Die CSU inszeniert eine konservative Mama-Papa-Kind-Welt, in der homosexuelle Paare keinen Platz haben. Andreas Möhring, 39, ist schwul und Parteimitglied. Wie geht das?
Derzeit nicht, ich habe überhaupt keinen Anlass dazu.
Aber ich will nicht vor Herausforderungen weggelaufen. Im Gegenteil, ich werde mein Engagement in der CSU noch verstärken. Denn wenn ich was bewegen will, muss ich dort hingehen, wo sich was bewegt.
Dieser Eindruck mag in der Öffentlichkeit vorherrschen, weil immer wieder die gleichen Argumente von immer den gleichen Herrschaften, wie etwa Herrn Norbert Geis [Der erzkonservative CSU-Bundestagsabgeordnete ist einer der größten Kritiker der Gleichstellung, Red] kommen. Aber ich weiß aus vielen Gesprächen mit Parteifreunden im kommunalen Bereich, aus der zweiten Reihe, dass sich dort die Meinung geändert hat. Ich bin stolz, dass man dort weiter ist als der Vorsitzende der CSU.
Natürlich spricht es zunächst für einen Parteivorsitzenden, wenn er nicht immer sein Fähnlein nach dem Wind hält. Aber auch ich muss gestehen, die CSU ist zuletzt bei zwei großen Themen Ihre bis dahin "unumstößliche" Meinung geändert, nämlich bei der Wehrpflicht und der Atomkraft.
Ich würde es mir sehr wünschen und auch erwarten. Denn mir würde es ungeheuer auf den Senkel gehen, wenn ich vom Bundesverfassungsgericht einen Prügel nach dem anderen zwischen die Beine bekomme würde. Dann gehöre ich lieber zu denen, die agieren und nicht reagieren. Niemand erwartet, dass der bayerische Ministerpräsident derjenige ist, der den Antrag für die Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaften in den Bundesrat einbringt. Aber er möge zumindest bei dieser Abstimmung die Hand dafür hochhalten. Denn gegen Intoleranz und Diskriminierung steht auch die CSU, und deshalb hat sie auch das "C" im Namen.
Sie wird vielleicht so wahrgenommen, aber soweit ich das erlebt habe, ist sie das nicht. Die CSU ist nicht homophober als der gesellschaftliche Durchschnitt oder Institutionen wie die Bundeswehr, Polizei, oder Schützenvereine.
Eine Partei muss verschiedene Meinung aushalten. Aber ich frage mich schon: Wovor hat dieser Mann eigentlich Angst? Denn wir nehmen als eingetragene Lebenspartner niemandem etwas weg. In der eingetragenen Lebenspartnerschaft zwischen mir und meinem Mann werden konservative Werte gelebt, sie ist auf Dauer angelegt, wie die Ehe. Das zeige ich auch mit meiner Präsenz innerhalb der CSU, und es gibt viele Parteifreunde, die dann sagen; Herr Möhring, wir sehen, dass dies auch eine Art von mitmenschlichem Zusammensein ist, die vom Grundgesetz und dem Begriff der Ehe gedeckt ist.
Sehe ich genauso. Das muss jetzt aber auch in die Köpfe derer, die sich immer noch weigern, die Lebensrealitäten anzuerkennen. Als LSU reichen wir der CSU und der Staatsregierung die Hand, und wir sind bereit für einen Dialog mit der Parteiführung, um dort Aufklärungsarbeit zu leisten. Der CSU-Generalsekretär kennt meine Nummer, er muss nur zum Hörer greifen. Und ich erwarte von dem Vorsitzenden einer Volkspartei, dass er die Stimmungen in der Bevölkerung aufnimmt.
So argumentieren natürlich die Strategen, die den Ministerpräsidenten oder den Generalsekretär beraten. Ich halte das für einen absoluten Schmarrn. Ich weiß nicht, ob jemals eine Mehrheit der Homosexuellen CSU wählen wird. Aber sie wird derzeit auch nicht gewählt werden von Menschen, die sich eine moderne Partei wünschen. Diese Leute sehen gerade: 'Oh je, die CSU hat das Betreuungsgeld durchgesetzt, und jetzt schießt sie noch gegen die eingetragene Partnerschaft. Das ist keine moderne Volkspartei.' Deshalb befürchte ich, dass die CSU mehr verliert, wenn sie bei ihrer Linie bleibt, als wenn sie sagen würde: 'Jawohl, wir sehen diese Lebenseinstellungen und versuchen, diese Leute auch einzubinden.' Ich erwarte ja nicht, dass die CSU zur Speerspitze der Homosexuellen-Bewegung wird. Um Gottes willen, das wäre unglaubwürdig und würde ihr auch niemand abnehmen.
Das Motto 'Laptop und Lederhose' hat die CSU jahrelang sehr erfolgreich umgesetzt, aber ich sehe einen absoluten Nachholbedarf in der Gesellschaftspolitik. Die Politik von früher ist vorbei, man sieht das an den Wahlniederlagen der Union in den Großstädten. Wenn wir Positionen der CSU in Städten durchsetzen wollen, dann müssen wir uns dieser Thematik aktiv öffnen und mitgestalten. Es geht nicht, dass man sich wie Frau Merkel noch vor ein paar Monaten hinstellt und sagt: 'Nein, die Gleichstellung gibt es mit uns nicht' und nun argumentiert: 'Ok, das Verfassungsgericht hat so geurteilt, nun müssen wir uns dem eben beugen.' Da erwarte ich von Volksparteien wie der CSU und der CDU, dass sie näher an den Menschen sind und nicht darauf wartet, dass ein Verfassungsgericht die Parteipolitik vorgibt.
Das könnten Außenstehende vermuten. Ich denke aber, es ist nicht nur dem kürzlichen Urteil des Verfassungsgerichts geschuldet, sondern ist auch ein Ergebnis unserer Arbeit hinter den Kulissen. Wir von der LSU haben es geschafft, in den Köpfen von einigen Bundestagsabgeordneten eine neue Denke zu verankern. Und es gibt natürlich auch CSU Schwule oder Lesben die sich offen dazu bekennen. Nur nicht in der Nymphenburger Straße in der CSU-Parteizentrale.
Ich hatte vor ein paar Wochen ein Gespräch mit einem CSU-Wahlkämpfer. Der sagte mir: 'Was wir brauchen, ist ein offen bekennender Schwuler oder eine offen bekennende Lesbe in der Führungsebene.' Aber ich kenne es aus meiner Zeit als Bundeswehrsoldat: Wenn man sich in einem Umfeld bewegt, wo dieses Thema tabuisiert wird, dann geht man dazu über, um sich herum ein Lügengerüst aufzubauen, um es zu verstecken.