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9. Oktober 2007, 16:06 Uhr

Der Windelweich-Steinmeier

Im Streit um die Agenda 2010 stellt sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier hinter Franz Müntefering, winkt aber schon einmal in Richtung Kurt Beck. Diese unklare Positionierung ist ein Armutszeugnis für jemanden wie Steinmeier - und für die gesamte SPD. Von Hans Peter Schütz

Frank Walter Steinmeier (l.) stellt sich hinter Franz Müntefering (r.). Oder doch nicht?© Michael Sohn/AP

Frank-Walter Steinmeier ist ein politischer Akrobat. Er stellt sich im Streit um die Agenda 2010 hinter Franz Müntefering, allerdings so, dass er hinter dessen aufrechter Haltung volle Deckung findet. Gleichzeitig winkt er vorsichtig über Münteferings Schultern hinweg in Richtung SPD-Chef Beck. Keine Bange, Kurt, ich stehe von hier aus auch hinter dir, spätestens auf dem SPD-Parteitag, wo wir ja alle ein gutes Wahlergebnis brauchen. Wer sich so aufstellt, darf sich nicht wundern, wenn keiner klar erkennen kann, wo er wirklich steht.

Das ist ziemlich wenig Stehvermögen für einen, der bereits Bundesminister ist und im Hinterkopf sogar den verwegenen Gedanken hätschelt, es könne eines Tages sogar noch mehr daraus werden, gar ein Kanzler. Das ist blamabel für einen wie Steinmeier, der schließlich Kopf und Organisator der Agenda 2010 war, für die Gerhard Schröder letzten Endes mit dem Verlust der Macht bezahlt hat. Sollte Steinmeier denn seinerzeit nicht alle Sinne klar beisammen gehabt haben, als er mit beschloss, dass älteren Arbeitslosen die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld zu kürzen sei, um die Unsitte zu beenden, dass ältere Arbeitnehmer auf Kosten der Steuerzahler vorzeitig in die Rente entsorgt werden? Und außerdem hat er für die wachsweiche Position, die er nun öffentlich bezieht, auch noch mehr als ein Woche Bedenkzeit benötigt. Was aber ist Steinmeiers Warnung wert, die SPD dürfe nicht "in alte Zeiten aufbrechen", wenn er exakt genau dies nicht verhindern will?

Eine Partei der "Heulsusen"

Da kommt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück doch noch etwas besser daher. Er ist ebenfalls ein klarer Gegner des Beck-Kurses zurück in den alten spendablen Sozialstaat. Aber wenigstens eiert er nicht auch noch in aller Öffentlichkeit via "Bild" herum wie Steinmeier. Seine Warnung, dass der Parteitag um des lieben Friedens willen mit dem Genossen Kurt nicht die SPD-Bundesminister Müntefering, Tiefensee und Steinbrück beschädigen dürfe, ist berechtigt. Weshalb aber nur hat Steinbrück nicht den Mumm, sich zu seiner Position offensiv zu bekennen? Vermutlich, weil er die SPD unverändert für eine Partei der "Heulsusen" hält, wie er geklagt hat.

Es sei daran erinnert, dass erst vor wenigen Wochen Steinmeier und Steinbrück sich als Herdbewahrer der Agenda 2010, als Repräsentanten einer modernen SPD zu Zeiten der Globalisierung feiern ließen. Stolz präsentierten sie ein Buch mit dem stolzen Titel "Auf der Höhe der Zeit. Soziale Demokratie und Fortschritt im 21. Jahrhundert" in der SPD-Zentrale. Von der alten SPD war dabei keine Rede mehr. Ebenso wenig von einer Abkehr von der Agenda 2010. Fast kamen die beiden Genossen wie die FDP daher: Individueller Aufstieg durch Leistung, der vorsorgende Sozialstaat müsse präventiv in die Menschen investieren. Das Geld, was durch diese Abkehr von der alten Sozialpolitik gespart werden könne, sei besser für höhere Qualifizierung älterer wie jüngerer Arbeitnehmer auszugeben.

Sinnloser Wettbewerb mit der Linkspartei

Es ist doch sinnlos, wenn die SPD glaubt, sie könne die Linkspartei in einem Wettbewerb bekämpfen, bei dem es darum geht, wer am tiefsten in der Topf neuer sozialer Wohltaten greift. Die SPD müsste vielmehr darum kämpfen, dass die so mühsam errungenen neuen Positionen von ihren Wählern akzeptiert werden. Von der Agenda 2010 bis zur Rente 67. Das setzt allerdings eines unabdingbar voraus: SPD-Politiker mit Stehvermögen.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
mramorak (10.10.2007, 09:36 Uhr)
Steimeier Kanzler?
Sorge um das Kanzleramt, muß der Herr Steinmeier sich nicht machen. Denn so schnell kommt die SPD nicht dazu, den Kanzler zu stellen.
ganzbaf (09.10.2007, 20:56 Uhr)
Gedicht
Morgen, Kinder, wird's nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte Euch das Leben.
Das genügt, wenn man's bedenkt.
Einmal kommt auch Eure Zeit.
Morgen ist's noch nicht so weit.
Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.
Lauft ein bißchen durch die Straßen!
Dort gibt's Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.
Tannengrün mit Osrambirnen -
lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt's an Holz!
Stille Nacht und heil'ge Nacht -
Weint, wenn's geht, nicht! Sondern lacht!
Morgen, Kinder, wird's nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt für's Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit . . . .
Ach, du liebe Weihnachtszeit
E. Kästner
Roy05441 (09.10.2007, 17:58 Uhr)
Kennst du die arme SPD?
Nach 50 Jahren tuts mir weh!
Sie sollte mit all ihren Trotteln sich vom Erdball entfernen, um nach Bedenkzeit, sich neu zu besinnen, um zu versuchen mit dem Volk einen "Neuanfang" zu beginnen!
Perkins1975 (09.10.2007, 16:55 Uhr)
Es ist beängstigend,
was man hier so liest. Da wird einen um Deutschland wirklich Angst und Bange.
Liebe Leute, die Ihr hier alle groß von Gerechtigkeit redet, ist Euch eigentlich klar, dass alle sozialen Wohltaten auch bezahlt werden müssen. Natürlich wäre es schön, wenn niemand mehr arbeiten müsste und sein Geld vom Staat erhält. Leider muss irgendwer das Geld auch verdienen und dass sind hierzulande vor allem die sog. abhängigen Beschäftigten, die nämlich Sozialabgaben zahlen (was glaubt Ihr, woher das Arbeitslosengeld sonst gezahlt wird). Die Senkung der Beiträge zur Arbeitlosenversicherung hat die Beitragszahler entlastet, die weiß Gott genug belastet sind (das gilt für den Facharbeiter genauso wie für den besser verdienenden Angestellten).
Und ist es so schwer zu akzeptieren, dass die Steuer- und Abgabenlast ZUSAMMEN (nicht nur das eine oder andere betrachtet) in fast keinem modernen Industrieland so hoch ist, wie in Deutschland und dass es deswegen dringend erforderlich war, insofern etwas zur Kostensenkung zu unternehmen?
Schröder (den ich nie gewählt habe, weil ich ihn für einen der größten Lügner dieser Zeit halte) und Müntefering haben lange auch so geredet wie viele hier, nämlich immer nur davon, ob es gerecht sei, den Empfängern staatlicher Leistungen etwas zu kürzen. Dass jede staatliche Transferleistung auch eine Kehrseite in Form ihrer Finanzierung hat und dass man die arbeitenden und damit finanzierenden Bürger nicht unbegrenzt weiter belasten kann, ging ihnen erst auf, als sie in der Regierung saßen (aber immerhin ging es ihnen dann auf). Ich habe großen Respekt vor Müntefering, der sich nun gegen den Populisten Beck stellt. Dass die Herren Steinbrück und vor allem Steinmeier, die genauso denken wie Müntefering, nicht die Zähne auseinanderkriegen und hierzu ein paar deutliche Worte sagen, ist dagegen erbärmlich.
der_gute_don (09.10.2007, 15:55 Uhr)
Sie haben ja alle so furchtbar recht!
> Leistungsträger ja, aber nur für den
> eigenen Säckel.
Sie haben recht. Die Anerkennung der Transferempfänger sollte genug sein, darüber hinwegzukommen, daß Vater Staat das überdimensional abgepresste Geld für sinnlose Programme ineffizient verschleudert. Denn der Staat weiß viel besser als "der Leistungsträger", wie die Früchte seiner erarbeiteten Leistung zu verwenden sind. Dafür soll er aber auch bitteschön etwas mehr arbeiten und zwar außertariflich! Ich meine das sollte ja wirklich Lohn genug sein, als Leistungsträger bezeichnet zu werden!
> dass sie nicht Schienen verlegen, auf
> denen ihre Kinder oder Enkelkinder in
> wenigen Jahren gegen die harsch aufragende,
> kapitalistische Wand donnern und der
> Staat und seine sozialen Einrichtungen
> so reduziert sind, dass er es nicht
> verhindern kann.
Genau! Statt das er privat schonmal für seine Kinder und Enkel vorsorgt, investiert er besser in ein marodes Sozialsystem, (bei dem nach Forschungstand des Deutschen Instituts für Wirtschaft die arbeitende Bevölkerung die massivsten Einkommeneinbußen in den letzten 30 Jahren hatten) und erfreut seine Nachkommen mit einem Rekord nie dagewesener Staatsverschuldung. Da müssen die kleinen Racker ja auf den Opi später stolz sein!
> die an der Lebenswirklichkeit
> breiter Bevölkerungsschichten
> vorbeigeht.
Sie haben recht, wenn die Summe der Transferempfänger (demokratisch) darüber zu entscheiden hat, wie das Geld der Leistungserbringer (Transferzahler) verteilt wird, dann sind wir endlich "sozial gerecht"! Was auch immer das heißen mag ...
Ottooswin (09.10.2007, 15:23 Uhr)
Mißtrauen
Danke Sternobyl,danke H.Macke,es ist wohltuend festzustellen,daß es Menschen gibt ,die die gleiche Wahrnehmung zu geselschaftlichen Problemen haben,wie man selbst.Nun muß das noch kein Beweis sein,daß man die Dinge allein richtig sieht aber die Mehrheit der Journalisten will Glaubens machen,ihre,kraft der Medien und deren Eigentümer, übers Volk verstreute Meinung sei die richtige. Es wird immer auffälliger ,wenn es nur Ansätze gibt dieses sogenannte Hartzkonstrukt einmal auf Verbesserungswüdigkeit im Sinne der Betoffenen zu prüfen,geht ein Gejaule über Standhaftigkeit,Kurshalten.....von bestimmten Menschen(Politiker,Journalisten,Wirtschaftsverb.) los,daß man sehr mißtrauisch wird.
Pijey (09.10.2007, 15:11 Uhr)
Armut ist noch harmlos ausgedrückt...
.. was diese Partei nach der Aera Schröder bietet.
In 4 Jahren 3 Vorsitzende verschlissen, keiner kann der Partei eine Richtung geben. Das ist die Folge der katastrophalen Politik von Schröder. In 7 Jahren das Land mit den Grünen, denen geht es ja nicht besser, fast in den Ruin gewirtschaftet und jetzt versuchen sie alte Tugenden wieder zu finden. Es war die reine Machtgeilheit die Schröder getrieben hat diese Partei zu zerschlagen. Politik ist in dieser Zeit keine gemacht worden. Und so ist es heute noch. Alle in dieser Partei sind mehr damit beschäftigt sich selbst zu positionieren und ins rechte Licht zu rücken und Ämter zu erhaschen, als vernünftige Politik zu betreiben für die der Wähler ja seine Stimme abgegeben hat.
Beck braucht ein Profil um nicht ganz zu verblassen als Partechef und dazu ist ihm jedes Mittel recht. Auch wenn er die Partei damit noch weiter spaltet oder gar zerschlägt. Das zeigt die ganze Unfähigkeit dieser Kaste in der SPD. Getrieben von Oskar, einstiger Weggefährte, holt sich Beck die Linke zur Seite um sie warm zu halten. Allen voran die Nahles, die mit ihren (fast) 40 Jahren immer noch am studieren ist und bei der das Wort ARBEIT in der Fremdwörterfibel steht. Sie hat bisher noch NICHTS Produktives für dieses Land geleistet. Es ist schon sagenhaft wie manche Leute an solche Posten gelangen. Momentan ist es schon ein geniales Schauspiel wie sich in der SPD, bei den Grünen und Linken die Machtgeilen in Pose richten um ja nicht von ARBEIT leben zu müssen. Ein wirklich sehr erheiterndes Beispiel für die Unfähigkeit dieser Politiker. Um ehrlich zu sein, wer diese Partei noch wählt spielt mit der Zukunft seines eigenen Vaterlandes und auch der Zukunft unserer Kinder. Solche Leute sind es nicht Wert auch nur auf der Liste zu stehen.
Da können wir nur froh sein das im Moment eine starke Frau das Ruder für dieses Land in der Hand hält, denn sonst wären schon längst die Lichter aus hier, auch wenn nicht alles Gold ist, aber immer noch um Klassen besser als dieser Komödiestadl SPD, Grüne Linke......
-Dagegen- (09.10.2007, 14:25 Uhr)
Hans Peter Schütz...
auch wenn es dem überbezahlten, hochqualifizierten Schreiberling nicht gefallen wird... Er wird zur Kenntnis nehmen müssen, daß eine große Mehrheit in diesem, unserem Lande mittlerweile die Nase voll hat von diesem neoliberalen Gewäsch und einer Hofberichterstattung die an der Lebenswirklichkeit breiter Bevölkerungsschichten vorbeigeht.
starmax (09.10.2007, 13:46 Uhr)
Ist doch klar, wohin die Reise geht...
nur mit Steinmeier als K-Kandidat und Beck redduziert auf den SPD-Vorsitz hat der Laden beim Wähler eine Chance auf einen Achtungserfolg über 30%. Altsocke Münte hat fertig. Oskar wird sie hoffentlich trotzdem hinwegfegen...
H.Macke (09.10.2007, 13:19 Uhr)
Andere Reform ist wichtig
Vielleicht eiert Steinmeier rum, weil er ahnt, daß reformiert werden muß, nur noch nicht weiß wie. Das wäre an für sich kein Armutszeugnis sondern Eintrittsbedingung für eine ehrliche Diskussion. Ich persönlich denke, Hartz IV muß reformiert werden, nicht die Bezugsdauer von ALG I. Pro geleistetem Arbeitsjahr 20-25 Euro monatlich als Zusatzversorgung und ein Entfallen der aggressiv-dämlichen Quadratmetergrenzen könnte ein guter erster Schritt sein. So käme ein Arbeitloser nach 20 Erwerbsjahren auf immerhin 400-500 Euro zusätzlich pro Monat (345+400) und die extreme Armutsfalle wäre für ihn aufgehoben. Gleichzeitig bliebe die Stellensuche attraktiv. Dieser Vorschlag zirkuliert in meinem Bekanntenkreis und wird auch öfters genannt. Was ist so schwer daran, dies öffentlich zu diskutieren?
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