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19. April 2007, 10:44 Uhr

Kein Rechtsstaat ohne Risiko

Innenminister Schäuble will Deutschland in einen Hochsicherheitstrakt verwandeln - für den Antiterrorkampf will er selbst die Unschuldsvermutung opfern. Es wird Zeit, dass der sicherheitspolitische Amoklauf gestoppt wird. Von Hans Peter Schütz

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble steht im Kreuzfeuer der Kritik© Clemens Bilan/DDP

Wie lässt sich der freiheitliche deutsche Rechtsstaat am besten sichern? Kein Problem: Man verwandle die Bundesrepublik in eine Art Hochsicherheitstrakt. Nach draußen so abgeschottet wie irgend möglich, im Innern ein Überwachungsstaat, in dem jeder Bürger zunächst einmal als Sicherheitsrisiko betrachtet wird. Man erlaube den Sicherheitsbehörden die Bürger allumfassend auszuspähen, sie in jedem Winkelchen ihres Lebens zu überwachen, sie elektronisch auszuspähen - kurz, jeden Lebensbereich sicherheitspolitischer Bespitzelung zu unterwerfen.

Man kann die Rechts- und Verfassungsordnung dieses Landes in der Tat dadurch verteidigen, dass man Verfassung wie Rechtsordnung zur inhaltslosen Hülle aushöhlt. Auf diesem Weg schreitet Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble entschlossen voran, besessen, ja das Wort ist angemessen, besessen von der Idee, der Rechtsstaat könne jegliches Sicherheitsrisiko präventiv bannen, ohne dass der Rechtsstaat selbst dabei irreparablen Schaden nimmt. Dabei weiß er ganz genau, dass den Rechtsstaat ruiniert, wer jegliches Risiko für ihn präventiv ausschalten will. Wie gesagt: Man verwandle ihn in einen Hochsicherheitstrakt.

Das Problem bei Wolfgang Schäuble ist, der Mann weiß ganz genau, was er will. Der Mann ist Überzeugungstäter mit ganz, ganz langem Atem. Seit 15 Jahren fordert er den Einsatz der Bundeswehr im Innern. Ohne Erfolg bislang, aber er wird nicht klein beigeben. Dräuend beschreibt er die Gefahren des internationalen Terrorismus, wohl wissend, dass die Bundeswehr gegen ihn nichts ausrichten kann. Er will verfassungsrechtlich regeln, was sich nicht regeln lässt: So soll die Bundeswehr verfassungsrechtlich einwandfrei ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug abschießen dürfen, das sich im Anflug auf ein voll besetztes Fußballstadion befindet. So als ob sich unschuldige Menschenleben gegen unschuldige Menschenleben verfassungskonform aufrechnen ließen.

Dass er jetzt eine Diskussion um die Unschuldsvermutung vom Zaun gebrochen hat, ist kein Zufall. Der Mann ist ein viel zu guter Jurist, um nicht zu wissen, dass bis heute die Unschuldsvermutung auf das Strafrecht begrenzt ist. Weshalb sie also im präventiven Kampf gegen den Terror beachten? Muss da nicht alles erlaubt sein, so Schäuble, was machbar ist?

Eben nicht. Wer so argumentiert, setzt den Rechtsstaat in Etappen außer kraft. Da wird dann präventiv in allen privaten Computern heimlich geschnüffelt, was den im Grundgesetz garantierten Schutz des Wohnbereichs endgültig zur Farce macht, nachdem er durch den jetzt schon möglichen Lauschsangriff ohnehin schon schwertsbeschädigt ist. Motto: Jedem Bürger sein Staatstrojaner. Da wird es kein Halten mehr geben bei der Anlage immer umfassenderer Dateien über jeden Bürger, ihre Fingerabdrücke, ihre digitalisierten Passbilder, die Häufigkeit ihres Geschlechtsverkehrs und ihrer Kirchgänge. Menschen verkommen zu biometrischen Merkmalen. Keine Kommunikation mehr ohne unerwünschte Lauscher.

Zwar führt die Rundum-Kontrolle zum Verlust von Freiheit und Privatheit, aber was schert es die sicherheitspolitischen Aktionisten hierzulande? Die zeigen empört auf die USA, weil die auf Guantanamo und anderswo die Menschenrechte längst außer Kraft gesetzt haben. Nein, nein - selbst foltern würden sie ja nie. Aber ein bisschen profitieren von den unter Folter erpressten Aussagen - weshalb denn nicht?

Es wird Zeit, dass der sicherheitspolitische Amoklauf, der unter Otto Schily begann und von Wolfgang Schäuble beschleunigt fortgesetzt wird, gestoppt wird. Vom Verfassungsgericht und von jenen politischen Kräften, die nicht in jedem Bürger einen potentiellen Terroristen sehen. Die Verantwortlichen für die breitflächige Prävention, mit der wir überzogen werden sollen, wissen ganz genau, dass diese kein sicherheitspolitisches Wundermittel gegen den Terrorismus ist. Sie wollen nur für den Fall, dass etwas geschieht, mit empörtem Tremolo dann sagen dürfen: Wir haben es ja schon immer gesagt.

Schäuble und seine Jünger sollten endlich einen Kernsatz der freiheitlichen Demokratie zur Kenntnis nehmen: Man kann die freiheitliche Demokratie nicht durch ihre unbegrenzte Einschränkung verteidigen. Wir wollen keinen Staat, den wir fürchten müssen.

Das Interview mit Schäuble

Das Interview mit Schäuble ... das die Debatte auslöste, lesen Sie im aktuellen stern, der ab Donnerstag am Kiosk liegt

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Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 35)
 
Plotina (22.04.2007, 08:34 Uhr)
Kein Rechtsstaat ohne Risiko
Schade, dass man Tote (noch) nicht reanimieren kann, nicht wahr, Herr Schäuble? Sonst könnte Erich Mielke Ihnen doch vortreffliche Hilfestellung leisten! Wolfgang Schäuble geht es nicht um die Abwehr terroristischer Gefahren, der Mann weiß, was auf die Bundesrepublik zukommen kann, wenn die katastrophale, viele Schichten in die Armut führende Politik von SPD/CDU/CSU so weitergeführt wird. Weimar lässt grüßen, aber ich glaube, wir sind schon viel weiter! Es ist höchste Wachsamkeit geboten - gegenüber den Verfassungsfeinden in unseren höchsten Staatsämtern - und das nicht erst seit heute!
mairudoseben (22.04.2007, 07:32 Uhr)
Profilierung?
Zuerst @Boeblinger:
Leute wie Sie verdienen keine Freiheit. Mehr muss nicht gesagt werden, meine Vorredner haben das bereits bestens begründet.
Zur Sache:
Bei dieser ganzen Debatte kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Terrain ein ausgesprochen guter Weg ist sich zu profilieren. Soll heissen, dass etwa ein Politiker zunächst den Leuten Angst macht, insdem irgendeine nebulöse Gefahr aufgebaut wird (z.b. Terrorgefahr in D.) und diese dann mit fester Entschlossenheit zur Freude der Massen angegangen wird. Bedenkt man etwa, dass Terror ja nicht durch den angerichteten Schaden (der ist ja marginal), sondern durch die Angst, die er verbreitet funktioniert, muss man beinahe sagen, dass Schäuble, Beckstein, Bild und Co. die wirksamsten Terroristen Deutschlands sind. -- Außerdem müssen die Leute endlich verstehen, dass 100%ige Sicherheit ein Mythos (oder Albtraum?) ist und auf ewig unerreichbar sein wird. Das Leben in Deutschland ist doch bereits eines der sichersten der Welt. Könnte man das Risiko den Tag nicht zu überleben in Prozent beziffern, liegt es bei uns vielleicht (im Durchschnitt!) um 0,001%, im Bagdad z.B. bei 2%. Um die 0,001 zu 0,0009 zu machen (falls das überhaupt funktionieren würde) sollen wir unsere Freiheit einschränken? Niemals!
Gruss!
Turmfalke (22.04.2007, 02:22 Uhr)
@Boeblinger
Interesse an irgendetwas hat irgendjemand immer. Unser sogenannter " Rechtsstaat " ist nur noch ein Provinzpossentheater mit einer Berliner Laienschauspieltruppe, gesponsort von der Wirtschaft.
Meine Rechte werden immer mehr beschnitten, ausgehöhlt und verkleinert bis nichts mehr da ist.
H.Heine (20.04.2007, 15:12 Uhr)
@Boeblinger
Herr Boeblinger, entweder sind sie sich der Thematik hier nicht bewusst, oder sie wollen ihr Bildzeitung fundiertes Wissen schnell mal Geltung verschaffen. Zunächst mal ihre Überschrift: Freiheit und Sicherheit sind möglich. Ihrer Erkenntnis muss man natürlich Reskept zollen, doch das Gegenteil wurde von niemanden hier bezweifelt. Der amtierende Innenminister ist bestrebt, grundlegende Freiheiten des GG, also den Wesen der freiheitlich demokratischen Grundordnung auszuhöhlen, indem er etwa die Unschuldsvermutung, informelle Selbstbestimmung etc. über Bord werfen will. Doch entgegen seiner Fantasie, und wahrscheinlich auch ihrer, werden etwa biometrische Daten oder die DNS eines Terroristen bei der Meldestelle oder anderswo ein Terrorakt nicht verhindern können.
Nun mal zu ihrer These es sei kein Verlust des Rechtsstaates wenn Gesetze sauber rechtlich geregelt werden. Wussten sie das die Nürnberger Rassegesetze auch sauber rechtlich geregelt waren?
Ihr Vergleich zwischen Aids und möglichen Terroranschlägen ist leider eines Kommentars unwürdig.
...So verabschieden sich die Menschen von der Freiheit, mit Jubel und Ablaus...
NeuerMensch (20.04.2007, 13:16 Uhr)
@Boeblinger
Fragen Sie doch mal die vielen tausend Italiener, die letztes Jahr Opfer des großen Abhörskandals wurden, ob die auch nichts gegen die zentrale Speicherung ihrer höchstprivaten Daten haben. Ach, Sie haben von dem Skandal nichts mitbekommen? Naja, es sind doch eigentlich immer die arglosen, die ins offene Messer rennen. Und davon abgesehen: wie soll z.B. die Vorratsdatenspeicherung zur Verhinderung und Aufklärung von Verbrechen beitragen, wenn selbst nach Meinung von Kriminalisten nur 0,001% aller nicht aufgeklärten Straftaten aufgrund nicht aufklärbarer Kommunikationsverbindungen nicht aufgeklärt werden konnten? Wo ist hier die Verhältnismäßigkeit?
salz63 (20.04.2007, 10:21 Uhr)
@Boeblinger
Jetzt müßte Sie mir mal erklären, wie eine alle Bürger umfassende DNA- oder Fingerabdruckdatei z.B. die (glücklicherweise aus anderen Gründen gescheiterten) Zugbomber gestoppt hätte oder wie die Anschläge von New York, London und Madrid verhindert worden wären, hätten die USA, GB und Spanien solche Dateien gehabt?
Ist ja schön, wenn man Opfer für den Rechtsstaat bringen mag, aber dann lieber mal die Polizei rufen oder helfen statt wegzusehen. Ist einfacher, billiger erfordert aber mehr Mut als sich ein Wattenstäbchen durch den Mund zu ziehen oder sich die Fingerkuppen schwarz zu machen.
.
Irgedwie erinnert das an Leute die neben einem Verletzten stehen und ihm großmütig eine Niere spenden wollen statt simpelste Erste Hilfe zu leisten, damit der nicht verblutet...
tripex (20.04.2007, 03:28 Uhr)
Hysterie
Rechtsstaat hin oder her. Mit jeder neuen Buergerdatei steigt das Risiko, unkontrolliert auf Daten zuzugreifen, die zum Nachteil des einzelnen eingesetzt werden koennen. Solange es keine sichere Loesung fuer das "Wer kontrolliert den Kontrolleur"-Problem gibt, bin ich lieber dafuer, ueberhaupt keine Datei anzulegen. Wenn man dich so hoehrt, vertraust Du dem Staat ja fast blind und unterstellst ihm keine boesen Absichten. Wer soll einen korrupten Staatsapparat denn kontrollieren? Nur weil du exibitionistische Tendenzen hast, muss das doch noch lange nicht zur Buergerpflicht werden.
Nicht den Gegnern Schaeubles, sondern ihm muss man Hysterie nachsagen. Abgesehen davon ist das Argument der Terrorabwehr an Absurditaet kaum zu uebertreffen. Man kann Terror auch anders und besser an der Wurzel begegnen, z.B. mit einem Verzicht auf Entsendung von teuren und klimaschaedlichen Tornados. Aber das ist ein anderes Thema. Global zu denken scheint Politikern abhanden gekommen zu sein.
AIDS-"Vergleich"?: Kann beim besten Willen keinen Zusammenhang erkennen.
Boeblinger (20.04.2007, 01:18 Uhr)
Freiheit und Sicherheit sind moeglich
Mich kotzen die Komentare nicht nur hier langsam an.
Der Rechststaat ist nicht in Gefahr wenn mein Fingerabdruck in einer Meldedatei gespeichert ist.Auch ist ein e vom Richter angeordnete Ausspähung des Inhaltes meiner Festplatte noch im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit.
Die Moeglichkeit des Staates kontrolliert auf Daten zuzugreifen ist doch grundsaetzlich kein Verlust von Rechststaat. Es muss sauber rechtlich geregelt sein und bei Missbrauch dieser Dateien auch beamtenrechtliche Konsequenzen moeglich sein ansonsten ist das alles Hysterie. Wer sollte denn ein Interesse haben von jemand ein Bewegungsprofil deutschlandweit zu erstellen und tausende von e.mails zu analysieren wenn nicht ein begruendeter Verdacht vorliegt.
Ich habe kein Problem damit mit 80 Millionen anderer Deutscher in einer Datei gespeichert zu sein mit Fingerabdruck bild und evtl auch DNA Infos.
Ich empfinde manche terroristenfreundliche und lebensfremde Urteile unserer Gerichte als eine groessere Gefahr für den Rechtsstaat als in der Speicherung von Daten.
Muessen denn erst wirklich erfolgreiche Terrorakte stattfinden bis auch der letzte Privatheitsfanatiker erkennt dass man sich schuetzen muss soweit es geht.
Es gab auch eine Zeit da war Geschlechtsverkehr ohne Kondom die Regel aber durch AIDS haben die meisten gelernt dass Schutz durchaus Sinn macht und nur Unbelehrbare stehen noch auf Sex ohne.Gewagter Vergleich ich weiss aber wenn die Gefahr persoenlicher wird dann sind Menschen meist lernfaehiger.
vollzeitchaot (20.04.2007, 00:10 Uhr)
Widerstand (§20Abs4GG)
§20 Abs 4 GG: "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."
Europäische Menschenrechtskonvention, Art. 6 Abs 2.: "Bis zum gesetzlichen Nachweis seiner Schuld wird vermutet, daß der wegen einer strafbaren Handlung Angeklagte unschuldig ist."
Herr Schäuble im Wortlaut: "Der Grundsatz kann nicht für die Gefahrenabwehr gelten."
Ich bestehe auf das mir zugestandene Menschenrecht, und sollte Herr Schäuble mir das noch ein weiteres Mal absprechen, so sehe ich mich gezwungen, Widerstand im Rahmen des §20 Abs 4 GG zu leisten.
Carike (19.04.2007, 22:22 Uhr)
1984
Wer kann diesen wahnsinnig gewordenen Krüppel noch aufhalten?
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