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7. Juli 2008, 11:37 Uhr

Kürzere Laufzeiten für Gerede

Deutschland steht in der Atomfrage beim G8-Gipfel unter Druck und sucht Auswege aus dem Dilemma. SPD-Vordenker Erhard Eppler schlägt vor, die AKW-Laufzeiten zu verlängern. Doch wichtiger wäre es, die AKW-Betreiber endlich richtig zur Kasse zu bitten. Von Hans Peter Schütz

Das Kernkraftwerk im bayerischen Grundremmingen und viele andere AKW's könnten - sollte es nach dem Willen der Union und nun auch Erhard Epplers gehen- länger laufen, als bisher geplant© Phillipp Guelland/DDP

Erhard Eppler besitzt den Ruf eines sozialdemokratischen Chefdenkers. Und er hat die SPD in der Tat an die Lösung vieler komplizierter politischer Fragen herangeführt. Dennoch muss er sich nun die Frage gefallen lassen, ob das wirklich seine eigenen Gedanken sind, mit denen er sich jetzt in die Kernenergie-Debatte eingemischt hat. Die Laufzeit der laufenden Atomkraftwerke (AKW) will er verlängern, doch soll ein Neubauverbot im Grundgesetz verankert werden. Als ob hierzulande überhaupt an neue AKWs gedacht würde. Der Eppler-Vorstoß hat einen überaus faden Geschmack: Leicht möglich, dass ihm das von der derzeitigen SPD-Führung nahe gelegt worden ist. Denn die sucht verzweifelt nach einem wahltaktischen Fluchtweg, um dem Druck zu entkommen, den die Unionsparteien praktisch über Nacht mit neuen Lippenbekenntnissen zur Kernkraft aufgebaut haben.

Wer soll bei längeren Laufzeiten was bezahlen?

Die Diskussion um die künftige Energieversorgung hat sich in der jüngsten Vergangenheit dramatisch zugespitzt. Spritpreise von zwei Euro für den Liter werden prophezeit, die Heizungskosten steigen mit den Öl- und Gaspreisen, die Welt hungert allenthalben, weil zu viel Land für die Produktion von Biosprit benutzt wird anstatt für die Produktion von Nahrungsmitteln. Die Klimaschutz-Diskussion ist eng mit der Energiegewinnungs-Situation verknüpft. Aus fast allen Industriestaaten ertönt daher der Ruf nach dem Bau neuer Kernkraftwerke.

Doch wer sich den Eppler-Vorschlag vor dieser Kulisse schwieriger Fragen näher betrachtet, sollte sich zusätzliche Fragen stellen. Wer die Laufzeiten bestehender AKWs verlängern will, müsste auch klar sagen, unter welchen finanziellen Bedingungen das laufen soll. Eine Million Euro pro Tag fließt aus älteren Anlagen in die Kasse der Energiekonzerne. Soll das so bleiben, obwohl die deutschen Steuerzahler im Lauf der Jahre rund 100 Milliarden Euro zur Entwicklung der Kernenergie beigesteuert haben? Müsste jetzt nicht ein guter Teil der heutigen Gewinne in den Staatshaushalt zurückfließen, um dort für die Entwicklung alternativer Energien eingesetzt zu werden?

Noch immer hat die Bundesrepublik die entscheidende eigene Aufgabe nicht gelöst: Es gibt keine deutschen Endlager für hochradioaktiven Atommüll. Rund 2000 Tonnen hoch radioaktives Plutonium befinden sich inzwischen auf unserer Welt. Wer sichert es eigentlich vor dem möglichen Zugriff so genannter Schurkenstaaten? Und die Politik müsste den erbosten Verbrauchern in diesem Zusammenhang auch einmal gestehen, dass die Bundesrepublik noch immer im großen Umfang Strom exportiert.

Mit dem oberflächlichen Schwadronieren muss Schluss sein

Wenn schon über längere Laufzeiten geredet wird, darf das nicht im Stil oberflächlichen Schwadronierens geschehen. Dann muss die Debatte zwischengelagert werden: Bei dem Thema Klimaschutz und der überaus zögerlichen Energie, mit der die Bundesregierung das Spritschlucker-Paradies Deutschland attackiert und die Steuervorteile großvolumiger Dienstwagen verteidigt. Noch immer fristet die Förderung der Energiegewinnung aus Wind, Wasser und Sonne eine eher nebensächliche Existenz. Aus dem Forschungsetat fließen nur Summen auf das Feld erneuerbarer Energien, die lächerlich sind. Nichts ist bislang davon zu hören, dass die Kernkraftbetreiber etwa die Hälfte zusätzlicher Gewinne in diesen Bereich abführen sollten.

Wähler sollten sich im beginnenden Bundestagswahlkampf nicht auf Epplers Glatteis führen lassen. Mehr Kernkraftstrom wird ihre Energiekosten nicht mindern, ebenso wenig den Benzinpreis drücken. Was allein damit gemehrt würde, ist die Rendite der Stromriesen und das Risiko der Bürger.

Von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 35)
 
nightmare_online (08.07.2008, 16:34 Uhr)
@susanne_bonn
Sie verschweigen bewusst mit wie vielen Milliarden die Kernkraft subventioniert wurde und noch wird, nehme ich an. Sie verschweigen bewusst das bei größeren Unfällen nicht die Betreiber zahlen, sondern der Stuerzahler nehme ich an.
Die These das 41% Abgaben ihre Ursache in der Förderung des Solarstrom haben ist schlicht und ergreifend albern. Noch wesenlich alberner ist allerdings die These das wegen der Förderung des Biosprit in D in Afrika Kinder verhungern. Das ist nicht nur albern, das ist schlicht vollkommen lächerlich.
Achja: Das Sie lieber Biblis vor der Tür haben als Temelin sehe ich ein. Biblis A wird schliesslich 2009 abgschaltet, Biblis B 2010. Zufall? wohl eher nicht.
MamfredBuchholz (08.07.2008, 00:45 Uhr)
wichtig wäre vor allem...
diese Diskussion mal ideologiefrei zu führen. Tatsache ist, dass sich die Schere zwischen Verbrauch und Produktion immer weiter öffnet und wir womöglich noch etwas länger mit Atomkraft leben müssen als uns lieb ist. Tatsache ist aber auch, dass es bislang keine befriedigende Antwort auf das Thema Endlagerung bzw. Wiederaufbereitung gibt. Und bei Halbwertszeiten von einigen hundert Jahren ist es unverantwortlich, unseren derzeitigen Energiehunger zu Lasten späterer Generationen zu stillen. Also warum nicht ganz einfach und unideologisch an der Verbesserung der Atomenergie arbeiten und gleichzeitig die Energieeffizienz und die Produktion alternativer Energien erforschen. Mich stört an der gegenwärtigen Diskussion das entweder oder. Es muss wohl ein sowohl als auch sein. Aber das kann man nicht ideologisch erreichen.
ecomoc4u (08.07.2008, 00:26 Uhr)
warum nicht so.
atomstrom als übergang. föderung massiv in die alternativen forschung.
.
ein bischen ideologie und geld schadet nicht. sogar eine euro förderung/forschung wäre gut für den geist. aber frei und unabhängig muss es bleiben. das wäre oberstes gebot.
.
man muss nur überlegen, was in krisenzeiten alles erfunden wurde. (wenn frei von lobbyismus und einmischung der politik)
Intercity (07.07.2008, 23:34 Uhr)
Energiemix
Der Kommentar "Halbwahrheiten" ist m.E. eine sehr sachliche Bestandsaufnahme. Demnach müssten wir zunächst für eine Übergangszeit mit einem Energiemix (also auch Kernkraft) leben. Wie immer liegt es am Geld. Es werden uns vor allem die Kosten für die bislang billige Energie aus Öl dazu zwingen, endlich andere Energieträger vermehrt einzusetzen. Dafür müssten die KKW-Betreiber wegen der zu verlängernden Laufzeiten der KKW mindestens 50% des Gewinns für Forschung und Subvention alternativer Energien abführen. Das wäre m.E. eine vernünftige Perspektive.
Sheru (07.07.2008, 23:27 Uhr)
Immer diese Lügen
Furchtbar, was für Lügen die Befürworter der Kernkraft auffahren.
1.Dauernd hört man, dass großartig Atomstrom aus dem Ausland gekauft werden müsste - Unsinn, Deutschland produziert derzeit deutlich mehr Strom, als es verbraucht
2.Atomstrom wäre billig - Unsinn, da fließen zu den Stromkosten jetzt schon jede Menge Steuergelder hinein und was da noch an Lagerkosten für Jahrtausende dazukommt, kaum auszumalen
3.Atomkraftwerke wären umweltfreundlich - Unsinn, der Bau eines Kernkraftwerks ist schon mal viel energieaufwendiger als der von alternativen Kraftwerken. Hinzu kommt noch der Energiebedarf für den Uranabbau, Transport, Abtransport und Lagerung des Mülls. Außerdem ist das erwärmte Kühlwasser eine enorme Belastung für die Gewässer, in die es geleitet wird
4.Regenerative Energien können den Energiebedarf nicht decken - Unsinn, es gibt Studien, dass allein mit Erdwärmekraftwerken der Energiebedarf Deutschlands gedeckt werden könnte, kombiniert mit Solarenergie, Wind usw. geht das ohne Probleme.
Erhöhtes Krebsrisiko, verseuchtes Grundwasser durch kollabierende Zwischenlager, ein Ende der leicht zu erreichenden Uran-Lagerstätten in 50 Jahren sind weitere Argumente gegen Kernkraftwerke. Also Leute, bitte keine Rückschritte mehr, bleibt beim Ausstieg!!!
hannes_schinder (07.07.2008, 23:11 Uhr)
Kernenergie
beim jetzigen Stand der Technik ist ein Verbrechen! Unglaublich, wird das Öl knapp wird wieder über die Kernergie debattiert, ist die Rentenkasse leer wird über aktive Sterbehilfe diskutiert, fehlt nur noch die Diskussion darüber ob die aktive Sterbehilfe von Privatfirmen auf Provisionsbasis gemacht werden kann oder nicht. Tötet eure Eltern und vergiftet eure Kinder und Kindeskinder, auf Generationen, ich bin fassungslos.
Gazda (07.07.2008, 22:28 Uhr)
Bitte keine Kernspaltung...
http://www.stern.de/politik/deutschland/225735.html?eid=525115
Was hat sich seit damals geändert? Hat die Bundesregierung oder haben die Vereinigten Staaten die Naturgesetze geändert? – das wäre mir neu.
Tatsache ist Plutonium ist nicht nur Radioaktiv sondern auch hoch giftig.
Die für einen Menschen tödliche Dosis liegt wahrscheinlich im zweistelligen Milligrammbereich. Bereits die Inhalation von 40 Nanogramm 239Pu reicht aus, um den Grenzwert der Jahres-Aktivitätszufuhr für Inhalation bei Arbeitern zu erreichen. Diese Menge ist so winzig, dass die Giftigkeit von Plutonium noch gar nicht zum Tragen kommen kann.
Die Halbwertzeiten liegen je nach Isotop zwischen eineigen Sekunden und 80 000 Jahren und setzen sich dann ggf. über die Uranzerfall fort.
238U hat eine Halbwertszeit von 4,468 Milliarden Jahren, 235U hat eine Halbwertszeit von 703,8 Mio. Jahre, 233U hat eine Halbwertszeit von 159.200 Jahren.
Quelle Wikipedia.
Atomenergie ist billig? Zu den Kosten der Förderung von Natururan, das auch nur Begrenzt vorhanden ist, kommen die Kosten der Urananreicherung, die Kosten der Wiederaufarbeitung, die Kosten des Transports und die Kosten der Endlagerung und der Bewachung des hochradioaktiven Material. Nach Ansicht der Stromerzeuger soll aber sicher der Steuerzahler dafür aufkommen. Das Verursacherprinzip gilt hier aus Gewinndenken nicht.
Fazit: Atomenergie aus der Kernspaltung ist eine der teuersten Energiequellen und wird eine Volkswirtschaft viel stärker belasten als der Untertagebergbau und dessen Folgen.
seppmaier (07.07.2008, 20:36 Uhr)
ein völlig neuer ansatz...
...muss her.
z.b. dezentrale energieerzeugung. es ist heute längst möglich, häuser energieneutral zu bauen. d.h. jedes einzelne haus könnte mit wenig aufwand die benötigte ernergie selbst erzeugen. leider fällt dann für die energie-wirtschaft nix mehr ab....und das ist der grund warum es nur so selten gemacht wird.
unsere politiker, heucheln uns die ohren voll während sie für ewige, fette gewinne der energie-konzerne sorgen.
felixhoffmeyer (07.07.2008, 20:07 Uhr)
Link dazu: http://www.ls9.com/
--
felixhoffmeyer (07.07.2008, 20:06 Uhr)
Regeneratives Öl!
Was wir brauchen ist billige Energie, und keine Panikmacherei von CO2 Fanatikern.
Das nimmt allmählich überhand und da kann einem nur schlecht werden, dass Reisebüros demnächst den CO2-Verbrauch mit in die KAtaloge aufnehmen sollen.
Was sind das alles für Warmduscher.
Regeneratives Öl ist die Zukunft. Wir bräuchten ca. 60km2 Fläche, um ganz Deutschland mit Öl zu versorgen, bei einem Barrel-Preis von 45 Dollar. DAS ist die Zukunft in ca. 5 Jahren und keine umweltverschandelnden Windkraftwerke oder Sonnenenergie-Anlagen. Sonne und Deutschland... Schon ein Widerspruch in sich!
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