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Deutschland schlittert in den Krieg

Noch immer tun die Deutschen so, als sei die Bundeswehr am Hindukusch ein Technisches Hilfswerk unter Waffen. Ein Versuch beim Krieg mitzumachen - ohne dabei zu sein. Die Regierung hätte gute Gründe, sich dem Drängen der Nato zu widersetzen.

Von Hans-Hermann Klare

Ein Beschluss von Bundesregierung und Bundestag, Aufklärungs-Tornados nach Afghanistan zu schicken, wird das Problem nicht lösen, vor dem die Deutschen stehen: Sie tun weiter so, als ob die Bundeswehr am Hindukusch nichts weiter sein sollte als eine Art Technisches Hilfswerk unter Waffen. Das ist zwar Unsinn, aber verständlich.

Unsinn, weil Soldaten nun mal ausgebildet werden, um zu töten, bevor sie getötet werden. Für das Bauen von Brunnen, für die Errichtung von Schulen gibt es andere, die das viel besser können. Verständlich, weil die Bundesregierung fürchtet, einen richtigen Krieg mit einer wachsenden Zahl getöteter deutscher Soldaten selbst nicht überleben zu können.

Warnendes Beispiel: Tony Blair

Zu tief sitzt noch immer das Misstrauen gegenüber jedem militärischen Engagement, zu groß ist der pazifistische Reflex, als dass man mit einem Kriegseinsatz Wählerstimmen gewinnen könnte. Zu ausgeprägt die Furcht, dass tote deutsche Soldaten ohne Einfluss auf die Umfrage-Ergebnisse blieben. Tony Blair ist Berliner Politikern ein warnendes Exempel dafür, wie einer sein gesamtes politisches Kapital verspielt, weil er sich entschlossen hat, mit in den Krieg zu ziehen - angeblich um Schlimmeres zu verhindern.

Tornados in den Krieg zu schicken, um keine Truppen aus dem relativ sicheren Norden Afghanistans in den gefährlichen Süden des Landes verlegen zu müssen, ist der Versuch der Bundesregierung einem Dilemma zu entkommen, das zum Prinzip deutscher Außen- und Verteidiungspolitik in den verangenen knapp zehn Jahren geworden ist: Deutsche Politiker wollen gern duschen ohne nass zu werden. Sich nicht zu beteiligen stinkt den Verbündeten nämlich so sehr, dass man sich heute nicht mehr mit einer Milliarden schweren Ablasszahlung freikaufen kann wie im ersten Golfkrieg 1991.

Mehr Krieg hilft keinem - schon gar nicht Afghanistan

Eine ehrliche Debatte darüber scheuen alle Beteiligten in Berlin. Dabei hätten sie gute Gründe, sich im Falle Afghanistans wie schon im Irak gegen die Logik der Amerikaner und der Nato zu stellen, dass mehr Krieg gegen die Taliban mehr Lösung bietet. Man muss gar nicht erst die gescheiterte Invasion der Sowjetunion oder den Untergang des britischen Kolonialheeres am Kheiber-Pass zu Hilfe nehmen, um zu erläutern, dass Afghanistan womöglich nicht zu erobern und zu befrieden ist, wie sich der Westen das gern wünscht.

Afghanistan ist der mit weitem Abstand weltgrößte Opium-Produzent. Der Ertrag aus den Mohnfeldern und ihre Weiterverarbeitung nährt nicht bloß tausende armer Bauern und ihre Familien. Er finanziert auch die Armeen der unterschiedlichen War Lords. Wer sich mit ihnen anlegt, riskiert einen Krieg mit so gut wie jedem, der irgendwelche Macht im Lande hat, und mit den Tausenden Soldaten, denen diese War Lords Lohn und Brot geben. Niemand hat ein Konzept, wie man dieses lukrative Geschäft unterbinden kann, an dem selbst Mitglieder der Familie von Präsident Karzai verdienen.

Kampf gegen die Zivilbevölkerung

Die Taliban, einst an der Macht und damals erfolgreich im Kampf gegen den Drogenanbau - fördern diesen jetzt in dem Bewusstsein, sich dafür Loyalität zu kaufen. Sie haben Rückhalt in den vor allem von Paschtunen bewohnten Teilen des Landes. Ihre Stärke beziehen sie nicht aus einer hochgerüsteten Armee. Sie sind Soldaten, wenn sie zum Angriff auf Nato-Truppen ansetzen. Und Bauern, wenn US-Einheiten oder britische Soldaten ihre Dörfer durchsuchen. Jeder Mann ein möglicher Taliban, jeder Taliban womöglich nur ein einfacher Bauer.

Damit wird jeder Krieg automatisch zu einem Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Wenn unschuldige Menschen sterben, untergräbt das die moralische Autorität eines jeden Angreifers. Großangriffe oder Bombenwerfen ist in einer solchen Situation "so nützlich wie Krebszellen mit einem Schneidbrenner auszurotten", wie der britische Militärhistoriker Sir Michael Howard das genannt hat. Der Konflikt ist mithin nicht mit militärischen Mitteln zu lösen. Und jede Eskalation macht es noch schwerer, eine Zivilgesellschaft in Afghanistan aufzubauen.

Militärischer Konflikt ist nicht von außen lösbar

Was das Land bräuchte, sind Hilfsorganisationen, die Straßen und Brücken bauen, Waisen ein Heim und Bauern einen Markt geben, auf dem sie ihre Ware verkaufen können. Auch dann ist Opium das einträglichere Geschäft. Aber in einem langen und womöglich langweiligen Prozess könnte es aufwärts gehen, wenn man die Machtverhältnisse im Lande akzeptiert, und damit die dezentrale Struktur der von mächtigen Clans und ihren Chefs beherrschten Regionen. Wenn man Orte schafft, an denen die unterschiedlichen Interessenkonflikte der diversen Volksgruppen und Clans friedlich ausgetragen werden können, ob in Parlamenten, Regionalversammlungen oder Ältestenräten.

Vielleicht hätte Afghanistan dann eine Chance - trotz aller Komplikationen, Rückschläge und Risiken, die unvermeidlich sein werden. Denn die Menschen im Land, die noch nicht geflohen sind, eint eine große Sehnsucht: die nach Ruhe und einem gewaltlosen Leben miteinander. Diese Sehnsucht war einmal so groß, dass sie sogar bereit waren, die Taliban als Ordnungstifter zu akzeptieren.

Jeder Versuch von draußen, zumal militärisch, den Konflikt zu entscheiden, ist zum Scheitern verurteilt. Und endet in einem Tornado - ob mit deutschen Aufklärungsflugzeugen oder ohne.

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