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5. September 2007, 11:37 Uhr

Afghanistan, Absurdistan

Sechs Jahre nachdem der Kampf gegen den Terror in Afghanistan begonnen hat, liegt vieles im Argen. Im Süden herrscht offener Krieg, die Polizei ist korrupt, das Drogengeschäft blüht. Es ist längst überfällig, dass die deutsche Politik Tacheles redet. Von Hans Peter Schütz

Deutsche ISAF-Soldaten stehen vor einem Panzer in Mazar-e-Sharif, nördlich von Kabul© AP

Iwan Petrowitsch Pawlow danken wir die Erkenntnis, dass bei Zwingerhunden schon der Speichelfluss einsetzt, wenn sie ihr Futter noch nicht sehen, Herrchens Schritte aber schon hören. Der russische Forscher hat die deutsche Afghanistan-Politik nicht gekannt, die heute wieder einmal das Bundeskabinett beschäftigt. Mit vorhersehbaren Ergebnissen. Wir werden die Entwicklungshilfe aufstocken und weitermachen wie bisher.

Denn fällt irgendwo das Stichwort Afghanistan-Mandat ist sofortiger, weithin parteiübergreifender Redefluss die Folge: Die deutsche Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt. Und dies noch mindestens fünf Jahre laut Verteidigungsminister Franz Josef Jung, oder gar für zehn Jahre wie es der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck fordert. Stimmt ein Politiker diesen Vorgaben nicht zu und fordert wenigstens Nachdenken über einen Kurswechsel, gehört er entweder zur Linkspartei oder zählt zu jener raren Spezies von Zeitgenossen, die sich mit diesem Satz nicht politisch entmündigen lassen. Wer sich dem Struck´schen Totschlagargument nicht beugt, gegen den wird der Vorwurf mobilisiert: Erstens gefährde er die deutsch-amerikanische Partnerschaft, zweitens die Glaubwürdigkeit der deutschen Außenpolitik insgesamt.

Alles ist viel, viel schlimmer geworden

Doch Afghanistan ist das Absurdistan der deutschen Politik. Sechs Jahre währt der Einsatz dort mittlerweile. Sechs Jahre lang lassen sich deutsche Abgeordnete ins Krisengebiet fliegen und zeigen dort sorgenvolle Gesichter. Dass jedoch weder die UN-gestützte entwicklungspolitische Isaf-Mission, noch die Operation Enduring Freedom (OEF), noch der Einsatz deutscher Tornados oder die Ausbildung der afghanischen Polizei das Land näher an Demokratie und Frieden herangeführt haben, das sprechen die Afghanistan-Touristen allenfalls leise aus. Dabei ist schlichte Wahrheit: Alles ist viel, viel schlimmer geworden. Dieses Land befindet sich in einem Krieg. Die Polizei ist unverändert unfähig und vielfach korrupt. Es gibt für die Zivilbevölkerung keine Sicherheit. Die Bundesregierung klammert sich augenzwinkernd an die Illusion, ihr beschränkter militärischer Einsatz auf den relativ ruhigen Norden sei eine kluge Strategie - mögen sich doch die Verbündeten anderswo blutige Köpfe holen. Vollends absurd wird es, wenn erklärt wird, der Tornado-Einsatz zur Luftaufklärung bedeute keineswegs Teilnahme am Kampf der Amerikaner gegen die Taliban, sondern diene der Entwicklung des Landes. Gewinner sind allein die Heroin-Fürsten, deren Drogenanbau ungestört bleibt und, unterstützt von lokalen War-Lords, die Welt mit Rauschgift überschwemmen dürfen. Und ganz en passant ist eine offenbar blühende Entführungsindustrie entstanden, die sich fortwährend mit Lösegeldern auch aus der Bundesrepublik füttern lässt.

Grünen sind gespalten, in der SPD knirscht's

Man lese diese Bilanz bitte vor dem Hintergrund, dass zahllose Menschen, auch Deutsche, in diesem Konflikt ihr Leben opfern mussten. Und man erinnere das desolate Ergebnis des westlichen Engagements doch bitte auch demnächst, wenn der Bundestag über die Fortsetzung der Afghanistan-Mission in der bisherigen Form entscheidet.

Die Vorboten dieser politischen Entscheidung stimmen pessimistisch. Die Grünen sind tief gespalten, bis hinauf in ihre Berliner Führung. Ein Sonderparteitag muss über den Tornado-Einsatz diskutieren, als ob damit über einen Strategiewechsel entschieden würde. In der SPD knirscht die halbe Partei über die Fortsetzung des Struck-Steinmeier-Kurses, die Fraktion ebenso. Aber natürlich werden die Genossen am Ende der Verlängerung der Mission zustimmen, zumal sie ja zu rotgrünen Zeiten beschlossen worden ist.

Deutsche Politik muss Situation ehrlich ansprechen

Einfach weiter so! Nur nicht neu nachdenken. Stehe nicht "unsere Glaubwürdigkeit" in der Welt auf dem Spiel? In der CDU/CSU kursiert immerhin schon mal diskret ein Thesenpapier, in dem die Frage erörtert wird, ob die Ziele in Afghanistan nicht doch zu hoch gesteckt seien. Zwar räumen die Unionskritiker ein, dass 40.000 Soldaten nicht ausreichen, Afghanistan flächendeckenden Frieden zu bringen. Zugleich kneifen die Autoren jedoch vor der Frage, ob denn aus diesem Grunde auch die Zahl der deutschen Soldaten zu erhöhen sei.

Diskussionen dieser Art sind blanke Drückebergerei. Sind verschämt-verlogene Taktiererei, wobei Verteidigungsminister Jung forsch voranmarschiert. Mehr Soldaten als maximal 3500? Nein! Einsatz auch im Süden oder Osten? Auf keinen Fall!

Hohe Zeit, dass die deutsche Politik die real existierende Situation in Afghanistan ausspricht. Der Westen befindet sich dort in einem real existierenden Krieg, schlimmer noch, in einem Krieg ohne klare Fronten, ohne klar definiertes Ziel und kämpft obendrein an der Seite von Verbündeten wie Pakistan, die dem Gegner Rückzugsräume bereitstellen. Ist dieser Krieg überhaupt zu gewinnen?

Müssen 20.000 Deutsche nach Afghanistan?

Sagt man Ja, dann muss die Frage beantwortet werden: Mit wie vielen Soldaten? Nicht weniger als 200.000 schätzen Experten. Müsste dann die Bundeswehr mit 20.000 dabei sein? Es ist naiv jetzt lediglich eine Verlängerung des Mandats der 2500 Soldaten für ein Jahr zu diskutieren. Und ein bisschen mehr Entwicklungshilfe bereit stellen. Kenner der Situation vor Ort gehen davon aus, dass Truppenpräsenz auf mindestens fünf Jahre hinaus vonnöten sein dürfte. Schluss auch mit der künstlichen Aufteilung der Konfliktbewältigung in einen realen Krieg der Amerikaner im Süden und angebliche Friedensbewahrung im Norden des Landes. Und schließlich muss das Gespräch mit den gemäßigten Taliban gesucht werden. Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck redet zuweilen wenig durchdachten politischen Zielen das Wort, aber mit dieser Forderung hat er Recht.

Vor allem jedoch muss die deutsche Politik sich ehrlich machen und nicht länger der unsäglichen These anhängen, unsere innere Sicherheit werde in erster Linie am Hindukusch verteidigt. Der aggressive Islamismus, der den Terror gegen den Westen antreibt, hat anderswo fruchtbarere Nährböden. Vor allem im nach wie vor ungelösten Nahostkonflikt. Aber auch in Staaten wie Saudi-Arabien, deren rückständige feudalistischen Gesellschaftssysteme dem Terrorismus erst eine Basis verschafft haben, indem sie ihn finanzierten, um selbst in Ruhe gelassen zu werden.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
Facti (07.09.2007, 14:35 Uhr)
Wieso sollte sie?
Bürger halt's Maul und zahl; bis Du als Hartz IV'er kein Geld mehr hast. Noch ein Grund mehr das Maul geschlossen zu halten.
Roy05441 (06.09.2007, 15:29 Uhr)
Politikers Absurdistan!
In der Heimat nicht fähig Bürger vor 98%-Idioten mit Hakenkreuz, Glatzkopf und Springerstiefeln zu schützen, aber im Ausland treten ein wir in alle Pfützen!
hevosenkuva (05.09.2007, 20:35 Uhr)
Missverständnis?
ich dachte immer, die Bundeswehr ist nicht zum Kriegführen nach Afghanistan gefahren. auch nicht als Okkupant. sondern um Aufbauhilfe zu leisten, Ausbildung von Polizisten und etwas Sicherheit für die normale Bevölkerung. die eigentlich auch ganz dankbar und freundlich auf "die Deutschen" reagiert. aber da habe ich mich wohl geirrt...
dann irre ich mich vermutlich auch, wenn ich annehme dass die Situation dort alles andere als eindeutig ist, dass man nicht so ohne weiteres zwischen Freund und Feind unterscheiden kann. richtig ist vermutlich nur, dass alle auf der Stirn stehen haben was sie wollen, und die ganze Situation lehrbuchmäßig von "den Afghanen" für die Bundeswehr vorbereitet wurde: alles klar und eindeutig. und dass die ganzen total unfähigen Deppen in Regierung und Bundeswehr nur dumm rumschwätzen und ansonsten in ihre jeweiligen Sessel... tja - wie man sich irren kann.
Punito (05.09.2007, 19:31 Uhr)
Stellt euch vor ....

Ausser "blutige Nasen" gibt es
für Okkupanten in Afghanistan
nichts zu gewinnen .
Die britische Armee , die Sowjetarmee
haben diese Erfahrung bitter erfahren müssen .
Manchmal denke ich ,das unsere Politiker annehmen , das eine langfristige Truppenstationierung in
Afghanistan ,
als Grundlage eines Demokratisierungs
prozesses von den Menschen in Afghanistan , begrüßt und dankbar
angenommen wird .
Dies trifft sicherlich zu , zumindest bei den gebildeten Schichten ,die ein
Demokratiemodell westlicher Prägung
herbeisehnen.
Hatten nicht die Kommunisten in Afghanistan den Einsatz der Sowjetarmee begrüßt ?
Haben nicht die Patschuden die Talibankrieger begrüßt ?
Wurden nicht auch die U.S.Armeeangehörige in Kabul freudig begrüßt , der Gewalt der Taliban
ein Ende zu bereiten?
Unabhängig wer wen freudig begrüßt ,
es werden Erwartungshaltungen in den Raum gestellt ,die keine Armee der Welt befriedigen kann und wird .
Es gibt meiner Meinung nach nur eine
Lösung für Afghanistan .
Eine mitmenschliche Lösung die zur
Beendigung der Stammes und Stellvertreterkriege in Afghanistan
führt .
Der Abzug der europäischen Truppen aus Afghanistan ist zur Zeit nicht
möglich ? Sicherlich , es ist schmerzlich der Öffentlichkeit gegenüber die eigene Kurzsichtikeit als Weitsicht zu verkaufen .
Diese Blamage wollen sich die Politstrategen in Deutschland nicht
leisten.
Zu den Plänen unseres Verteidigungsminister in Sachen Afghanistan einen Zehnjahresplan
ins Leben zu rufen , kann ich nur
sagen :"Es gibt nichts richtiges im Falschen !"

RBrunnerHH (05.09.2007, 16:42 Uhr)
Militärisch
"sinnvoll" ist nur ein totaler Krieg und den wird es aus 2 wesentlichen Gründen nicht geben.
1. Jene, die keinerlei moralische Bedenken haben können (Gott sei Dank) keinen führen, da Ihnen die technischen und logistischen Möglichkeiten fehlen,
2. Jene, die diese Möglichkeiten haben führen keinen, da sie diesen moralisch nicht vertreten können.
Fazit: Abziehen, das internationale Gemecker verstummt spätestens nach einer Woche und lieber das gesamte Potential in Grenzsicherung und Aufklärung investieren.
tripex (05.09.2007, 16:09 Uhr)
Weiterwurtsteln
...beschreibt die Situation wohl perfekt. Das Problem ist, daß dieser Zustand hinsichtlich des Gedeiens von Terrorzellen, Guerilla, Drogen- und Warlords nahezu identisch ist mit dem "Überhaupt nichts tun"-Zustand. Evtl. sogar noch besser, da permanente Trainingssituation. Und daher ist der Militäreinsatz für mich neben dem Steuerverschwendungsfakt ein für Terroristen willkommendes kostenloses und reales Training, welches sie nur stärkt statt zu schwächen. In den Ausbildungscamps heißt es bestimmt: So Krieger, die nächte Übung findet mal wieder in der grünen Zone statt...
Sukram71 (05.09.2007, 15:26 Uhr)
vonwegen Drückebergerei ...
Meiner Meinung nach, kann man im Grunde nur alles so lassen wie es ist.
--
Man kann die deutschen Soldaten nicht einfach abziehen. Das würde in der Tat unsere Glaubwürdigkeit stark belasten und die Nato sehr beschädigen. Das sind schon echte Gründe, die man zumindest beachten muss und nicht nur Gerede.
--
Wir können aber auch nicht 20.000 Soldaten dahin schicken. Das will vermutlich kaum einer.
--
Also macht die Politik vermutlich genau das richtige. Weiterwurtsteln wie bisher, sein bestes tun und sich ansonsten so weit wie möglich raushalten.
--
Aber nochmal zum Beitrag:
Der Autor wirft der Politik "blanke Drückebergerei" und "verschämt-verlogene Taktiererei" vor, redet aber selber um den heißen Brei herum.
Er fordert von der Politik sich zu entscheiden, tut das aber selber nicht.
Er beschreibt die Situation zwar etwas weniger diplomatisch als Politiker in verantwortlicher Position das in der Öffentlichkeit tun, aber das ist schon alles. Aber die Situation in Afghanistan ist ja kein Geheimnis.
hevosenkuva (05.09.2007, 15:12 Uhr)
polarisation
wenn die Bundeswehr abzieht, werden also keine Drogen mehr angebaut, die Warlords schulen um zu Friseuren, alle werfen ihre Waffen in den Hausmüll, alles wird gut und Afghanistan gerät in Vergessenheit.
da stellen wir uns doch mal ganz dumm und fragen: warum ist überhaupt jemand bewaffnet nach Afghanistan gegangen? hm... ach ja, die Taliban! die hatten das Land unter ihre Kontrolle gebracht, alles zerstört und jeden umgebracht der ihnen und ihrer fundamentalistischen Ideologie im Weg stand und einen von ihnen so genannten "Gottesstaat" errichtet. ein totalitäres Regime ohne Gnade, ohne Menschenrechte. dafür aber mit lustigen Urlaubs-Camps, um international interessierte Menschen in der Kunst des Terrorismus zu schulen.
so weit die Rückblende. leider hat man sie ja erst mal vertrieben, aber sicher hätten die Taliban sonst darauf Wert gelegt, unter sich zu bleiben. schön brav abgeschottet auf ihrer Insel, keine Ausweitung ihrer Macht und ihres Einflusses auf andere, muslimisch geprägte Gegenden der Welt. und die paar Terroristen, die wären natürlich ins Amt für Terrorismus gegangen und hätten dort bis zur Rente brav ihren Dienst nach Vorschrift versehen. und hätten sich vielleicht ab zu und zu die Haare (nicht den Bart!) bei einem der ehemaligen Warlords, die ja inzwischen Friseure...
dann wäre ja alles gut.
Sukram71 (05.09.2007, 14:32 Uhr)
Beitrag drückt sich um Antworten
Ein guter Beitrag der viele Fragen aufwirft, die sich die Befürworter des Einsatzes in Afghanistan sicher auch stellen.
--
Aber er drückt sich um Schlussfolgerungen.
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Einfach nur die Situation zu beschreiben und zu fragen "Ist dieser Krieg überhaupt zu gewinnen?" hilft doch nicht weiter. Das kann schließlich fast jeder.
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Der Autor soll den Mut haben sich zu entscheiden.
Er soll sagen, ob er den Abzug deutscher Soldaten tatsächlich will. Und er soll die Folgen dieser Politik beschreiben und Lösungsansätze andenken.
--
Als Jornalist kann man das schließlich leichter, als die Abgeordneten, die bei ihren Aussagen auch an ihre politische Zukunft denken (müssen).
--
Von daher kneift dieser Beitrag genau so vor echten Forderungen, wie das oben erwähnte Thesenpapier.
H.P. (05.09.2007, 14:01 Uhr)
Ist dieser Krieg überhaupt zu gewinnen?
Niemals, deshalb sollten wir aufhören Krieg zu spielen, selbst das kleine Vietnam hat das große Amerika besiegt. Es wird wie im Irak im Chaos enden. Schon jetzt werden mehr Drogen angebaut als vor der Invasion.
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