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7. März 2009, 08:37 Uhr

Lehrer - hart umkämpfte Mangelware

Lehrer sind in Deutschland knapp, die Bundesländer werben sich gegenseitig die Pädagogen ab. Zwangsläufige Verlierer: die armen Länder. Auf ihrer Konferenz haben sich die Kultusminister auf einen "fairen Wettbewerb" um Nachwuchslehrer geeinigt, doch verboten werden soll die Abwerbung von Lehrern zunächst nicht.

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Ein junger Lehrer beschriftet die Tafel. Nachwuchslehrer sind knapp, die Bundesländer werben sich die Kräfte gegenseitig ab© Colourbox

Mit 1800 Tafeln Schokolade will Baden-Württemberg Lehrer locken. Die Schokolade wird an Schüler und Studenten verteilt; auf der Packung steht: "Sie haben Tafeldienst". Naschen und gleichzeitig über die Berufswahl nachdenken - so stellt sich das zumindest die Landesregierung in Stuttgart vor.

Die Schokolade ist Teil einer insgesamt 375.000 Euro teuren Kampagne, mit der das Bundesland junge Leute für den Lehrer-Beruf begeistern, aber auch fertig ausgebildete Lehrer gezielt aus anderen Bundesländern abwerben will. Denn Deutschland gehen die Lehrer aus: Die Kultusministerkonferenz rechnet damit, dass bis zum Jahr 2015 rund 30.000 Stellen nicht besetzt werden können. Baden-Württemberg ist nicht das einzige Bundesland, das um junge Fachkräfte buhlt: "Wir haben im Wettbewerb um Lehrer eine Eskalationsstufe erreicht, die die Schamgrenze verletzt," sagt Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU).

Das Abwerben geht weiter

Ein Ende dieses Wettstreitens ist jedoch nicht absehbar: Zwar wollten die Kultusminister den Konflikt bei ihrer Konferenz in Stralsund entschärfen, doch mehr als Lippenbekenntnisse und eine Vertagung des Problems brachten die Minister nicht zustande. Henry Tesch (CDU), Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern und Vorsitzender der Kultusministerkonferenz (KMK), hatte seinen Kollegen eine langfristige Zusammenarbeit vorschlagen. Eine länderübergreifende Abstimmung sei nötig, um den Bedarf zukünftig zu sichern, sagte Tesch im Vorfeld der Konferenz. Außerdem solle sichergestellt werden, dass der Verteilungskampf um die Pädagogen nicht automatisch zu Lasten der schwächeren Länder geht.

Doch das Ergebnis bleibt hinter den Forderungen dieser wettbewerbsschwachen Länder zurück: Auf einen generellen Verzicht auf die Abwerbung von Lehrern konnten sich die Kultusminister nicht einigen. In dem am Freitag vorgestellten Beschluss der Konferenz heißt es lediglich, dass der Wettbewerb zwischen den Ländern "fair" sein soll. Dies bedeute "eine vertrauensvolle Abstimmung vor allem bei der Rekrutierung von Lehrerinnen und Lehrern aus anderen Ländern.

Offensive Werbeaktionen, wie Baden-Württembergs "Schoko-Kampagne", bleiben dem Beschluss nach weiterhin möglich, räumte die Bremer Kultussenatorin Renate Jürgens-Pieper ein. Das könne die KMK auch nicht verbieten. "Wir haben ohnehin nichts gegen Lehrermobilität, dürfen aber keinen Kannibalismus zulassen", betonte sie. Dem Vernehmen nach ist eine weiterreichende Entscheidung vor allem an Baden-Württemberg gescheitert.

Pralle Kampfkassen bei reichen Ländern

Während die ostdeutschen Bundesländer keine Mittel haben, um Lehrer ins Land zu locken, hat Hessen seine Kampfkasse gut gefüllt: 240.000 Euro für Werbespots und Plakat-Aktionen. Hessen wirbt mit höheren Einstiegsgehältern, einer überdurchschnittlichen Besoldung von Haupt- und Realschullehrern sowie Vollzeit- statt Teilzeitstellen. Zusätzlich kann das Land damit punkten, dass es Lehrer bis zum 50. Lebensjahr verbeamtet.

Auf diese Weise gelang es Hessen, zu Beginn diese Schuljahrs 234 Lehrer vor allem aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ins Land zu holen - das entspricht mehr als 10 Prozent aller neuen Lehrkräfte. Um nicht noch mehr Lehrer zu verlieren, zogen die beiden Nachbarländer mit eigenen Anreizen nach. "Der Wettbewerb ist nur für finanzstarke Bundesländer gut. Da führt sich der Föderalismus ad absurdum", sagt Marianne Demmer von der Lehrer-Gewerkschaft GEW.

Möglich geworden ist dieser Wettbewerb um Lehrer durch die Föderalismusreform von 2006. Damals erhielten die Ländern die alleinige Kompetenz für das Bildungswesen, einschließlich der Entscheidung über die Entlohnung ihrer Lehrkräfte.

Hartz IV für Ost-Referendare

Der angehende Lehrer Constantin Schobloch aus Bielefeld kann sich vorstellen, seinen Wohnsitz nach der Höhe des Lohns auszuwählen: "Referendare mit 950 Euro abzuspeisen, ist für mich nicht annehmbar. Von dem Gehalt müssen eine Wohnung mit Arbeitszimmer, ein Auto und alle Schulmaterialien bezahlt werden." Manche Referendare in Ostdeutschland verdienen so wenig, dass sie zusätzlich Hartz IV beantragen müssen.

Als Biologielehrer gehört Schobloch zu den besonders begehrten Pädagogen. In den Naturwissenschaften, Mathematik, Latein, Englisch und Religion ist der Mangel groß. Seiner rheinland-pfälzischen Kollegin Claudia Lehnen, die Deutsch und Geschichte unterrichten wird, steht dagegen ein Bewerbungsmarathon bevor: "Ich muss in meinem Examen einen Einser-Durchschnitt erreichen, sonst komme ich auf die Warteliste."

In Hamburg sei der Lehrermangel zwar kein akutes Problem, sagte Jan Bruns von der Behörde für Schule und Berufsbildung stern.de, der Bedarf schwanke jedoch auch hier: "Nur in Physik gibt es kleinere Lücken. Für das Fach haben wir im vergangenen Jahr 45 Stellen ausgeschrieben und nur 25 besetzen können." Bruns führt die komfortable Lage Hamburgs auf die nach wie vor gängige Praxis der Verbeamtung, aber auch auf die hohe Lebensqualität in der Stadt zurück. "Wir müssen die nicht abwerben, die kommen freiwillig."

Hoffen auf die nächste KMK

Bundesländer deren Strahlkraft bislang nicht ausreichte, um im Wettbewerb um den Lehrernachwuchs zu bestehen, müssen nun auf die nächste Kultusministerkonferenz hoffen. Eine Arbeitsgruppe und die Kommission für Statistik sollen einen Vorschlag für eine gemeinsame Strategie der KMK zum Lehrkräftebedarf unter Berücksichtigung der Kapazitäten in den Lehramtsstudiengängen und im Vorbereitungsdienst erarbeiten. Die Ergebnisse sollen dann bei der nächsten KMK-Sitzung am 18. und 19. Juni zum Beschluss vorgelegt werden.

Wie dieser Beschluss aussehen könnte, bleibt zunächst unklar. Die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler zum Beispiel hatte im Vorfeld der Kultusministerkonferenz vorgeschlagen, eine bundesweite Imagekampagne zu starten. Das scheint nötig zu sein, glaubt man einer Studie der Universität Frankfurt: Laut ihr hat jeder vierte Lehrer seinen Beruf nur deswegen ergriffen, weil er an den Zulassungsbeschränkungen für andere Fächer gescheitert ist.

Laura Himmelreich mit DPA/AP
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
utospatz (07.03.2009, 21:52 Uhr)
Finden die tatsächlich welche?
In diesem parteipolitisch verarschten Volk?
Tucek (07.03.2009, 13:34 Uhr)
Wer die Wahl hat ...
In der Schweiz unterrichtete ich zur Begeisterung der dortigen Schüler und Eltern an einer Privatschule und danach an der Universität Zürich("besondere pädagogische Eignung"). Die Amerikaner empfahlen mich "ohne jede Einschränkung" als Professorin. Nun raten Sie mal, welche Position die BRD für mich übrig hat: Hartz.
Dirk_37 (07.03.2009, 13:30 Uhr)
...
Es gab zu meiner Zeit auch einen befürchteten Lehrerschwund, wir wurden darauf hingewiesen und sollten für den Beruf interessiert werden. Nun, einige meiner Kumpels von damals sind heute Lehrer und die sind wirklich nicht zu beneiden. Politik hat sicherlich sehr vieles falsch gemacht und die Wirtschaft hat halt die attraktiveren Angebote. Gerade im naturwissenschaftlichen Bereich ( da bin ich selbst betroffen) sind die Jobs am Markt einfach interessanter und wesentlich lukrativer. Da wundert es mich nicht, daß speziell Mathe- oder Physiklehrer heute Mangelware sind. Wir habe es damals so salopp formuliert : wer zu doof ist zum Rechnen, der macht auf BWL oder Germanistik:-) Natürlich war das etwas ironisch gemeint, aber die Lehrer in diesen Bereichen gehen halt wirklich ab. Mehr Geld für Bildung jetzt ist die Zukunft für die nächsten Generationen, die auch unsere Schulden zurückzahlen sollen. damit meine ich nicht (nur) die Sanierung einsturzgefährdeter Bauten!!!MfG Dirk
Mausi92 (07.03.2009, 13:17 Uhr)
Verfehlte Politik
Es kam, was kommen musste. Nach Jahren der Beschimpfung und dem Schlechtmachen von Lehrern wundert man sich nun, warum nur noch solche Leute Lehrer werden wollen, die eigentlich nichts richtig können. Ich selbst hatte mal daran gedacht, Lehrerin zu werden und hätte mich auch mit Gehaltsunterschieden zu anderen akademischen Berufen zufrieden gegeben. Als ich aber einige meiner Lehrer gefragt hatte, was sie denn verdienen und wie die Arbeitszeit und die Arbeitsbedinungen aussehen, bin ich doch davon abgekommen. Ich habe wirklich gute Lehrer, aber dass die das überhaupt noch so gut machen und sich da so reinhängen, das ist kaum zu verstehen. Die Politiker sollten sich mal überlegen, den Beruf in jeder Hinsicht wieder attraktiver zu machen. Das geht nicht mit Plakaten und Schokolade.
faculdoc (07.03.2009, 11:47 Uhr)
Zu " traldors" - Erguss um 11:19 Uhr
Was für ein Grad an bildungspolitischer Weitsicht ? Ich kann nicht nachvollziehen,wer Sie mit derartigem unsubstantiierten Gedankengut " füttert ". Über die " selbstverursachten Leiden " sollten Sie zuerst nachdenken, bevor dieser
Erguss der Öffentlichkeit gehört.
wonderwobble (07.03.2009, 11:01 Uhr)
Ein alter Hut
Ich muss sagen, dass ich mich eigentlich diebisch darüber freue, dass nun endlich diese Misere auch mal für die KMK spürbar wird.
Vor einigen Jahren habe ich mich entschlossen, meinen eigentlichen Beruf an den Nagel zu hängen und dem Ruf des Landes NRW zu folgen, Lehrer zu werden. Verbeamtung bis 42 für Mangelfächer, hieß es. Einstellungsgarantie. Also habe ich in Windeseile an der Uni ein sehr begehrtes Mangelfach und Deutsch studiert und das erste Staatsexamen mit Eins abgeschlossen. Dann sechs Wochen später in die Sondereinstellung in den Vorbereitungsdienst. Ich habe mich wirklich darauf gefreut. Nach nur drei Wochen im Referendariat kam dann ein Rundschreiben an alle Seminare vom Land NRW, dass der Mangelfacherlass aufgehoben ist und nur noch bis zum vollendeten 35. Lebensjahr verbeamtet wird. In diesem Moment kam ich mir im wahrsten Sinne des Wortes verarscht vor. Mir war klar, dass ich selbst bei sofortigem Bestehen des zweiten Staatsexamens kaum eine Chance auf eine Verbeamtung haben würde, weil eine sofortige Einstellung in den Schuldienst bei den wenigsten Leuten klappt. Ich bin ein Jahr lang im Referendariat geblieben und habe mit mir gerungen, habe Stellenanzeigen studiert, um herauszufinden, wie es überhaupt mit meiner Fächerkombination aussieht. Das Referendariat (für die Nichtlehrer) ist kein Zuckerschlecken und nach einem Jahr voller schlafloser Nächte und mangelnder Perspektive habe ich das Referendariat verlassen und mich direkt auf eine Vertretungsstelle beworben mit dem Effekt, dass ich das exakt gleiche Gehalt bekommen habe wie ein Lehrer im Angestelltenverhältnis MIT abgeschlossenem zweiten Staatsexamen. Das habe ich nun zwei Jahre hintereinander so gemacht und so Erfahrungen gesammelt, wie es als Angestellter denn so an Schulen läuft. Und ich muss sagen: Fürchterlich! Ein verbeamteter Lehrer arbeitet im Schnitt (zumindest war das an meinen Schulen so) bis zu 10 Stunden weniger als ein angestellter Lehrer und bekommt trotzdem noch mehr Geld. Als meine Kollegen gehört haben, was man als Angestellter verdient, meinten sie sofort, dass sie dafür den Job nicht machen würden. Und das stimmt auch! Ich habe zwei Jahre lang zwischen 24 und 28 Stunden in der Woche unterrichtet. Zusätzlich die vielen Stunden der Vorbereitung und der Korrektur von Klausuren und Tests, 0. Stunden und Ganztag. Ferien? Nichts da! Korrekturen, Noteneintragungen, viele Stunden Arbeit. Die letzten acht Jahre waren verlorene acht Jahre. Das Studium hätte ich mir sparen können, das Jahr Referendariat und die zwei Jahre Vertretungsstelle auch. Hätte ich das gewusst, wäre ich in meinem alten Beruf geblieben und würde mittlerweile wahrscheinlich mehr verdienen als ein angestellter Lehrer. Das Land NRW hat wirklich ganze Arbeit geleistet! Wer kann und ungebunden ist, sollte das Hessener Angebot annehmen und dort Lehrer werden. Dem Land NRW wünsche ich noch viel Spaß bei der Unterversorgung. Irgendwann könnt ihr eure ehemaligen Vertretungslehrer anrufen und anflehen, den Job noch einmal zu machen......
Westerle.Merkwelle (07.03.2009, 10:50 Uhr)
Die SPD ist mit ihrer Agenda 2010 gescheitert
Eine schallende Ohrfeige ist der beklagenswerte Zustand des Bildungswesens für die Schrödersche Politik des Neoliberalismus.
Eine seit Jahren praktizierte neoliberale Politik hat die ehemalige Volkspartei SPD in eine katastrophale Lage gebracht:
* Anbiederung an CDU und FDP
* Verrat der eigenen Wählerschaft
* Mitgliederschwund
* Wählerschwund
* Opportunismus der übelsten Sorte
* Glaubwürdigkeitsschwund
Die SPD hat sich zum Teil eines Systems gemacht, das seit dem Wegfall des Systemwettbewerbs nach der altbewährten Doktrin des Liberalismus aus dem 19. Jahrhundert nur noch eins kennt: Die Abschaffung des Sozialstaates, d.h. Wegfall der staatlichen Fürsorge und Lenkung unserer Gesellschaft
* Ein Millionenheer von Arbeitslosen
* Schlechtere Arbeitsbedingungen für alle
* Sozialer Kahlschlag
* Ausplünderung der Staatskassen durch Steuergeschenke an die Superreichen
* Desolates Gesundheits- und Bildungssystem
* Abbau und Unterminierung von Grundrechten
* Korruption der Politiker durch personelle Verflechtung mit dem Spitzenmanagement der Wirtschaft
Die kanadische Journalisten Naomi Klein hat diese Politik in ihrem Buch "Schockstrategie" brillant als weltweiten Trend beschrieben. Wer den roten Faden in der Politik sucht, der sollte dieses Buch lesen!
Gerd2 (07.03.2009, 10:06 Uhr)
Seit Jahrzehnten abzusehen
Ein Paradebeispiel dafür, dass Schilda nicht nur in der Literatur existiert: Seit Jahrzehnten war diese Entwicklung abzusehen - nahezu niemand hat da gegengesteuert. Und da der Karren nun so weit in den Dreck gefahren ist, wüten die Beamten aus Schilda erst recht: Ein unsinniger Vorschlag löst den nächsten ab. Wer übernimmt für den ganzen Mist die Verantwortung?
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