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3. Januar 2008, 07:22 Uhr

Mitleid lernt man nicht im Gefängnis

Einige Politiker wollen das Jugendstrafrecht verschärfen. Aber helfen höhere Strafen für Jugendliche oder sogar geschlossene Erziehungslager wirklich weiter? Nein, denn was den Tätern fehlt, lernen sie sicher nicht hinter Gittern. Von Martin Knobbe

Ein Jugendlicher schaut aus dem Fenster seiner Zelle in der Jugendarrestanstalt Berlin-Lichtenrade© Axel Schmidt/DDP

Es ist ein altbekanntes Phänomen: Nachdem in München zwei Jugendliche einen pensionierten Schulleiter brutal zusammen geschlagen hatten, häuften sich derartige Fälle. Zumindest auf den Zeitungs- und Webseiten. Ein 29-jähriger wird von zwei Minderjährigen mit einer Flasche niedergeschlagen. Kurze Zeit später dreschen Jugendliche zwei 45-Jährige Männer blutig. Alles in München. Alles in wenigen Tagen. Immer öfter, immer schlimmer, immer brutaler. Das ist die Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Und es ist die Grundlage für eine erhitzte politische Debatte um erhöhte Strafen, Erziehungslager und Abschiebung von jugendlichen Ausländern.

Mit der Realität hat das wenig zu tun

Die Kriminalität unter Jugendlichen geht seit Jahren zurück, das belegt die Polizeiliche Kriminalstatistik. Die Taten werden von immer weniger Tätern verübt. Nur beim Delikt der Körperverletzung gab es zuletzt einen Anstieg. Experten streiten allerdings darüber, ob dies nur darauf zurückzuführen ist, dass immer mehr Opfer die Taten bei der Polizei auch anzeigen. Von einem Verfall der Jugend jedenfalls kann keine Rede sein. Der Vorfall in München allerdings hat eines bewirkt: Er hat der alltäglichen Gewalt ein Gesicht gegeben. Er hat offenbart, mit welcher gefühllosen Brutalität manch Minderjähriger losschlägt. Auf Menschen, die er gar nicht kennt.

In der Qualität mancher Taten hat sich durchaus etwas geändert. Die Hemmung, jemanden zu treten, der schon am Boden liegt, spüren einige Jugendliche nicht mehr. Auch den Kopf zu malträtieren, ist heute kein Tabu mehr. Manch jugendlicher Schläger kennt offenbar die einfachsten Regeln des zivilisatorischen Umgangs nicht mehr. Forscher haben festgestellt, dass die Fähigkeit Mitleid zu haben, bei vielen Jugendlichen so gut wie nicht mehr vorhanden ist.

Gefängnis hilft weder den Tätern noch der öffentlichen Sicherheit

Mitleid zu haben lernt man nicht im Gefängnis. Deshalb ist die Forderung nach einem größeren Strafrahmen für jugendliche Gewalttäter genauso unsinnig wie die nach Einführung des Erwachsenenstrafrechts für Heranwachsende ab 18 Jahren. Die Rückfallquote nach einem Gefängnisaufenthalt liegt bei Jugendlichen bei 80 Prozent. Gefängnis hilft weder den jungen Tätern, noch der öffentlichen Sicherheit.

Auch geschlossene Erziehungslager, wie sie Unionspolitiker jetzt fordern, dürften - wenn überhaupt - nur kurzfristige Erfolge haben. "Geschlossene Unterbringung", sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer aus Hannover, "kann in extremen Krisenfällen sinnvoll sein, um einen Jugendlichen von seinem aufgeregten Lebensstil herunter zu holen. Langfristig müssen aber andere Methoden her." Es gibt genügend: Pflegefamilien oder pädagogische Wohngemeinschaften für problematische Jugendliche, individuelle Maßnahmen, auch im Ausland. Noch scheuen sich viele Richter, solche Maßnahmen zu verordnen, weil sie das Recht der Eltern höher schätzen als das Recht der Kinder. Und oft werden die Maßnahmen verhängt, wenn der Jugendliche viel zu alt dafür ist.

Es wäre schön, wenn das Problem so schnell zu lösen wäre, wie es die Politik in diesen Tagen suggeriert: Mit einer Reform des Jugendstrafrechts und der Einrichtung einiger "Bootcamps". In Wahrheit muss man früh beginnen. Gewaltverhalten hängt mit Bildung zusammen, darüber lässt die Forschung keinen Zweifel. Auch die Fähigkeit, Mitleid zu haben, entwickelt sich im frühen Kindesalter. Deshalb müssen Maßnahmen gegen Gewalt in Kindergarten und Schule ansetzen. Das ist keine neue Erkenntnis. Aber die einzige, die Erfolg verspricht.

Von Martin Knobbe
 
 
KOMMENTARE (10 von 40)
 
Lelou (04.01.2008, 17:38 Uhr)
Was vielen Gewalttätern fehlt, ...
... ist wohl tatsächlich Bildung. Aber nicht allein, sondern auch und vor allem Erziehung. Der Respekt vor dem Leben und dem Eigentum anderer geht vielen völlig ab. Doch das wird in der Gesellschaft leider oftmals genau von denen vorgelebt, die für Kinder und Jugendliche Vorbilder sind (bzw. sein sollten). Allen voran die "Vorbilder" aus der Welt der Medien, egal ob nun Film, Fernsehen, Musik ...
netter_fahrer (03.01.2008, 17:28 Uhr)
Danke für die Blumen!
Danke für die netten Worte, aber so bin ich eben... ich kann es nicht allen Recht machen, und erst recht keinem Roland Koch und anderen die so denken wie er. Was er da von sich gibt, ist nicht nur populistisch, sondern brandgefährlich, hat er doch selbst mit seiner damaligen Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft das Problem verschärft. Es ist auffallend, dass vor allem türkische Jungs oft massive Sprachdefizite haben, türkische Mädchen fast nicht, und Jungs aus dem Iran, Libanon, Tunesien oder anderen Ländern, die unser Jugendhaus besuchen, sprechen perfekt deutsch - keine Schablone, sondern tägliche Erfahrung. Nur: ohne Sprachkenntnisse kein Schulabschluß, keine Lehrstelle, nix als Helfer in der Dönerbude - oder eben kriminell, aggressiv, gewalttätig. Und das mit dem Ausweisen des prügelnden türkischen Vaters stammt gar nicht von mir, sondern dem bekannten Kriminologen Christian Pfeiffer; er sagte es vor einiger Zeit in einem Interview, ich sage dazu: Prinzipiell richtig!
Dieter37 (03.01.2008, 17:18 Uhr)
Schon wieder-
Übergriffe von türkischen Jungendlichen
in Münchener U-Bahn.
Wie lange soll da denn noch zugeschaut und beraten werden, was man mit diesen "armen" Migranten tun kann ?
Wir haben seit Langem nicht nur in Deutschland ein Problem. Das kann man kurz un knapp beschreiben: Kriminell =Jung; männlich; türkisch.
Diese Gruppe gefährdet nicht nur die Sicherheit- nein, sie unterwandert auch den sozialen Frieden. Die Frage ist nun; wollen wir uns das bieten lassen?
Redaktion (03.01.2008, 16:52 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Diskussion. Wir haben an dieser Stelle einige Kommentare löschen müssen, da diese gegen unsere Hausordnung verstoßen haben. daher noch einmal die eindringeliche Bitte an Sie: Diskutieren Sie sachlich und verzichten Sie bitte auf Beleidigungen.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Alex64 (03.01.2008, 15:18 Uhr)
@netter_fahrer
Sie werden doch nicht die arme türkische Familie ohne Ernährer dastehen lassen wollen?
Also entweder alle oder keiner...
Sublucem (03.01.2008, 15:18 Uhr)
@netter_fahrer
Dir ist schon klar, dass du mit deiner netten, offenen und diplomatischen Art quasi Kanonenfutter für diejenigen bist, die gerne in Schablonen denken? ;)
netter_fahrer (03.01.2008, 15:12 Uhr)
Gewalttäter sind auch Opfer...
...das klingt zunächst mal nach "Kuschelpädagogik" aus den 70ern, stimmt aber. Ich bin seit über 20 Jahren in der offenen Jugendarbeit tätig und habe Generationen Jugendlicher mit ihrem durch Herkunft, Familie, sozialem Status, Erziehung und anderem geprägten Umgang mit Aggression ud Gewalt erlebt. Gewalt ist nicht dasselbe wie Aggression, sondern nur ein Teil davon. Aggression gehört zum Leben und kann gestalten oder auch zerstören. Ich glaube nicht, das Jugendliche heute mehr Gewalt anwenden als noch vor 10, 15 Jahren, aber das "Einstiegsalter" und die Hemmungslosigkeit sind gesunken. Und durch die Medien erfahren wir heute viel schneller über Vorfälle; gerade Medien wie der Zeitung mit den vier Buchstaben und Privatsendern schreibe ich viel von dem unsäglichen Populismus zu, der gerade mal wieder angesagt ist. Ich bin der Meinung, wir brauchen keine härteren Gesetze oder Bootcamps à la USA, die sind da nun wirklich kein Vorbild. Wir brauchen
- eine schnellere Justiz, die jugendliche Straftätern umgehend -also innerhalb weniger Tage- die Konsequenzen für ihr Handeln auferlegt;
- eine Bildungsreform, die ihren Namen verdient, es kann nicht angehen, dass ein hoher Prozentsatz der Migrantenkinder ohne Schulabschluß dasteht;
- sinnvolle Freizeiteinrichtungen, die die Jugendlichen mitgestalten können, also eine Aufgabe bekommen;
- und der Blick auf die Tatsache, dass in zahllosen gerade türkischen Familien häusliche Gewalt zum Alltag gehört. Das bedeutet für mich: nicht der gewalttätige Jugendliche gehört ausgewiesen, sondern sein Vater, der mit seiner Gewalt die Familie terrorisiert und seinem Sohn erst das Gewalttätigsein "beigebracht" hat!
Alex64 (03.01.2008, 12:51 Uhr)
Diaula
... die Hunde kapieren es wenigstens.
Aber ich gebe dir recht - ich weiss nicht, ob in diesen Fällen genug kognitives Denken vorhanden ist.
Ein Hund (zumindest ein normaler, der nicht durch sogenannte Menschen zum Kampfhund umerzogen wurde) hört nach "Unterwerfung" des Gegners auf - Tritte zum Kopf eines am Boden liegenden wehrlosen Gegners zeigen mir, das damit die meisten Hunde moralisch über diesen Wesen stehen.
Insofern bezweifle ich die Ausbildungsfähigkeit dieser Wesen - allerdings auch, ob sie so unbedingt durch die oft zitierte "Menschenwürde" geschützt werden müssen..
Sublucem (03.01.2008, 12:22 Uhr)
Slippery Slope
Wer zieht dann noch Grenzen (moralische, keine nationalen - die gibt es weiterhin im Kopf)?
Nehmen wir doch den Abschiebungs-Gedanken. Die "Urdeutschen", sprich: lückenlos nachgewiesener deutscher Stammbaum, werden in Lager gesperrt, gedrillt. Wer zusammenbricht bleibt länger eingesperrt, wer herauskommt erhält eine Fussfessel.
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Diese wiederum gibt ein Signal sobald jemand irgendwen tritt. Gleiches gilt für den Abgeschoben: Kommt er zurück nach Deutschland -> Signal.
Folge: Standrechtliche Erschießungen für hoffnungslos erklärte Fälle. Ein Fall wird auch dann hoffnungslos wenn ein Jugendlicher nach mehrmonatigem Drill nach wie vor Wut empfinden und bei entsprechendem Pfeifen dieses Gefühl nicht sofort abstellen kann.
.
Sie Opfer bekommen Bilder und, wahlweise, Überreste zugeschickt, um sich diese schön eingerahmt über das Bett zu hängen. Das sollte etwaige Rachegefühle ausmerzen und wieder Gerechtigkeit herstellen. Deutsche Straßen wären wesentlich sicherer.
Diaula (03.01.2008, 12:07 Uhr)
Ein robustes Belohnungs-/Bestrafungs-System ..
.. wünscht sich mein Vorredner.
Genau so macht man es in der Ausbildung von Hunden.
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