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12. März 2008, 16:00 Uhr

Die Andrea-Show

Andrea Ypsilanti will an die Macht in Hessen. Und wie, ist ihr egal. Gescheitert ist sie, weil sie in Wahrheit einen ganz alten politischen Stil pflegt. Der "neue Politikstil" entlarvt sich als floskelhaft. Von Dorit Kowitz

Die Andrea-Show, und sie dreht sich immer schneller: Die SPD-Chefin in Hessen, Andrea Ypsilanti© Arne Dedert/DPA

Im Fall der Andrea Ypsilanti verhält es sich so wie mit kleinen Kindern und Luftballons. Wenn man sehr kleinen Kindern einen Luftballon gibt, ein schönen roten zum Beispiel, juchzen sie laut, fassen beherzt nach dem scheinbar wundersamen Ding und greifen schließlich vor Vergnügen fest in es hinein. Zu fest, regelmäßig. Und Peng! Der Blick danach ist der immer gleiche: erschrocken, ratlos, leer.

Diesen Blick sieht man in der Politik, wenn Träume Knall auf Fall zerbersten, Träume von der Macht und der eigenen Bedeutung. Man kennt ihn gut in der SPD, von Heide Simonis, als sie 2005 ein Mann aus den eigenen Reihen nicht zur Ministerpräsidentin wählte, in drei Wahlgängen nicht, klammheimlich. Man kennt ihn von Rudolf Scharping, als Oskar Lafontaine ihn auf dem Mannheimer Parteitag 1995 vom Chefsessel der Partei wegputschte. Und man kennt ihn jetzt auch von Andrea Ypsilanti. 7. März 2008, Hessischer Landtag, Raum 307 W, 13.21 Uhr: "Wir können diesen Weg nicht gehen. Ich werde mich am 5. April nicht zur Wahl stellen." Kawumm! Luft raus. Leerer Blick. Aber nur kurz, sehr kurz, schnell fängt sie sich. The show must go on. Die Andrea-Show.

"Eine neue politische Kultur"

Diese bestand bis zur Hessen-Wahl am 28. Januar darin, dass sie sich nicht nur als Parteilinke verkauft hatte, die die Agenda-Politik Gerhard Schröders torpedierte und im Wahlkampf eine andere Schul-/ Energie-/ Sicherheits-/ Hochschulpolitik wollte. Ihr größtes Marketing-Ding war die Sache mit der Glaubwürdigkeit: Einen "neuen Politikstil" oder gleich eine "neue politische Kultur" versprach sie Land und Leuten. "Mir taktiere nisch", hatte ihr Generalsekretär Norbert Schmitt kurz vor der Wahl beteuert.

Nun, nachdem die Sache geplatzt war, wurde offenbar: Und sie taktieren doch, und zwar was das Zeug hält. Gescheitert auf dem Weg zur Macht ist die SPD-Landeschefin Ypsilanti nicht an der SPD-Landtagsabgeordneten Dagmar Metzger, die sich anmaßte, sich an das große Wahlversprechen der Ypsilanti-SPD zu halten: nämlich nimmer mit der Linken zusammen zu arbeiten. Gescheitert ist Ypsilanti letztlich daran, dass sie in Wahrheit einen ganz alten politischen Stil pflegt.

Metzgers Sakrileg: Eindeutigkeit

Dagmar Metzgers Worte am 7. März, in denen sie einer linkstolerierten rot-grünen Minderheitsregierung ihre Zustimmung verweigerte, klangen in all dem SPD-Geseier der Tage zuvor und der Tage danach klar, eindeutig und unverstellt. Das war das eigentliche Sakrileg. Denn damit hat der Parlamentsneuling, eine 49 Jahre alte gebürtige West-Berlinerin, Andrea Ypsilanti in dem empfindlichsten Punkt getroffen: Sie hat Ypsilanti endgültig um den größten Verkaufsschlager gebracht - den angeblich neuen Stil, mit dem die Funktionärin Hessen prägen wollte.

Ypsilanti wollte dringend Ministerpräsidentin werden, egal wie. Mit der CDU wäre das nicht gegangen, da wäre sie nur Vize geworden. Zunächst wahrten sie und ihre Truppen darum den Schein: Den Februar über wurden lauter Briefe in Hessen verschickt, von der SPD an die Grünen und die CDU und die FDP. Und zurück.

Man wollte keine Lösung

Aber die Sache war: Man wollte sich nicht verstehen, man wollte keine Lösung jenseits der Linken und in der Mitte. "Die Wähler haben die Regierung Koch abgewählt", betete Ypsilanti daher wie ein Mantra. Nur, dieselben hatten ihrer SPD auch bloß das zweitschlechteste Wahlergebnis seit dem Kriege beschert.

Und so wucherte der Preis für ihren Machtanspruch in gefährliche Höhen: Während noch Scheingespräche zwischen SPD und CDU anberaumt waren, hatte ein Gewerkschafter längst zwischen den sechs Links-Abgeordneten und einigen Subalternen der SPD-Fraktion Kontakte geknüpft. Andrea Ypsilanti wollte die Fallen nicht sehen. Sie wollte den roten Luftballon haben. In der SPD-Fraktionssitzung am 26. Februar jedenfalls - nach der Hamburg-Wahl - wurde in Wiesbaden bereits konkret über die Möglichkeit einer durch die Linke tolerierten Minderheitsregierung gesprochen. Dagmar Metzger, die Neue, meldete Bedenken an. Sie wurde aber gebeten, diese zurückzustellen, da man ja noch auf die Option mit den Grünen und der FDP hoffe (wofür es zu diesem Zeitpunkt eigentlich keinen Anlass mehr gab). So aber fuhr Metzger halbwegs beruhigt in die Schweiz nach Chur in Urlaub.

Keiner ruft Metzger an

Schon eine Woche darauf beschließt die SPD-Fraktion, ihr Wahlversprechen dranzugeben und sich von der Linken tolerieren zu lassen. Dass die Linken Bedingungen stellen könnten, wenn sie Ypsilanti und ihre rot-grüne Ministerriege wählen sollen, erfahren die meisten SPD-Genossen erst, nachdem sie Yspilanti ihre Absicht zur rot-grünen Regierungsbildung erklären ließen - aus der Presse. Nichts ist vorbereitet. Auch fehlen am Tag, als Ypsilanti ihre Fraktion einschwört, fünf von 42 Abgeordneten, unter ihnen Metzger. Aber keiner ruft sie an. Dafür ruft Metzger Ypslanti an, als sie von dem Beschluss in den Nachrichten hörte. Und Peng!

Jetzt liegt die Hessen-SPD am Boden, um sie herum rote Fetzen überdehnter Machtansprüche. Jetzt ist sie einfach nur noch zweitstärkste Kraft im Land. Der "neue Politikstil" der Andrea Ypsilanti soll sich ihrem schwärmerischen Umfeld zufolge übrigens aus Herzenswärme, Unverstelltheit und dem sachlichen Kampf für politische Inhalten speisen. Wie das in der Praxis aussieht, konnte man vergangenen Sonnabend beobachten. Man dachte da, es könne nicht noch schlimmer kommen, doch wurde belehrt: Die Spitzengenossen in Hessen, darunter Großkopferte wie Ex-Finanzminister Hans Eichel, hatten auf einem kleinen Parteitag in Frankfurt nichts besseres zu tun, als zu versuchen, Dagmar Metzger in einer Art Inquisition zum Abschwören zu bringen. Kurz: Man wollte Metzger loswerden. Und hinterher verkaufte Andrea Ypsilanti der Presse das alles, gefasst, lächelnd, adrett, als Schritt nach vorn, als persönlichen Triumph. Und da erkannte man, die Sonne draußen schien, dass Andrea Ypsilantis Verständnis von Politik der ihres Widersachers Roland Koch von der CDU viel ähnlicher ist als gedacht. Nur, dass sie ihm unterliegt. Anders als sie soll er bereits über einen geordneten Rückzug nachdenken.

Lesen Sie mehr ...

Lesen Sie mehr ... ... im aktuellen stern-Heft. Darin: Erst kam der Linksrutsch, dann der Absturz. SPD-Chef Kurt Beck hat die Partei in eine schwere Krise geführt. Laut stern-Umfrage wollen nur noch 20 Prozent SPD wählen. Eine Volkspartei vertreibt das Volk

Von Dorit Kowitz
 
 
KOMMENTARE (10 von 24)
 
Oetker333 (14.03.2008, 17:40 Uhr)
Lieber Dirk
Ich glaub schwarz-gelb ist schlimmer als alles andere ausgenommen Koalitionen mit rechtsextremen Parteien. Die roten Luftballons werden schon bald die Wahrheit verkünden. Nach ihrer Theorie müssten Ypsilanti und Koch gehen. Ypsilanti verzichtet auf das Amt aber was macht Koch? Wer ist in diesem Fall machtgeiler? Hessen wünsch ich mir das Durchsetzen der SPD-Reformpläne. Gute Unterhaltung auch ihnen. MfG ihr Dr. Oetker
FredericF. (14.03.2008, 16:04 Uhr)
Ypsi hat die SPD jedenfalls nicht in die Krise gesteuert
sonder ursprünglich Schröder mit seiner Agenda 2010. Seitdem gibt es bei uns gravierende Armut und ein Niedriglohnniveau, das den Menschen nicht mehr ermöglicht von ihren Löhnen zu leben. Das von der sozialdemokratischen Ur-Positon weg in die Mitte driften, das hat die SPD zerrissen!
Dirk_37 (13.03.2008, 23:38 Uhr)
n8g8 alias r2d2
Nein mein Lieber, die Mehrheit der Deutschen "spühhhrt" sie nicht, die gefühlte Armut! Sie sind doch der beste Beweis dafür: solange noch genug Kohle vorhanden ist um die Flatrate für Ihren PC und den benötigten Strom dazu zu bezahlen, kann es gar nicht so schlecht um Sie und Ihre Leidensgenossen bestellt sein*lol* Rote Luftballons/-blasen entpuppen sich meist hinterher als das, was der Umsichtigere bereits vorher ahnte: schöne Worte und wenig Neues dahinter. Ypsilanti ist so wichtig wie ein Kropf, und Gott sei Dank wird sie jetzt von der Realität eingeholt: machtgeil und keineswegs schüchtern und unbedarft, wie sie uns vor der Wahl ja so schön auf hessisch vorgebabbelt hat*grins* Ich bin ja mal gespannt wie es weitergeht im Zirkus Hessen... Gute Unterhaltung wirds im jeden Fall,mfG Dirk
ganzbaf (13.03.2008, 08:11 Uhr)
Die Ypsi will die Merkel bald ablösen...

Dann läßt sie sich von Castro und Chavez beraten und eine große Verstaatlichungswelle vom Zaun brechen... HEUREKA...! ;-Pp
n8g8 (12.03.2008, 22:50 Uhr)
Kowitzeln Sie?
Sie können rote Luftballons noch so herbei schreiben und werden mit Ihrer Propaganda-Hetze doch scheitern. Warum? Die Lebenswirklichkeit der Mehrzahl der Wähler "spührt" die propagandierte, nach Ihrer Ansicht lediglich "gefühlte" Armut. Wer seine Stromrechung nicht mehr bezahlen kann, wählt nicht mehr CDU, Grüne, SPD (wegen der Kosten und der lukrativen Posten) und auch nicht FDP (aus Einkommensgründen). Langsam sollte die Elite aufwachen und merken, dass kein Kuchen mehr beim Volk ankommt. Welche Auswirkungen das auf Köpfe haben kann, zeigt nicht nur die Historie sondern auch die Zukunft, kurzum: die Zeichen der Zeit.
rynaldo (12.03.2008, 20:52 Uhr)
Ich schlafe gleich ein
... ich kann den Namen Ypsilanti nicht mehr hören. Ich hoffe sie erlöst uns bald selbst von dieser Schmierenkomödie
vondervogelwheyde (12.03.2008, 20:21 Uhr)
Es ist vorbei!
Hallo Dorit! Ihrem Artikel möchte ich folgendes hinzufügen: der Niedergang von Andrea begann bereits am Wahlabend des 27.01.08 um kurz nach 19:00 Uhr. Wir erinnern uns: überschwenglich trat sie vor die Mikrofene und rief sich als Siegerin aus. Daneben stand ein in sich ruhender Roland Koch, leicht schmunzelnd und erwiderte sachlich: das endgültige Wahlergebnis wird durch den Landeswahlleiter festgestellt. Damit sollte dieser Demagoge recht behalten. Was immer an diesem besagten abend geschehen sein mag: Andrea war wie von Sinnen. Berauscht von der Macht lief zu zu Größenwahn auf - ließ FDP und Grüne wie Bittsteller aussehen und vergass dabei,das Verhandeln, das Strippen ziehen, die Gespräche in den politischen Hinterzimmern. Hinzu kam noch, das eine jämmerliche Gestalt wie Jürgen Walter erfolgreich gegen Andrea intrigieren konnte und sie glaubte, das aussitzen zu können. Dagmar war nur noch die Vorlage, um den ganzen Frust loswerden zu können. Und noch immer glaubt Andrea, sie könne es irgendwie schaffen. Meine Empfehlung an Andrea: in Klausur gehen, die letzten Wochen analysieren und dann abtreten.... Gruß
Smelly (12.03.2008, 20:12 Uhr)
Armes Hessen
Welche Partei soll man den noch wählen in Deutschland. Alle Parteien leben nach dem Motto, die Partei ist alles - die Wähler interessieren uns nicht - unsere Macht geht vor. Wir werden uns an 40% oder weniger Wahlbeteiligung gewöhnen müssen, bei solch einem Vorgehen unserer Parteien wird mir bange um unser Land.
ritchie (12.03.2008, 19:44 Uhr)
Frau Metzger aus Darmstadt-Eberstadt
Wer wie ich in Darmstadt geboren ist, weiß daß der Name Metzger in Darmstadt für alte SPD-Tradition steht; und dazu gehört auch Rückrat.
So gut der Stern-Artikel auch ist, man darf nicht vergessen, daß wir es in Hessen mit einer äußerst rechten und ausgebufften CDU mit dreist abgezockten Politikern wie Koch u. Bouffier zu tun haben. Als Unschuldslamm kommt man denen auch nicht bei.
Computerlehrling (12.03.2008, 18:44 Uhr)
Dagmar Metzger
Diese Frau ist ein Vorbild für gute und ehrliche Politik.Der Herr Beck könnte hier lernen was Wahrheit und Rückgrat bedeutet.Ich kann nur hoffen,dass der Wähler bei der nächsten Wahl noch weiß was in Hessen abgelaufen ist.
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