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Angst und Schrecken am Schwielowsee

Kurt Becks Rücktritt kam für viele überraschend, vor allem für seine eigenen Parteikollegen. Tatsächlich fiel seine Entscheidung plötzlich - nachdem er in den Stunden und Tagen zuvor zahlreiche Demütigungen ertragen musste. stern.de zeichnet die Ereignisse nach.

Von S. Christ, M. Müller, Hans-Peter Schütz und M. Wohlrabe

Vielleicht begann der Ärger für Kurt Beck schon im Laufe der vergangenen Woche. Franz Müntefering feierte im Münchner Hofbräukeller ein viel umjubeltes Polit-Comeback. Dutzende Fernsehkameras waren da, Fotografen rissen sich um den Sauerländer. Eine Dreiviertelstunde redete er über die SPD und Bayern, holte weit aus, zitierte Willy Brandt und Helmut Schmidt, lobte Gerhard Schröders Agenda-Politik und nannte den bayerischen SPD-Spitzenkandidaten Franz Maget einen "Grund, die SPD zu wählen". Nur Kurt Beck erwähnte Müntefering mit keiner einzigen Silbe. Was mag in diesem Moment wohl im Pfälzer vorgegangen sein? Ein Parteifunktionär berichtet, dass Beck "tief getroffen" gewesen sei. Auch wenn es kaum ein Beobachter an jenem Abend gemerkt hat: Die Rede war nichts anderes als eine Demütigung des amtierenden Parteichefs. Manchmal kündigt sich so ein Karriereende an.

Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass im Arbeitsministerium, der alten Trutzburg des früheren Ministers Müntefering, in den vergangenen Wochen Folgendes registriert worden ist: Die Spekulationen über Münteferings künftig wieder größere Rolle in der Partei seien von Spitzengenossen nicht mit aller Macht unterbunden wurden. Die innerparteilichen Gegner Becks zogen offensichtlich wieder ihre Strippen, völlig ungestört. Zudem tauchten immer wieder Berichte auf, nach denen Frank-Walter Steinmeier schon bald zum Kanzlerkandidaten ernannt werden sollte - was nicht völlig aus der Luft gegriffen war, aber trotzdem noch geheim gehalten werden sollte. Beck dementierte, doch offensichtlich gab es Parteivertreter, die gegenüber Journalisten immer wieder derlei Informationen streuten.

Am frühen Samstagabend war noch alles in Ordnung

Am Wochenende begannen sich die Ereignisse schließlich in rasendem Tempo zu entwickeln. Gegen 18 Uhr fand am Samstagabend eine Telefonkonferenz des SPD-Präsidiums statt. Kurt Beck stellte den zugeschalteten Partei-Oberen seinen Plan für die Kandidatenkür Steinmeiers vor. Demnach wollte Beck die Präsentation des Kanzlerkandidaten persönlich vornehmen, am Rande der tags darauf stattfindenden SPD-Klausurtagung am Schwielowsee in Brandenburg. Ein Teilnehmer an dieser Telefonschaltung sagte, dass Beck zu diesem Zeitpunkt noch "nichts anzumerken war". Er habe trotz einiger Kritik an seinem bisherigen Verhalten in der K-Frage gefasst gewirkt.

Es war ein erklärtes Ziel von Kurt Beck, "Akteur" bleiben zu wollen, wie ein hochrangiges Parteimitglied gegenüber stern.de sagte. Als SPD-Chef bestand er darauf, selbst zu bestimmen, wie und wann die wichtigen Fragen geklärt werden sollten. Manche Spitzengenossen dagegen hätten in dem oft unglücklich agierenden Beck ein Sicherheitsrisiko für die Kandidatur Frank-Walter Steinmeiers gesehen. Sie setzten deswegen auf möglichst viel Unabhängigkeit vom Handeln des Pfälzers.

Eine Nachricht, die Beck wütend macht

Am Samstag um 20.02 Uhr verbreitete die Nachrichtenagentur Reuters eine kurze Meldung: "SPD-Spitze einigt sich auf Steinmeier als Kanzlerkandidat". Als Quelle wird ein Bericht der "Berliner Zeitung" genannt. Etwa zur gleichen Zeit veröffentlich der "Spiegel" eine Vorabmeldung für die Montagsausgabe im Internet. Auch hier wird die Kandidatur Steinmeiers als "beschlossen" verkündet. Binnen Minuten bahnt sich die Nachricht ihren Weg durch das weltweite Datennetz. Schon eine Stunde später ist die Kandidatur des Westfalen Aufmachermeldung auf fast allen großen Nachrichtenseiten.

Beck erfährt relativ schnell davon - noch am selben Abend. Kurz nach Mitternacht telefoniert er mit dem innersten Führungszirkel seiner Partei und teilt den Genossen mit, dass er zurücktreten will. Das sagt eine Quelle mit engen Verbindungen ins Präsidium. Mit wem Beck genau telefoniert hat, ist nicht bekannt.

Fest steht, dass der nächste Morgen anders beginnt, als zunächst geplant. Statt sich mit der SPD-Spitze zur Klausur im Örtchen Werder zu treffen, fährt Beck direkt ins Landhaus Ferch, drei Kilometer vom eigentlichen Tagungshotel entfernt. Um elf Uhr trifft er sich dort mit seinen Stellvertretern Andrea Nahles, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück, dem Generalsekretär Hubertus Heil sowie mit dem Fraktionsvorsitzenden Peter Struck. Über die Nachrichtenagenturen wird vermeldet, dass sich der Beginn des Klausurtreffens und damit auch die geplante Präsentation Steinmeiers als Kanzlerkandidat um eineinhalb Stunden verzögert.

Tagung ohne den Vorsitzenden

Die meisten Tagungsteilnehmer wissen zu diesem Zeitpunkt nur, dass Steinmeier Kanzlerkandidat werden soll. Die versammelte SPD-Führungsriege wartet in einem Hotelsaal auf ihren Vorsitzenden. Doch der kommt nicht, weil er auch um halb eins noch in Ferch sitzt, wo er dem Genossen-Quintett die Motive für seinen Rücktritt erklärt. Die Klausur muss noch einmal nach hinten verlegt werden. Und auch eine Pressekonferenz des bayerischen SPD-Spitzenkandidaten Franz Maget, der zur gleichen Zeit in seiner Heimat unterwegs ist und eigentlich erklären wollte, wie sehr er sich über die Kandidatur von Steinmeier freut. Maget ahnt nicht, was nun passieren wird.

Um ein Uhr trifft Frank-Walter Steinmeier am Tagungshotel ein. Kurt Beck kommt durch den Hintereingang. Wenige Minuten später erklärt Beck in einer dreiminütigen Rede seinen Rücktritt. Inhaltlich soll sie in etwa der Erklärung entsprochen haben, die er wenige Stunden später schriftlich an die Medien verschicken ließ: "In der vergangenen Nacht ist der Plan von mir und Frank-Walter Steinmeier, mit dessen Nominierung zum Kanzlerkandidaten der SPD durchzustarten und gemeinsam für einen Erfolg bei der Bundestagswahl 2009 zu sorgen, durchkreuzt worden", heißt es da. Und: "Aufgrund gezielter Falschinformationen haben die Medien einen völlig anderen Ablauf meiner Entscheidung dargestellt. Das war und ist darauf angelegt, dem Vorsitzenden keinen Handlungs- und Entscheidungsspielraum zu belassen. Vor diesem Hintergrund sehe ich keine Möglichkeit mehr, das Amt des Parteivorsitzenden mit der notwendigen Autorität auszuüben." Beck verlässt den Saal augenblicklich und fährt davon.

Zurück bleiben reichlich konsternierte Tagungsteilnehmer. Einige Sekunden soll es still gewesen sein. Dann ergreift Frank-Walter Steinmeier das Wort. Es sei jetzt eine "einfache Situation", soll er gesagt haben, es sei klar, was kommt: Er werde Kanzlerkandidat, und Franz Müntefering Parteivorsitzender.

Nach Aussage einer Teilnehmerin der Tagung habe Steinmeier "mitgenommen" gewirkt. Es wird berichtet, dass er eine halbe Stunde gebraucht habe, um sich zu sammeln, bevor er um 16.20 Uhr vor die Presse tritt. "Wir waren überrascht und schockiert", sagt Steinmeier über den Rücktritt seines Parteivorsitzenden. Statt von Kurt Beck als Kanzlerkandidat präsentiert zu werden, muss er sich nun selbst in seiner neuen Funktion vorstellen. Seine Zukunft hat zu diesem Zeitpunkt schon längst begonnen.

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