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26. Mai 2008, 12:25 Uhr

Antritt Schwan, Abtritt Beck

Die SPD hat Gesine Schwan als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt nominiert - und riskiert damit Parteichef Kurt Beck. Meint der es ernst mit Schwan, muss er mit der Linkspartei paktieren. Dieses Dilemma könnte ihn die Kanzlerkandidatur kosten. Schaden würde es nichts. Von Lutz Kinkel

Gregor Gysi reibt sich die Hände: Parteichef Kurt Beck (r.) nominiert Gesine Schwan als Kandidatin für die Wahl zum Bundespräsidenten© Axel Schmidt/DDP

Im Marketing spricht man von einem "Irradiationsphänomen". Das bedeutet: Ein Detail strahlt so stark auf das Ganze ab, dass sich die Wahrnehmung des Ganzen ändert. Vermieter zum Beispiel nutzen diesen Effekt gerne. Sie kleben ein bisschen Plastikstuck an die Decke, streichen weiß drüber, und schon sieht die Hütte aus, als hätten dort im 19. Jahrhundert literarische Salons stattgefunden. Das treibt den Mietpreis natürlich.

Die SPD, so gebeutelt und elend sie ist, setzt auf exakt diesen Mechanismus. Gesine Schwan ist ein fröhlicher, selbstbewusster Mensch mit einer hohen moralischen Integrität. Sie hat sich nicht im Kleinklein der Tagespolitik verbraucht, an ihr klebt weder das Arbeitslosengeld II noch die Pendlerpauschale und schon gar nicht die Diätendebatte. Sie verkörpert das, was die Franzosen Esprit nennen. Wäre sie nicht eine glanzvolle Kühlerfigur, die den alten Karren SPD plötzlich schnieke aussehen lässt?

Beck läuft nicht, er stolpert

Ja doch. Ganz sicher. Trotzdem fährt die SPD mit der Nominierung Schwans ein hohes Risiko. Um überhaupt eine Chance bei der Präsidentenwahl zu haben, benötigt Schwan die Stimmen der Linkspartei. Deren Fraktionschef Gregor Gysi rieb sich auf dem Parteitag in Cottbus schon die Hände: Das wird teuer, rief er in Richtung SPD. Natürlich haben es die Linken satt, von der SPD als Schmuddelkinder behandelt zu werden. Sie wollen Einfluss, sie wollen Macht, sie werden versuchen, der SPD politische Zugeständnisse für die Zeit nach der Bundestagswahl 2009 abzuringen. Wie SPD-Parteichef Kurt Beck dieses Geschäft über die Bühne bringen soll, ohne den letzten Rest Glaubwürdigkeit zu verspielen, ist nicht darstellbar. Meint er es ernst mit Schwan, muss er Wortbruch II planen. Plant er Wortbruch II, kann er seine Kanzlerkandidatur vergessen.

Schwan schlägt Beck und Beck ist weg. Das ist die Konsequenz. Aber wäre das so schlimm für die SPD? Kurt Beck läuft nicht mehr, er stolpert durch die politische Arena. Der Patzer mit der Linkspartei, der Patzer mit dem Steuerkonzept. Der Patzer mit den Diäten, der Patzer mit Gesine Schwan. Weil Beck das Dilemma ahnte, das auf ihn zukommen würde, hat er sich lange gegen ihre Kandidatur gesperrt. Lieber Horst Köhler wählen als Wortbruch II riskieren. Fraktionschef Peter Struck, Parteivize Frank Walter Steinmeier und Finanzminister Peer Steinbrück standen hinter ihm. Dann aber mobilisierte Schwan ihre Truppen in der SPD und begann zu fliegen. Jetzt recken die SPD-Granden die Hälse und stolpern hinterher. Schon wieder.

Die Bundesrepublikin

Schwan gegen Köhler, Steinmeier gegen Merkel, und die Gewinner heißen: Schwan und Merkel. Allein die Vorstellung ist faszinierend. Zwei Frauen, zwei Ämter, die eine Bundespräsidentin, die andere Kanzlerin. Willkommen in der Bundesrepublikin. Der Stil der Politik würde sich verändern, die Kultur des Landes auch. Schaden würde es nichts.

Von Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 19)
 
ecomoc4u (28.05.2008, 21:45 Uhr)
@ hardius
richtig. zieht euch warm an...
hardius (28.05.2008, 14:47 Uhr)
Ist das irgendwie von Bedeutung
Das Ganze wird hochgeschaukelt als ob die Menschen in Deutschland nicht andere Probleme hätten. Hier wird ganz bewußt vom allgemeinen Tagesgeschehen abgelenkt. Letztendlich ist es egal wer die nächste Regierung vereidigt oder mehr oder weniger intelligentes Zeug redet. Die Bürger dürfen eh nicht selbst den Bundespräsidenten wählen. Das Ganze läuft nächstes Jahr, die Probleme mit Energiepreisen und dergleichen haben die Menschen jetzt!
n8g8 (26.05.2008, 20:34 Uhr)
@starmax
Oh, DEN medial hochgepuschten Sexual-Aspekt hatte ich ganz vergessen!!! ;-) Wenn Sie die Geschlechter-Quote und politisches Versagen durchrechnen, geht die Gleichung nicht ganz konform mit Ihrer These. Das liegt in erster Linie nicht an "besser" oder "schlechter", sondern an der Aufgabenverteilung.
Trotzdem ein herzliches DANKE für die Zustimmung zu Professor Schui.
n8g8 *weiblich*
starmax (26.05.2008, 19:47 Uhr)
n8g8 - Zustimmung!
Schon wieder ;-))
Es gibt wirklich viele geeignetere Kandidaten. Wie Frauen in der Politik versagen, dafür gibt es ja nun genug aktuelle Beispiele....mehr als vom Gegenteil!
Schui ist - bzw. wäre - eine solide Wahl
HansLoker (26.05.2008, 19:46 Uhr)
Konsequent in Fehlentscheidungen
Kurt Beck kämpft mit aller Macht und Zielstrebigkeit um seinen Untergang, schon lange. Das allerdings muss man nicht bedauern. Als Konsequenz seiner Irrwege gelangt vielleicht eine zweite Frau an die Spitze der Republik, was uns sehr gut bekäme. Unser Bundespräsident H. Köhler hat dennoch eine weitere Amtszeit verdient. Die wird er auch bekommen, denn das Herumeiern der SPD wird schlimme Konsequenzen nach sich ziehen. Da kann auch die Linke nicht helfen!
n8g8 (26.05.2008, 18:53 Uhr)
Arroganz von Pseudos
Über die Naivität, die Frau Schwan bereits beim ersten Statement zu ihrem Wieder-Antritt demonstriert, bin ich mehr als irritiert. Wenn sie die Stimmen von DIE.LINKE wollte, hätte sie sich anders äußern müssen. Denn DIE.LINKE ist wegen ihres politischen Erfolges äußerst selbstsicher. Hoffentlich fällt die Bayern-Wahl hier entsprechend aus, dass DIE.LINKE einen eigenen Kandidaten aufstellen kann. Mein Vorschlag: Professor Schui, er ist nicht nur intellektuell sondern auch menschlich der Konkurrenz weit überlegen. :-)
gheimmusel (26.05.2008, 18:45 Uhr)
@eco usw.
"er soll an seiner moral festhalten" Dass ich nicht lache -- Beck ist einer, der schafft es noch im Liegen umzufallen!
mupfeline (26.05.2008, 18:14 Uhr)
Kurt Beck - trau dich?
Was soll er sich den trauen? Das Paktieren mit den Wendehälsen? Das macht er doch schon. "Egal, was andere denken?" - tolle Vorstellung von Demokratie und Wählerwillen.
Ein bisschen irritiert bin ich allerdings über das "sozial" - was hat er denn bis jetzt "soziales" veranstaltet - außer die später abgeblasene Diätenerhöhung mit zu tragen ...!?
Klar wird er sich trauen - und das wird ihn den Sieg kosten. Ganz einfach.
FrodoBeutlin (26.05.2008, 18:03 Uhr)
Problembären unter sich
Im Grunde ist das doch nur ein Versuch artgerechter Haltung - der Problembär bekommt eine Problembärin zur Seite gestellt. Erinnern wir uns kurz, was in Deutschland mit Problembären passiert: Nach einer kurzen Phase mehr oder weniger freudiger Überraschung werden sie zum Abschuss freigegeben...
undueberhaupt (26.05.2008, 17:57 Uhr)
Präsidentschaft
Gysi 4 Bellevue, ma janz wat neuet!!!
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