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15. Januar 2007, 18:13 Uhr

Weiß-blaues Schlammschmusen

Das CSU-Schauspiel schwankt zwischen Farce und Tragödie: Die Partei steht am Abgrund, die Nächte der langen Messer haben begonnen, Gerüchte werden gestreut, mit Sex und allem drum und dran. In Kreuth rückt das Finale näher - und dennoch schmust Edmund Stoiber demonstrativ mit seinen Rivalen. Von Florian Güßgen

Was hält er in der rechten Hand? Einen Dolch? Ein Schwert? Oder eine weiße Fahne? CSU-Chef Edmund Stoiber© Johannes Simon/DDP

Kennen Sie Horst Seehofer? Ja? Richtig. Das ist der Mann, der eigentlich Edmund Stoibers Nachfolger als CSU-Parteichef werden könnte, wenn nicht gar sein Nachfolger als Ministerpräsident. Könnte, denn noch bevor Seehofer offiziell in den Ring gestiegen ist, wurde ihm am Montag per "Bild"-Zeitung ein ordentlicher Nackenschlag verpasst. Von "Tuscheleien" in der CSU, berichtete das Blatt, von einer Affäre des Familienvaters Seehofer in Berlin, fernab von Frau und Kindern im heimischen Ingolstadt.

Ein schwacher Seehofer nutzt Stoiber

Eine rechte Unverschämtheit ist diese Indiskretion, sie bricht mit den Gepflogenheiten in der deutschen Presse, eigentlich nicht über das Privatleben von Politikern zu berichten. Aber was soll's? In Wirklichkeit ist nicht Seehofers Berliner Treiben interessant, sondern die Tatsache, dass irgendjemand diese Veröffentlichung betrieben hat. Nur, wer war's? Und: Wem nützt's? Bei näherer Betrachtung hat vor allem Edmund Stoiber etwas davon, Ministerpräsident, CSU-Chef, und in beiden Funktionen arg in Not. Der Stich in Seehofers weiche Flanke kann diesem erst einmal so weh tun, dass er möglicherweise die Lust verliert auf die Stoiber-Nachfolge. Weil die CSU aber nicht so viele Kandidaten hat, die den Job an Stoibers statt übernehmen könnten, nutzt ein geschwächter Seehofer vor allem dem Amtsinhaber. Also: Cui bono? Stoiber natürlich!

Die Nächte der langen Messer sind angebrochen

Die Seehofer-Episode zeigt: In der CSU sind die Nächte der langen Messer angebrochen. Nun ist Schluss mit lustig. Der politische Überlebenskampf hat begonnen, und im Vergleich dazu waren die vermeintlichen Fragen nach dem Intimleben und dem Alkoholgenuss der Fürther Landrätin Gabriele Pauli Kinderfasching. Es ist Stoibers letzte Schlacht. Und wenn er sie verliert, sollen die anderen eben gleich mit untergehen. "L'état, c'est moi." Und die CSU? Das bin auch ich! In Stoiber, so mag man vermuten, brechen sich nun jene Machttechniken wieder Bahn, die er sich dereinst von Strauß selig abgeschaut hat. Wer ein bisschen Fantasie hat, der sieht Stoibers Helfer und Helfershelfer in dunklen Kammern der Staatskanzlei sinister telefonieren. Wie angeblich anno 1993, als plötzlich öffentlich ruchbar wurde, dass Stoiber-Konkurrent Theo Waigel, verheiratet eigentlich, etwas mit Irene Epple laufen hatte. "Neinneinneinnein, macht man denn so etwas?", hieß es damals. Im Rennen um die Staatskanzlei war Waigel draußen.

Stoibers Schmuseattacke

Nach außen, und das ist das frappierend Heuchlerische dieser Tage, bewahren dagegen alle CSU-Granden Contenance. Die Stoiberisten. Und die anderen. Und allen voran Stoiber selbst. Seehofer hat er am Nachmittag mit einer regelrechten Schmuseattacke scheinbar beglückt. "Ich finde es unanständig", zitiert die Agentur AP Stoiber am Montagnachmittag, "dass so etwas in den Medien gestreut wird." Seehofer, sagte der Chef, habe sein uneingeschränktes Vertrauen und das Vertrauen der CSU. Und dann setzte der Ober-Stoiberist noch einen drauf. "Horst Seehofer ist ein politisches Alpha-Tier unserer Partei", sagte er. "Er ist und bleibt für höchste Ämter erste Wahl." Auch Markus Söder, Alois Glück, Erwin Huber und Barbara Stamm fand die Indiskretionen ähnlich wortreich unmöglich.

"Edmund, du hast den Bayern den Stolz genommen"

Am Montagnachmittag ist der Harakiri-Unterhaltungsverein von der CSU nun wieder von München nach Wildbad Kreuth umgezogen. Dort tagt die Landtagsfraktion, und man darf gespannt sein, ob die Abgeordneten der fatalistischen Farce, die ihre Führung veranstaltet, noch länger zusehen. Denn während die Spitzenmänner die Messer auspacken, laufen die Wähler der CSU davon. Mit einer großartigen Solidaritätsbekundung der Fraktion am Dienstag für Stoiber ist deshalb kaum zu rechnen. Vielleicht kommt es zur offenen Revolte, vielleicht sägen sie ihn ab. Vielleicht geben sie ihm aber auch noch eine Chance. So genau weiß das derzeit keiner. Sicher ist nur: In einer legendären Fraktionssitzung im bayerischen Landtag, kurz nach Stoibers Berlinflucht im November 2005, da haben sie ihn sich schon einmal vorgenommen. Da haben sie ihn kritisiert und zerzaust. Der Abgeordnete Alfred Sauter brachte damals die Wut der Parlamentarier auf den Punkt. "Edmund, du hast den Bayern den Stolz genommen und dem Freistaat seinen Nimbus", polterte er. Und dennoch, trotz all der Wut, gaben sie Stoiber damals eine zweite Chance. Heute könnte Sauter wohl mit einigem Recht schimpfen: "Edmund, du hast der CSU ihre Wähler genommen und der Basis ihren Glauben an die Führung." Es wäre eine faszinierende Wendung bei diesem weiß-blauen Schlammschmusen, wenn die Abgeordneten Stoiber dann noch eine dritte Chance geben würden.

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Autor Florian Güßgen unterstellt der CSU-Spitze eine kollektive Heuchelei zum gegenseitigen Schaden. Teilen Sie diese Auffassung?

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Von Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
jdepp100 (16.01.2007, 01:19 Uhr)
E. Stoiber
Als Exberliner und -muenchener kann ich nur sagen, der STERN mischt da ganz schoen mit. Jede Nebenfigur wird zitiert, das Waehlervotum sieht ganz anders aus, diesen Aal Seehofer nehmen nur die mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Arme Nordlichter, das Gehetze ist unreal. jd
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