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7. Februar 2007, 16:11 Uhr

Deutschland schlittert in den Krieg

Noch immer tun die Deutschen so, als sei die Bundeswehr am Hindukusch ein Technisches Hilfswerk unter Waffen. Ein Versuch beim Krieg mitzumachen - ohne dabei zu sein. Die Regierung hätte gute Gründe, sich dem Drängen der Nato zu widersetzen. Von Hans-Hermann Klare

Ein Tornado des Aufklärungsgeschwaders 51 "Immelmann" landet auf dem Militärflugplatz in Jagel© Wulf Pfeiffer/DPA

Ein Beschluss von Bundesregierung und Bundestag, Aufklärungs-Tornados nach Afghanistan zu schicken, wird das Problem nicht lösen, vor dem die Deutschen stehen: Sie tun weiter so, als ob die Bundeswehr am Hindukusch nichts weiter sein sollte als eine Art Technisches Hilfswerk unter Waffen. Das ist zwar Unsinn, aber verständlich.

Unsinn, weil Soldaten nun mal ausgebildet werden, um zu töten, bevor sie getötet werden. Für das Bauen von Brunnen, für die Errichtung von Schulen gibt es andere, die das viel besser können. Verständlich, weil die Bundesregierung fürchtet, einen richtigen Krieg mit einer wachsenden Zahl getöteter deutscher Soldaten selbst nicht überleben zu können.

Warnendes Beispiel: Tony Blair

Zu tief sitzt noch immer das Misstrauen gegenüber jedem militärischen Engagement, zu groß ist der pazifistische Reflex, als dass man mit einem Kriegseinsatz Wählerstimmen gewinnen könnte. Zu ausgeprägt die Furcht, dass tote deutsche Soldaten ohne Einfluss auf die Umfrage-Ergebnisse blieben. Tony Blair ist Berliner Politikern ein warnendes Exempel dafür, wie einer sein gesamtes politisches Kapital verspielt, weil er sich entschlossen hat, mit in den Krieg zu ziehen - angeblich um Schlimmeres zu verhindern.

Tornados in den Krieg zu schicken, um keine Truppen aus dem relativ sicheren Norden Afghanistans in den gefährlichen Süden des Landes verlegen zu müssen, ist der Versuch der Bundesregierung einem Dilemma zu entkommen, das zum Prinzip deutscher Außen- und Verteidiungspolitik in den verangenen knapp zehn Jahren geworden ist: Deutsche Politiker wollen gern duschen ohne nass zu werden. Sich nicht zu beteiligen stinkt den Verbündeten nämlich so sehr, dass man sich heute nicht mehr mit einer Milliarden schweren Ablasszahlung freikaufen kann wie im ersten Golfkrieg 1991.

Mehr Krieg hilft keinem - schon gar nicht Afghanistan

Eine ehrliche Debatte darüber scheuen alle Beteiligten in Berlin. Dabei hätten sie gute Gründe, sich im Falle Afghanistans wie schon im Irak gegen die Logik der Amerikaner und der Nato zu stellen, dass mehr Krieg gegen die Taliban mehr Lösung bietet. Man muss gar nicht erst die gescheiterte Invasion der Sowjetunion oder den Untergang des britischen Kolonialheeres am Kheiber-Pass zu Hilfe nehmen, um zu erläutern, dass Afghanistan womöglich nicht zu erobern und zu befrieden ist, wie sich der Westen das gern wünscht.

Afghanistan ist der mit weitem Abstand weltgrößte Opium-Produzent. Der Ertrag aus den Mohnfeldern und ihre Weiterverarbeitung nährt nicht bloß tausende armer Bauern und ihre Familien. Er finanziert auch die Armeen der unterschiedlichen War Lords. Wer sich mit ihnen anlegt, riskiert einen Krieg mit so gut wie jedem, der irgendwelche Macht im Lande hat, und mit den Tausenden Soldaten, denen diese War Lords Lohn und Brot geben. Niemand hat ein Konzept, wie man dieses lukrative Geschäft unterbinden kann, an dem selbst Mitglieder der Familie von Präsident Karzai verdienen.

Kampf gegen die Zivilbevölkerung

Die Taliban, einst an der Macht und damals erfolgreich im Kampf gegen den Drogenanbau - fördern diesen jetzt in dem Bewusstsein, sich dafür Loyalität zu kaufen. Sie haben Rückhalt in den vor allem von Paschtunen bewohnten Teilen des Landes. Ihre Stärke beziehen sie nicht aus einer hochgerüsteten Armee. Sie sind Soldaten, wenn sie zum Angriff auf Nato-Truppen ansetzen. Und Bauern, wenn US-Einheiten oder britische Soldaten ihre Dörfer durchsuchen. Jeder Mann ein möglicher Taliban, jeder Taliban womöglich nur ein einfacher Bauer.

Damit wird jeder Krieg automatisch zu einem Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Wenn unschuldige Menschen sterben, untergräbt das die moralische Autorität eines jeden Angreifers. Großangriffe oder Bombenwerfen ist in einer solchen Situation "so nützlich wie Krebszellen mit einem Schneidbrenner auszurotten", wie der britische Militärhistoriker Sir Michael Howard das genannt hat. Der Konflikt ist mithin nicht mit militärischen Mitteln zu lösen. Und jede Eskalation macht es noch schwerer, eine Zivilgesellschaft in Afghanistan aufzubauen.

Militärischer Konflikt ist nicht von außen lösbar

Was das Land bräuchte, sind Hilfsorganisationen, die Straßen und Brücken bauen, Waisen ein Heim und Bauern einen Markt geben, auf dem sie ihre Ware verkaufen können. Auch dann ist Opium das einträglichere Geschäft. Aber in einem langen und womöglich langweiligen Prozess könnte es aufwärts gehen, wenn man die Machtverhältnisse im Lande akzeptiert, und damit die dezentrale Struktur der von mächtigen Clans und ihren Chefs beherrschten Regionen. Wenn man Orte schafft, an denen die unterschiedlichen Interessenkonflikte der diversen Volksgruppen und Clans friedlich ausgetragen werden können, ob in Parlamenten, Regionalversammlungen oder Ältestenräten.

Vielleicht hätte Afghanistan dann eine Chance - trotz aller Komplikationen, Rückschläge und Risiken, die unvermeidlich sein werden. Denn die Menschen im Land, die noch nicht geflohen sind, eint eine große Sehnsucht: die nach Ruhe und einem gewaltlosen Leben miteinander. Diese Sehnsucht war einmal so groß, dass sie sogar bereit waren, die Taliban als Ordnungstifter zu akzeptieren.

Jeder Versuch von draußen, zumal militärisch, den Konflikt zu entscheiden, ist zum Scheitern verurteilt. Und endet in einem Tornado - ob mit deutschen Aufklärungsflugzeugen oder ohne.

Von Hans-Hermann Klare
 
 
KOMMENTARE (10 von 24)
 
Rosenengel (08.02.2007, 18:04 Uhr)
@tagora - sagittara
Tienes razòn. Aber wir haben die Macht uns gegen selbstherrliche Beschlüsse "unserer Volksvertreter" (Ha,Ha,) zu wehren. Das mächtigste Mittel ist unsere Wählerstimme. Nicht Wählen ist das verkehrteste.
Dann gibt es noch den Beschwerdeausschuss im Bundestag. Ich habe das schon getan. Ohnmächtig zuzusehen bringt wirklich nichts. Wir dürfen nicht verzagen, wenn Deutschland auch von einer wahren Demokratie weit entfernt ist. Wir müssen auch das politisch unkorrekte (wer legt eigentlich fest, was politisch korrekt ist und was nicht? Wo wir doch ein verfassungsmässig garantiertes Recht auf Rede- und Meinungsfreiheit haben) sagen. Den Regierenden nach den Mund zu Reden oder zu deren Blödheiten zu schweigen, macht diese nur noch frecher und raffgieriger. Die sollten mal einen Monat von Hartz IV leben müssen, wie mein Vater, der sein Leben lang gearbeitet hatte und mit 42 Jahren plötzlich zu alt zum Arbeiten war.
Diese Politiker, gut versorgt und abgeschirmt von allen, die selbst mit 60 oder 70 Jahren noch nicht zu alt sind um ihre Politikerdiäten abzusahnen, die freuen sich natürlich über deine Zeilen.
dosenoeffner (08.02.2007, 15:33 Uhr)
Humanität als Selbstzweck?!
Wenn ich mir die Kommentare hier so durchlese, dann seh ich immer wieder, dass man aus Afghanistan einen modernen Rechtsstaat machen kann... Glaub ich eher nicht. Allein schon die große Rolle der Warlords, Stammeszugehörigkeiten, die traditionell schwache Zentralregierung und die Unkontrollierbarkeit des Landes machen eine Modernisierung im Kern unmöglich. Die Briten hams zwei Mal versucht, die Sowjets auch und nun müssen wir anscheinend ebenfalls die Unmöglichkeit des ganzen erfahren... Alles, was der Westen tun kann, ist, mit viel Mühe und Not eine Marionettenregierung aufrecht zu erhalten, die kaum den Bezirk um Kabul kontrolliert. Ziehen die Nato-Truppen ab, dann fällt die jetzige Regierung wie die des Herren Nadschibullah. "Auf dem Land" regieren sowieso weiterhin die Kriegsfürsten mit nahezu absolutistischer Selbstherrlichkeit... Und wenn wir auch noch hundert Jahre lang dort bleiben - ändern wird sich daran nix. Auch die Taliban wird man letztlich nicht niederkämpfen, sondern nur unterdrücken können. Das geht aber nur unter immer größer werdenden militärischen Aufwand... Irgendwann wird der Westen sich aus Afganistan zurückziehen, wie einst die Sowjets, weil das Unternehmen zu teuer und zu verlustreich wird. Was hats also gebracht? Wenn unsere liebe Regierung die Welt verbessern will, dann sollte sie lieber einmal bei uns daheim anfangen (2 Mio Kinder unterhalb der Armutsgrenze!) anstatt sich auf eine außenpolitische "Mission Impossible" einzulassen...
dosenoeffner (08.02.2007, 15:12 Uhr)
@desgottesgott
Hat schon seinen Grund, weshalb man Tornados und keine Drohnen schickt. Selbige sind zwar zur Aufklärung eher ungeeignet, aber sie haben den Vorteil, dass man mit ihnen Bomben schmeißen kann. Und auf das läufts letzlich hinaus: Früher oder später sollen die Tornados wohl auch Angriffe gegen vermeintliche "Talibanstellungen" fliegen...
tagora-sagittara (08.02.2007, 14:27 Uhr)
@Rosenengel
was Du schreibst ist absolut richtig und das gilt für viele Kommentare hier.
Aber was nützt uns, wenn "wir das Volk" uns pazifistisch heraushalten wollen.
Das sagen haben die, die sich anschließend elegant verpissen und sagen: Das hab ich nicht so gemeint!"
Wenn es für Sekunden "grellhell" wird, du willst die Faust in der Hose ballen und denkst "Sch..."
Nur wenige scheinen zu kapieren, daß wir auf solche Entscheidungen keinerlei Einfluss haben..und nie hatten, nicht heute und nicht vor hundert oder tausend Jahren.
Am Mittelalter hat sich nichts geändert, weil....wir im Mittelalter leben.
Schau Dich doch mal um,...siehst Du irgendwo Frieden und Gerechtigkeit??, nein,..wird Du auch nicht finden so lange Neid und Gier uns alle beherschen, wir unserem Nachbar nicht das Braune unterm Nagel gönnen und uns Dummgläubigkeit in die Kirchen treibt.
Rosenengel (08.02.2007, 13:57 Uhr)
Kriegseinsatz verstößt gegen Gesetze und Logik
Die Kriegseinsätze deutscher Soldaten, von "pazifistischen" Politikern zum ersten mal zugelassen, verstossen gegen das Grundgesetz, das einen Einsatz der Bundeswehr nur für den Verteidigungsfall Deutschlands zulässt.
Dann handelt es sich ausserdem bei all diesen Kriegen um reine Angriffskriege, egal welch hehre Begründung man dafür sucht. 1945 haben die Amerikaner hunderte Deutsche wegen der Vorbereitung und Durchführung eines Angriffskrieges zum Tode verurteilt und gehenkt.
Heute unterstützen und bezahlen deutsche Politiker die von den USA zur Erhaltung ihrer weltweiten Herrschaftsansprüche durchgeführten Kriege mit dem Blut deutscher Soldaten und Milliarden von Euro.
Es sind dies die gleichen Politiker, den den Deutschen Hartz IV verordnen und Steuererhöhungen bei gleichzeitiger Leistungskürzungen undemokratisch durchdrücken.
Das perverseste an der ganzen Sache ist, das die Soldaten von Politikern in Kriege geschickt werden, die dafür gesorgt haben, das deutsche Soldaten offiziell als Mörder bezeichnet werden dürfen. Mit höchstrichterlichem Beschluss sogar. Und das die Soldaten mit dem Mandat einer Weltorganisation (UNO) zum sterben abkommandiert werden, die noch immer an der Feindklausel, die besagt, das die besiegten Feindnationen des II. Weltkrieges (Japan, Deutschland), jederzeit ohne volage eines konkreten Anlasses angegriffen werden können, festhält.
Das die Angaben für diese Kriege scheinheilig sind, sieht man z.B. an Afghanistan, wo der Opiumanbau jetzt erst recht aufgeblüht ist.
Besser wäre es, die USA führten ihre Kreuzzüge allein durch und Deutschland leistet bedürftigen Ländern Hilfe zur Selbsthilfe.
Wenn es Deutsche gibt, die trotzdem meinen, am deutschen Wesen soll die Welt genesen, die sollen selber in die Kriege ziehen und nicht andere dorthin abkommandieren. Die USA suchen Rekruten und es gibt genügend bewaffnette Privatunternehmen in diesen Kriegen zu Diensten der USA.
tagora-sagittara (08.02.2007, 13:49 Uhr)
@verdad
Du wiederholst Dich!!
davon wird nicht besser, aber beim nächsten Mal vieleicht Deine Rechtschreibung!!
verdad (08.02.2007, 13:12 Uhr)
deutschland macht wieder krieg
stoppen wir die tornados wir müssen auf die strasse gehen demostrieren gegen diese verrückte regierung es kann nicht sein dass deutschland mit bush krieg macht ich als südamerikanerin finde das sehr falsch weitere unschuldige menschen umzubriengen welche land ist dann die nächste venezuela, kuba geht nur um öl und busch und seine reichen freunden deutschland wach auf !!! deutaschland geht unter
Nebu (08.02.2007, 12:13 Uhr)
Egal wie mans dreht ...
... keinem kann man es recht machen und jeder wird was dagegen haben.
Ich bin immer noch für den einfachen Grundsatz den man als Kind lernt: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füge keinem anderen zu."
Dieser scheint sich aber wohl nicht in dieser Welt verwirklichen zu lassen.
Meine Meinung dazu, bevor Deutschland die Verantwortung für andere übernimmt. Soll es erstmal seine eigenen Probleme in den Griff bekommen. Und davon gibt es genug.
Wenn ich mich recht entsinne, steht im Grundgesetz, das die Bundeswehr keine Angriffsarmee ist und nur für den Verteidigungsfall eingesetzt werden darf. Daher leitet sich auch der Begriff Bundeswehr ab.
Jeder weiss doch, das US of A die Taliban am Anfang unterstützt, ausgebildet und mit Waffen versorgt haben. Haben sich im Grunde das Problem selber geschaufelt und nun sollen andere dafür gerade stehen.
Selbe Prinzip wurde im Kosovo auch angeleiert. US of A macht den Anfang und alle anderen ziehen mit.
Ich kenn genug Leute die da unten waren und es sind auch deutsche Soldaten direkt an der Front und kämpfen Seite an Seite mit den Amis.
JosefG (08.02.2007, 11:04 Uhr)
@desgottesgott
Die Frage warum ausgerechnet Tornados konnte mir auch noch niemand beantworten. Bei 6 m Nass-Film pro Minute und einer Fluggeschwindigkeit von 500 km/h kommt man auf einen Masstab von 1:1000.
Da kann man mit etwas Vergrösserung ein 3 Meterloch im Dach erkennen. Auf keinen Fall aber ob hier 5 Bauern mit einer Harke auf dem Rücken rumlaufen oder 5 "Taliban" mit Raketenwerfern.
Mal abgesehen davon, dass die Entwicklung des Films (immerhin 150 m Film mit 50 cm Breite, das geht nicht im Badezimmer in der Seifenschale) und die Auswertung mehrere Stunden dauert. Ausserdem muss der Tornado ja erst mal landen. Bis dahin sind die "Taliban" längst weg.
tagora-sagittara (08.02.2007, 10:49 Uhr)
Deutsche Tornado`s, deutsche Soldaten
ist eigendlich kein Thema. Die deutsche Armee ist vom Grundgesetz her eine Verteidigungsarmee, Nato hin, Nato her. Unterstützen wir die Afgahnen mit Entwicklungsgelder, kaufen sie Waffen für die Taliban und bauen Bomben für uns und die Warlords lachen sich krumm über unsere Dummheit.
Nein, schlimmer noch, sie lassen Drogen anbauen und versorgen unsere Junkies um sich von dem Geld mit Waffen einzudecken.
Nein, helfen kann man den Afgahnen mit allen Maßnahmen die bekannt sind nicht.
Aber man kann sich aus den Konflikten raus halten und nur Humanhilfe zukommen lassen, die dem Volk zufließt und schon gar nicht in Geldform.
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