Die Profis

13. November 2004, 09:30 Uhr

Sie lernen das Ausspähen, den Zugriff, das Töten. Ihren Job machen sie in Afghanistan, im Kosovo. Darüber reden dürfen sie nicht. Das KSK ist die geheime Eliteeinheit der Bundeswehr. Einblicke in eine verschworene Männerwelt.

Übung in der Graf Zeppelinkaserne in Calw: Einsatzkräfte der Bundeswehr- einheit Kommando Spezialkräfte (KSK)©

Die Einsatzorte, sagt er, würde er mit verbundenen Augen erkennen: "Kosovo riecht nach Leichen. Afghanistan riecht nach Scheiße. Shit burning im Feldlager am Hindukusch, das vergisst du nicht." Drastische Worte, aber so war es eben. Oberstleutnant Thomas Staub×, klein und drahtig, legt sein bordeauxrotes Barett auf den Tisch im Offiziersraum. Er ist zurück in der Graf-Zeppelin-Kaserne in Calw von einem Trip nach Chile, Brasilien, in die USA und nach Französisch-Guayana, wo er mögliche Ausbildungslager erkundete. Ihm gegenüber sitzt Oberstleutnant Martin Dösen. Er war gerade bei einer Spezialeinheit in Israel.

Die beiden Männer gehören zum Führungskorps der Eliteeinheit der Bundeswehr: dem Kommando Spezialkräfte. Sie haben das KSK mit aufgebaut. Nur wenige wissen so viel wie sie über die geheimste Einheit der Bundeswehr. Sie sind selbstbewusst, verdammt selbstbewusst. Staub sagt: "Das hier ist eine andere Welt. Wir sind Kommandos. Vollprofis." Nur als Rambos wollen sie nicht gesehen werden. Dösen sagt: "Viele Politiker denken: Oh Gott, oh Gott, wenn sie uns loslassen, gibt das 'ne Blutspur. Die meisten Abgeordneten haben keinen Schimmer, was wir tun und was wir können."

KSK - das ist die Speerspitze einer Bundeswehr, die derzeit von Grund auf umgebaut wird: weg von der alten Verteidigungsarmee, hin zu einer Interventionsarmee, jederzeit bereit für weltweite Einsätze und Antiterrorkampf. Sie arbeiten mit Special Forces aus aller Welt zusammen. Lädt das KSK zum "Sniper-Workshop" in den Schwarzwald, kommen Scharfschützen aus England, Amerika und Israel: SAS, Delta Force, Sayeret Matkal. Typen, die Hunderte scharfer Einsätze hinter sich haben, Nordirland, Mogadischu, Libanon, und die so manchen Kameraden beerdigen mussten. "Die sind die Messlatte", sagt Staub.

Der KSK-Verband ist in Calw, Baden-Württemberg, stationiert. Für seine 1000 Soldaten gibt es 20 000 verschiedene Ausrüstungsartikel, mehr als eine ganze Bundeswehrdivision mit rund 9000 Mann benutzt. Dabei sind nur 110 KSK-Feldwebel "combat ready", weltweit einsetzbar in allen Klimazonen. Stab und Logistiker unterstützen sie, andere stecken noch in der dreijährigen Ausbildung - für Aufgaben wie "Retten und Befreien deutscher Staatsbürger aus Krisengebieten und Geisel- situationen", "Gewinnen von Schlüsselinformationen", "Kampfeinsätze gegen Ziele mit Priorität im gegnerischen Gebiet". So heißt das im Bundeswehrdeutsch.

KSK-Soldaten können Menschen durch einen Schlag auf Kehlkopfgrube oder fünften Rückenwirbel töten. Oder lautlos per Genickdrehhebel. Sie kennen Analysen sämtlicher Zugriffe von befreundeten Elitekommandos in entführten Zügen, Schiffen, Flugzeugen, sind auf Einsätze in Kernkraftwerken und Hochhäusern vorbereitet. Wie Biathleten am Schießstand steuern sie ihren Puls auf 170 Schläge pro Minute, um mit kontrollierter Aggression in Wohnungen von Verdächtigen einzudringen. Sie rollen nachts, eine Waffenkiste vorm Bauch, in 5000 Meter Höhe über die Flugzeugrampe ins dunkle Nichts und steuern den Fallschirm zur Landezone. Ihre Spezialisten berechnen den Wind so, dass ihr Schuss aus 1200 Metern ins Rohr eines Panzers trifft. Mit optronischem Gerät fertigen sie von Zielpersonen digitale Porträtfotos aus zwei Kilometer Distanz. Im Schneesturm vernähen sie die klaffende Wunde des Kameraden notfalls mit Schweinehaut. Niemand mault, wenn er eine Woche lang "body-to-body" mit seinem Kameraden im selben Schlafsack übernachtet.

Bernd Sähmer hat nach acht Jahren im Kommando "das Staunen verlernt". Der blonde Hauptmann kommt aus dem Ruhrgebiet, ist 38 Jahre alt und Chef der 3. Kommandokompanie. Supertyp, sagen alle. Manchmal zu emotional, sagt er selbst. Das KSK ist sein Traumjob, hier kann er Hobby und Beruf verbinden: Sähmer weiß alles über das "Flairverhalten von Fallschirmen" oder "Schirmfahrten mit eingeschränktem Sichtfeld". Er hat mehr als 3000 Absprünge, in Schweden sprang er mal aus 11 000 Metern ab, zwei Minuten und 45 Sekunden freier Fall. Seine längste "Gleitphase" betrug 64 Kilometer, "ein Wahnsinnsgefühl".

Solch ein Job hat seinen Preis. Jedem zweiten Mann hier läuft die Frau oder Freundin weg. Die ständigen Ausbildungslager, 250 Tage im Jahr weg von zu Hause, und das bei dem Verdienst - ein Hauptfeldwebel verdient 1900 Euro netto im Monat: Welche Frau macht das schon mit? Als Sähmers Verlobte ging, verhökerte er sein Motorrad, kaufte einen Wohnwagen und verlebte die Freizeit auf Sprungplätzen. Seine Neue war selbst aktive Springerin. Bei der Hochzeit landeten Freunde aus ein paar tausend Metern in einem Herz aus Rosen. Anderthalb Jahre später, im April 2004, endete auch diese Beziehung. Die Frau verkündete die Trennung am Telefon. Sähmer war mit seinen Männern in Arizona.

Dort war gerade sein bester Freund in den Tod gestürzt. Sein Buddy, sie hatten 1996 gemeinsam die Aufnahmeprüfung geschafft. Sähmer spricht nicht über den Fall. Andere tun es schon. "Lemmo", Anfang 30 und mit 1600 Sprüngen hinter sich, übte mit einem kleinen Privatschirm. Spaßsprung, schnell, cool. Eine gewagte Drehung kurz vor der Landung, der Slider, das Fangleinen bündelnde Verzögerungstuch, rutschte ihm ins Gesicht, er sah nichts mehr. Schlug dumpf auf. Er wirkte fast unversehrt. Die Ärzte diagnostizierten Hirntrauma. 18 Stunden, dann willigten die Eltern in Deutschland ein: Am Krankenbett wurden die Maschinen abgestellt, Hirntod. Sähmer kümmerte sich um den Zinksarg. Der Tote hat in seiner "Shit-Map" alles geregelt - Auto, Lebensversicherung, Schlüssel, Testament. Sähmer sagt nur, er habe "auch eine gute Shit-Map".

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