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4. September 2007, 12:06 Uhr

Becks Sch ... Partei

Mit einem Machtwort hat SPD-Chef Kurt Beck nun versucht, seine wild durcheinander laufenden Genossen zur Räson zu bringen. Der Versuch, Stärke zu zeigen, war richtig, denn Beck durfte den Querschlägen führender SPD-Politiker nicht länger tatenlos zusehen. Offen ist nur, ob er sich mit seiner Basta-Strategie auch durchsetzen kann. Von Hans Peter Schütz

Auch einem Parteivorsitzenden platzt mal der Kragen: Kurt Beck hat parteiintern Tacheles geredet© Michael Sohn/AP

Wer Kurt Beck kennt, weiß: Der Mann hat ein vulkanöses Temperament. Lange ruht er in sich, genießt Weck, Wurst und Woi in seinen pfälzischen Landen. Und zuweilen explodiert er ohne Vorwarnung. So wie jetzt im Kreise seiner führenden Mit-Genossen. "So einen Scheiß" lasse er sich nicht länger bieten, polterte er im SPD-Parteirat. Becks Problem: Er hat ihn sich schon zu lange bieten lassen. Das Wort Chaoshaufen dürfte der SPD der vergangenen Wochen eher noch geschmeichelt haben.

Chaoshaufen und "Heulsusen"

Finanzminister Peer Steinbrück beschimpfte die eigenen Leute als "Heulsusen"-Partei. Frank Walter Steinmeier sonnte sich in schönen Umfragezahlen, als seien sie sein Verdienst und nicht - wie immer beim deutschen Außenminister - dem Amt geschuldet. Geschickt fördert er die Spekulationen, er könnte sogar zum Kanzlerkandidaten taugen. Da müsste er sich erst mal fragen lassen: Wer macht denn derzeit vor allem Außenpolitik? Er oder Angela Merkel?

Fraktionschef Peter Struck plaudert mal eben so aus, dass die Bundeswehr wohl auf zehn Jahre in Afghanistan bleiben müsse. Viel gröber kann man der Partei nicht mit einem Thema kommen, an dem sie erkennbar leidet. Und erst Vizekanzler Franz Müntefering: Nicht mehr zu zählen seine Alleingänge über den Parteichef hinweg, seine öffentlichen Widersprüche zur Linie Kurt Becks, zum Beispiel beim NPD-Verbot. Und dann mischt auch noch Ex-Parteichef Matthias Platzeck wieder programmatisch mit, der sich selbst dabei übernommen hatte, die SPD auf irgendeine Linie zu bringen.

Böse Erinnerungen an die Scharping-Ära

"Auf der Höhe der Zeit" nennt sich ein Buch, das Steinbrück, Steinmeier und Platzeck jetzt gemeinsam präsentiert haben. Man könnte auch sagen: Dem Vorsitzenden Beck hingeknallt haben. Das kann ja heiter werden, wenn Steinbrück und Steinmeier dann zusammen mit Andrea Nahles die neue Parteispitze nach dem bevorstehenden Parteitag bilden. So gesehen ist die SPD in der Tat auf der Höhe der Zeit - nämlich jener Zeit, als sie mit einem führungsschwach dahin taumelnden Parteichef Scharping leben musste und ihn schließlich wie einen Hund aus dem Amt jagte. Nur wäre bei einem neuen Putsch dieses mal alles noch schlimmer: Damals gab es Schröder und Lafontaine. Jetzt den Neu-Parteipolitiker Steinmeier und den Polter-Genossen Steinbrück, der jeden gerne als intellektuell unterlegen abkanzelt, der ihm nicht schnell genug beipflichtet.

Noch länger hätte Beck beim besten Willen den Quertreibereien seiner so genannten Mitstreiter nicht zusehen dürfen. Den Vorwurf der Führungsschwäche wird er damit noch lange nicht los. Wer Führung beansprucht, muss sie auch leisten und am Ende durchsetzen. Doch man betrachte nur mal, wie wenig sich die SPD um das Wort Becks gekümmert hat, wonach mit der Linkspartei in Bund und Ländern nicht koaliert werden dürfe. Die Partei stellt sich als koalitionspolitischer Hühnerhaufen dar. Ex-Mitglied Lafontaine darf kichern.

Mit Volldampf in die Agenda-Vergangenheit

Was die jüngste Attacke auf Beck besonders gefährlich gemacht hat: Dass die Buchschreiber die SPD energisch wieder auf die Linie von Ex-Kanzler Schröder festnageln wollen. Alles sei doch wunderbar mit dessen Agenda 2010 gewesen, so der damalige Schröder-Mitstreiter Steinmeier. Ist denn schon vergessen, dass Schröder die Bundestagswahl verloren hat? Dass kostbare Jahre vom Kanzleramts-Chefbürokrat Steinmeier bei der Formulierung überfälliger Reformen vertrödelt worden sind? Und wie kann man nur übersehen, dass seither Jahre vergangen sind, in denen die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Welt der Bundesrepublik sich in rasendem Tempo weiter entwickelt hat? Darin muss man der Parteilinken Andrea Nahles schon beipflichten, wenn sie darauf verweist.

Die Welt ist eine andere, es gibt neue Probleme und neue Themen. Zum Beispiel die Familienpolitik - die unter Schröder/Steinmeier/Steinbrück allemal unter "Gedöns" lief. Der Sozialstaat von morgen lässt sich ganz gewiss nicht aufbauen mit den Agenda-Formeln von gestern. Und schon gar nicht sichert die Zukunft der SPD, wer - wie Müntefering und Struck - die politische Pension fest vor Augen, nur noch Politik mit dem Zeithorizont 2009 macht.

Beck droht kaputt intrigiert zu werden

Eingeklemmt zwischen eine Kanzlerin Merkel, die sich auf sozialdemokratische Themen besser versteht als die Genossen selbst, und eine Linkspartei, deren Chef Lafontaine die Genossen mindestens so gut kennt wie sich selbst, dürfte die SPD 2009 zum Misserfolg verdammt sein. Einigermaßen unbeschädigt kommt sie dann nur in die Opposition, wenn sie auf dem Weg dahin, nicht auch noch Kurt Beck kaputt intrigiert. Einen anderen, gar einen besseren, hat die SPD nämlich nicht.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
drachenei (05.09.2007, 07:51 Uhr)
Egal wer Sch... Brüllt,
Die SPD hat nicht nur Ihre Wähler sondern auch sich selbst verraten. Aufgrund von Machtgeilheit und Selbstprofilierung sind sie nun an diesem Punkt angekommen, während sich CDU/CSU einen Grinsen.
Das vorhandene Chaos spiegelt die Ohnmacht und Hilflosigkeit einer Partei wider, die immer noch rätselt, warum sie keiner mehr Lieb hat.
Es wird sehr viele Jahre dauern, bis sich die Arbeiterverräter der SPD von ihrem eigenem Mist erholt haben; wenn überhaupt.
Putinki (04.09.2007, 21:00 Uhr)
Machtwort
Wenn der Boss "Scheiße" ruft, dann sind die Genossen begeistert. Soweit ist die SPD schon gesunken. Oder man kann es nach Churchils Betrachtungsweise auch als eine Verbesserung deuten, wie so sämtliche Medien und Leute, die sich für wichtig halten, tun.
RBrunnerHH (04.09.2007, 17:48 Uhr)
Wann endlich
begreift auch der Letzte, dass es hier nicht mehr um traditionelle Ideeologien mehr geht, sondern einzig und allein darum, wien man den Karren aus dem Dreck ziehen kann. Ausländerintegration, Sozialmißbrauch, langfristige Stärkung und Ausbau des Standortes Deutschland vor dem Hintergrund der Globalisierung, Bildung, Massenarbeitslosigkeit und und und... Mir persönlch ist es völlig gleich, ob die Politik, die das löst, schwarz, rot gelb oder kariert ist, nur gelöst werden müssen sie. Es ist keine Frage, welche Partei zu welchen Wurzeln zurückkehren muss, die Lösungen der Vergangenheit taugen bestimmt nicht für die Probleme der Gegenwart und erst recht nicht für die der Zukunft. Neue, frische Ideen braucht das Land, ganz gleich welche Farben sie tragen.
Spocks_Kommentar (04.09.2007, 17:18 Uhr)
Pechvogel Beck
Beck hat Pech gehabt. Er hat die Partei zu einem Zeitpunkt übernommen, zu dem das Parteivolk begriffen hat, daß sich die Parteiführung längst ihre eigenen Wähler gewählt hat und mit der Basis gar nichts mehr zu tun haben will. Das funktioniert auf Dauer aber nicht.
Was hier abläuft ist nichts anderes, als eine veritable Palastrevolution nach dem Motto "wir sind das Volk".
Die Partei wird überleben und sie wird zu ihren alten Werten zurückkehren müsen. Der CDU trägt ja auch keiner nach, daß sie sich auf ein immerhin 2000 Jahre altes Buch beruft.
Zu hoffen ist, daß dies bald geschieht. Denn eines ist auch klar: CDU und CSU haben sich nicht gewandelt. Sie haben Kreide gefressen und bohren damit den rechten Flügel der SPD auf. Leider übersehen die Wähler, daß etwas wie Hartz unter der CDU auch gekommen wäre, nur noch viel härter, ungerechter und belastender. Dort, bei den christlich Konservativen, steht der Feind, nicht auf dem eigenen linken Flügel der SPD, an den man zurückkehren muß, wenn man wieder Erfolg haben will.
Das Ende der Neocons ist in Deutschland noch nicht gekommen, leider. Die SPD muß ihre Neocons wie Steinbrück, der mit Koch besser kann als mit Nahles, aber rauswerfen, wenn sie überleben will. Wenn sie weiter auf die Wirtschaftsseite drängt, wird sie bald bei Lafontain fragen müssen, ob er als der stärkere Partner mit ihr vielleicht eine Koalition eingehen will.
Es gibt eine Mehrheit in Deutschland links der CDU, aber keine rechts der SPD. Die momentane Presse der politischen Landschaft verdeckt das, weil Ministerien wie das von Glos und von der Leyen im Kaufen von Pressestimmen offesichtlich besser (man kann auch sagen skrupelloser) sind, es hat sich aber nichts daran geändert.
Die SPD muß sich dieser Mehrheit wieder anschließen, daß sie jetzt mit Lafontain muß, liegt an ihr selbst, sie hat sich zu lange der Notwendigkeit linker Politik verweigert.
Für den kommenden Parteitag gibt es nur eine Lösung: Andrea Nahles for President, oder die SPD verkommt zur Splitterpartei.
WolfgangWiebke (04.09.2007, 15:49 Uhr)
Becks Sch......(ohne Partei!!!)
Nein Mecki-becki, die Partei ist zwar auch Sch..., aber Du bist derjenige, der für den ganzen Sch... verantwortlich bist. Frage Dich doch mal, ob Du immer richtig und die anderen immer verkehrt sind, oder ob es zur zeit nicht genau ugekehrt ist. Kritik-und beratungsresistent zu sein, hat sich auch noch niemals ausgezahlt.Und mit Basta kommst Du bei diesem Chaoshaufen auch nicht weiter.Es ist schon so,wenn die Katze nicht da ist,spricht keine Führung vorhanden ist,tanzen die Mäuse auf den Tischen.Und ich bleibe dabei, die Sozis werden mit den verhaßten Linken koalieren,Becks Worten zu Trotz,wann immer,wie immer und wo auch immer möglich.
RomanTicker (04.09.2007, 15:22 Uhr)
Totgesagte leben länger
Die SPD wird in den Medien nur noch negativ dargestellt und viel zu früh totgesagt. Diese Stimmungsmache und die einseitigen Schuldzuweisungen für Reformen, an denen auch die CDU beteiligt war, werden auf Dauer niemanden überzeugen. Vermutlich muss die SPD bei der nächsten Bundestagswahl deutliche Verluste hinnehmen, aber spätestens bei der übernächsten Wahl wird sich das Blatt wenden, wenn die Wähler erkennen, dass es viele Faktoren für die Probleme des Landes und der Bürger gibt und man eben nicht alles auf die SPD schieben kann. Hartz IV z.B. wäre vielleicht nicht in der Form gekommen, wenn die CDU zu dem Zeitpunkt mit der FDP regiert hätte. Aber was wäre denn passiert? Vermutlich hätte es ganz ähnliche Reformen gegeben. Wenn man die ganzen Fakten betrachtet und nicht emotional daherredet, dann muss man ganz klar erkennen, dass aufgrund der hohen Staatsverschuldung, der Globalisierung und weltwirtschaftlichen Entwicklungen die Ausgaben und auch die Sozialleistungen gekürzt werden mussten.
-Dagegen- (04.09.2007, 14:48 Uhr)
Gut gebrüllt, Löwe!
Ein Kommentar der mir aus dem Herzen spricht. Ich hätte es nicht besser formulieren können. -Grins- Wenn es Beck nicht gelingt diesen Hühnerhaufen auf Kurs zu bringen, dann kann sich diese sog. Volkspartei mit dem Projekt 18 von Möllemann beschäftigen. Und dies dauerhaft. Basta!
ramteid (04.09.2007, 14:23 Uhr)
Glück für die SPD
Ein Glück für die SPD, dass man sich an die vergangenheit erinnert und einen wildgewordenen genauer unter die Lupe nimmt. Kritikfähigkeit geht Herrn Beck offenbar vollkommen ab.
Die Basis ist gefordert.
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