der heimliche Linkenboss und gewiefte Strippenzieher Oskar Lafontaine seinen Genossen deutlich gemacht hat, dass es taktisch geboten wäre, in Nordrhein-Westfalen tunlichst Regierungsfähigkeit unter Beweis zu stellen - und bei wichtigen Projekten mit Kraft und Löhrmann zu stimmen. Gauck hin, Gauck her. So eine Chance wie in NRW lässt sich ein Lafontaine nicht entgehen.

Zum Schwur dürfte es dabei schon kommen, wenn die Abstimmung über den Haushaltsentwurf für das Jahr 2011 ansteht. Der rot-grüne Koalitionsvertrag zeugt bereits davon, dass die Koalitionspartner der Linkspartei hier entgegen kommen wollen, sieht er doch eine Erhöhung der Neuverschuldung vor. Kürzungen des Landesetats wären mit der Linken nicht zu machen gewesen. Leichter dürfte den Linken das Techtelmechtel mit Rot-Grün zudem in der Bildungspolitik fallen, dem zentralen Thema während des Wahlkampfs. Bei ihren Vorschlägen zur Abschaffung der Studiengebühren, zu den Einschränkungen bei der freien Schulwahl sowie zu einem längeren gemeinsamen Lernen dürften sich die drei offenen Partner schnell annähern. Das Ziel ist es, zentrale Projekte der Rüttgers-Jahre rückgängig zu machen.

CDU und FDP droht das politische Abseits

Natürlich ist das Experiment eine brandgefährliche Gratwanderung, gerade für die SPD. Einerseits muss sie versuchen, mit den Linken gut zusammenzuarbeiten, gleichzeitig muss sie aber unter Beweis stellen, dass sie sich nicht anbiedert, allein wegen des Machterhalts. Nach wie vor droht der Ypsilanti-Fluch. CDU und FDP haben in den letzten Wochen entsprechend nichts unversucht gelassen, Hannelore Kraft mit einer Rote-Socken-Kampagne zu diskreditieren. Gelingt Kraft es nicht, immer und immer wieder ihre Unabhängigkeit gegenüber der Linkspartei zu demonstrieren, könnte sie bei ihrem Projekt, den Schmuddelkindern Manieren beizubringen, selbst jedwede Glaubwürdigkeit verlieren.

Aber auch für CDU und FDP ist die Situation schwierig. Schließlich kann sie es sich nicht leisten, sich dem Werben Krafts und Löhrmanns allzu plump zu verschließen. Die Klatsche für Schwarz-Gelb bei der Landtagswahl am 9. Mai war zu hart, als dass sich die Rüttgers-Nachfolger ausschließlich auf die Rolle von Verhinderern zurückziehen könnten. Von politischer Selbstinszenierung, Diffamierungskampagnen und innerparteilichen Affären haben die Bürger die Nase nachweislich voll.

Wie schwer es der CDU dabei fällt, sich nach dem Abgang von Jürgen Rüttgers in diese neue Position einzufinden, stellte sie schon am Dienstag unter Beweis. Denn die Fraktion wählte nicht den weltgewandten, urbanen Armin Laschet, ein halbwegs frisches Gesicht, zu ihrem Chef, sondern den Herz-Jesu-Sozialisten Josef Laumann, einen Rüttgers-Getreuen und Vertreter vergangener Tage. Mit ihm hat sich die NRW-CDU für ein "Weiter so!" entschieden. Ob der Traditionalist geschmeidig genug ist, sich rhetorisch und seine Partei taktisch gewinnbringend zu profilieren, darf bezweifelt werden. Bei der FDP und dem Gezänk um ihren umstrittenen Landeschef Andreas Pinkwart ist die Situation nicht besser. Beide ehemalige Regierungsparteien laufen in NRW Gefahr, sich dauerhaft ins politische Aus zu schießen. Und so ist die Vorstellung des Koalitionsvertrags ein weiterer Schritt in eine spannende Phase politischen Taktierens in Nordrhein-Westfalen. Die wohlfeile Rhetorik einer Politik, die der reinen Sache verpflichtet ist, kann man dabei getrost vergessen. Bei den offenen Beziehungen in Düsseldorf geht es darum, dauerhafte Partner für die Machtspiele der Zukunft zu finden.

Ein Kommentar von Christoph Cöln
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
schichtarbeiter (07.07.2010, 16:00 Uhr)
Schwarz-Gelb
Nicht nur RRG macht schulden sonder auch Schwarz-Gelb in Hessen z..B.
http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten/hessen/2824414_Landeshaushalt-Schuldenmacher-in-bester-Laune.html

Und Schwarz-Gelb im Bund ebenfalls.
Ich glaube, dass zumindest in Hessen die Schuldfrage nicht bei RRG zu suchen ist.
Buureremmel (07.07.2010, 11:10 Uhr)
Paradoxerweise werden die schwarz regierten Länder
den von SPD und GrünInnen aufgelegten kostspieligen Feldversuch, rot-rot-grüne Bündnisse auch im Westen und im Bund als machbar darzustellen, kräftig mitfinanzieren dürfen - nämlich dadurch, dass sich NRW jetzt wohl dauerhaft als Nehmerland im Länderfinanzausgleich etablieren wird. Als einzige Geberländer bleiben dann noch drei Länder übrig; alle eigenartigerweise schwarz regiert.
Countryjoe (07.07.2010, 10:51 Uhr)
Das tut weh.
Macht um jeden Preis und der rote Filz wird NRW wieder überwuchern. Echte Volksvertreter halt...
Warum man den Laschet weltgewandt und städtisch (urban = journalistisches Modewort ) nennt ist mir ein Rästel. Vielleicht weil man bei ihm immer meinen kann das Deutsche für ihn Menschen zweiter Klasse seien?
Ade NRW
x-cube (07.07.2010, 08:52 Uhr)
Haha
@ STERN - "vermeintlichen Chaostruppe der Linkspartei" - Woher nehmen Sie diese Annahme? Könnten Sie das Bitte belegen?

@ gokahe
Super Kommentar. Hat meinen Morgen gerettet. ;-)
gokahe (07.07.2010, 06:18 Uhr)
Starker Artikel,
fundiert recherchiert (vermeintlich.., anbiedern.., Techtelmechtel..) messerscharf analysiert (Ypsilanti-Fluch, ja wenn die Liz mit der Friede ihn -den Fluch- ausspricht) und in "echtzeit" schwergewichtig ökonomisch analysiert. Was willst Du mehr zum Frühstück von unser ach so unabhängigen Presse (hier B-Stern).
gruß gokahe



enneos (07.07.2010, 00:11 Uhr)
@ echtzeit
Soso, die FDP steht also für eine harte Sparpolitik.
Kann man gerade brandaktuell im Gesundheitswesen beobachten.
Dass ich nicht lache!
Aber es ist ja WM, da bekommt die Verdopplung der Zuzahlungsgrenze und einen halben Tag später der komplette Wegfall sowieso keiner mit.
Apropos:
Wollte unser Shootingstar Rösler nicht zurücktreten, wenn er sein Ressort nicht effektiver machen könne?
Immer diese leeren Versprechungen!
enneos (07.07.2010, 00:06 Uhr)
Schon lustig,
wie monatelang die LINKEn als Chaostruppe niedergeschrieben wurden. Jetzt auf einmal bekommt man mit mächtiger Verspätung aufgezählt, was alles geht.
Eins bleibt natürlich richtig und man sollte sich da bei aller Begeisterung über einen angeblich so angetanen Lafontaine nicht täuschen:
Kompromissbereit werden die LINKEn durchaus sein.
Aber für Rechtsblinken der SPD, das Grundpositionen der LINKEn berührt, gibt's keine Zustimmung, Lafontaines Begeisterung hin oder her.
Bitte-sachlich (06.07.2010, 23:35 Uhr)
Nur wer wagt, gewinnt.
Gefährlich ist, wenn der Bürger Mitte-Links wählt und dann trotzdem CDU auf dem Chefsessel bekommt.

Jetzt kann der Lagerwettstreit wieder beginnen. Bitte, liebe kritische Konservative, eines der wichtigsten Argumente der Union nach der letzten Bundestagswahl war, das die große Koalition nur die letzte Regierungsoption sein sollte, weil dann die großen Parteien an den Rändern verlören. So begründete die Union unter anderem den Wechsel von der SPD zur FDP.

Was der Union billig ist, kann der SPD recht sein. Wir werden in NRW zumindest wieder eine eindeutige Alternative für den Wähler sehen. Bei der nächsten Landtagswahl, wann immer die sein möge.
echtzeit (06.07.2010, 22:50 Uhr)
Laumann
Das jetzt der "rote" Schwarze Laumann von der CDU den Gegenpol dazu bilden soll, ist mehr als traurig?

Wer steht denn jetzt überhaupt noch für eine harte Sparpolitik in NRW? - CDU nicht, SPD nicht, Linke sowieso nicht, Grüne nicht - bleibt nur noch die FDP...

...ob das die Pinkwart (oder Papke?)-Truppe wohl schafft?
echtzeit (06.07.2010, 22:46 Uhr)
Reicht das?
Darf´s vielleicht noch etwas mehr (auf Pump) sein? 1.000.000.000 Euro Mehrausgaben finanziert zu 100 Prozent über Kreditaufnahme (also nochmal zusätzlich ca. 2.500.000 Euro Kreditzinsen, die künftig als Mehrausgabe im Haushalt zu veranschlagen sind und für "schöne" Dinge nicht mehr zur Verfügung stehen). Rüttgers war schon mies, aber Rot-Grün(-Rot) setzt dem Ganzen eine Krone auf!

Ist das der Preis für H. Kraft als MPin?

Reicht das (schon) für die Linke oder wird der Regierungswechsel noch ein paar Millionen/Milliarden (zu den ohnehin geplanten 7 Mrd. Euro Neuverschuldung) kosten?
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