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Gefährliches Spiel mit der Glaubwürdigkeit

Die etablierten Medien stecken in der Glaubwürdigkeitskrise. Da kommt Kritik an Berichten zum Pariser Trauermarsch zur Unzeit. Dass ARD-aktuell-Chef Gniffke davon nichts hören will, ist bedenklich.

Von Dieter Hoß

  Fototermin: 40 Staats- und Regierungschefs umringt von Sicherheitsleuten setzen gemeinsam ein Zeichen gegen den Terrorismus - abseits der Demonstranten

Fototermin: 40 Staats- und Regierungschefs umringt von Sicherheitsleuten setzen gemeinsam ein Zeichen gegen den Terrorismus - abseits der Demonstranten

Sprechen wir über die Glaubwürdigkeit der Medien. Es ist nötig, es ist wichtig. Gerade jetzt, da es in der Redaktion von "Charlie Hebdo" einen direkten Anschlag auf die Pressefreiheit gegeben hat, da in einer Umfrage fast jeder zweite Deutsche angibt, den etablierten Medien zu misstrauen, da allwöchentlich Rechtsgesinnte das unsägliche Wort von der "Lügenpresse" herausbrüllen. Es ist eine Gemengelage, in der die etablierten Medien ihr höchstes Gut, ihre Glaubwürdigkeit, mehr denn je hoch halten und schützen müssen. Und es ist nicht die Zeit, Kritik und Diskussionen so brüsk abzuweisen, wie es ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke im "Tagesschau"-Blog tut.

Gniffke hält die Kritik an der Berichterstattung über den beeindruckenden Trauermarsch von Paris am vergangenen Sonntag für "kompletten Unfug". Entzündet hatte sie sich daran, dass in etlichen Berichten der Eindruck vermittelt wurde, 40 Staats- und Regierungschefs hätten inmitten von rund 1,6 Millionen Menschen, auf der Champs-Élysées der Terroropfer gedacht und Geschlossenheit demonstriert. Diesen Eindruck vermittelte auch die 20-Uhr-Ausgabe der "Tagesschau" am Sonntag eindeutig. Kein Wort davon, dass die hochrangigen Politiker abseits der Massen unter hohen Sicherheitsvorkehrungen rund 15 Minuten in einer Nebenstraße demonstrierten. Gemeinsam, Arm in Arm, aber eben nicht inmitten der Demonstranten.

Inszenierung offen legen

Ob dieser Umstand angesichts notwendiger Sicherheitsmaßnahmen verständlich ist, oder ob man findet, dass das Zeichen der Geschlossenheit, das François Hollande, Angela Merkel und Co. setzen wollten, durch diese Sonderrolle weniger kraftvoll ist als berichtet, darüber sollte jeder für sich urteilen. Entscheidend aber ist, dass die kritisierten Berichte, auch jener in der "Tagesschau"-Hauptausgabe, dem Zuschauer die Möglichkeit zu dieser Entscheidung vorenthalten haben. Schon ein kurzer Hinweis, eine kurze Erläuterung hätte gereicht. Wenn es aus Sicherheitsgründen nicht möglich ist, dass sich Regierungschefs an die Spitze eines solchen Marsches setzen, dann gehört das eben auch zur Wahrheit - erst recht bei diesem Ereignis. Und diesen Teil der Wahrheit zu nennen und nicht durch eine Bildauswahl zu verbrämen, gehört zur Glaubwürdigkeit. Ganz besonders bei einem Medien-Flaggschiff wie der "Tagesschau".

"Wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, ist das immer eine Inszenierung, jede Pressekonferenz ist eine Inszenierung", betont Gniffke im "Tagesschau"-Blog. Doch seit wann machen sich seriöse Medien so widerstandslos zum Teil einer solchen Inszenierung? Ist es nicht gerade ihre Aufgabe, die Inszenierung offen zu legen? Und was ist mit dem Publikum? Können Medienmacher wirklich davon ausgehen, dass dem Zuschauer bewusst ist, dass sich 40 Regierungschefs natürlich

nicht

an die Spitze eines öffentlichen Marsches setzen können - obwohl es genauso berichtet wird? Wohl kaum.

Berichtet, was so nicht geschehen ist

Dass eine solche Diskussion ausgerechnet bei der Berichterstattung über ein Ereignis aufkommt, das dem Bekenntnis zur Pressefreiheit dient, ist besonders tragisch. Ein Grund, die Diskussion nicht zu führen (Gniffke: "Halten wir es doch einfach mal aus, dass es eine große Geste von Millionen von Menschen und zahlreichen Politikern gab, an der nichts auszusetzen ist."), darf das nicht sein. Der ARD-aktuell-Chef weist im "Tagesschau"-Blog darauf hin, dass jedes Foto nur einen Ausschnitt zeigt und es stets viel mehr gibt, als auf einem Bild zu sehen ist. Das ist korrekt. Doch die "Tagesschau" und andere sind in diesem Fall darüber hinaus gegangen. Sie haben etwas gezeigt, was so nicht geschehen ist. Und sie haben damit tragischerweise - ungewollt - jenen Futter geliefert, die das Unwort von der "Lügenpresse" im Munde führen.

Das zu vermeiden, ist ein Gebot der Stunde. Es gilt, das Vertrauen des Publikums in die Medien neu zu gewinnen und zu erhalten, und es nicht auch noch unnötig aufs Spiel zu setzen. Deshalb sollten wir über die Glaubwürdigkeit der Medien sprechen. Gerade jetzt, und immer wieder.

Update: ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke hat sich inzwischen im "Tagesschau"-Blog noch einmal deutlich sachlicher zu Wort gemeldet. Er weist darauf hin, dass die Politiker nicht - wie zuvor berichtet - in einer Seitenstraße, sondern auf der normalen Marschroute posiert hätten - allerdings, wie beschrieben, mit deutlichem Abstand zur Menge.

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