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25. Juni 2007, 12:06 Uhr

Die SPD - von Lafontaine getrieben

Der Populist und Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine ist für seine Ex-Genossen brandgefährlich: Er sagt genau das, was sich 80 Prozent der SPD-Wähler denken. Der SPD droht damit zwei Jahre vor der Bundestagswahl ein Zwei-Fronten-Krieg. Denn auch die übermächtige Kanzlerin setzt ihnen ordentlich zu. Von Hans Peter Schütz

Oskar Lafontaine, hier auf dem Gründungspartei der Linkspartei, spricht vielen SPD-Wählern aus der Seele© Johannes Eisele/DPA

Was der SPD bisher einfällt, um sich der Attacken des Oskar Lafontaine zu erwehren, ist mehr als dürftig. Eine "lächerliche" Figur nennt ihn Peter Struck, als "geschichtsblind" meiert Sigmar Gabriel den Vorsitzenden der Linkspartei ab. Nur weiter so, möchte man den Sozialdemokraten zurufen. Nur weiter so, dann macht ihr Lafontaine noch stärker. Dann potenziert ihr seine politische Wirkung.

Unsinniger Vorwurf

Einen Populisten schelten die führenden SPD-Genossen gerne ihren ehemaligen Parteichef. Haben sie denn ganz vergessen, wie sehr sie einst selbst die rednerische Brillanz des Saarländers bewundert haben? War doch wohl zu schön, wie er einst die SPD mit einer einzigen Rede von ihrem verschlafenen Biederling Scharping befreit hat. Abgesehen davon: Einen unsinnigeren Vorwurf kann man gegen einen Politiker eigentlich nicht erheben. Begnadete Populisten wären sie doch gerne alle, egal in welcher Partei. Das gehört zum Politiker wie die Rinde zum Brot.

Was Lafontaine für die SPD so gefährlich macht, ist nicht sein Populismus an sich. Brandgefährlich für die SPD wirkt er dadurch, dass er genau das sagt, was 80 Prozent der SPD-Wähler denken. Damit treibt Lafontaine die SPD-Führung vor sich her, die erst geglaubt hat, das Problem werde sich vielleicht von selbst erledigen. Jetzt erst merkt die Partei allmählich, dass inzwischen ein Angriff auf die Substanz der SPD stattfindet, wie es ihn bisher in der Nachkriegsgeschichte der Partei nicht gegeben hat: Die Situation ist nur vergleichbar mit der Abspaltung der USPD in der Weimarer Republik.

SPD-Parteiprogramm ist veraltet

Die SPD-Führung hat unglaublich lange gebraucht, um zu realisieren, dass mit dem noch immer gültigen Parteiprogramm von 1989 auf dem politischen Markt von heute nichts mehr zu gewinnen ist. Nichts steht darin über die Probleme (und Chancen) der Globalisierung, nichts über die Gefahren durch einen aggressiven Islamismus, nichts über eine Außenpolitik, die nicht mehr geprägt ist vom Ost-West-Konflikt. Und nichts über eine neue Sozial- und Gesellschaftspolitik, die wegen des demografischen Wandels unabwendbar geworden ist.

Es hätte einer sorgfältigen innerparteilichen Diskussion bedurft, um die SPD für die notwendigen Veränderungen fit zu machen. Unter Zeitdruck geraten, hat sie es schließlich mit der Hau-Ruck-Methode versucht und den Genossen zum Beispiel die Rente mit 67 diskussionslos verordnet. Es sind diese programmatischen Leerstellen der SPD, die sie so leicht angreifbar machen für die Linke und Lafontaine. Es ist doch kein Zufall, dass von einst einer Million Mitgliedern heute nur noch etwas über die Hälfte bei der SPD geblieben sind. Und von denen denkt wiederum eine klare Mehrheit, dass Lafontaine Recht hat mit seinen Attacken auf Rente 67, die Bundeswehreinsätze in aller Welt, den Sozialabbau, der schon zu Schröders Zeiten begonnen hat. Es stimmt ja, dass dem deutschen Engagement in Afghanistan ein UN-Beschluss zu Grunde liegt. Aber unvergessen an der SPD-Basis ist auch, dass der Weg der Bundeswehr ins Ausland mit einem völkerrechtswidrigen Krieg auf dem Balkan begonnen hat. Wenn Lafontaine hier mit harscher Kritik ansetzt, redet er der SPD-Basis aus dem Herzen. Friedenspartei SPD? Das war einmal, das sind jetzt die Linken.

Abgrenzung mit Löchern

Und ein weiteres macht die Abgrenzungsversuche der SPD-Spitze gegen Lafontaine unwirksam: In Berlin koaliert die SPD bereits mit der Linkspartei, andere Länder werden folgen. Schließlich hat die SPD-Führung mögliche Koalition auf Länderebene längst freigegeben. Das macht die Verteufelung Lafontaines mit Schimpfworten nicht glaubwürdiger.

Bis zur Bundestagswahl 2009 wird sich an dieser Situation nichts ändern. Der Wahlkampf hat begonnen. Er ist für die SPD ein Zwei-Fronten-Krieg. Zum einen gegen die übermächtige Merkel mit einem arg biederen Kurt Beck. Zum anderen gegen die Linke mit einem Spitzenmann, dessen politischen Positionen auch in der SPD geliebt werden. Danach aber wird man miteinander reden müssen. Denn es kann ja sein, dass Lafontaine auf ewig in der Opposition bleibt, wie die SPD schäumt. Aber sie dann eben auch.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
oscarherz (27.06.2007, 16:41 Uhr)
fünf nach zwölf
Es ist Zeit für die SPD sich eu aufzustellen, um den Angriff der Linken abzuwehren. Dazu gehört in erster Linie die Schröder-Klakeure über Bord zu werfen und sich dem Willen der Basis zuzuwenden.Die falschen Ratgeber von Presse, Funk und Fernsehen bzw. von CDU und FDP helfen in diesem politischen Zweifrontenkrieg nicht weiter.Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende sagt ein bewährter Spruch. Beck, Struck und Müntefering sind von gestern und können mit ihrem Politikansatz der Partei nicht mehr helfen. Jetzt ist die Zeit der Pragmatiker wie Wowereit oder Gabriel.Wie man das Herz der Partei erreicht hat euch Lafontaine gegen Scharping vorgemacht. Rettet die Partei August Bebels und Willy Brandts vor der Bedeutungslosigkeit. Das seit ihr ihnen schuldig.
starmax (27.06.2007, 16:18 Uhr)
Sehr treffender Kommentar !
Mehr davon ! Wenn nur alle Politiker so klar sehen könnten...
BeneGresser (27.06.2007, 15:51 Uhr)
Selbstgefällig ist nicht gleich gefällig.
Die führenden Köpfe der SPD scheinen zu glauben, dass ihr Spiegelbild so gut aussieht, wie sie es sehen.
Viele Menschen lassen sich davon beeindrucken, aber kaum einer wird sich von überzeugen lassen, wenn die Ergebnisse Welten von den Absichtserklärungen trennen.
Benedikt Gresser
Roy05441 (27.06.2007, 13:55 Uhr)
Schon einmal gab es eine Fontaine....,
ich hatt' sie gewählt, wofür ich mich schäme!Hat er doch wie mit Engel's Zungen, das hohe Lied der SPD gesungen!Jetzt wo Genosse Schröder seinen Gazprom hat, gibt er sich wieder als Nimmersatt!
Er meint er könne Alles richten, bis in die untersten Schichten!
Meine Pension wird für meine Ur-Enkel nicht reichen, versuch ich mein Konto auf diese Weise anzureichern!Das Fußvolk ist doch zu blöd um zu speichern!Bürger, oh Bürger, fahr jetzt mal ganz links, damit ich komm an die Macht!
Dann hast du in zwei Perioden meine Konten richtig voll gemacht!
Was du anschließend tust mit all deinem Frust, ist mir egal, selbst wenn du danach scharf rechts abbiegen musst!
M.A. (26.06.2007, 11:35 Uhr)
Die Linkspartei war überfällig.
Nachdem sich in der deutschen Politik ein zunehmender Hauptrstrom herausgebildet hat, deren Parteien sich nur noch in unwesentlichen Punkten voneinander unterschieden, war die Konstitution einer neuen Linken dringend notwendig. Es ist irrig zu glauben, daß nur ein Weg, nämlich die Buhlerei um die Unternehmen durch möglichst geringe Kosten der Ressource Arbeit, Deutschland zum Aufschwung führen kann. Die von der Linkspartei formulieren Ideen sind keineswegs die Erfindung einiger Sozialfossile, wie stetig behauptet wird. Ich begrüße daher die neue Linke und hoffe, daß die Grabenkämpfe jenseits der CDU/FDP-Linie eines Tages der Vergangenheit angehören werden.
schachspieler (26.06.2007, 11:32 Uhr)
Kein köstlicher Kadaver...
Es soll ja Leichname geben, die nicht einmal bemerken, wenn sie bereits beerdigt worden sind. Und dann fangen sie an zu stinken und ziehen als marode Kadaver durch das Land. Und wo immer ein solcher dann auftaucht, ist ein Lafontaine bereits da. Und der tut nix anderes, als unablässig seine Grabrede von den Hartz-Reformen zu wiederholen, so dass sich das ehemalige SPD-Klientel mit Schaudern von der zum Schreckgespenst mutierten SPD abwendet. Aber nicht Lafontaine hatte der SPD den Totenschein ausgestellt, dass war sie selber. Mit den Totengräbern Schröder, Münte und allzu willfährigen Parteisoldaten an der Spitze. Die haben nämlich den Trauerzug angeführt und die SPD schließlich im kleinen Kreis zur Ruhe gebettet. Und solange die SPD nicht endlich Schluss macht mit ihrer Lebenslüge von den Hartz-Reformen, solange ist an ihre Wiederauferstehung nicht einmal zu denken. Und auch dazu braucht man Glauben, Glauben an sich selbst und den Glauben an das Sozialstaatsprinzip. Und der ist der SPD schon vor langer Zeit abhanden gekommen...
Einen guten Kommentar haben sie da verfasst, Herr Schütz. Glückwunsch.
ramteid (25.06.2007, 23:17 Uhr)
Wenn es nützt!
Wenn es Lafontaine gelingt Beck zu verhindern, dann ist das doch für die SPD wie ein Sechser im Lotto.
gsc777 (25.06.2007, 23:06 Uhr)
Kurt wird das schon wuppen
Die SPD-Lichtgestalt Kurt Beck wird mit seinem unwiderstehlichen und temperamentgeladenen Charisma seine Partei vom Abgrund reißen und Lafontaine wegfegen.
Das träumen die Genossen am Tag und was träumen sie nachts? Wenn sie schlafen können.
LHStarAlliance (25.06.2007, 20:07 Uhr)
Toller Artikel !
Wollte mal sagen das dies hier mal ein toller Artikel ist !
Schlimm dagegen ist der Artikel "Wie rechts ist die Linke" , komisch dass man dort nicht kommentieren kann .
Konstantin
ossi48 (25.06.2007, 15:50 Uhr)
Für den Machterhalt
wird sich die SPD auch mit dem Teufel verbünden.
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