. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
17. Februar 2008, 12:30 Uhr

Die Politik war Zumwinkels Komplize

Die harsche Empörung der Politik über den Fall des möglichen Steuerhinterziehers Klaus Zumwinkel ist scheinheilig. Sie trägt Mitverantwortung dafür, dass die unheilige Allianz zwischen Politik und Wirtschaft überhaupt möglich geworden ist. Dass Selbstbedienung und Versagen der Manager oft ohne Konsequenzen bleiben. Von Hans Peter Schütz

Als Zumwinkel seine Aktien zum Höchstkurs verkaufte, schwieg die Kanzlerin© Johannes Eisele/DDP

Der tiefe Fall des Klaus Zumwinkel ist inzwischen in fast allen Details untersucht, gewichtet und erklärt worden. Wie kann ein Mann, der angeblich seine Privatbriefe nicht aus der Postportokasse, sondern aus der eigenen Tasche bezahlt hat, der Multimillionär quasi von Geburt war und jährlich drei bis fünf Millionen Euro kassierte und der zuweilen aus der Papst-Enzyklika über die Verantwortung für kleine Leute zitiert hat, wie konnte dieser Mann Steuerhinterziehung im großen Stil für sich als angemessen halten? Selbst Psychoanalytiker wurden zur Deutung des asozialen Abzockers in Klaus Zumwinkels Seele vergeblich bemüht. Es sei denn man akzeptiert die hilflose Erklärung, in uns allen stecke irgendwo ein Stück Steuerhinterzieher.

Wo war der Kommentar der Kanzlerin?

Ausgeklammert blieb allerdings weitgehend eine Frage: Welche Verantwortung trägt eigentlich die Politik als Türöffner für Karrieristen dieses Typus des Selbstbedieners, vor allem in Staatskonzernen? Und: Gibt es nicht einen engen Zusammenhang zwischen wachsender Politikverdrossenheit, die immer mehr Menschen der Wahlkabine fern bleiben lässt, und einer Wirtschaftsverdrossenheit? Man fragt sich beispielsweise, wo der Kommentar der Kanzlerin geblieben, wo die Empörung der SPD-Führung sich versteckte, als eben dieser Zumwinkel nach dem Deal mit dem Post-Mindestlohn, als der Börsenkurs der Post kulminierte, ruckzuck und schamlos Kasse machte und Postaktien verkaufte mit einem Millionenprofit. Eigentlich ganz einfach: Die Politik war eben Komplize des feinen Herrn Zumwinkel. Er hat zusammen mit Franz Müntefering und mit der Zustimmung Angela Merkels den Weg zu einer Lösung geebnet, die von der Politik in der Großen Koalition verabredet worden war, obwohl sie den Verlust von vielen Arbeitsplätzen bedeutete.

Charakterschwäche gehört dazu

Charakterschwäche dieser Machart ist freilich kein Einzelfall. Sie gehört seit Jahrzehnten zur bilateralen Beziehung zwischen Politik und Wirtschaft, Steuerhinterziehung inklusive. Es sei an die Flick-Affäre erinnert, bei der Parteien und Wirtschaftsbosse Spenden- und Steuerbetrug im großen Stil betrieben. Richtig ehrenrührig war das in den Augen der Politik offenbar nicht. Wie sonst hätte ein Otto Graf Lambsdorff trotz einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung später FDP-Vorsitzender und FDP-Ehrenvorsitzender werden können? So gesehen steckt in der Empörung der Parteien über Zumwinkel ein gutes Stück Pharisäertum. Wasser predigen, Wein saufen.

Das sei alles lange her? Nun denn, dann kann an die Firma Siemens erinnert werden. Deren Chef von Pierer war ein von der Politik noch hoch geachteter Mann, als die Schmiergeldaffäre längst große Wellen schlug. War das ein Grund unserer Bundesminister den Siemens-Chef nicht länger in ihren Maschinen mitfliegen zu lassen, mit denen sie auf Staatsbesuch einschwebten? Natürlich nicht. Die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft sind eng, viel enger als es im Interesse der Volkswirtschaft sein müsste. Aber man attackiert natürlich nicht gerne die Kühe, die sich im Interesse der Parteikasse willig und großzügig melken lassen. Man profitiert wechselseitig voneinander. Gerhard Schröder hat Zumwinkel die Übernahme der Postbank ermöglicht, bei der Bahn wurden der Politik immer wieder schöne Posten für abgeschobene Politiker zugeschanzt. Da mag man die Managerelite nur ungern an den Pranger stellen. Das System funktioniert schließlich wie geschmiert.

Unheilige Allianzen

Diese unheiligen Allianzen setzen sich an anderer Stelle fort. Was geschieht eigentlich bei den diversen Landesbanken, deren Manager Milliarden Verluste durch hochspekulative Geschäfte eingefahren haben, etwa bei der WestLB, der Bayerischen Landesbank oder der Sächsischen Landesbank. Überall sitzen hier hochrangige Politiker in den Aufsichtsgremien. Schlafen jedoch den Schlaf der vermeintlich Gerechten, beteiligen sich wie Bayerns Finanzminister Erwin Huber an der Verschleierung der Kreditrisiken, weil es den Wahlkampf stören könnte. In diesen Banken, deren Geschäfte sich zum Wohle ihres Bundeslandes auswirken sollten, mischen Manager global in Geldgeschäften mit, bei denen man nicht sicher sein kann, ob die Herren überhaupt wissen, was sie tun. Es ist ja keine Seltenheit, dass in diesen Landesbanken ebenfalls abgeschobene Landespolitiker mit sechsstelligen Einkommen im oberen Bereich versorgt werden, die es als Banker zu kaum mehr als der Leitung einer Nebenstelle der Kreissparkasse gebracht hätten. Und wo blieb eigentlich die Kontrolle der Bankenaufsicht in all diesen Fällen? Es ist kein Geheimnis, dass die zuständige "Bafin" in diesem Bereich viel nachsichtiger ist als bei Privatbanken. Die Aufsichtsräte in den Landesbanken sind durch ein dichtes Geflecht politischer Beziehungen oder politischer Ämter geschützt. Geht es schief, setzt es moralische Empörung, die Verantwortlichen dürfen bleiben, die Steuerzahler zahlen ja für die roten Zahlen.

Ordentliche Kaufmannschaft sieht anders aus, wenn die Politik mitmischt. Deshalb sollten sich die Politiker mit ihrem Urteil über Zumwinkel zurückhalten. Sie müssen sonst daran erinnert werden, dass die staatseigene Kreditanstalt für Wideraufbau (KfW) mitbeteiligt ist daran, dass der Not leidenden Düsseldorfer Bank IKB jetzt Milliarden zugeschossen werden müssen. Wiederum Geld der Steuerzahler.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 22)
 
nightmare_online (18.02.2008, 10:05 Uhr)
was solls
Diese Leute werden - wie immer - mit Rückzahlung der hinterzogenen Beträge + einer Geldstrafe davonkommen.
Apropos Strafe: Liegt die eigentlich üblicherweise höher als die durch die Verzinsung des hinterzogenen Geldes erhaltenen Einnahmen?
Und Herr Zumwinckel hat demnächst reele Chancen auf den FDP-Ehrenvorsitz.
bernie-abg (17.02.2008, 22:18 Uhr)
@chatman53 ...
...Ich entschuldige mich, Sie haben natürlich recht!
chatman53 (17.02.2008, 16:23 Uhr)
Richtigstellung
bernie-abg schreibt am 17.2.2008, 12:57 Uhr
Ich bin ja nicht oft mit Herr Schütz einer Meinung, aber hier hat er zum großen Teil recht. Allerdings haben sich ja nicht nur die ehemaligen Beamten, die jetzt Banker spielen,...
_________________________________
Wäre schon sehr schön, wenn hier nicht Äpfel mit Birnen verwechselt würden:
In den ihrer Aufsichtspflicht immer wieder nicht nachkommenden Aufsichtsgremien der Banken sitzen in der Regel abgehalfterte P O L I T I K E R !!!!
Das sind keine Beamte!! Wir müssen eh schon für zu viele Dinge den Kopf hinhalten, für die wir absolut nicht können. Also lasst uns an diesen Desastern diesmal fairerweise nicht die Schuldigen sein.
Dewerth (17.02.2008, 15:34 Uhr)
Sehr guter Kommentar...
...Herr Schütz.
Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.
taucher1102 (17.02.2008, 14:57 Uhr)
@FlyingDutchman Ganz klar
Die Relation zwischen beiden dürfte Ihnen dann wohl entgangen sein...
taucher1102 (17.02.2008, 14:56 Uhr)
Dieses Theater
ist DDR II. Mal sehen wann die ersten Intershops Forumchecks in die frei konvertierbare Währung Yen(richt geschriebn?) ausgeben. :-)
Schäuble=Stasi
Berliner Regierungsviertel=Wandlitz
Hurra es lebe die deutsche Nation!
Am 24 ist Wahl in HH, ich wähle links. Dann gehts mit dem Staat evt. noch ein wenig schneller den Berg hinab und wir haben das Elend schneller hinter uns.
WIr konnen uns ja dann mit Polen wiedervereinigen....
FlyingDutchman (17.02.2008, 14:55 Uhr)
@ganzbaf
zur Erinnerung. Vor rund 5 Jahren hat Gysi munter seine beruflich erworbenen Meilen privat verwendet.
lambskohl (17.02.2008, 14:47 Uhr)
Sehr gute Analyse!
Diese absolut zutreffende Analyse wird immer noch von Ehrenwörtern zwischen höchsten Politikern und steuersparenden (aber Parteispenden zahlenden). Unternehmen überschattet. Die Herren Lambsdorff und Kohl waren und sind immer noch Dünger für asoziale Praktiken zwischen Politik und Konzernen.
Das Vorgehen des BND muss meines Erachtens vom Bundeskanzleramt abgesegnet worden sein. Kohl hätte das nie durchgewunken. Merkel hat bei ihrem letzten Auftritt vor den Unternehmern mit außergewöhnlicher Schärfe asoziales Verhalten angeprangert. Die hätten es damals merken können, dass ab sofort eine neue Zeit-Rechnung beginnt. Insofern bin ich voller Hoffnung auf eine gerechtere Zeit. Niemand braucht Erb-Millionäre wie Zumwinkel etc. - sie dürfen gerne auswandern. Die Zeit der Führer ist vorbei. Wir alle sind klüger als wir denken. Das merkt man vor allem, wenn man Politikern oder CEOs sehr nahe kommt.
Daten auf CDs, Computerspionage - wie effizient doch solche Mittel sind. Wer hätte gedacht, dass Herr Schäuble damit zunächst die Superreichen trifft.
sozialgewissen (17.02.2008, 14:42 Uhr)
90.000 Euro Ruhegeld pro Monat
von der Postbank sind Herrn Zumwinkel jedoch sicher - gleichgültig wie hoch die Steuerhinterziehung sein wird.
Es wird Zeit, dass der Wähler diesen Kapitalismus abwählt.
iovialis (17.02.2008, 14:28 Uhr)
Nicht die Politik, sondern das Volk
Wer meint, daß die Politik der Komplize war, übersieht, daß das Volk die Politiker gewählt hat. Somit ist jeder Einzelne Komplize dieser Machenschaften. Wer "unschuldig" sein möchte, kann das System verantwortlich machen, doch dann ist jeder Einzelne aufgefordert, Alternativen zu bieten.
Da kann "ganzbaf" lange nach "direkter Demokratie" rufen und wäre wahrscheinlich unglücklich, wenn's darunter genauso wenig funktionieren würde, da die Mehrheit eben doch nicht immer recht hat. Und die Linkspartei hat durch dieses Thema den Vorteil, von den "undemokratischen Äußerungen" abzulenken, die verraten, wohin ihre "Reise" gehen soll: einer Neuauflage der DDR...
Wenn Geld in einer Gesellschaft einen so hohen Stellenwert hat, daß sich Menschen über die verfügbare Geldsumme definieren, wäre die logische Konsequenz, Geld einfach abzuschaffen. Das klappt aber auch nicht, denn dann würde die Maßlosigkeit auf andere Güter schwappen. Wenn's ohne Geld nicht geht, muß ein Weg gefunden werden, wie's mit Geld klappt.
Es liegt weder an den Wirtschaftsbossen, den Politikern oder sonstigen Einzelpersonen, sondern am System. Das Problem ist nicht neu, sondern über Jahrhunderte gewachsen - und das Volk (die Gesamtheit der Einzelnen) macht das System.
MEHR ZUM ARTIKEL
Liechtensteinische Landesbank Drei Festnahmen im LLB-Erpressungsfall

Im Zusammenhang mit der Erpressung der Liechtensteinische Landesbank hat die Polizei drei weitere Verdächtige festgenommen. Die Ermittler werfen den mutmaßlichen Erpressern vor, Geld in Millionenhöhe für Tausende Kontodaten genommen zu haben. Ein direkter Zusammenhang mit dem Fall Zumwinkel bestehe aber nicht. mehr...

Steuerhinterziehung "Das sind doch kleine Fische"

Was kann einen Millionär dazu bewegen, Steuern zu hinterziehen? Geld genug hat er doch so oder so. Reichtumsforscher Hans-Jürgen Krysmanski spricht im stern.de-Interview über die Gier-Gesellschaft, Superreiche und Top-Manager, die trotzdem kleine Fische sind. mehr...

Steuerskandal Bedrohung für Staat und Gesellschaft

Führende Vertreter aus Politik und Gesellschaft haben angesichts des Falls Zumwinkel das Verhalten von Managern als Gefahr für das Gemeinwesen bezeichnet. Hunderten von Durchsuchungsbeschlüssen werden in den nächsten Tagen vollstreckt, damit steht das Gemeinwesen vor einer Zerreißprobe mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe