. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
8. Dezember 2008, 10:14 Uhr

"Es war nie meine Absicht zu töten"

Im Juli 2006 hat Youssef al H. Deutschland in Angst versetzt. Mit einem Komplizen hatte der Libanese versucht, zwei Regionalzüge zu sprengen. Die Anklage fordert lebenslange Haft, er selbst beteuert seine Unschuld. Nun wird in Düsseldorf das Urteil verkündet. Von Christian Parth

Kofferbomber, Libanese, Gerichtsurteil, Terroranschläge

Youssef al H. vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf© Frank Augstein/AP

Es ist eine schmale, unbefestigte Straße, die zum Hochsicherheitsgebäude des Düsseldorfer Oberlandesgerichts führt. Gegenüber einer Schrebergartensiedlung erhebt sich das Betonungetüm, umgeben von Stacheldraht und bewacht von Polizisten mit Maschinenpistolen. Vom Eingang aus sieht man die Studios des Shopping-Senders QVC. Der Einlass in das Gebäude erfolgt unter strengen Sicherheitskontrollen.

Wer es dann endlich nach drinnen geschafft hat, muss glauben, dass er beim folgenden Prozess sogleich einem Angeklagten begegnen wird, der mindestens so gefährlich wirkt wie Hannibal Lector. Doch drüben auf der linken Seite des riesigen Saals sitzt nur ein schmaler Junge in sportlicher Kluft, die schwarzen Haare akkurat in den Nacken gekämmt. Wenn Youssef al H. seine Ankläger sehen will, muss er seine Augen reiben. Zu weit weg sitzt Bundesanwältin Duscha Gmel, die lebenslange Haft für ihn fordert.

Der 24-jährige Libanese stieg am 31. Juli 2006 am Kölner Hauptbahnhof in den Regionalexpress (RE) 12519 von Mönchengladbach nach Koblenz und deponierte dort einen mit einer präparierten Gasflasche bepackten Koffertrolley. Sein Komplize Jihad H. tat dasselbe im RE 10121 von Aachen nach Hamm. Danach machten sich die beiden aus dem Staub, flüchteten vom Flughafen Köln-Bonn über Istanbul nach Damaskus.

H.s Fluchtversuch scheiterte

H. stellte sich anschließend freiwillig und wurde mittlerweile in Beirut zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Youssef al H. versuchte noch, sich zu seinen Geschwistern nach Schweden durchzuschlagen. Seine Reise endete mit klickenden Handschellen am Kieler Hauptbahnhof. Dass die beiden Bomben nicht detonierten, sei Teil des Plans gewesen, beteuert Youssef al H. während des Prozesses immer wieder. Deshalb habe er auch darauf verzichtet, den Propangasflaschen den für eine Explosion notwendigen Sauerstoff beizumischen. "Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, dass es nie meine Absicht gewesen ist, jemanden zu töten", sagte der Muslim bei seinem Schlusswort vergangene Woche. "Ich wusste schon, als ich den Koffer in die Hand nahm, dass er nicht explodieren würde."

Handwerklicher Fehler verhindert Attentat

Die Bundesanwaltschaft schenkt diesen Aussagen freilich wenig Bedeutung. Die Rede von Attrappen sei nichts weiter als eine Mär. Allein ein "handwerklicher Fehler" habe verhindert, dass Youssef al H. eine tiefe Wunde in die Seele der Nation reißt und eine dauerhafte, kollektive Angst vor islamistischem Terror schürt. Bei der Urteilsverkündung ist ebenfalls kaum davon auszugehen, dass Richter Ottmar Breidling Rücksicht auf Youssef al H.s moralische Rückbesinnung auf Allah nimmt. Der 6. Strafsenat hat minutiös die Biografie des jungen Libanesen durchleuchten lassen, die zumindest den Verdacht auf eine islamistische Grundhaltung nährt.

Aufgewachsen ist er als eines von 13 Geschwistern im libanesischen Tripoli. Einer seiner Brüder starb bei einem israelischen Luftangriff während des Libanonkrieges vor zwei Jahren. Ein zweiter wurde bei den Kämpfen um das Palästinenserlager Nahr al Bared getötet. Der Verbindungsbeamte des BKA in Beirut, Ulrich Schonart, bezeichnete ihn gar als "führende Figur" der Fatah al Islam, die mit dem Terrornetzwerk al Kaida kollaboriert. Zwei weitere Brüder sitzen als Terrorverdächtige im Gefängnis von Rumieh, wo auch Youssef al H.s Komplize Jihad H. seine Haftstrafe verbüßt.

"Symbolische Drohung" oder geplanter Anschlag?

Im Jahre 2004 kam Youssef al H. von seiner Familie auserwählt nach Deutschland, ab 2005 besuchte er ein Studienkolleg in Kiel. Hier fühlte er sich nach eigener Aussage einsam, isoliert und vom Leistungsdruck überfordert. Er wandte sich dem militanten Islam zu, um "seine eigentlich vorhandene Unsicherheit und Bedürftigkeit" zu kompensieren, heißt es im psychologisch-psychiatrischen Gutachten. Die in der dänischen Zeitung "Jyllands Posten" veröffentlichten Mohammed-Karikaturen und die Tötung des al-Kaida-Führers al Sarkawi im Juni 2006 hätten ihn letztlich zu seiner "symbolischen Drohung" getrieben, sagte Youssef al H.

Auch seine beiden Anwälte wirkten während des Prozesses häufig wenig überzeugend. Einmal bemühte Verteidiger Bernd Rosenkranz die fragwürdige Parallele zur Militanz von RAF-Mitgliedern, die aus Protest gegen den Vietnam-Krieg vom gemäßigten ins linksradikale Lager gewechselt seien. Der strategische Fokus lag indes bis zuletzt auf den widersprüchlichen Aussagen des Komplizen Jihad H. Der hatte anfangs noch behauptet, mit den beiden Bomben habe er so viele Deutsche wie möglich töten wollen. Später sagte er seinem Anwalt, libanesische Sicherheitsbeamte hätten ihn mit Schlägen und Drohungen zur Lüge getrieben. In Wahrheit habe Youssef al H. die Bomben tatsächlich so montiert, dass sich nicht explodieren konnten.

Verteidigung versucht Verzögerung

Doch scheiterte der bis zuletzt unternommene Versuch der deutschen Anwälte, einen Zeugen aus dem Libanon vor das deutsche Gericht zu bewegen, der H.s Version glaubwürdig bestätigen könnte. Durch immer wieder neu eingebrachte Beweisanträge verzögerte die Verteidigung zudem die Urteilsverkündung um mehrere Wochen.

Richter Ottmar Breidling dürfte das nun zu rhetorischen Höchstleistungen beflügeln. Der 61-Jährige, der bereits Mitglieder der al-Tawid-Terrorzelle verurteilte, ist berüchtigt für seine scharfzüngigen Kommentare. Bei früheren Verfahren forderte er etwa, die Vorgaben beim Lauschangriff zu lockern, und er ging auch schon mit den Ausländerbehörden streng ins Gericht. Auch Youssef al H. hat die harte Gangart des Richters schon zu spüren bekommen. Gleich am ersten Prozesstag warnte er den Angeklagten eindringlich, hier keine "Geschichten aus 1001 Nacht" zu erzählen.

Von Christian Parth
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
Administrator (09.12.2008, 14:17 Uhr)
@type
Liebe/r type,
vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir diskutieren Moderatoren-Entscheidungen nicht öffentlich - haben Ihnen aber eine Mail dazu geschrieben.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
type (09.12.2008, 13:17 Uhr)
@sternAdmins
Bei der Löschung der Kommentare herrscht wohl auch reine Willkür.
Der von mir verfasste Kommentar war sicher provozierend mit seiner Überschrift, aber weder persönlich beleidigend noch zur Gewalt aufrufend.
Ein Artikel über die Macht der Admins würde mich doch sehr interessieren... ;-)
Styx2007 (09.12.2008, 10:00 Uhr)
Lebenslänglich - natürlich!
Hoffentlich bekommt dieses Pack das, was es verdient - lebenslänglich. Wie bescheuert müsste man sein, diesen Sch... zu glauben, dass dieses pack niemanden verletzen wollte??? Wenn dies so wäre, dann hätte gar kein Zünder in den Bomben sein dürfen - sich jetzt feige mit einer solch lächerlichen Argumentation rausreden zu wollen, ist der Hit in Tüten. Nur weil dieses pack sich über Karrikaturen geärgert hat, sollten unschuldige menschen sterben. Dies verdient nichts anderes als lebenslanges Wegsperren. Solche kriminell verblendeten Schw.... haben hier nichts zu suchen - und wenn man sie denn dann gegriffen hat, dann um so besser!!
gersta (09.12.2008, 09:52 Uhr)
Kofferbomber
Wenn die Dinger hoch gegangen wären, wäre da etwa Zuckerwatte durch die Gegend geflogen?
Haris_Pilton (09.12.2008, 09:48 Uhr)
"Geschichten aus 1001 Nacht"
...um den eigenen Arsch zu retten, verrät man halt auch mal seine Ideologie und lügt beim Barte des Propheten. Immer die gleiche Leier...bin mal auf das Urteil gespannt. Der Arme hatte ja so eine schlimme Kindheit...da kann man ja drüber hinweg sehen, dass er uns umbringen will :-(
MEHR ZUM ARTIKEL
Kofferbomber Anklage fordert lebenslange Haft

Im Prozess gegen einen der beiden Kofferbomber hat die Bundesanwaltschaft eine lebenslange Haftstrafe für den angeklagten 24-jährigen Libanesen Youssef al H. verlangt. Die Staatsanwälte sehen in ihm den "geistigen Urheber" der Anschlagspläne auf zwei Kölner Regionalzüge, die möglichst viele Menschen töten sollten. mehr...

Kofferbomber-Prozess "Wollte Panik und Schrecken verbreiten"

Bei den fehlgeschlagenen Kofferbomben-Anschlägen auf zwei Regionalzüge in Nordrhein-Westfalen, wollte der angeklagte Libanese keine Menschenleben gefährden. Signalwirkung sollten sie aber schon haben. mehr...

Kofferbomber-Prozess Angeklagter legt Geständnis ab

Im Düsseldorfer Kofferbomber-Prozess hat einer der beiden mutmaßlichen Täter seine Beteiligung an der Planung und Umsetzung des missglückten Anschlag eingeräumt. Allerdings bestritt er, die treibende Kraft bei der Planung gewesen zu sein. Das sei der zweite Mann gewesen, der im Libanon einsitzt. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe