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"Eine Fülle von Spuren"

Der erste mutmaßliche "Kofferbomber" wurde geschnappt, der zweite ist identifiziert, aber flüchtig. stern.de- Reporter sprachen mit Bekannten der Tatverdächtigen. Auch eine Hamburger Moschee ist ins Visier der Fahnder geraten.

Das Rätselraten um den zweiten mutmaßlichen Bahn-Kofferbomber hat ein Ende: Fahnder haben den Mann identifiziert. Das bestätigte Generalbundesanwältin Monika Harms am Dienstag in Karlsruhe. Der Mann sei flüchtig. Seine Wohnung wird derzeit von Beamten des BKA durchsucht.

Nach stern.de-Informationen handelt es sich bei dem Mann um den 20-jährigen Libanesen Dschihad Hamad, der im Kölner Stadtteil Neu-Ehrenfeld gewohnt hatte. Er war zusammen mit einem Freund, der ebenfalls aus dem Libanon stammt, vor etwa drei Monaten in das vierstöckige Haus an der Peter-Bauer-Straße gezogen. Die beiden bewohnten in der dritten Etage eine 18-Quadratmeter-Wohnung mit Blick auf den Hinterhof. Hamad trug einen Bart, der zweite Libanese war glatt rasiert. Beide sprachen kaum ein Wort Deutsch. Mit den Hausbewohnern, von denen viele Studenten und Asylanten sind, unterhielten sie sich ausschließlich auf Englisch. Seit einer Woche wurden sie von den Hausbewohnern nicht mehr gesehen.

Der WDR berichtet, der Verdächtige habe sich möglicherweise in den Libanon abgesetzt. In einem Vorabbericht meldet jedoch die "Süddeutsche Zeitung", die beiden Libanesen hätten sich nach Erkenntnissen der Ermittler nur Stunden nach den fehlgeschlagenen Anschlägen mit einem Flugzeug nach Istanbul abgesetzt. Die Namen stünden auf der Passagierliste eines Istanbul-Fluges am Abend des 31. Juli. Dschihad Hamad solle von dort aus in den Nahen Osten weiter geflogen sein und sich auch noch dort aufhalten. Weshalb Youssef Mohamad E.H., der bereits am Samstag festgenommen worden war, nach Deutschland zurückgekehrt ist, sei unklar. Die Zeitung "Die Welt" berichtete hingegen, der zweite Tatverdächtige halte sich in Skandinavien auf. Pressemeldungen, wonach eine Festnahme des 20-Jährigen gescheitert sei, bezeichnete Bundesanwältin Harms als nicht zutreffend. Es habe bisher keinen Festnahmeversuch gegeben.

"Ein friedlicher Typ"

Der 20-Jährige Dschihad Hamad soll mit dem ein Jahr älteren Youssef Mohamad E. H. am 31. Juli in Köln Kofferbomben in zwei Nahverkehrszüge nach Dortmund und Koblenz deponiert haben. Dabei waren sie von einer Videokamera gefilmt worden. Die Bilder hatten die Ermittler am Freitag für die Fahndung veröffentlicht.

Youssef Mohamed E. H., der in Kiel studierte, hatte nach Nach einem Bericht des Berliner "Tagesspiegels" möglicherweise Kontakte zu der verbotenen islamistischen und anti-israelischen "Hisb ut-Tahrir al Islami", der "Partei der islamischen Befreiung". In Sicherheitskreise gälten mehrere Mitglieder seiner Familie als "problematisch". Der Student Henning Thomas, der mit Youssef Mohamed E. H. in einer WG wohnte, sagte zu stern.de: "Er war eigentlich ein friedlicher Typ, aber ein richtiges Verhältnis hatten wir nicht zueinander. Er hatte immer viel Besuch, es kamen muslimische Freunde. Er hat nie viel geredet, war sehr religiös. Er hat den Islam sehr streng gesehen. Er trank keinen Alkohol, fand es auch nicht gut, wenn andere Moslems tranken."

"Fülle von Spuren"

BKA-Chef Jörg Ziercke hatte am Montagabend erklärt, er rechne damit, dass auch der noch flüchtige Libanese schnell festgenommen werden könne. Es gebe eine "Fülle von Spuren" ins In- und Ausland. Offenbar ist die Polizei auch in Oberhausen und Essen aktiv, in Oberhausen soll ein weiterer Verdächtiger festgenommen worden sein. Die jeweiligen Polizeipressestellen gaben keinen Kommentar dazu ab.

Auch eine Hamburger Moschee ist ins Visier der Fahnder geraten, weil Youssef Mohamed E. H. ein Plakat mit der Moschee in seinem Zimmer hatte. Verschiedene Medien berichteten, dass die Räume der Imam-Ali-Moschee an der Alster durchsucht worden seien. Ein Sprecher der Moschee dementierte dies jedoch. "Wir kennen diese Person überhaupt nicht", sagte er über den Verdächtigen.

Schäuble will Antiterror-Datei

Der Fall der "Kofferbomber" hat unterdessen die Debatte über die Innere Sicherheit befeuert. Innenminister Wolfgang Schäuble sagte der ARD, im Semptember solle eine Antiterror-Datei angelegt werden. Welche Form diese Datei, die Polizei und Geheimdienste einsehen können sollen, haben wird, ist noch offen. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) lehnte eine "Volltextdatei" ab, dies sei verfassungswidrig. Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck sprach sich für eine "Indexdatei" aus, die zunächst nur eine Inhaltsübersicht über vorhandene Dateien gibt.

Auch eine verstärkte Videoüberwachung wird diskutiert. "Videoüberwachung ist sicher vernünftig - dort, wo es wirklich Gefahrenpunkte gibt", sagte SPD-Chef Beck. "Aber ich möchte nicht, dass am Ende jedes Straßencafé überwacht wird - das ginge zu weit."

Gerd Elendt/Kerstin Schneider/DPA/Reuters/AP/AP/DPA/Reuters

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