18. September 2007, 14:10 Uhr

Deutschland verschleudert die Talente

In Sachen Bildung muss Deutschland weiter nachsitzen. Das belegt der neue OECD-Bildungsbericht eindrucksvoll. Der Staat gibt verhältnismäßig wenig für die Schulung seiner Bürger aus, an Spitzenkräften fehlt es an allen Ecken und Enden - und ungerecht ist das System ohnehin. Von Catrin Boldebuck

Mathematik-Studenten in einem Hörsaal der Kölner Universität©

Bildung lohnt sich: Wer studiert, verdient mehr Geld und wird seltener arbeitslos - auch mit zunehmenden Alter. Das ist nicht neu. Aber es wurde heute vom neuen OECD-Bildungsbericht mit neuen Zahlen eindrucksvoll belegt.

Während die Zahl der Studenten weltweit steigt, geht sie in Deutschland zurück. Zu den angepeilten 40 Prozent pro Jahrgang fehlen in diesem Jahr 4,5 Prozent. Niedrigere Studienquoten finden sich nur noch in Belgien, Mexiko und der Türkei.

Bildung ist in Deutschland zunehmend Privatsache

Auch beim Geld geht die Schere auseinander: Die meisten OECD-Staaten geben für Bildung immer mehr aus, in Deutschland sinken die Investitionen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Dafür bezahlen die Deutschen besonders viel aus privater Tasche für Bildung im Kindergarten und in der Schule. Die Folgen sind fatal: Schon jetzt droht ein Mangel an Fachkräften. Vor allem Ingenieure fehlen. In Zukunft können noch nicht mal die ersetzt werden, die in Rente gehen. Dabei bräuchte Deutschland mehr Ingenieure, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. An dem Nachwuchsmangel werden die paar tausend Studienplätze mehr, die der Hochschulpakt jetzt verspricht, nicht so schnell etwas ändern.

Investiert in Grundschüler!

Deutschland verschleudert die Talente seiner Kinder. Nach wie vor wird zu viel Geld für Schüler in der Oberstufe am Gymnasium und zu wenig für Grundschüler ausgegeben. Anders herum wäre es sinnvoller. Viel zu früh wird sortiert: Bereits im Alter von zehn Jahren, wird über die schulische und damit die berufliche Laufbahn eines Kindes entschieden. Je gebildeter das Elternhaus, desto besser stehen die Chancen Abitur zu machen und auf die Uni zu gehen. Kinder aus Migranten-Familien haben dabei ganz schlechte Karten. Gerecht ist das nicht.

Auch das ist alles nicht neu. Aber grundsätzliche Reformen werden durch den Föderalismus behindert. Im Herbst werden mit IGLU und Pisa zwei weitere internationale Bildungsstudien veröffentlich. Dann wird es leider wieder heißen: Deutschland macht seine Hausaufgaben nicht.

Von Catrin Boldebuck
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
Conaoglu (18.09.2007, 19:19 Uhr)
@shine
gymi und real!..kann ich schon da ich aber mit 10 Fingersystem schreibe und darin recht flott bin hatte ich keine lust noch das ganze auszubessern...ich meine ich versteht was gemeint isch...!
shine (18.09.2007, 18:43 Uhr)
@canaoglu
> Denn Message dieser Aussager kann
> sich jeder selbst machen!
Du warst auf dem Gymnasium oder Realschule?? Und wie kannst Du noch immer kein richtiges Deutsch??
slap882 (18.09.2007, 18:38 Uhr)
Nicht der Föderalismus ist schuld....
Hallo,
es ist nicht "der Föderalismus" sondern es sind die Bildungspolitiker und -beamten, die lieber ihre eigenen Sprengel gegen "Machtverlust" verteidigen, als endlich unser marodes Bildunsgsystem zu renovieren.
Es gibt keine Erhebung über die Produktivität der eingesetzten Mittel, es gibt keine Reformen die diesen Namen verdienen und diesen elend dummen Ideologie-Streit. Das alles auf dem Rücken unserer Kinder under auch der Eltern, die die systemischen Defizite finanziell und bildungsmäßig auszugleichen haben.
Und "natürlich" kann man die Verhältnisse anderer Länder nicht auf Deutschland übertragen. Polen hat sehr eindrucksvoll bewiesen, dass das sehr wohl geht.
Auch hier scheint es wichtiger zu sein, unser wilhelminisches Erbe zu wahren als endlich etwas Gescheites zu tun.
Schade aber auch, insbesondere weil in Indien und China jedes Jahr 400.000 gut ausgebildete Ingenieure und Naturwissenschaftler die Universitäten verlassen.
Viele Grüße
Sven Dirks, z.Zt. Wien
PaulPilarus (18.09.2007, 18:25 Uhr)
Bildung ist ein gutes Investment
In einer Gesellschaft bei der sich immer alles um Rendite dreht, folgender Aspekt zum Thema Bildung und Ausbildung:
Keine Frage, die Bildung fängt in der Grundschule an und sollte sorgfältig und von großer Qualität sein. Ich bin noch in der Generation aufgewachsen die eine gute Bildung in der Volksschule erhielt. Damals sagte man, gar nicht ironisch: Der liebe Gott und der Volksschullehrer wissen alles.
Nun, da ich selbst im Lehr und Forschungsbetrieb einer Hochschule tätig bin, kann ich hierzu etwas Fundierteres sagen: Die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses wie Studenten, Diplomanden und Doktoranden wird sträflich vernachlässigt. Sie werden häufig noch nicht einmal mit einem kleinen Stipendium versorgt. In der Regel sind das Jahresbeträge von knapp 10 000 Euro (Studenten) bis 20 000 Euro (Doktoranden). Da zum Beispiel bei Doktoranden die Arbeit in der Regel drei Jahre dauert, ergibt das eine Investition von 60 000 Euro, die ein Bundesland oder der Bund aufbringen müsste. Die meisten der fertigen Doktoranden sind danach in einem gut bezahlten Beruf, häufig mit dem doppelten oder drreifachen Einkommen, beschäftigt. Man kann sich vorstellen, dass davon der Staat mindestens 20% pro Jahr wieder über die Steuern zurückbekommt (19% Mehrwertsteuer, Lohnsteuer, Benzinsteuer etc.). Also warum nicht mutig in die Bildung und Ausbildung investieren, das Geld bekommt der Staat aber auch die gesamte Gesellschaft eh sehr schnell mit einer guten Rendite zurück.
Die sächsische Landesbank hat ja gezeigt, wohin Investitionen in windige Spekulationsobjekte führen.
Schinderhannes (18.09.2007, 18:18 Uhr)
Genug Ingenieure........
Diese Mär vom Fachkräftemangel....
Nur zur Schaffung eines Überangebotes auf dem Arbeitsmarkt, um Löhne zu drücken.
Hat bei den Facharbeitern bereits gut funktioniert. Nun sind halt die Akademiker dran....
Malt (18.09.2007, 17:42 Uhr)
Ich muss sagen...
...gwittmann spricht mir aus der Seele. Es ist hierzulande leider so, dass ein "Eintrittskartendenken" vorherrscht, auch oder gerade bei der schulischen Laufbahn. wenn ich z.B. meinen Werdegang rückblickend betrachte, muss ich sagen, dass mir z.B. die "Naturwissenschaftlichen Fächer" (Chemie, Physik)immer ein Greul waren, weil es sich dabei um Materie handelt, mit der ich absolut nichts anzufangen wusste oder wollte. Dafür war ich in sprachlichen und wirtschaftlichen Fächern immer vorne mit dabei. Hat mir aber leider auf dem Gymnasium wenig gebracht, da hier der sog. "Notenausgleich" leider nach puren Zahlen und nicht nach der tendenziellen Neigung des Schülers statt findet. Nach meinem Wechsel auf die Realschule habe ich mienen abschluss quasi nebenbei gemacht und arbeite jetzt, nach einer kaufmännischen Ausbildung, bereits über 10 Jahre mehr als erfolgreich in meinem Bereich und gehöre mit meiner Leistung zur Spitze meines Unternehmens. Diese Möglichkeit verdanke ich nur aufgrund meines Kommunikationstaletes und meinem Chef, der selbst einen ähnlichen Werdegang hinter sich hatte und so um den Wert persönlicher Eignung weiß.
Wenn man sich mal die werdegänge großer deutscher Manager zu Gemüte führt, fällt auf, dass sich von denen recht viele hochgearbeitet haben. Komisch nur, dass es jetzt anscheined schon zur Voraussetzung gehört, studiert zu haben, um überhaupt eine Chance auf ein Vorstellungsgespäch um einen Posten im mittleren Management zu bekommen.
In zeiten, in denen alles immer spezieller und fachgerichteter wird, sollte, meiner Meinung nach, auch mehr auf die Individuellen Fähigkeiten der Schüler eingegangen werden. Benotung nach Schema F wird den heutigen anforderungen in der realität schon lange nicht mehr gerecht.
Conaoglu (18.09.2007, 17:06 Uhr)
Um hier auch mein Senf dazu zugeben...
...ich bin ein 21jähriger Türke, reiste 94 (war da 8 oder so) nach Deutschland ein. Wurde nach der 4. Klasse schnell in die Hauptschule gesteckt. Obwohl mein Zeugnis einen Durchschnitt von 1,4 zeigte, durfte ich die Realschule nicht besuchen. Ja, egal nach der Hauptschule holte ich in zwei Jahren die Mittlere Reife und kam dank meine Noten auf das das Gymnasium, schloss dieses Jahr mein ABI ab und werde im Oktober mein Studium in Medizintechnik anfangen. Zur Info: Meine Mutter ist Analphabet und mein Dad Busfahrer, ich hab alles alleine geschafft und es war wirklich nicht leicht! Denn Message dieser Aussager kann sich jeder selbst machen!
gwittmann (18.09.2007, 17:04 Uhr)
Äpfel und Birnen
Mir fällt nur immer wieder auf, dass die USA so gelobt wird mit ihrer Anzahl an Studenten. Aber ist es nicht so, dass dort etwas als Studium gewertet wird was bei uns ein ganz normaler Ausbildungsberuf ist? Meines Wissens schon.
Außerdem, wenn ich die Karriere meines Vaters ansehe, der sich als Hauptschulabsolvent zum Geschäftsführer hochgearbeitet hatte. Solche Karrieren scheitern heute schon bei den übertriebenen Anforderungen der Firmen heutzutage an die Bewerber. Und diese hochqualifizierten Arbeiter langweilen sich dann fürchterlich da nur ein Bruchteil des Erlernten und Geforderten abgerufen wird.
CheSmittyVara (18.09.2007, 16:39 Uhr)
ora et labora
"bete und arbeite": arbeite, um zu überleben aber vor allem, bete, dass du Arbeit bekommst. Bei den derzeitigen Lohnnebenkosten wird so weit als möglich auf Zeitarbeitsverträge gesetzt, auch bei Akademikern. Wenn man aber mit einer Menge Schulden sein Studium beendet, ist man auf Geldverdienen angewiesen. Die verkrusteten Strukturen in Deutschland lassen aber ein häufiges Wechseln der Antellung gar nicht zu und eine Kündigung oder das Ende einer Anstellung bei einem Zeitvertrag wird hierzulande als Scheitern angesehen.
Es erscheint daher oft einfacher, und auch vernünftiger, sich gleich nach der Schule ans Geldverdienen zu machen. Als einzige Alternative bleibt dann noch die Chance Berufspolitiker zu werden: toller Verdienst, beste Absicherung im Alter und Leistung wird auch kaum verlangt, nur Beziehungen und die Fähigkeit den richtigen Leuten sonst wohin zu kriechen.
First_Lady (18.09.2007, 16:34 Uhr)
Ein Hoch auf das amerikanische Schulsystem
(@stuggiman)
Stuggimans Meinung schließe ich mich an - und ich weiß, wovon ich spreche, denn mein Sohn besucht eine amerikanische Grundschule in den USA. Wir als Eltern sind immer wieder begeistert von der sehr hohen Qualität des Unterrichts. Die Lehrer sind hier sehr motiviert und den kindern sehr zugetan - dabei verdienen LEhrer in den USA nicht annähernd so viel wie in Deutschland. Ja, und verbeamtet sind sie auch nicht- Lehrer können hier ihren Job verlieren wie jeder andere Arbeitnehmer auch. Da ist kein juristischer Rückhalt für die Faulenzer-und Burnout-Mentalität der Lehrkräfte aus Deutschland. Und das merkt man!
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