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16. Juni 2007, 14:30 Uhr

Der neue Oskar

Oskar Lafontaine ist der Star der neuen Linkspartei. Brillanter Redner, ausgebuffter Stratege. Die SPD ist gut beraten, wenn sie DIE LINKE nicht länger als Phänomen abtut. Mit Lafontaine und Co. muss sie sich auf Dauer arrangieren. Von Hans Peter Schütz

Kämpferischer denn je: Oskar Lafontaine beim Vereinigungsparteitag in Berlin© Michael Kappeler/DDP

Größer hätte der Widerspruch gar nicht sein können: Hier der doch sehr hölzern wirkende Lothar Bisky, der seine Reden verliest. Hinterher tröpfelte bei ihm der Beifall auf dem Berliner Vereinigungsparteitag von WASG und PDS nur matt dahin. Da ein Oskar Lafontaine in rednerischer Bestform, einer der die Verführung der Parteigänger und die Vorführung der Parteigegner durchs gesprochene Wort meisterhaft beherrscht.

Die Delegierten badeten ihn in begeistertem Applaus, jubelten ihm mit glänzenden Augen minutenlang zu. Seit Lafontaine 1995 in Mannheim mit einer Rede den drögen SPD-Vorsitzenden Rudolf Scharping hinweggeputscht hat, dürfte der "Oskar", wie sie ihn jetzt auch bei der neuen Linken hätscheln, keine fulminantere Rede mehr gehalten haben. Er wird in der neuen Partei der Meister der Attacke sein, Bisky mehr für den inneren Frieden zuständig. Und daneben ein Gregor Gysi, quasi freischwebend, weil ohne Ehrgeiz auf neue Ämter, der rhetorisch mit Lafontaine mithalten kann.

Überläufer willkommen

Ein Trio führt DIE LINKE fortan, das die politische Konkurrenz durchaus fürchten muss. Voran die SPD, deren Spitzen Kurt Beck und Franz Müntefering wie Muckefuck schmecken, während Lafontaine und Co. als doppelter Espresso munden. Aber auch die Grünen müssen sich in Acht nehmen, denn DIE Linke hat jetzt klar gemacht, dass sie die friedensliebenden Müslis von einst heute als Partei vorführen werden, die den Krieg als Mittel der Politik inzwischen nachhaltig bejaht. Passend zu dieser Kampfansage in Richtung grün: Dass der bisherige grüne NRW-Landtagsabgeordnete Rüdiger Sagel sein Parteibuch weggeworfen hat und künftig bei der Linken antritt. Er wird nicht der einzige Überläufer bleiben, der auf der Suche nach der verlorenen Glaubwürdigkeit eine neue politische Heimat gefunden hat.

Der interessanteste Aspekt des Vereinigungsparteitags trat allerdings nur verdeckt zutage. Ein neuer Oskar hat sich jetzt in Berlin präsentiert. Einer, der in seiner Rede jede persönliche Attacke auf die SPD mied. Einer, der keinerlei persönliche Rachsucht an den Genossen von einst erkennen ließ. Einer der sich ganz bewusst in die Tradition der deutschen Arbeiterbewegung stellte - und der sich nachdrücklich auf die SPD-Ikone Willy Brandt berief und dessen Wort, dass nie wieder von deutschem Boden Krieg ausgehen dürfe.

Entspannungssignale in Richtung SPD

Die neue Strategie ist klar. Die Zeit der rigorosen, auch persönlich verletzenden Abgrenzung zur SPD ist vorbei. Sie wurde gebraucht, um die notwendige Geschlossenheit der neuen Partei zu erreichen. Aber man darf darauf wetten: Lafontaine hat jetzt die Mehrheit links der Mitte als Koalition ins Visier genommen. Und dazu gehören politische Entspannungssignale in Richtung SPD. "Freiheit durch Sozialismus" ist die Botschaft der neuen Partei. Mit weiterhin rüder Abgrenzung wird sich die SPD dagegen nicht wehren können. Spätestens nach der Bundestagswahl 2009 wird es auch öffentlich jene auch ins persönliche reichenden Annäherungen geben, die sich im Alltagsgeschäft im Bundestag längst auch zwischen Lafontaine und führenden Repräsentanten der SPD beobachten lassen - von Beck und Müntefering natürlich einmal abgesehen.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 24)
 
sachsenwini (17.06.2007, 19:53 Uhr)
wer zuletzt lacht.....
Vielleicht gibt es noch einmal eine Gelegenheit bei der sich die etablierten Parteien schmerzhaft an das Affentheater erinnern werden, das sie mit Lothar Bisky bei der Wahl zum Bundestagsvizepräsidenten veranstalteten.
Man sieht sich im Leben immer zweimal und eine starke Fraktion der Linken könnte manchem dieser Spaßvögel ganz schöne Magenschmerzen bereiten.
Louyi (17.06.2007, 19:00 Uhr)
Die neue Linke Oskar und die SPD
Wen wunderts ? Viele die den Parteitag bzw. die Linke- Fusion verfolgt haben, werden sich ein genüssliches schadenfrohes Lächeln über die SPD gegönnt haben. Nach den letzten großen Sommer-Demonstrationen der Gewerkschaften vor ein paar Jahren gegen den Sozialabbau in Deutschland - Schröder und Co noch herumpolternd die Gewerkschaften und Millionen ihrer eigenen Wählerschaft beschimpft, wurden seitdem noch viel mehr Menschen in Deutschland sozial abgehängt !
Als die WASG noch in den Kinderschuhen war, mussten die etablierten Parteien CDU-CSU
SPD, FDP und die Grünen, mit nur ein wenig mehr Weitblick - in die Zukunft schauend, doch eigentlich bereits erahnen, dass ihnen ein Erdbeben bevorsteht, die Parteienlandschaft sich dadurch einmal gewaltig verändert wird. Alle wollten es nur nicht wahrhaben. Diese kleine, ehemalige WASG, entstand einmal aus lauter Menschen in Existenznot und einer Handvoll Gewerkschafter, aber noch mit Idealen und der Vorstellung unseres Staates (mitsamt dessen gewählten Parteien- Volksvertretern), von einer sozialen Gerechtigkeit. Denn die gabs nicht mehr - „die da oben“ beschäftigten sich lieber mit Umsetzungs -Rechtfertigungen der Agenda 2010, merkten nicht, dass sie in ihrer eigener Unfähigkeit nur Sprechblasen produzierten- zu ungunsten der Lebensbedingungen hunderttausender Menschen in Deutschland.
Diese fielen durch plötzliche Schicksalsschläge und Arbeitslosigkeit durch den Auslese- Rost, im Stich gelassen, nicht mehr wahrgenommen, auf den Montags- Demos ausgelacht, ihre mahnende Stimme als „Altgestrig“ bezeichnet, von arroganten Politikern - sogar von der SPD- nicht einmal mehr ernst genommen. Letztendlich als Versager unserer Workoholik und Kapital- gailen Gesellschaft bzw. Wirtschaft einfach „outgesourct“ und kaltgestellt. Nun ist die LINKE darauf einfach die logische Quittung.
Die neue Stimme der „kleinen Leute“ hat nun mehr gewonnen, als sie sich u.U. zu Anfangs sogar selbst zutraute. Wenn auch die WASG (inkl. Lafontaine) nun zwar den ungeliebten Frosch (ehemalige PDS), noch küssen musste - vielen, am Existenzminimum lebenden Menschen auch in Alt Deutschland- West, ist dies so was von egal. (Auch die PDS ist nach so vieler Jahre D.- Einheit mit Sicherheit nicht mehr dieselbe, wie aus der EX DDR. – auch diese haben pragmatisch dazugelernt.
Warum immer so eine Gehässigkeit der SPDler und der sonst so erfolgreichen Menschen auf der Seite des vermeintlich gepachteten Besserwissens, Glücks und Wohlstands ? Zumindest Glück, einen Beruf und Arbeitsplatz zu ordentlichen Bedingungen und einigermaßen davon leben steht doch allen zu – oder ? Aber –nicht jede/r hat heute in unserer Gesellschaft (auf Dauer) die gleichen, fairen Bedingungen.
In den Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, sozialem Druck, brauchen Menschen neuen Asporn, neue Chancen und Unterstützung. (frei nach dem Slogan fordern und fördern)
Wo ist /wo war dieses Fördern seit Jahren ? Man sah und hörte von allen Seiten nur Fordern. Schröder, Beck, Müntefering und Co. haben doch noch zusätzlich auf die Habenichtse, Arbeitlosen und Gescheiterten in unserer deutschen Ellbogengesellschaft draufgehauen. Zusätzlich Milliarden Euro (von allen Steuerzahlern) in die falschen Taschen umverteilt.So kommt oben natürlich immer noch mehr Kohle und Profit heraus und unten bleibt nur das Draufzahlen übrig.
Sogar im Stern (gleiche Ausgabe) kann man nachlesen : „760.300 Millionäre gibt es in Deutschland, also Menschen, die ein Privatvermögen von einer Million Euro oder mehr besitzen. Den meisten ist ihr Reichtum einfach in den Schoß gefallen. Sie verhalten sich aber so dermaßen kapitalistisch, sich selbst überschätzend, als hätten sie es selbst verdient. Durch die Steuer- Verteilungs Politik und Geschenke an diese - noch mehr an Unternehmen - in Deutschland (die durch weitere Gewinnmaximierung meist sogar noch Menschen entlassen), wird es auf wundersame Weise sogar noch vermehrt. Aber... letztendlich siehe vorher auf Kosten der Lebensqualität anderer. Von Solidarität und Sozialverhalten keine Spur – im Gegenteil.
Gerade die Menschen aus der WASG Gesinnungs- Spektrum – waren/sind u.U. nicht einmal besonders Links, sondern ihre Einstellung hat sich durch ihre plötzlich eingeschränkte Lebensqualität verändert. Ausschlaggebend waren Firmenpleiten, Unternehmens-Verlagerungen in Billiglohn Länder, Managerfehler, Korruption, gescheiterte Globalplayer- Illusionen, Übernahmen, Börsenspekulationen, Hedgefondsfolgen, Rationalisierung, Outsourcing, Outplacement, uuu. von Unternehmen. Sie wurden aus Profitgier und Willkür ungerecht behandelt, oder entlassen. Meist ohne eine neue Chance, dafür nun plötzlich am Existenzminium, von Hartz IV bedroht. Letztendlich damit ganz unten angekommen, wenn man davon unfreiwillig leben muss.
Ca. 5 Millionen Menschen kämpfen nach wie vor jeden Tag um jeden Job in Deutschland. 2006 also noch vor wenigen Monaten hatten lt. seriösen Informationen 17,2 Prozent oder 11,17 Millionen Bundesbürger unterm Strich kein frei verfügbares Netto-Einkommen. Das ist fast jeder fünfte Haushalt. Familien mit Kindern sind trotz Kindergeld besonders stark betroffen. (siehe zusätzlich Studie über Kinderarmut in Deutschland.) Dumpinglöhne und Ausbeutung von Arbeitnehmern sind derzeit IN (und Europa). Von den Parteien wird aber scheinheilig palavert, weiter gemauert, weggeschaut, verdrängt, oder das Gegenteil behauptet. (siehe auch zum Thema Mindestlohn) Die SPD und CDU verbreiten Placebos eines vermeintlichen Aufschwungs,(für wen ?) mehr Lohn kommt nicht an; stopfen sich vorher selbst die Taschen voll. Deutsche Politiker halten sich für Gescheiter als alle anderen in Europa oder der USA, ignorieren positive Entwicklungen und Erfahrungen in anderen Ländern. (Da hat Oskar L. doch vollkommen recht,dass er die Intelligenz seiner eigenen Spezies berechtigt in Frage stellt.) Man kann ja derzeit verfolgen, wie die Parteien nach wie vor verkrampft, scheinheilig, mit der Diskussion über Mindestlöhne umgehen. Die SPD aktuellst den Antrag der Linken, gegen ihre eigene Vorstellungen ,(alleinig aus Gründen der Koalisationsräson), einer notwendigen Einführung abgelehnt hat. Damit wurde ein weiteres, besonders paradoxes Eigentor der Politik (zumindest der SPD) geschossen.
Es ist erkennbar, die Parteien mit der „DIE LINKE“ einfach ein reales „Problem“ mehr haben, das sie aber selbst (bisher blind in ihrem „Glashaus sitzend“ die ganz banalen, wirklichen Probleme draussen nicht erkannt, selbst geschaffen haben. Die LINKE nun
doch das Zünglein an der Wage - zur neuen, Regulierung politischer, gesellschafter, wirtschaftlicher, moralischer gerechteren Bedingungen in Deutschland. Dafür war es allerhöchste Zeit. Hoffentlich werden Taten bald folgen.
inselkarl (17.06.2007, 18:03 Uhr)
Heilsfigur
Oskar wird von der darbenden Linken im Westen wie eine Heilsfigur gefeiert. Diesmal sind die Ost- PDS- ler die nützlichen Idioten( und wissen es noch nicht, weil sie ihren Lenin immer andersrum interpretieren). Natürlich ist es erfrischend, wie Herr Lafontaine das erstarrte Politsystem aufmischt und nebenbei auch noch einen Sytemwechesl ankündigt. Aber so erfrischend hat schon mal ein begnadeter Populist die Altparteien aufgemischt-- es ist Deutschland und der Welt nicht gut bekommen. Das soll natürlich kein Vergleich sein, aber alle Heilsversprecher und Politiker mit einfachen Lösungen sind mir suspekt. Wenn es wirklich so einfach ist die Menschheit zu beglücken, dann wundere ich mich nur, dass diese Beglücker immer riesige Scherbenhaufen oder Schlimmeres hinterlassen.
sachsenwini (17.06.2007, 16:42 Uhr)
Oskar kann zufrieden sein
Auf soviel Publicity hat er sicherlich trotz seines Selbstbewusstseins nicht zu hoffen gewagt. Je mehr die Linke verleumdet und in den Schmutz gezogen wird, umso mehr Wähler werden sich für sie entscheiden. Oskar Lafontaine hat damals mein Vertrauen gewonnen, als er es nicht verantworten konnte, die unsoziale Politik seines Kanzlers mit zu tragen, und auf seinen Posten als Bundesminister verzichtete und das Kabinett Schröder verließ. Bei ihm scheint diese Partei in guten Händen zu sein.
Skillet4 (17.06.2007, 15:13 Uhr)
Kalter Kaffee,
was manche hier gegen den Oskar ins Feld führen. Der Mann ist ein hochbegabter Politiker und genialer Rhetoriker, der seinesgleichen sucht. Nur das zählt in dem Job. Und bei dem ollen Muckefuck, den wir sonst immer hier serviert kriegen, eine wohltuende Abwechslung.
starmax (17.06.2007, 13:57 Uhr)
@frankie
wenn es so wäre, wie Sie schreiben, wäre es schlimm. Stimmt aber nicht. In vielen Talkshows, z.B. bei der MwSt-Erhöhung, hat O.L.als Gegner darauf verwiesen, daß die hohen Einkommen wie das seine und anderer Politiker davon kaum oder gar nicht betroffen sind, nur die der kleinen Leute, die ja zum Ausgeben ihres Einkommens für den Lebensunterhalt gezwungen sind. Also bitte vorher schlau machen - Oskar will die gleiche Medizin schlucken wie es alle tun sollten nach seinem Vorschlag.
Rengeiz (17.06.2007, 12:37 Uhr)
Oscar ist sich treu geblieben

Im Gegensatz zum Kaschmir Kanzler Gerd und seinen treuen Vasallen, ist Oscar sich treu geblieben und hat die Konsequenzen rechtzeitig gezogen.
Zur Zeit hat die SPD keine Persönlichkeit in Ihren Reihen, die die gute alte Tante SPD wieder auf die Füsse bringen könnten.
Die Linke wird der SPD das Wasser abgraben, da die SPD sich m.E. zu sehr dem Kapital anbiedert, als die Partei der Arbeiter und Angestellten zu sein.
Klartextjetzt (17.06.2007, 12:36 Uhr)
Die Wut wächst gegen den Star der Lafo Partei
Kommentar von Herrn Beck so war es zu lesen „Oskar Lafontaine scheint ja gerade völlig durchzudrehen“ Da hat Herr Beck nicht recht - jetzt dreht er richtig auf! Und wir können tatsächlich unsere Wut abbauen,
frankie2007 (17.06.2007, 12:21 Uhr)
@starmax
"1. Oskar soll gefälligst arm sein dann erst kann er fordern (also muß der Arzt selber krank sein, damit er mich heilen kann)"
Also so einen dummen Vergleich habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Wo ist denn da der Zusammenhang? Herr Lafontaine ist deswegen unglaubwürdig, weil er einerseits von anderen fordert, mehr von ihrem hart erarbeiteten Wohlstand abzugeben, auf der anderen Seite aber selber nicht dazu bereit ist. Er sollte doch mit gutem Beispiel voran gehen oder nicht?
Darüberhinaus ist es bei Herrn Lafontaine sogar ein vom Steuerzahler finanzierter Wohlstand...
starmax (17.06.2007, 04:25 Uhr)
Berliner Stadtmusikanten
"Laß uns losziehen, etwas Besseres als untr Merkel finden wir überall!" Unter diesem Bremer Motto scheint sich tatsächlich etwas zu bewegen in der Parteienlandschaft. Danke fürs Durchhalten, Oskar!
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