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29. September 2008, 17:32 Uhr

Die bayerische Blindenkomödie

Die CSU hat beraten. Und jetzt soll erstmal alles so weitergehen wie bisher? Nach dem Wahldesaster am Sonntag gibt es Schuldige: vor allem Erwin Huber und Christine Haderthauer. Sie müssen zurücktreten, um einen Neuanfang möglich zu machen. Und zwar schleunigst. Von Sebastian Christ

Messerwetzen von Aschaffenburg bis Garmisch: Parteivorsitzender Huber und Ministerpräsident Beckstein© Joerg Koch/ddp

War es Realitätsverweigerung? Oder politische Ohnmacht? Die Nachricht des Tages ist: Erwin Huber tritt nicht zurück. Und auch Christine Haderthauer nicht. Und Günther Beckstein erst recht nicht. Das CSU-Trio bleibt geschlossen im Amt, obwohl es die Partei in ihre schlimmste Krise seit über 50 Jahren getrieben hat.

Um gleich dem Vorwurf zuvorzukommen: Hier geht es nicht um Bauernopfer. Es geht nicht darum, dass irgendjemand gehen muss, damit der pauschale Ruf nach Konsequenzen befriedigt ist. Denn was gestern passiert ist, war eine Niederlage von historischen Ausmaßen, und es geht darum, eine vernünftige Basis für einen Neuanfang zu schaffen. Der Vertrauensverlust der CSU ist enorm. Eine Entwicklung, die übrigens schon länger als fünf Jahre anhält: Rechnet man nur die absolute Zahl der abgegebenen CSU-Stimmen, war 2003 aufgrund der niedrigen Wahlbeteiligung - trotz Zweidrittelmehrheit - das Jahr der Stagnation. 2008 ist das Jahr des politischen Untergangs. Edmund Stoiber sagt über den gestrigen Wahlabend: "Das war keine Watschn oder ein Denkzettel, sondern eine Zäsur in der Geschichte der CSU." Recht hat er. Nur scheint das im Franz-Josef-Strauß-Haus noch nicht angekommen zu sein.

Beckstein unfreiwillig wahrhaftig

Jetzt will die CSU-Führung also erst einmal eine "schmerzhafte Analyse" betreiben, an deren Ende personelle Konsequenzen nicht ausgeschlossen sind. Und wer leitet diese Analyse? Richtig. Diejenigen, die bisher schon mit allen Einschätzungen daneben gelegen haben. Es hatte unfreiwillig wahrhaftige Züge, wie sich Günther Beckstein am Wahlabend hinstellte und sagte, dass ihn diese Niederlage nach 250 Wahlkampfterminen völlig unvorbereitet getroffen habe. Es zeigt, dass die CSU-Spitze den Kontakt zur Bevölkerung verloren hat, und damit auch die christsoziale Urtugend, dem "Volk aufs Maul" schauen zu können.

Unbegreiflich ist auch, wie Huber die quälende Personaldiskussion innerhalb der Partei bis zum Sonderparteitag Ende Oktober deckeln will. Bereits am Wahlabend riefen die Vorsitzenden von Junge Union und RCDS nach Konsequenzen, ebenso wie einige Landtagsabgeordnete. Insgesamt haben über 30 CSU-Abgeordnete ihr Mandat verloren, in einer Koalition wird es zudem noch einige CSU-Ministerposten weniger zu verteilen geben. In einer Stadt wie Bad Tölz hat die CSU über 25 Prozentpunkte an Stimmen eingebüßt. Und man kann das Wetzen der Messer auf den Schleifsteinen von Aschaffenburg bis Garmisch laut und deutlich vernehmen.

Time to say goodbye

Günther Beckstein ist verantwortlich für die Wahlniederlage, weil er als Mitglied des alten Stoiber-Kabinetts jene Fehlentscheidungen mitzuverantworten hat, die bei Selbständigen, Eltern, Landwirten und anderen Wählergruppen zu empfindlichen Einbußen geführt haben. Wenn er in das Reich der Sehenden zurückkehrte, wäre mit ihm jedoch noch am ehesten ein Neustart zu machen - weil er im Volk als einziger Spitzen-CSU-Politiker trotz aller Fehler noch Vertrauen genießt.

Erwin Huber ist verantwortlich, weil die CSU unter ihm zu einer Partei der labernden Klassenstreber verkommen ist. Nah am Menschen geht anders. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, das Image der CSU zu ruinieren. Und aus demselben Grund ist auch Christine Haderthauer verantwortlich: Sie entspricht, obwohl Seiteneinsteigerin, dem Typ des glatten, erdenthobenen Nachwuchspolitikers innerhalb der CSU. Der Slogan "Sommern, Sonne, CSU" - einer der peinlichsten Einfälle aus der Haderthauer-Ideenschmiede - ist da nur bezeichnend. Nie hat es eine Landespolitikerin geschafft, eine Scheißegalmentalität gegenüber den Sorgen der Menschen zielgenauer auf den Punkt zu bringen.

Frau Haderthauer, Herr Huber: Es ist Zeit zu gehen. Sonst ist morgen die christsoziale Zukunft futsch.

Von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
csyas (29.09.2008, 22:04 Uhr)
@Metaphysik...
...Raucher gehören auch vor die Tür, da mit ihrem Verhalten einfach andere geschädigt werden! Trinken Sie doch Alkohol oder spritzen Sie sich Heroin - mir ist dies solange egal, wie Ihr Verhalten nicht fremdschädigend wirkt... Gruß
Reality (29.09.2008, 21:22 Uhr)
Diese Bayern Wahl wird auch noch Nachwirkungen bei der Bundestagswahl haben.
Auch wenn unsere Kriegskanzler-in so tut als sei dies alles nicht so schlimm.
Sie wird eines Besseren belehrt werden.
Das Volk hat nämlich genug von dieser Angsthetzerei und der damit verbunden Einschränkungen der Freiheitsrechte, von den Beteiligungen an Angriffskriegen, von dem Geldverschwendungen die in den Ladescansinobanken von statten gehen auf kosten des Steuerzahlers.
Von der unsozialen Härte denen viele Menschen in diesem Land ausgeliefert sind.
Warten wir´s ab.
Es wird ein eisiger Wind wehen vor der Bundestagswahl und diejenigen die da alles noch so hochnäsig abtun, die müssen sich wohl warm anziehen.
Ich meine ähnliche Verluste für die Regierungparteien wie in Bayern für die CSU, sind im Bund für SPD, CDU/CSU ohne weiteres auch drin.
Außer es geschieht ein Wunder.
Doch diese werden selbst von der Amtskirche heutzutage auch nicht mehr so ohne weiteres als Real angesehen.
Metaphysik (29.09.2008, 20:56 Uhr)
Nichtrauchergesetz abschaffen = + 10%
Können Poliiker denn so verbohrt sein? Für den Winter empfehle ic Gastwirten Jacken an die Raucher zu verteilen mit der Aufschrift "Danke CSU" auf dem Rücken. Soll doch deutlich werden, wer die Raucher wie Hunde vor die Tür schickt ..
Mickell (29.09.2008, 20:42 Uhr)
Sebastian Christ
Glückwunsch zu Ihren -auch in der Wortwahl- treffenden Artikel!
tagora-sagittara (29.09.2008, 20:38 Uhr)
Es riecht,...
immer noch nach PATTEX!!
Schlammschwimmer (29.09.2008, 19:23 Uhr)
Wie bitte?
Dass Huber sich selbst am nächsten und schon gar nicht nah am Menschen gesiedelt hat, müssen wir doch nicht erst seit dem LWS Desaster feststellen. Er war doch derjenige, der auf die Frage, warum denn nun nicht die Ökosteuer auf's Benzin nicht abgeschafft würde, vorgerechnet hat, dass damit 11 Mill. im Staatshaushalt fehlen. Und dann mit der versuchten Wiedereinführung der Pendlerpauschale Krokodilstränen vergiessen. Wenn dieser Mensch auch nur einen Funken Anstand und auch das Bewusstsein hätte, dass er ein Amt bekleidet in das ihm das Volk gewählt hat, hätte er noch am Wahlabend seinen Rücktritt eingereicht. Dass Lügner wie er immer noch 43% Zustimmung erhalten haben, ist ohnehin eine mittlere Katastrophe.
Gerdd (29.09.2008, 19:19 Uhr)
Nur keine Halbheiten!
Streng genommen müßte der Rat an die CSU lauten: Am Besten geht Ihr jetzt mal fünf Jahre in die Opposition und laßt Euch runderneuern. Aber die Regenbogenkoalition, die dann übernehmen müßte wäre vermutlich auch nicht wirklich handlungsfähig. Also: Es ist ein dreckiger Job, aber irgendwer muß ihn ja machen. Ärmel hoch und 'ran - aber bitte mit einer völlig neuen Einstellung: Demut!
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