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31. Mai 2008, 20:58 Uhr

Auf der Überholspur ins Unheil

Die SPD tut momentan alles, um sich selbst zu ruinieren. Besonders die mögliche Kooperation mit den Linken scheint die Partei über alle Maßen zu irritieren. In ihrer derzeitigen Verfassung setzt die Sozialdemokratie auf mittelfristige Sicht ihre Zukunft aufs Spiel. Von Sebastian Christ

Sichtlich geschafft: SPD-Chef Kurt Beck© Daniel Karmann/DPA

1.Wie soll man sich die Zukunft der SPD vorstellen können, wenn Kurt Beck immerzu die grandiosen Ereignisse der Vergangenheit beschwört? In Nürnberg redete der Parteichef über das Hambacher Fest, die 1848-er Revolution, die SPD-Gründung und die Zeit in der Weimarer Republik. Die traurige Wahrheit ist: Momentan ist die Geschichte alles, was den Sozialdemokraten zur moralischen Erbauung bleibt. Die SPD im Jahr 2008 wirkt seltsam apathisch. Unterirdische UmfrageergebnisseDie Umfragewerte sind mittlerweile derart unterirdisch, dass sie den älteren Mitarbeitern im Willy-Brandt-Haus eigentlich nur noch in Kombination mit einer Flasche Doppelherz präsentiert werden dürften. Andererseits leistet sich die Partei einen Vorsitzenden, der mehr Ab- als Aufbruchsstimmung verbreitet. Kurt Beck taugt nicht zu der Lichtgestalt, die der SPD so dringend fehlt. Er wirkte auf dem Zukunftskonvent der Partei phasenweise genauso ratlos wie viele seiner Genossen.

Was das genau heißt, zeigt sein Zaudern zum Vorstoß Franz Münteferings, die SPD möge einen schriftlichen Abgrenzungsbeschluss zur Linken fassen. Grundsätzlich habe Beck nichts dagegen, aber de facto brauche man ihn nicht. Und schon zwei Minuten später redet er der Zusammenarbeit mit der Linken bei der Bundespräsidentenwahl das Wort. Ein ähnliches Lavrieren kannte man von Beck schon im Nachklapp der Hessenwahl, als er Andrea Ypsilanti urplötzlich den Kuschelkurs mit der hessischen Linken erlaubte. Wofür steht dieser Mann eigentlich?

Vom Vorsitzenden genervt

Die Genossen selbst scheinen nicht etwa genervt von ihrem ständig herumkreiselnden Vorsitzenden. Viele wirken einfach nur resigniert, so auch viele Delegierte auf dem Zukunftskonvent. "Die große Euphorie kommt hier eh nicht mehr auf", sagte einer, als Becks Rede zu Ende war.

Wahrscheinlich ist es momentan kein schönes Gefühl, für die SPD an der Basis zu malochen. Das gilt im Besonderen für die jungen Mitglieder, die sich an den Schulen und Universitäten der stetig wachsenden Konkurrenz durch die Nachwuchsgruppen der Linken erwehren müssen. In manchen Milieus war es noch nie so uncool wie heute, sich für die Sozialdemokratie zu engagieren. Die Jusos haben derzeit nur noch knapp halb so viele Mitglieder wie die Junge Union. Eine besorgniserregende Entwicklung für die Zukunft der deutschen Demokratie an sich.

Warten auf einen neuen Brandt

Die amerikanischen Demokraten haben nach einem Jahrzehnt Durststrecke mit Barack Obama ihren neuen Kennedy gefunden. In Deutschland wartet die SPD seit Jahren auf einen neuen Brandt. Oder zumindest auf eine Westentaschenausgabe davon. Aber weit und breit ist kein politisches Talent in Sicht, das die Sozialdemokratie aus ihrer Depression heraus ziehen könnte.

So steht weiter Kurt Beck an der Spitze. Und wer sich jetzt nach der süß besungenen Führungsstärke des derzeitigen Außenminister sehnt, dem sei gesagt: Frank-Walter Steinmeier war im Jahr 2006 bereits ein sehr profilierter Bundesminister, als Matthias Platzeck vom SPD-Vorsitz zurücktreten musste. Und trotzdem galt Kurt Beck damals als letztes Aufgebot für die Nachfolge. Kein Wunder, dass man in der SPD momentan lieber über das vergangene Jahrhundert redet.

Von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (10 von 36)
 
ritchie (02.06.2008, 16:06 Uhr)
@gheimmusel
Was daran gut sein soll, geht aus dem Kommentar nicht hervor. Ich denke, man tauscht hier Fakten aus.Ein Kommentar ohne Fakten ist daher sinn-und zwecklos und dient der reinen Zeitverschwendung. Außerdem, ein Zitat von Wowereit (der die unglaublichen Schulden von Diepgen, Landowski und der ganzen Berliner CDU-Bagage auszubaden hat!, für den momentanen Abstieg der SPD zu zitieren ist mit Verlaub ebenso witzlos.
ganzbaf (02.06.2008, 11:40 Uhr)
Tja...

wir schwer, das noch abzuwenden.
.
Horrido, liebe Freundinnen und Genosssen! ;-P
nicknoris (02.06.2008, 10:41 Uhr)
Und immer, immer wieder geht die Sonne auf
auch für Beck und die SPD, doch derzeit ist die Situation schon finster. Die Ergebnisse der Freitagsumfrage sind erschreckend:
Obwohl die SPD in der Koalition kein schlechteres Bild abgibt als die Union, wird letztere mit 42% Wählerzustimmung belohnt die SPD mit 21% in den Orkus gestampft.
Obwohl weder Köhler noch Merkel durch besondere Geistesblitze auffallen, werden sie vom (Wahl)Volk geliebt und erhalten prächtige Umfragewerte.
Obwohl mit Gesine Schwan die Partei eine Traumkandidatin ins Rennen schickt, mögen sie nicht einmal ihre eigenen Anhänger. Das waren noch Zeiten, als Willy für das Kanzleramt antrat – 99% der SPD für ihn, 0% für Kiesinger. Da wirds Zeit für ein Machtwort, lieber Kurt!
Obwohl die Rechten in der SPD, „Stones“, Münte, Heil und die Seeheimer für den Schlamassel mit Frau Ypsilanti verantwortlich zeichnen, wird Beck und Nahles vom Parteivolk und den Anhängern abgewatscht, die Rechten werden geliebt und Steinmeier Kanzlerkandidat. Nicht weil er besser ist als Beck, aber mit seinem Silberrückenimage in der veröffentlichen Meinung besser wegkommt.
Und obwohl Beck und Nahles täglich im Morgengebet den Linken abschwören – die Wähler glaubens ihnen nicht mehr. Dann beugt euch halt der normativen Kraft des Faktischen.
Doch am Horizont tauchen erste Hoffnungsschimmer auf:
Landtagswahl in Bayern – CSU unter 50% - Union/FDP verlieren die Mehrheit in der Bundesversammlung – Mai 2009 Gesine Schwan wird Bundespräsidentin – dann geht’s Schlag auf Schlag – SPD und Linke ziehen in 3 Landesregierungen ein – Oskar wird Ministerpräsident – ich bin überwältigt – ich kann nicht mehr .............
Preussin (01.06.2008, 13:27 Uhr)
@ Mister - Mister
Sie stellen sich naiver als sie sind , ich hoffe nicht , dass sie sich meinetwegen nach unten beugen , denn , dort finden sie mich nicht. Die Subventionen kehren doch wie ein Bummerang zurück . Den Solidaritätsbeitrag zahlen wir doch auch , richtig weg damit! Die Handaufhalter haben sich schon mit den Grapschern zurückgezogen haben ein paar Nachahmer gefunden , aber wie sie sicher Wissen die Asozialität nimmt ganz oben und ganz unten stetig zu . Im föhlichen Sachsen packen wir die Dinge beim Schopf und was nicht geht wird geschoben . Freundlichst ,
die Ostpreußin.
ganzbaf (01.06.2008, 12:33 Uhr)
Schröder war ein Fehler...

Seeheim war ein Fehler, die große Kopulation war ein großer Fehler....
Und wer dämlich mit h schreibt, ist von der SPD... ;-P
feldsalat (01.06.2008, 12:30 Uhr)
...
... *für* die - natürlich.
Offenbar klicke ich heute zu schnell auf den Sendebutton. ;-)
feldsalat (01.06.2008, 12:26 Uhr)
Seeheimer Kreis
"*wieder*vereinigt", nicht "vereinigt" - hätte ich schreiben sollen, denn irgendwie kommen die ja mit Sicherheit von dort - zum Einsatz gegen die Verunsicherung und Zerschlagung der SPD ...
Clibanarius (01.06.2008, 12:25 Uhr)
@ritchie
Na, da kennst du das neoliberale Schmierenblatt "Spiegel" (incl. der Online-Schmierenblattausgabe Spiegel.de) wohl noch nicht. Zwar haben diese in der Vergangenheit oft genug Diskriminierungen und Mißstände angeprangert, aber sobald etwas dagegen unternommen wird, machen sie plötzlich eine 180°-Wende und hetzen in die umgekehrte Richtung.
bob-der-meister (01.06.2008, 12:21 Uhr)
@geheimdienstwusel
... nun ist's ja auch langsam gut. Wir haben es ja gelesen.
Nun sind Glos, Pofalla und Westerwelle aber auch nicht gerade Super-Lichtgestalten.
feldsalat (01.06.2008, 12:20 Uhr)
Lichtgestalt?
Leider kommen die potentiellen "Lichtgestalten" einer Partei ja immer nur schwer aus der Basis nach oben - denn dass "oben" keine zu finden sind, heißt nicht, dass es sie in der Partei nicht gäbe. Aber da ist diese Mühle der Hierarchie, bei der Hintern, die einmal fest im Sattel sitzen, nur schwer wieder von ihren Stühlen zu lösen sind. Es ist wie beim Fußball. Auch da ist der Blick auf den Nachwuchs wichtig ...
Für mich ist das größte Übel in der SPD nicht (nur) Beck, sondern der Maulwurf "Seeheimer Kreis", dessen politische Heimat überall sonst im rechten Spektrum der Parteienlandschaft liegen mag - nur eben nicht in der SPD. Und Beck gibt dieser schwarzen Fraktion innerhalb der SPD einfach zu häufig nach, was die CDU sicher sehr freut.
Die Beliebtheit Steinmeiers bei den Umfragen wundert mich sehr. Hat man vergessen, dass er an der Agenda 2010, HartzIV etc. maßgeblich beteiligt war, sich aus wichtigen Fragen (Tibet etc.) vornehm herauswindet und einen Unschuldigen in Guantanamo gern hätte verrotten lassen? Der Mann ist kalt und egoistisch und - wenn man genau hinschaut: alles andere als ein Sympathieträger. Gott bewahre uns vor ihm als SPD-Kanzlerkandidaten. Das wäre noch ein Grund mehr, die Linken zu wählen und darauf zu warten, dass der gesamte Seeheimer Kreis sich mit der CDU vereinigt.
Ohne eine andere Haltung zu den Linken und einen anderen Umgang mit dem Raubtierkapitalismus wird das mit der SPD in Deutschland nichts mehr. Da ist kein Vertrauen mehr in die SOZIALDEMOKRATIE - egal ob mit oder ohne Beck ...
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