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2. September 2008, 16:20 Uhr

GAU in Asse II

Das Wort Skandal wollte der Bundesumweltminister nicht in den Mund nehmen. Sigmar Gabriel sprach stattdessen von einem GAU. Doch auch dieser Begriff deckt nicht angemessen ab, was der Öffentlichkeit als Ergebnis der Untersuchung des atomaren Versuchsendlagers Asse II präsentiert wird. Von Hans Peter Schütz

Ein Bergmann misst in 750 Meter Tiefe in der Schachtanlage Asse in Remlingen bei Wolfenbüttel Radioaktivität.© Joerg Sarbach/AP

Rund 50 Jahre lebt die Bundesrepublik jetzt bereits mit einem Atommülllager, in dem die Sicherheit an keiner Stelle gewährleistet ist. Das ist - erstens - ein politischer Skandal, der von allen Parteien zu verantworten ist, die in diesem Zeitraum irgendwann einmal regierten. Keiner der Forschungsminister hat sich jemals ernsthaft um den Strahlenschutz in Asse II gekümmert. Kein Umweltschutzminister, auch nicht die heutige Kanzlerin Angela Merkel, hat sich irgendwann einmal danach sorgfältig erkundigt, wie dort mit radioaktiven Stoffen umgegangen, was dort wie in einem einsturzgefährdeten Salzbergwerk verbuddelt wird.

Dass sogar hochgiftiges Plutonium herumliegt, dass das Bergwerk löcherig ist wie ein Schweizer Käse - keinen der politisch Verantwortlichen hat es interessiert. Insofern sei Sigmar Gabriel Dank, dass er die Situation ohne den geringsten Versuch der Beschönigung jetzt offen gelegt hat. Man kann nur hoffen, dass die für Asse II zuständige Bundesforschungsministerin Schavan mit ihm uneingeschränkt kooperiert bei der Bewältigung dieser Zustände.

Seit 40 Jahren undicht

Was Asse II darüber hinaus - zweitens - zu einem gesellschaftspsychologischen Skandal macht, ist die Tatsache, dass sowohl der Betreiber der Anlage, das Helmholtz-Zentrum München, wie auch die Aufsicht, das Landesamt für Bergbau in Niedersachsen, und alle hoch gelehrten Atomexperten alles, was dort geschah, sicherheitspolitisch schnurzegal war.

Ungenehmigt wurde mit radioaktiven Stoffen hantiert, der Strahlenschutz grob vernachlässigt. Seit 40 Jahren ist bekannt, dass das Bergwerk undicht ist und nicht erst seit 1988, wie der Betreiber behauptet hat. Geschehen ist nichts. Wie wollen angesichts dieser Schlamperei die Bürger wieder jemals Vertrauen gewinnen, dass mit den Folgen der atomaren Energiegewinnung auch nur halbwegs vernünftig umgegangen wird?

Damit ist der Skandal - drittens - auch ein GAU für die laufende Endlagerdebatte. Es sollen schließlich über Gorleben hinaus weitere Endlager geprüft werden, sei es in Bayern, sei es in Baden-Württemberg. Beide Bundesländer lehnen die Suche danach auf ihrem Territorium bekanntlich so strikt ab wie sie auf eine Verlängerung der Laufzeiten der existierenden Kernkraftwerke drängen. Wer so agiert, dem muss allerdings die Forderung nach längeren Laufzeiten oder gar dem Bau neuer Atommeiler abgeschlagen werden.

Weshalb hier so unlogisch Politik gemacht wird, liegt jetzt noch mehr auf der Hand als zuvor: Wie sollen die Bürger dem Staat die hehren Versprechungen über einen kontrollierten Umgang mit den Risiken dieser Technologie glauben, wenn sich der Staat als rundum unfähig erweist, ein kontrolliertes Sicherungsverfahren zu organisieren? Asse II gibt uns allen Anlass heftig an die Stirn zu tippen, wenn Politiker und Experten lautstark erklären, in Gorleben sei alles in nicht radioaktiver Butter.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 55)
 
jo--jo (04.09.2008, 10:06 Uhr)
Atomenergie ist teure Energie... die teuerste Energie überhaupt!
Müssten die Betreiber von Atomkraftwerken auch für eine absolut sichere Entsorgung des Atommülls aufkommen (und nicht wir Bürger/Steuerzahler) würde sich das Geschäft mit Atomstrom für die Betreibergesellschaften niemals lohnen. Und seien wir mal ehrlich, für den uns Endverbraucher wurden die Strompreise doch erst richtig teuer seit wir Atomstrom haben.
Als Endlager, hat mal einer der Lobbyisten geschrieben, wäre ja der glühende Erdkern denkbar... ob er an diese Lösung wirklich geglaubt hat?
Der "Spaßvogel"
deholgi (03.09.2008, 23:54 Uhr)
@vegefranz
Wenn Sie nicht endlich mit Ihren Beschimpfungen aufhöhren werde ich eine Klage gegen Sie einreichen wegen Beleidigung. Einen Ihrer Beiträge habe ich den Admins gemeldet und erwarte, das Ihr Login gesperrt wird.
@admins
Kann man diesem Menschen nicht mal endlich den Account sperren? Der ist nur beleidigend und unsachlich.
goofy4 (03.09.2008, 16:32 Uhr)
@jo-jo @flying dutchman
Die Kokillen stehen schon seit Jahrzehnten auf der grünen Wiese, weil man sich über eine Lagerung nicht eingigen kann. Wie kann man denn so was einfach machen, wo es doch so gefährlich ist.
Wenn ich richtig informiert bin war die Aufbereitungsanlage Karlsruhe eine Versuchsanlage um die Möglichkeiten der Wiederaufbereitung zu erforschen. Das Material stammte ebenfalls aus Versuchsreaktoren und ggf. teilweise aus Kernkraftwerken. Die kommerzielle Anlage Wackersdorf wurde nie gebaut. Von daher sehe ich dies als Forschungsanlage.
jo--jo (03.09.2008, 15:52 Uhr)
Zu @goofy4 und Äpfel und Birnen vom 3.9.2008
Wie lange glaubst Du, dass die abgebrannten und verglasten Brennstäbe in den eingeschweißt Edelstahlkokillen aufbewahrt werden können? Ich wette... es werden keine 100 Jahre sein!!!
Und ob alle Nationen sich diese teure Verpackung und permanente Umtopferei, wenigstens die nächsten 500 Jahre leisten können, wage ich mal zu bezweifeln.
Aber das ist ja alles nicht so schlimm... gell... uns wird schon noch was einfallen.
Aber wie hat hier einer geschrieben... nach uns die Sindflut!!!
FlyingDutchman (03.09.2008, 15:11 Uhr)
@ goofy
Soso, Asse könne also keine Abfälle aus Kernkraftweken enthalten.
Dann schaun 'mer doch 'mal hier nach: http://www.asse2.de/geschichte-einlagerung.html
Und was finden wir hier: "Sept. 1972 – März 1977
1.293 Behälter werden mit mittelradioaktivem Abfall eingelagert, mit der Gesamtaktivität von rund 1,2 x 10^15 Becquerel (1.1.2002). Sie stellen 40 Prozent der Gesamtaktivität in Asse II dar. Diese radioaktiven Abfälle stammen überwiegend aus der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe."
Interessant, nicht?
kaisergarten (03.09.2008, 13:04 Uhr)
@goofy4
tja - aber die ganzen Experten hier wollen doch ihre persönlichen Ansichten zum Besten geben - Hintergründe, technische Details?? Seit wann kümmert sich jemand den um sowas?
goofy4 (03.09.2008, 12:22 Uhr)
Äpfel und Birnen
Es ist schon witzig wie polemisch hier diskutiert wird.
Die gezeigten Fässer von ASSEII können keinen Atommüll aus Kernkraftwerken enthalten. Abgebrannte Brennstäbe sind verglast und in Edelstahlkokillen eingeschweißt. Diese lagern in oberirdischen Zwischenlagern.
In den Fässern befindet sich schwach, bis mittelradioaktiver Abfall, der zum größten Teil aus medizinischer Nutzung oder der Forschung stammt.
Es ist schon recht unverschämt, die Energiekonzerne dafür verantwortlich zu machen.
Das ist die gleiche Diskussion, die mit "Tschernobyl ist überall geführt wird". Dieser Unsinn wird auch von sogenannten Experten verbreitet.
Glaubt ihr nicht? Dann solltet Ihr mal den Unterschied zwischen einem Graphitreaktor und einem Druck- bzw. Siedewasserreaktor nachlesen. Dann kann man weiterreden.
Es ist natürlich keine Frage, dass hier unerträglich geschlampt wurde. Aber es werden in den Kommentaren -wie immer wenn es um Kernkraft geht- Äpfel mit Birnen verglichen.
ecomoc4u (03.09.2008, 11:36 Uhr)
seit 40 jahren bekannt.
ich dachte eine schlamperei dieser grösse sei nur bei diktaturen möglich. da wird hemmungslos von AKW befürwortern geworben, gleichwissend das ein endlager ein GROSSES risiko darstellt. man stelle sich das mal vor... 40 jahre lang...
.
vernünftig gabriel... zum glück kein antigabriel hier am werk.
jo--jo (03.09.2008, 09:28 Uhr)
Atomkraft emissionsfrei...!!!
Überall wo gegessen wird, wird geschissen. Die abgebrannten Uran-Brennstäbe sind Scheiße 'hoch Drei'.
Atomkraft (wird uns immer wieder eingeredet) sei emissionsfrei.
Was >bitte< ist an dieser Scheiße emissionsfrei?
Für wie dumm halten uns diese weltweiten Verbrecher, diese Technokraten und Geldzähler... >unsere< sogenannte Führungselite???
kaisergarten (03.09.2008, 09:01 Uhr)
das ist ja mal wieder eine ...
ganz tolle Diskussion hier. Sachlich auf höchsten Niveau. Experten ohne Ende. Habe wieder viel gelernt. Vor allem, dass egal was man von Privatwirtschaft hält offensichtlich die höchsten (ha, ha) staatlichen Kontrollen, unter verschiedensten Regierungen (- gell Herr Tritin) nicht allergrößten Murks und Misswirtschaft verhindern können - wollen - dürfen.....
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