12. Juni 2007, 16:00 Uhr

Die SPD darf nicht aussterben!

Die Union klaut ihr das Programm, die Mitglieder desertieren zum linken Lokalrivalen, die Umfragen sind mies, und der Chef irrlichtert. Dennoch sind schadenfrohe Trauerreden über das Ende der SPD fehl am Platze: Dieses Land braucht die SPD. Sie ist die Partei der Arbeit. Sie darf nicht aussterben. Von Florian Güßgen

Na sicher: Vielen in der SPD ist etwas die Orientierung verloren gegangen. Aber Parteichef Kurt Beck (l.) tut gut daran, auf den Begriff der "guten Arbeit" zu setzen©

Nichts ist derzeit einfacher, als die SPD runter zu schreiben. Die Partei steckt in einer Existenzkrise. Schwer wiegt, dass die ideologisch entkrampfte Union den Sozialdemokraten - Stichwort Familienpolitik - Themen klaut. Schwer wiegt, dass die Sozialdemokraten personell so ausgeblutet sind, dass sie auf Gedeih und Verderb an ungelenken Spitzenleuten wie Kurt Beck hängen, die sich in Sachen PR so ungemein schwer tun gegen die Heiligendamm-Strahlefrau Merkel. Schwer wiegt, dass die Sozialdemokraten, trotz aller gegenläufigen Rhetorik, in die Disziplin einer großen Koalition eingepfercht sind. Aber am schwersten, tonnenschwer, wiegt, dass sich die Partei mitten in einem Spaltungsprozess befindet.

Die Linkspartei, Fleisch vom Fleische der Sozialdemokratie, ist scheinbar zur echten Alternative innerhalb des sozialdemokratischen Universums geworden: Die Linkspartei als die bessere Partei für Sozialdemokraten! Das alles peinigt, zersetzt, quält die SPD. Das Ergebnis der Misere sind vernichtende Kritiken, Austritte, miserable Umfrageergebnisse.

Schröder lag richtig

Alles richtig, alles wahr. Aber trotz all der berechtigten Kritik sind hämische Grabreden verfrüht. Denn die SPD hat im sich neu formierenden Parteienspektrum dieser Republik ihren Platz, ihre Aufgabe, auch als Volkspartei. Sie kann sich als glaubwürdige Partei der Arbeit profilieren, als Partei, die jenseits des wohlfeinen Linkspopulismus Vollbeschäftigung zu akzeptablen, menschenwürdigen Bedingungen als Utopie anstrebt. Die SPD ist die einzige Partei, die es vermag, zwischen den Reformbedürfnissen eines globalisierten Europas und den Verteilungs- und Gerechtigkeitswünschen der traditionellen Arbeiter-, Angestellten- und Arbeitslosenklientel zu vermitteln. Dafür muss sie nur aus dem Grab herausklettern, das sie sich selbst geschaufelt hat.

Dabei war Gerhard Schröder, derjenige, der am meisten gebuddelt hat. Zwar hat er eine richtige, eine moderne Politik verfolgt. Die sozialpolitische Kehrtwende war notwendig. Die Sozialstaatsvorstellungen der sechziger, siebziger und frühen achtziger Jahre, konnte und kann sich diese Gesellschaft nicht mehr leisten. Aber er hat sie falsch verkauft. Schröder hat die Modernisierung des Landes - auch in der eigenen Partei - erzwungen, bisweilen mit Erpressung, immer mit Brachialgewalt. Das war der entscheidende Fehler, der die Lücke für die Linkspartei geöffnet hat: Mit seiner Hauruck-Politik hat Schröder seine Leute abgehängt, die mittleren und unteren Kader der SPD - und vor allem die klassische Klientel der Sozialdemokraten.

Es ist eine böse Ironie der SPD-Geschichte, dass Schröder, der Medienkanzler, der Kommunikationskanzler, seine Reformen so schlecht kommuniziert hat. Seine miserable PR-Strategie schuf eine gefühlte Schicht der Verprellten: unter ihnen Mittelschichtler, die den Statusverlust fürchten, und Arbeitslose, die sich zunehmend als Milieu mit eigenen Interessen verstehen, stigmatisiert, scheinbar losgelöst von jedweder Hoffnung auf Erwerbsarbeit.

Rente mit 67 ist keine Bosheit

Es gibt ein krasses Missverhältnis zwischen dem, was die SPD geleistet hat und dem, was ihr zu Gute gehalten wird. Auch in dieser, großen Koalition. Die Rente mit 67, mein Gott, ist keine Münteferingsche Bosheit, sondern der Einsicht in die demografischen Realitäten entsprungen. Kluge, vorausschauende Politik. Taktisch auf den ersten Blick nicht hilfreich, aber notwendig. In der Familienpolitik ist es ist auch richtig, dass die SPD trotz des Wirbels, den Ursula von der Leyen verursacht, schon lange das fordert, was die Unions-Frau jetzt umsetzt. Peer Steinbrück hat also Recht, wenn er sagt, die SPD müsse ihre Leistungen offensiver vertreten, besser klar machen, dass sie verantwortungsvoll umbaut statt auf ewiggestrige Parolen der Linken zu setzen. Es ist eine Leistung, dass die SPD, und allen voran Franz Müntefering, an ihrer Politik festgehalten haben, ohne den Sirenen des Linkspopulismus nachzugeben. Die Politik ist gar nicht so schlecht. Nur die Verkaufe, sie muss besser werden. Dann kann es der SPD auch wieder gelingen, jene zurückzugewinnen, die im Kern noch immer ihre Klientel sind.

Denn die SPD hat inhaltlich durchaus noch etwas zu bieten. Sie hat auch eine klare Zielgruppe. Es sind jene "Leister", die Erwerbstätigkeit immer noch als Vehikel sozialer Sicherheit und sozialen Aufstiegs begreifen - und den Staat als Steigbügelhalter. Es sind die, die arbeiten wollen, aber eben nicht zu unwürdigen Bedingungen. Es sind die, für die Vollbeschäftigung die Utopie ist und nicht ein riesiger, allumfassender Sozialstaat. Für diese leistungsbereite Klientel kann sich die SPD mit Verweis auf ihre bisherige Politik durchaus weiter stark machen. Diese Klientel, so verloren sie auch scheinen mag, kann sie wieder zurückgewinnen. Auch wenn man Becks Timing tollpatschig finden mag: In seinem Essay für die "Frankfurter Allgemeine" greift er den Begriff der "guten Arbeit" wieder auf - und bricht ihn herunter. Er fordert vernünftige Arbeitszeiten, Mitbestimmung, den Mindestlohn. Er schlägt so eine Schneise für die SPD, hin zu ihrer klassischen Klientel, aber auch zu den Gewerkschaften. Glaubt Ihr denn ernsthaft, lautet das Argument etwas verklausuliert, dass die Linkspartei Euch diese "gute Arbeit" ernsthaft bescheren kann?

Linkspartei wird nicht verschwinden

Nein, die SPD hat eine gute Chance zu punkten - wenn sie sich auf den Begriff der Arbeit konzentriert und gegenüber der Linkspartei Kurs hält. Das bedeutet nicht, dass sie den Lokalrivalen, wie es jetzt geschieht, in lächerlicher Manier totschweigt und sich Scheingefechte mit der Union liefert. Das bedeutet, dass sie ihn stellt und ihn vorführt - und sich nicht, wie in dieser Woche im Bundestag, von Oskar Lafontaine vorführen lässt. Denn eines ist auch klar. Die Linkspartei wird nicht weggehen, nicht verschwinden. Sie wird, und das ist eine wichtige Funktion, jenen eine laute Stimme verleihen, die vermeinen, abgehängt worden zu sein. Sie ist eine warnende, heulende Sirene. Aber sie ist keine Partei, die zukunftsfähige Politik machen kann - oder diese machen will. Das kann für die Linke nur die SPD, dafür werden die Sozialdemokraten benötigt. Und wenn die Spitzengenossen in Sachen PR handwerklich irgendwann mal wieder besser auftreten, als sie das heute tun, wird die SPD für ihre Leistungen auch irgendwann mal wieder bessere Ergebnisse einfahren. Untergehen, das ist klar, darf sie nicht.

Von Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (10 von 19)
 
oscarherz (14.06.2007, 17:04 Uhr)
Wozu noch SPD?
Die SPD ala Beck und Co. wird aussterben, da sie nicht mehr gebraucht wird. Wer deren jetzige Politik unterstützt kann ehrlicherweise gleich CDU wählen. In ferner Zeit wird die Regierungskonstellation CDU/CSU-SPD-FDP heißen, da die SPD jetziger Prägung weiter in Auflösung bei den Wählern ist. Die heutige Abstimmung über den Mindestlohn hat sie der Lächerlichkeit preisgegeben.Merke, schon jetzt gibt es im Parlament eine Mehrheit für den Mindestlohn.
christel.john (13.06.2007, 17:02 Uhr)
Die SPD darf nicht aussterben!V
Ich schliesse mich voll und ganz der Argumentation von Florian Güßgen an und habe immer ähnlich argumentiert. Populistische Wunschvorstellungen kommen offensichtlich auch bei Menschen an, von denen ich meinte, sie müssten es aufgrund des Alters und der umfangreichen zugänglichen Informationsquellen, die uns heute zur Verfügung stehen, besser wissen.
gmathol (13.06.2007, 03:26 Uhr)
Da hier so viel ueber Rente gesprochen wird.
Schaut euch mal das System Schweiz an! Dort hat man per Volksentscheid im Jahre 1954 - Schweiz ist eben ein echte Demokratie! - die 3 Saeulen Pension geschaffen. Dabei brauchte es in der Schweiz keine 1000 Seiten um den Buergern zu erklaeren um was es geht.
15 Jahre Schweiz bringen mehr Rente als 25 Jahre Zahlung des Hoechstbeitrages in der BRD! Fragt euch doch mal warum ihr die CDU/SPD habt schalten und walten lassen.
Als Bluem euch vom Generationsvertrag nicht Versicherung vorschwafelte haettet ihr schon hellwach werden muessen.
Die Gewaltenteilung in einer Demokratie funktioniert nur dann halbwegs, wenn die vierte Kraft das Volk diese auch jederzeit kontrollieren und ausser Kraft setzen kann und dass nicht nur zu Wahlzeiten. Eben System Schweiz!
Fuer die Einfuehrung der uneingeschraenkten Volksabstimmung in der BRD - dann kann man auch korrupte Voegel jederzeit entfernen.
gmathol (13.06.2007, 03:18 Uhr)
Totengraeber Schroeder, Struck und Schily!
Die Arbeiterbewegung muss sich erneuern, d. h. auch der DGB und die Industriegewerkschaften muessen neugebildet werden. Raus mit den Funktionaeren und den rechten Politclowns.
In der Tat das Land braucht keine weitere braune Partei mit dem Namen SPD.
sd-auctions (13.06.2007, 03:04 Uhr)
Danke, knilch_59
Eine Partei, die sich seit Schumachers Kurt (oder wie es bei Spiegel-online's Rubrik SPAM treffender heißen würde: KNUT) entweder in Grabenkämpfen selbst vergaß (Ausnahme: Schmidt-Ära) oder recht einfach gestrickte Parteiprogramme nach ein paar Jahren obsoletierte, ihre Ideale Schritt für Schritt verraten hat, muss sich nicht wundern, wenn ehem. Wähler dieser spd (gewollt klein geschrieben) entweder in das linksextreme Spektrum abwandern (und die Nachfolgepartei der SED wählen), als mögliche Alternative die gemäßigte Mitte der CDU oder FDP suchen, oder einfach ihren Null-Bock ausdrücken, indem Sie einfach nicht zur Wahl gehen.
Wenn denn wenigstens die Handvoll spd-Wähler vergünstigte Gaspreise bekommen würden: Gerhardt, nun leg Dich mal ins Zeug bei Deinem langjährigen Brötchengeber, wir reden vielleicht von ein paar Hunderttausend!!!
knilch_59 (13.06.2007, 00:10 Uhr)
Einspruch - sie soll aussterben!
Die SPD ist schon ausgestorben! Sie ist ein hohler alter Baum, der noch als Mahnmal vergangener Zeiten in der politischen Landschaft steht. Ihr Problem ist, dass sie es immer noch nicht gemerkt hat. Dabei hat sie das ohne fremdes Zutun geschafft. Unter Schröder hat sie sich selbst überflüssig gemacht, indem sie ihre Rolle als Anwalt des kleinen Mannes aufgegeben hat:
1.) Indem sie sich dank Hartz-Gesetze mit den Reichen ins Bett legt, schreit sie hinaus, dass sie auf den kleinen Mann keinen Wert mehr legt. Mit der systematischen Förderung prekärer Beschäftigungsverhältnisse (400,- Euro-Jobs, Ein-Euro-Jobs, befristete Arbeitsverhältnisse, Praktika) betreibt man aktive Vermögensumverteilung zu Lasten der unteren Schichten.
2.) PISA und das extrem schlechte Abschneiden SPD-geführter Bundesländer beweist, dass die Konzepte der Sozialdemokratie die Ausgrenzung der unteren Schichten geradezu fördern.
3.) Die Riester-Rente ist eine einzige Katastrophe: ein Paragrafenmonstrum, das keiner versteht soll eine Konzeption fördern, die niemand will: Während des aktiven Arbeitslebens soll der Arbeitnehmer möglichst keine Steuererklärung abgeben, sondern mit Hilfe des Lohnsteuer-Verfahrens zahlen und die Klappe halten. Dafür soll er dann als Rentner mit 67 anfangen sich darum zu kümmern, wie er selbst die Zahlung seiner Steuern und Sozialabgaben zu bewerkstelligen hat.
4.) Durch Zuzahlungen und Nichtleistungen der Krankenversicherung blickt keiner mehr durch und das Einzige, was den Spezialdemokraten dazu einfällt, ist eine Neiddebatte mit Blick auf die Private Krankenversicherung.
5.) Sie versäumt es systematisch Vermögen zumindest im Erbfall vernünftig zu besteuern. In Verbindung mit PISA bedeutet das: Reichtum ist erblich – Armut auch!
6.) Der Finanzminister (SPD!) fordert zur Finanzierung der Kinderbetreuung Kürzungen beim Kindergeld, obwohl jeder weiß, dass dessen Höhe auch heute schon nicht annähernd ausreicht. Ganz klar, aus Sicht der SPD ist es völlig in Ordnung, dass man während der Kindererziehung einen niedrigeren Lebensstandard hat als Doppelverdiener. Und wenn man sowieso daran gewöhnt ist, ist es auch logisch, dass man dann auch eine niedrigere Rente hat.
(Die Aufzählung lässt sich fortsetzen)
Ihrer „Stammkundschaft“ vermittelt die SPD demnach eine glasklare Zukunftsperspektive: Nach einem Arbeitsleben in Praktika, Ein-Euro-Jobs und Teilzeitbeschäftigung könnt Ihr Euch dann mit 67 im Lohnsteuerhilfeverein der Arbeiterwohlfahrt treffen und gemeinsam die Steuererklärung, Anträge auf Zuzahlungsbefreiung bei der Krankenversicherung und den Widerspruch bei Einstufung in die Pflegestufen solidarisch bearbeiten. Und dann ist die Verwunderung groß, wenn sie keiner mehr wählt.
Es ist auch Aufgabe der Politik sich den Wählern zu erklären, und hierbei versagt die SPD derzeit völlig. Das als schlechte PR abzutun, greift zu kurz. Es ist ein Totalversagen, weil die Maßnahmen weder notwendig, noch Ziel führend, noch erklärbar sind. Also – welche Daseinsberechtigung hat diese Partei noch? Also, SPD: Bitte gib auf und mach Deinen Platz frei für etwas Neues!
chapultepec (12.06.2007, 22:45 Uhr)
Dunkelrote Programme
soweit sind wir also schon. Wo angeblich "rote" Parteien Programme erstellen, die so schön schwarz sind, dass sich die Union nicht mehr beherrschen kann und beschliesst dieses wundabare Werk einfach zu klauen
MRP66 (12.06.2007, 21:24 Uhr)
Genau..
..deswegen habe ich auch heute einen Mitgliederantrag der Linkspartei geordert..
testsieger2006 (12.06.2007, 20:57 Uhr)
@Optimist 60
Nach der Linkspartei wird dann in naher Zukunft die Rechtspartei kommen und dann siehts düster aus. Wer einer Extrempartei das Wort redet muss sich nicht wundern, wenn er eine Entsprechung am anderen Extrem erhält.
@ Origami
"Beim Umlageverfahren ist das anders. Die Rente ist garantiert." wegen genau diesem Trugschluss sind wird doch in der Misere! ... der Staat garantiert.... ein Staat der Pleite ist, kann nix garantieren. Und irgendwann laufen die Leistungsträger weg, weil ihnen einfach zu viel abgenommen wird und zusätzliche Belastungen durch versicherungsfremde Leistungen entstehen. Beispiel: Man hätte die DDR-Bürger niemals ins Bundesdeutsche Rentensystem aufnehmen dürfen, ebenso wie Russlanddeutsche, Rumäniendeutsche etc. weil von denen einfach nichts in die Kasse eingezahlt wurde. Mit einem staatlichen System ist das natürlich einfach zu machen, da bei dieser "kalten Enteignung" niemand was zu sagen hatte. Wäre das Geld in privater Hand gewesen: bei der internationlen Verpflechtung quasi unmöglich! -------- Fakt ist, dass wir in den 70, 80 ern einfach zu fett gelebt haben. Die Zeiten sind vorbei.
Optimist60 (12.06.2007, 20:21 Uhr)
Ciao SPD !
Im Land wo für Millionen kaum eine Arbeit gibt's, ist eine Arbeitspartei überflüssig. Mehr brauchen wir eine Protestpartei, die die Interessen der Lohnsklaven, Arbeitslosen und Rentner vertritt. In dieser Rolle ist heute die Linkspartei für mich genau die richtige.
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