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28. August 2006, 11:35 Uhr

Vertraut den Hartz-IV-Empfängern!

Die Empörung über den Vorschlag von Wolfgang Tiefensee, Hartz-IV-Empfänger als "Rail-Marshals" einzusetzen, ist verfehlt. Offenbar trauen die Kritiker den Arbeitslosen weniger zu als der Minister. Dessen Idee macht Sinn. Von Florian Güßgen

Vordenker oder Phantast? Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee© Markus Schreiber/AP

Der Empörungsreflex funktioniert. Kaum schlägt Verkehrs-und-Ost-Minister Wolfgang Tiefensee vor, Hartz-IV-Empfänger könnten doch gut in Bussen und Bahnen aufpassen, kocht der Volkszorn hoch und schlägt sich bundesweit in garstigen und hämischen Kommentaren nieder. Bei genauerer Betrachtung ist weniger der Vorschlag merkwürdig als vielmehr der Zorn.

Schwer wiegende Vorurteile gegenüber Langzeitarbeitslosen

Offenbar sind wir Deutsche mehrheitlich immer noch dem romantischen Glauben verfallen, dass es besser ist, arbeitslos zu sein, als unter dem gefühlten eigenen Niveau zumindest zu versuchen, einen Neueinstieg zu finden. Deshalb lehnen wir Arbeit als Gegenleistung für staatliche Transfers ab. Aber nicht nur das. Gleichzeitig tragen wir offenbar auch so schwer wiegende Vorurteile gegenüber Hartz-IV-Empfängern mit uns herum, dass wir ihnen nicht einmal zutrauen, in Bussen und Bahnen für Sicherheit zu sorgen. Beides ist ein Fehler.

Der SPD-Mann Tiefensee hat dem "Focus" Folgendes gesagt: "Wir suchen immer nach Möglichkeiten für gemeinnützige Arbeiten, die Empfänger staatlicher Unterstützung leisten können. Warum soll es nicht Leute geben, die in Bussen oder Straßenbahnen nach dem Rechten sehen. Das würde kaum zusätzliche Kosten verursachen, aber die Sicherheit und den Service erhöhen."

Eine Perspektive auf einen neuen Job

Gegen diesen Vorschlag, der noch nicht bis zur Gesetzesreife durchdacht ist, führen Kritiker nun jenseits des hämischen Gepolters zwei Hauptargumente ins Feld. Zum einen heißt es, Hartz-IV-Empfänger seien weder dafür ausgebildet noch dazu befugt, für öffentliche Sicherheit zu sorgen. Diese Sicht zeugt von einem schwer nachvollziehbaren Unwillen, Arbeitslosen Verantwortung zu übertragen. Öffentliche Hecken dürfen sie schneiden, öffentliches Unkraut dürfen sie jäten, aber im Bus sollen sie keinesfalls für Ruhe sorgen. Offenbar besteht auf Seiten der Kritiker immer noch das Vorurteil, dass es sich bei Hartz-IV-Empfängern in der Regel um übel riechende Alkoholiker am Rande der Zurechnungsfähigkeit handelt.

Das ist Unsinn. Es geht ja nicht darum, Hartz-IV-Empfänger ohne Training mit Maschinenpistolen bewaffnet in einen Bus zu stellen und zu sagen: Wenn sich jemand rührt, muss Du hier auf den Abzug drücken. Es geht darum, sie möglicherweise zu schulen, dann einzusetzen, vielleicht sogar mit der Perspektive auf eine spätere Einstellung. In voll besetzten öffentlichen Verkehrsmitteln, in denen es nur einen Fahrer oder einen Schaffner gibt, und in denen es oft zu Konflikten kommt, könnten sie deeskalierend wirken, könnten als sichtbare Sicherheitsgaranten arbeiten - ohne Waffe, ohne Uniform. Sie sollen keine hoheitlichen Aufgaben übernehmen, der Polizei nicht am Zeug flicken, sondern als Helfer auftreten. Da haben vielleicht Frauen etwas davon, die spätnachts nach Hause fahren, vielleicht aber auch Menschen, die in - hach, die gibt's ja gar nicht - No-Go-Areas wohnen. Warum denn nicht? Das Motto muss lauten: Vertraut den Hartz-IV-Empfängern doch, traut ihnen mehr zu!

Dass so etwas funktionieren kann, zeigt etwa ein Projekt, das knapp ein Jahrzehnt lang im niederländischen Rotterdam durchgeführt wurde. Dort setzten die städtischen Verkehrsbetriebe RET Arbeitlose mit Migrationshintergrund in Straßenbahnen ein, vom Staat subventioniert. Nach einer gewissen Zeit wurden sie einem Test unterzogen und bei Bestehen eingestellt.

Wohlwollender Auftrag an Tiefensee

Schwerer wiegend ist deshalb auch das zweite Argument der Kritiker, das da lautet, dass eine vergleichbare Arbeit Langzeitarbeitslosen einfach nicht zuzumuten sei als Gegenleistung für staatliche Transferzahlungen.

Aber auch dieses Argument ist nicht schlagend, denn mittlerweile ist doch klar, dass wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir, einmal ausgebildet, einen Anspruch darauf haben, eine Arbeit auszuführen, die unserem gefühlten Status entspricht. Die große Koalition hat dies erkannt und dieses Jahr bei Hartz-IV so nachgebessert, dass Leistungen gestrichen werden können, wenn Jobangebote ausgeschlagen werden. Tätigkeiten wie Tiefensee sie nun bei Bus und Bahn vorschlägt, muss man, aus dieser Perspektive, als Weiterbildungsmaßnahme begreifen - in einem Sektor, der Sicherheit, der leider Zukunft hat. Das ist doch erst einmal eine gute Sache.

Deshalb sollte die Idee des Verkehrsministers auch mit weniger Schaum vor dem Mund bewertet werden. Statt dessen sollte der SPD-Politiker geschwinde den wohlwollenden Auftrag erhalten, doch einmal zu erläutern, wie er sich die Umsetzung des Vorschlags genau vorstellt.

Ihre Meinung

Wie stehen Sie zu Wolfgang Tiefensees Vorschlag, Langzeitarbeitslose in Bussen und Bahnen als "Rail-Marshals" einzusetzen? Teilen Sie die Auffassung von stern.de-Autor Güßgen, dass der Minister Recht hat?

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (22)
Von Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (10 von 22)
 
Dietmar_Brach (30.08.2006, 08:57 Uhr)
So verhindert man Arbeitsplätze
Der wahre Hintergrund für die plötzliche Forderung Hartz IV Empfänger zur Sicherheit in Bahnen und Bussen einzusetzen, ist ein anderer. Ein geplanter Richtlinienentwurf schreibt Unternehmen aus der Logistik- und Transportbranche zur Abwehr von Terrorgefahren die Erfüllung umfangreicher Sicherheitsvorschriften vor.
Wirtschaftsstaatssekretär Joachim Wuermeling äußerte sich zu diesem Entwurf im Handelsblatt vom 22.082006:. "Jede Art von Sicherheitsvorkehrung hat einen gewissen zeitlichen und finanziellen Aufwand zur Folge. Wir werden nicht zögern, den Unternehmen diese Belastung aufzuerlegen. Aber als Wirtschaftsministerium haben wir auch stets im Blick, dass die Kosten in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen stehen“. Da bietet es sich natürlich an, diese möglichen neuen notwendigen Tätigkeiten von Hartz IV Empfängern kostenlos ausführen zu lassen. Ansonsten könnten ja tatsächlich neue Arbeitsplätze entstehen, die dann auch bezahlt werden müssen. Dies muss das Wirtschaftsministerium zum Schutze der Wirtschaft aber unter allen Umständen vermeiden.
Dietmar Brach Ingelheim
www.dietmar-brach.de
Skillet4 (29.08.2006, 18:56 Uhr)
Kopfschuss die zweite
Stellen wir also fest: wer geeignet erscheint, es sich zutraut und über die notwendige persönliche Reife verfügt - er soll es machen. Diese Person ist ununiformiert, sichtbar unbewaffnet und in Deutschland meist ohne Migrationshintergrund, männlich ( darüber dürften wir uns besser einig sein ), und verfügt über eine fundierte Nahkampfausbildung. Diese Person hilft alten und behinderten Passagieren während der Fahrt wo nötig ( nichts dagegen einzuwenden ), verhält sich sonst unauffällig, sitzt ( und zwar nicht am Fenster ) oder steht je nach Passagierdichte in der Mitte oder hinten im Bus / in der Strassenbahn / in der U - Bahn.
Diese Person ist ein unbewaffneter, als solcher nicht auf Anhieb erkennbarer S c h u t z m a n n / Ordnungshüter.
Was glauben Sie eigentlich, warum Schutzleute uniformiert und bewaffnet sind ?
Und ausserdem sich von ihrem Einkommen auch ernähren sollten können?
Keine ALG2 - Empfänger zum Selbstmordkommando !
Meine Meinung.
Chrizmo (29.08.2006, 12:05 Uhr)
Denken nicht meckern...
Die Aussage von Herrn Tiefensee ist eine Idee, keine beschlossene Aktion der Bundesregierung. Unter den entsprechenden Rahmenbedingungen ist ein Einsatz von Arbeitslosen zum Zwecke der allgemeinen Sicherheit sicherlich praktikabel und sinnvoll. Ob diese dann weiterhin Hartz-IV Empfänger bleiben, oder 1-Euro Jobber, oder evtl in einer neu zu gründenen Gesellschaft unterkommen ist eine völlig ander Frage. Aber wenn man die Arbeitslosen fragt, bin ich mir sicher, und einige haben es hier ja auch schon gesagt, das es interesse an dieser Tätigkeit gibt. Natürlich darf ein Einsatz nicht zur Pflichtveranstaltung werden, und gewisse Voraussetzungen müssen erfüllt sein, aber hier die Möglichkeit als solche konsequent abzulehnen und von Populismus zu sprechen, ist selbst als ein solcher zu bewerten.
heiner5362 (28.08.2006, 22:50 Uhr)
Berufseinstieg ???
Also wenn ich älteren Herrschaften beim Einsteigen helfe, helfe ich mir selbst zum Berufseinstieg ?
Welchen denn ?
BLOCKWART oder was.
Für 1€/Std, was noch auf etliches angerechnet wird ?
Diesen Traumtänzern im Bundestag gehört das Maul ausgewaschen in Bezug auf solch zynische Äusserungen.
Ich wünsche JEDEM dieser "Spezialisten" bis zum Lebensende ALGII-Empfänger zu werden.
Aber wie denn auch, wenn man sich die Taschen schon prallst gefüllt hat
kann man jetzt das Maul aufreissen.
Die hab ich nicht gewählt.
Armes Deutschland.
Elfengleich (28.08.2006, 22:42 Uhr)
Hocherfreut
bin ich über die Leserkommentare - hätte ich beim Stern gar nicht vermutet :-)
Tatsächlich geht der Artikel in die gleiche Richtung wie die Politik: Herumdoktern an Symptomen und verschlimmert damit auf Dauer die eigentliche Krankheit.
Wenn der Staat das gesamte Geld, das ein ALG II-Empfänger erhält, mal in die Hand nimmt (Lebensunterhalt, die Miete, die Beiträge zur Sozialversicherung und die fast 500 Euro, die ein 1-Euro-Job tatsächlich kostet) kann er damit einen vollwertigen Job schaffen und damit nicht nur oberflächlich aus der Statistik rausholen, sondern tatsächlich aus der Arbeitslosigkeit und der Verwaltung und Kontrolle durch Ämter.
Da das in der Presse, und schon gar nicht im Stern, je so gesagt wird, kann man wohl davon ausgehen, daß es so nicht gewünscht ist.
Einige Leseempfehlungen:
http://del.icio.us/Elfengleich/Ein-Euro-Job
lonki (28.08.2006, 21:17 Uhr)
Diskriminierung ist schon selbstverständlich?
"Hartz IV-Empfänger" ist schon hierzulande ein Begriff geworden für die, die sich ausbeuten lassen müssen. Man kann auch "Arbeitssuchenden" einen "echten Arbeitsplatz" zu einem "normalen Lohn/ Gehalt anbieten. Was verdient man denn so als Sicherheitskraft beim Staat? Bitte nicht schon wieder "Almosen" Herr Tiefensee! Oder würden Sie auch für 1,50 € die Stunde den ganzen Tag arbeiten und vielleicht auch noch eine Familie ernähren? Und die Märchen, dass die Kassen leer sind glaubt Ihnen, liebe Politiker auch niemand mehr. Wir sind mittten in dem "Win-Loose" Desaster. Wer bei Ihrer Idee wieder den Looser spielen soll ist von Ihnen ja schon wieder vorgeben und scheinbar ganz normal. Sorry, die irren Ideen unserer Regierung sind im höchsten maße verantwortungslos!
---exi--- (28.08.2006, 21:00 Uhr)
auch genötigte Arbeitslose bleiben Arbeitslose
wenn Tiefensee meint, daß die Bahn- und Buslinien mehr Service brauchen, besser bewacht sein sollen und eine regelmäßige Fahrkartenkontrolle erfordern, dann sollen die Menschen fest eingestellt werden. Als Servicefachkräfte, als Bahnpolizisten, als Fahrscheinkontrolleure und Ticketverkäufer. Damit würde er die Arbeitslosenzahl senken.
Aber mit seiner Schnapsidee zementiert er die Arbeitslosigkeit, beledigt er die Kundschaft und schadet er den Unternehmen.
gallonero (28.08.2006, 19:47 Uhr)
ALG II
Muß denn zu jedem Unsinn den ein Politiker von sich gibt sofort ein Internet-Forum eröffnet werden?
Lieber Herr Tiefensee, hätten Sie doch bloß nur geschwiegen!!! Erst Steinbrück mit Urlaubsverzicht, dann Riester mit den neuen PKWs, als nächster Söder mit Urlaubsverbot für ALG II Empfänger, die eh schon keine Urlaubsanspruch haben ( Herr Söder, lesen sie mal das SGB II, dann würden Sie so einen Unsinn nicht verbreiten!!!), jetzt Tiefensee, mal sehen wer der Nächste sein wird, Wetten nimmt noch bwin an....gggg
pucbrasil (28.08.2006, 18:47 Uhr)
Superminister
Schon am gestrigen 27.08 schrieb ich in Zusammenarbeit mit Kollegen einen Leserbrief zum Thema.
Dieser Minister denkt in die richti-
ge Richtung.Und die Arbeitslosen haben eine Perspektive und eine Mo-
tivation "Ich werde Gebraucht und
das fuer eine gute vernuenftige Sa-
che!!Und Hilfsscherriff und Aufpas-
ser zu sein ist eine gute und an-
spruchvolle Aufgabe und kein Alle-
weltsjob.Traut euch mehr zu!Und den
Schmalspurpolitikern sei gesgt:
"Langzeitarbeitslose sind gute und
wertige Mitarbeiter und kein Mitbuer
germuell"!!! Traut Ihnen mehr zu.
Aus Joinville-SC,Brasilien
Klaus Prehn mit Frau und Kollegen
Kassing (28.08.2006, 18:45 Uhr)
Harz 4 Empfänger sind nicht die Niedriglohnbüttel der Gesellschaft
Herr Tiefensee hat nicht die Schaffung von Arbeitsplätzen im Sicherheitsdienst propagiert, sondern die Ausschöpfung des Harz 4 Sklavenmarkt zu Sicherheitsvortäuschung angeregt.
Also will der Herr Bundesminister keinen fairen Lohn, sondern nur Frondienste von Personen die er für andere Aufgaben als unqualifiziert hält.
Dumm nur das jeder Idiotische Vorschlag noch Idioten findet die ihn unterstützen.
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