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9. Juli 2007, 13:13 Uhr

Schwarzer Sheriff in der Guantanamo-Falle

Mit seinen jüngsten Vorschlägen zur effektiven Terror-Prävention verletzt Innenminister Wolfgang Schäuble den Geist des Grundgesetzes. Angela Merkels Schwarzer Sheriff folgt einer Guantanamo-Logik, die darauf abzielt, ein spezielles Kriegsrecht zu schaffen. Das ist nicht akzeptabel. Von Florian Güßgen

Wenn Sorge in Panik umschlägt: Innenminister Wolfgang Schäuble, CDU© Thomas Lohnes/DDP

Jeden Innenminister muss die Sorge treiben - die Sorge, dass ihm Nachlässigkeit vorgeworfen wird, wenn in Berlin ein gekaperter Passagierflieger in den Reichstag stürzt, wenn es einen Bombenanschlag in einer Münchner U-Bahn gibt, kurz: wenn Terroristen in Deutschland zuschlagen. Ein Innenminister muss für größtmögliche Sicherheit sorgen. Das ist sein Job. Und deshalb muss er, gerade in Augenblicken der Bedrohung, immer die Grenzen des Rechtsstaaten testen, die Grenzen, dessen, was das Grundgesetz erlaubt.

Es ist Angst, die Schäuble treibt

Wolfgang Schäuble treibt nicht nur Sorge, ihn treibt blanke Angst, Panik. Anders sind seine jüngsten Vorstöße nicht zu erklären, denn diese sind im Kern inakzeptabel: Statt die Grenzen der deutschen Verfassung zu testen, statt sich an ihrem Geist zu orientieren, fordert der Innenminister unverhohlen ein Sonderrecht, ein Kriegsrecht. Er verfällt genau jener Logik, die für den Kampf gegen besondere Feinde besondere Mittel erlaubt, die aber mit unseren Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun hat. Schäuble ist einer Guantanamo-Logik verfallen.

Das frappierendste Beispiel hierfür: Das "Targeted Killing", das gezielte Töten, das Schäuble zumindest zur Diskussion stellen will. Dabei geht es darum, dass auch deutsche Soldaten oder deutsche Polizisten bei Bedarf einen Terrorfürsten umbringen dürfen. Präzise ist das in dem "Spiegel"-Interview zwar nicht ausgeführt, was Schäuble genau vorhat. Er verweist aber auf das Vorbild des "finalen Rettungsschusses". Bislang darf die Polizei in einigen Ländern etwa einen Geiselnehmer töten, wenn unmittelbare Gefahr für das Leben anderer besteht. Genau diese Unmittelbarkeit jedoch möchte Schäuble aufheben. Mit der Lizenz zum Töten dürften Soldaten oder Polizisten James Bond spielen und etwa jenen Terroristen umbringen, der ja im Verdacht steht, es auf größere Menschenmengen abgesehen zu haben.

Staatliches Töten auf Verdacht

Damit würde Schäuble dem Staat die Möglichkeit geben, auf Verdacht zu töten, es würde eine Art präventive Todesstrafe geschaffen. Das widerspricht dem Geist des Grundgesetzes und der deutschen Rechtsauffassung. Diese sieht Bestrafung nur dann vor, wenn eine Straftat begangen worden ist. Auch der Rechtssprechung des Verfassungsgerichts würde das "Trageted Killing" widersprechen. Denn es würde mit sich bringen, dass das Leben des vermeintlichen Terroristenführers aufgewogen wird gegen die Leben seiner potenziellen Opfer. Aber genau hier hat das Verfassungsgericht enge Vorgaben gemacht. Sein Urteil zum Luftsicherheitsgesetz stellte klar, dass Menschenleben nicht gegen Menschenleben aufgewogen dürfen.

Wenn Schäuble nun im Kern argumentiert, dass man etwa mit Osama bin Laden keinesfalls einen Falschen treffen würde und dass man, wenn man ihn ins Fadenkreuz kriegt, doch besser abdrücken sollte statt auf die Wirkung rechtlicher Prozeduren zu hoffen, dann lässt er die Guantanamo-Logik walten. Er fordert ein Kriegsrecht - ohne diesen Begriff in den Mund zu nehmen, ein Kriegsrecht, wie es etwa die Israelis gegen die Hamas-Terroristen anwenden. Für den deutschen Fall ist das, jenseits aller Zweifel an der technischen Machbarkeit, nicht akzeptabel.

"Gefährder" ohne Grundrechte

Gleiches gilt für Schäubles Vorstoß, "Gefährdern", die man leider nicht abschieben kann, die Nutzung von Handys und Internet zu verbieten. Auch wenn diese Praxis in der polizeirechtlichen Praxis möglicherweise noch umsetzbar wäre, so würden entsprechende Verbote einen Sonderstatus für "Gefährder" schaffen: ihnen würden bestimmte Rechte entzogen werden. Im Klartext würde das bedeuten: Der Staat hätte nicht genug in der Hand, um die Verdächtigen auszuweisen, aber genug Verdachtsmomente, um ihnen vorsorglich Grundrechte zu entziehen. Dabei würde es nicht um polizeiliche Ermittlungen gehen, sondern um einen dauerhaften Zustand der Entrechtung, eine Art gesonderter Bürgerstatus für potenzielle Terroristen. Das würde der Gleicheitsidee des Grundgesetzes zuwiderlaufen. auch hier würde die Guantanamo-Logik umgesetzt werden.

Völlig unklar ist dagegen, was Schäuble mit seinem Vorschlag bezweckt, einen Straftatbestand der Verschwörung einzuführen. Diesen gibt es zwar etwa im amerikanischen Recht, aber die Definition der Verschwörung ("conspiracy") entspricht im Wesentlichen der Definition einer "kriminellen" oder einer "terroristischen Vereinigung" im Strafgesetzbuch. Beides steht bereits unter Strafe. Was der Mehrwert des Vergehens der Verschwörung sein soll, bleibt bislang Schäubles Geheimnis.

Kein Geheimnis ist jedoch, dass Schäuble mit seinen Plänen zu weit geht. Viel zu weit. Es ist ein grandioser Unsinn, dass in einer Zeit, in der das Pendel in den USA wieder zurückschwingt, in denen dort die Selbstreinigungsmechanismen des liberalen Rechtsstaates wieder greifen, in denen Guantanamo immer mehr am Pranger steht, der deutsche Innenminister sich anschickt, blind genau jener Logik zu huldigen, die dieses unselige Gefangenenlager erst möglich machte. Das entspricht, das stimmt schon, einem Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Es ist erstaunlich, dass ein an sich so scharfsinniger Mann wie Schäuble sich in diese Guantanamo-Falle getappt ist, aus der man sich nur so unendlich schwer wieder befreien kann. Ihn muss die Panik treiben. Und die war noch nie eine gute Gehilfin.

Von Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
erde (09.07.2007, 22:12 Uhr)
Die Ideen des Herrn Schäuble
Ich dachte immer, nach Otto Schily kann uns nichts schlimmeres auf dem Innenministerstuhl passieren. Weit gefehlt, Herr Schäuble ist die Potenz zu ihm.
Es wird Zeit, daß keine ängstlichen alten Männer mehr auf diesen Posten berufen werden. Herr Schäuble sollte schnellstens seinen Hut nehmen, bevor wir vollends zum Überwachungsstaat werden. Dieser Mann ist eine Zumutung für jeden freiheitsliebenden Menschen.
hevosenkuva (09.07.2007, 21:53 Uhr)
ja!
ich bin auch für die totale Überwachung. und für den totalen Krieg gegen den Terror. und für Lebertran auf Krankenschein! ich möchte eine Welt, in der ich aus einer Toilette trinken kann, ohne Ausschlag zu kriegen! (letzter Satz Zitat Frank Drebin, Detective Lieutenant Police Squad)
Spocks_Kommentar (09.07.2007, 18:12 Uhr)
2 Möglichkeiten
Es gibt nur 2 Möglichkeiten:
Entweder Schäuble ist ein Fall für den Verfassungsschutz,
oder er ist ein Fall für den Psychiater.
Wahrscheinlich beides.
Aber das ist nicht alles. Was ist von einer Kanzlerin zu halten, die einem derart gestörten Menschen die innere Sicherheit und die Geheimdienste anvertraut? Es gibt nur ein Wort: Unfähig!
Und was ist von einem Koalitionspartener zu halten, der unter diesen Umständen in der Regierung bleibt? Traurig, sehr traurig.
Leider ist das aber noch nicht alles: Die Kochs und Öttingers sind begeistert. Warum importieren wir nicht gleich Ehud Olmert, Ariel Scharon und die anderen Menschenrechtsverächter einschließlich George W Bush und PolPot, Stalin wäre auch gut, der versteht auch was von innerer Sicherheit und ein paar sehr wirksame Methoden haben wir in Deutschland ja früher schon ausprobiert, da gäbe es sogar schon einschlägige Erfahrungen.....
Vielleicht sollte jemand Herrn Minister Schäuble einmal darauf aufmerksam machen, daß die deutsche Hauptstadt Berlin heißt, und nicht Ramallah - was nicht bedeuten soll, daß Israel im Recht ist.......
boesermietzekater (09.07.2007, 16:43 Uhr)
unglaublich!
irgendwie erinnern mich herrn schäubles vorschlage an die dokumente, die nach dem fall des sed-regiems gefunden wurden, in denen listen mit zu internierenden "staatsfeinden" und den dazugehörigen internierungslagern gefunden worden. wenn herr schäuble mit solchen vorschlägen durchkommt, dann "gute nacht demokratie" in deutschland. bis jetzt war ich ganz froh in einem rechtsstaat zu leben... das wird dann aber wohl vorbei sein. mich würde auch interessieren, wie er ein kommunikationsverbot durchsetzen möchte, kann man dann nur noch mit personalausweis ins internetcafe, oder gar einer besonderen genehmigung des innenministers??? hoffentlich gibt es auch kräfte in der cdu die den wirren gedankengängen des herrn schäuble einhalt gebieten!!! MFG
sportartmakler (09.07.2007, 16:27 Uhr)
1984???
@martyd@: wenn das keine extreme ironie war, dann fehlen mir wirklich ,zumindest im guten ton, echt die worte! Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten?auch wenn die "freiheit" des menschen nicht wirklich existiert, verwandeln solche maßnahmen dtl in ein riesiges gefängnis, in welchem sie zur arbeit gehen dürfen, und wenn sie auf dem weg dorthin noch nen kaugummi ausspucken klingelt mittag gleich das sek? selbst wenn ich aus meinem verwandtenkreis menschen durch solch einen anschlag verlieren würde, wäre ich trotzdem strikt gegen solche machtintrumente des stattes.
wenn sie außerdem glauben durch solche maßnahmen geschützter zu sein vor anschägen welcher art auch immer, dann leben sie in einer traumwelt.
germinal (09.07.2007, 16:21 Uhr)
Alles kommt zurück!
Wenn Schäuble sich so offensichtlich als Verfassungsfeind outet, passt er wohl am Ehesten ins Raster der "Gefährder"!
Wolfgang, mach´s Dir selbst!
FrankDrabin (09.07.2007, 16:18 Uhr)
Stopt den Irren
..und zwar flott.Roll zur Hölle du Spinner. Passt aber ins Bild unserer Geschichte, ist'n Klassiker.Gestapo-Stasi-Schäuble...
Der gehört entsorgt und das ganz schnell bevor dem Wahnsinnigen noch einer Gehör schenkt!Weg damit!
Hugh
Marty_D (09.07.2007, 16:13 Uhr)
Eigentlich dafür
Mal ehrlich, wenn es hilft!
ich hab keinen bock meine kinder zu beerdigen.
Ich bin für die totale überwachung, 1984 mässig. - ist mein ernst, heute mal keinen tot-ironischen kommentar vom mir!!! ich hab nichts zu verbergen. und wer was zu verbergen hat gehört eh weggesperrt.
Wenn auch nur ein einziger mensch drauf geht und man hätte es verhindern können ist es das wert.
Denn der Wert eines Menschlichen Lebens ist unendlich.
Jeder der schon jemand verloren hat der ihm/ihr nahestand kann das nachvollzihehen. Ich sag mal: Tanja Gräf, schön wenn dann die leiche gefunden wird. Hätte die nen GPS chip unter der haut wäre es villeicht gar nicht so weit gekommen. Da will ich hin - die totale überwachung. Nur weil Orwell zu doof dafür war heisst das doch nicht automatisch das das von "bösen" leuten ausgenutzt wird.
oh mann - Martin
IsyAltklug (09.07.2007, 15:36 Uhr)
Man hat schon das Gefühl,
Herr Schäuble arbeitete jetzt in seinem Innenminister-Job sein ganz persönliches Attentatstrauma auf. Auf der anderen Seite, liebe Leute, ich kann nur hoffen, dass seine gewünschten Maßnahmen zur Sicherheit in Deutschland bei Euch auf die gleiche Kritik stoßen und ihr nach wie vor Freiheit vor Sicherheit stellt, wenn es in Deutschland wirklich mal knallt, wie England, die USA und Spanien es ja schon hinter sich haben.
atride (09.07.2007, 15:19 Uhr)
Schäuble
ist derzeit der gefährlichste Mann in Deutschland. Es befremdet mich, dass er so lange diesen ganzen Wahnsinn als Innenminister überhaupt verzapfen darf. Ich meine, die Verfassung ist doch kein Larifari-Wisch, das man mal eben umschreibt, wies gerade passt? Oder?!
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