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18. Oktober 2008, 19:26 Uhr

Geschlossenheit als Genossenpflicht

Die SPD hat auf dem Sonderparteitag einen neuen Vorsitzenden und einen Kanzlerkandidaten gewählt - es war ein perfekter Personalwechsel. Und von programmatischer Streiterei keine Spur. Ist sie also wieder da, die Volkspartei SPD? Wohl kaum, meint Hans Peter Schütz .

Frank-Walter Steinmeier (l.) und Franz Müntefering auf dem Sonderparteitag in Berlin© Tobias Schwarz/Reuters

Ein perfekter Personalwechsel: Frank-Walter Steinmeier mit 95 Prozent in jener Kategorie, die einem Kanzlerkandidaten gebührt. Franz Müntefering mit 85 Prozent dahinter, aber nicht so weit, dass dies als Schlappe ausgelegt werden könnte. Oder als Racheakt jener, die einem Kurt Beck nachtrauern. Und nullkommanull war zu erkennen, dass die SPD weiterhin von radikaler programmatischer Streiterei belastet wird, die in den vergangenen Jahren ihr Image bei den Wählern geprägt hat. Und kein Zweifel: Die Arbeitsteilung zwischen Steinmeier und Müntefering wird funktionieren, weil sie nicht auf einem Konkurrenzverhältnis fußt.

Ist sie also wieder da, die Volkspartei SPD, deren eindeutige Kennzeichen seit Jahren innerparteilicher Kleinkrieg und demoskopischer Krebsgang waren? Wohl kaum. Politik kennt keine Wunder - und es wäre eines, wenn die SPD über einen einzigen Sonderparteitag alles vergessen machen könnte, was in ihr geschah und noch immer geschieht. Jetzt wurde erst einmal Geschlossenheit aller Parteiflügel vorgeführt, weil man das neue Führungsduo ein Jahr vor der Bundestagswahl nicht beschädigen durfte. Ihre alten Probleme allerdings hat die Partei mit der neuen Führung nicht gelöst. Wie es im Innern der Partei aussieht, war unmittelbar vor dem Sonderparteitag noch einmal eindrucksvoll zu besichtigen. Den Einsatz der Bundeswehr im Innern hatten die SPD-Minister im Kabinett gebilligt, die Genossen in der SPD-Bundestagsfraktion unverzüglich in die Tonne getreten.

Der Wackelkurs gegenüber der Linkspartei wurde fortgesetzt

Die auf dem Berliner Parteitag von Steinmeier und Müntefering geforderte Geschlossenheit wurde brav demonstriert. Möglich wurde sie jedoch nur dadurch, dass die Konfliktthemen zwischen Rechten und Linken in der SPD lediglich in viel Watte verpackt angesprochen wurden. Der Kanzlerkandidat nahm das Wörtchen "Agenda 2010" nicht in den Mund, obwohl er zu ihren Vätern gehört. Der Wackelkurs gegenüber der Linkspartei - Kooperation in den Ländern möglich, im Bund nicht - wurde fortgesetzt. Und kein Wort fiel zu der deprimierenden Tatsache, dass die SPD nicht einmal mehr aus dem Abwärtstrend kommt, wenn die politische Konkurrenz - wie in Bayern - politische Patzer am Fließband produziert.

Unterm Strich der Analyse der derzeitigen SPD-Situation steht: Alle haben sich auf Disziplin verpflichten lassen. Unter der schönen Oberfläche brodeln natürlich die internen Spannungen weiter. Das ist eine gefährliche Ausgangsituation. Wie es aussieht, wird im Wahlkampf 2009 eine intensive Auseinandersetzung darüber stattfinden, wie die großen Sozialsysteme krisenfester gemacht werden, wie der heraufziehenden Wirtschaftsflaute begegnet werden und wie das Wirtschaftssystem ganz grundsätzlich politisch definiert werden soll. Union, SPD und FDP reden derzeit geradezu begeistert von der Stärkung der sozialen Marktwirtschaft, zeigen allerdings sehr unterschiedliche Wege auf, wie sie in den Zeiten der Globalisierung wetterfester gemacht werden könnte. Die globale Anpassung der sozialen Marktwirtschaft dürfte die innenpolitische Reform sein, über der sich die Bundestagswahl 2009 entscheidet. Und da ist es beim Blick auf die SPD bemerkenswert, dass ihr derzeit bester Architekt des internationalen Umbaus der Marktwirtschaft Peer Steinbrück heißt - und bisher alles andere als der Liebling der Partei war.

 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Aaron71 (20.10.2008, 20:23 Uhr)
die SPD ist auf einem guten Kurs
...weg von der populistischen Wählerverarsche der Neo-Stalinisten um den Politclown Lafontaine hin zu einem Kurs, der wirtschaftlichen Realitätssinn mit sozialer Gerechtigkeit verbindet. Wählbar ist sie trotzdem nicht, da man (siehe Hessen) sich leider nicht darauf verlassen kann, dass irgendwann doch wieder mit der Linken paktiert und eine Wiederauflage der vor 20Jahren kläglich gescheiterten SED-Diktatur geprobt wird.
tripex (20.10.2008, 08:48 Uhr)
Kommentarfunktion
Irgendwie sehr merkwürdig, warum ausgerechnet bei brisanten Themen wie dem Afghanistan-Einsatz jedesmal die Kommentarfunktion deaktiviert ist. Das dumme Volk soll sich wahrscheinlich über andere Theman dusselig schwatzen.
Westerle.Merkwelle (19.10.2008, 19:26 Uhr)
Jeder ehrliche Sozialdemokrat sollte jetzt die SPD verlassen!
Mit Müntefering an der Spitze und Steinmeier als Kanzlerkandidat hat sich die SPD entgültig von ihrer alten Klientel verabschiedet.
Zu Zeiten Willy Brandts trat ich als 16 Jähriger in die SPD ein, da mich die Entspannungspolitik und die soziale Ausrichtung der SPD begeisterten. Von Willy Brandt stammte der Spruch: "Wer morgen sicher leben will, muss heute für Reformen kämpfen". Diese Reformen hatten aber einen Zweck: Soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit für alle. Die hessische SPD vertrat ein fortschrittliches Schulkonzept, dass von der CDU und ihren Stoßtrupps erbittert bekämpft wurde. Aber was ist von alle dem übrig geblieben. Nichts!
Die SPD wurde in den letzten 25 Jahren von neoliberalen Kräften gekapert und als zweite Brigade der FDP/CDU umprogrammiert. "Reformen" sind heute das Gegenteil dessen, was Sozialdemokraten wie Willy Brand einmal wollten.
Diejenigen SPD Mitglieder, die es gemerkt haben, sind aus der Partei ausgetreten. Der Rest begreift entweder nicht, was läuft oder will nicht der Realität ins Auge sehen: Die SPD ist keine Partei mehr für die normalen Menschen, sondern vertritt konsequent die Interessen der Großindustrie.
Diese Partei ist an den Neoliberalismus verloren. Die neue sozialdemokratische Partei heißt "Die Linke" und hat einen Vorsitzenden, der einst Vorsitzender der SPD war, bis er feststellte, dass er gegen Gerhard Schröders Industrieagenda 2010 keine Chance hat. In seinem Buch "Politik für alle" knüpft er an den Geist der ehemaligen SPD an.
ganzbaf (19.10.2008, 16:37 Uhr)
Beck auf moderatem Linkskurs...

würde heute in der Wählergunst wahrscheinlich besser dastehen, als die Altnasen Münte und Steineule mit knapp 25% ... ;-p
oscarherz (19.10.2008, 15:45 Uhr)
es brodelt weiter
Die SPD hat nur scheinbar den Druck aus dem Kessel genommen, denn es brodelt weiter bis 2009. Nach der Bundestagswahl wird der Kessel explodieren, denn es wird rot-rote Mehrheiten in Thüringen, dem Saarland und Brandenburg geben, welche verführerisch umgesetzt werden können, da es im Bund nicht reichen wird. Alles läuft auf einen Kanzlerkandidaten Wowereit hinaus, welcher 2013 die Linke hoffähig macht. Weder Steinmeier noch Müntefering werden der Linken Wähler abjagen, welche diese von der SPD gewonnen hat. So ungefähr 14 Prozent wird die Wählerstärke der Linken bleiben und damit bleibt sie auch drittstärkste Partei im Bund. 25 Prozentergebnisse lassen die Schröderianer nicht überleben.
dritte_Person (19.10.2008, 14:09 Uhr)
Es ist mit 100%iger Sicherheit ...
weniger die "Geschlossenheit als Genossenpflicht", die diesen SPD-internen Putsch „von Oben“ nachträglich für okay erklärte, sondern einfach die Tatsache, dass mehrheitlich von der SPD-Basis nur "linientreue" SPDler zu diesem SPD-Theater delegiert wurden.
Im Übrigen, CDU/CSU und FDP sichern sich ihre Parteitage genauso ab. Da geht keine Parteiführung ein Risiko ein.
Von daher, ein anderes Ergebnis war nicht zu erwarten.
sebale1 (19.10.2008, 13:39 Uhr)
Chance vertan
Das Duo - der alternde Müntefering, der nur leeren Populismus und Wirtshaus - Parolen zu bieten hat, und Steinmeier, der aalglatte, der eigentlich für nichts steht - wollen die SPD wieder dahin bringen, wo sie schon mal übernommen haben und dann mit ihrer neoliberalen Politik kaputt gemacht haben. Dabei wurden wir schändlich betrogen (...keine Mehrwertsteuer- erhöhung, Rente wie bisher mit 65 - die Aussagen Müntes vor der letzten Wahl) - und jetzt sollen wir euch wieder auf den Leim gehen ?
ich hoffe, das Volk erinnert sich, wenn es an den Urnen steht !
Diese beiden "Führer" haben die Zeit verpasst, sollen dahin gehen, wo sie hingehören,wo sie nichts mehr kaputt machen können.
Wo war die SPD der kleien Leute auf dem parteitag - wo waren die Anwälte für die Rückbesinnung auf alte werte - sozial, gleich, chancen - Bildung - recht - gesundheit für alle ???
Die SPD hat sich überlebt.
kralli19 (19.10.2008, 13:32 Uhr)
Geschlossenheit als Genossenpflicht
Das heißt dann bei dieser SPD und insbesondere DIESER "Führung":
Wer einen andere Meinung hat oder bei Abstimmungen nicht mitzieht, wird ganz demokratisch fertig gemacht und/oder rausgemobbt, richtig ?
ganzbaf (19.10.2008, 13:29 Uhr)
Der "programmatische Ansatz" der "neuen" Führung ist...

Wahlversprechen gegen die eigene Politik der jüngsten Vergangenheit zu machen!
Und das auch noch mit dem gleichen Personal )-:
Müntenase tut so, als wäre er Opposition...?!?!
.
"Haltet den Dieb" rief der Dieb...;-DD
WAS für eine üble Mischpoke.
lazarus06 (19.10.2008, 11:17 Uhr)
Geschlossenheit meint: MAUL HALTEN,ALLES MACHT WAS ICH SAGE !
Ihr roten Nichtskönner und Taugenichtse,das nennt man DIKTATUR.
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