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19. Juli 2006, 12:36 Uhr

Schule ohne Sitzenbleiben

Es geht auch anders: An der Bielefelder Laborschule lernen Schüler ohne Druck. Es gibt keine Hausaufgaben, keine Noten - und die Schüler können nicht Sitzen bleiben. Trotzdem machen anschließend viele Abitur. Von Catrin Boldebuck

Zeugnisangst: Ein Bild der Schülerin Chahrazade Mammis aus Wiesbaden

Eine Gruppe von Schülern sitzt im Kreis mit dem Lehrer und diskutiert. Hinter einer Stellwand sitzt eine andere Gruppe an Tischen und schreibt. An der Laborschule in Bielefeld gibt es keine Klassenräume, keine Noten und keine Zeugnisse. Und daher können die Schüler auch nicht sitzen bleiben.

Patrick Behrendt kam nach der achten Klasse von der Realschule auf die Laborschule. Die Schule mit 660 Schülern ist eine staatliche Versuchsschule des Landes Nordrhein-Westfalen und zugleich eine wissenschaftliche Einrichtung der Fakultät für Pädagogik an der Universität Bielefeld. In die Ganztagsschule gehen Schüler von der Vorschule bis zur 10. Klasse.

Der 16-Jährige Patrick ist in der 9. Stufe der Laborschule. In der siebten Klasse wäre er auf der Realschule fast sitzen geblieben. Wegen Englisch. Aber er konnte die Fünf mit einer Drei in Mathe ausgleichen. "Also damals war ich ganz schön am Ende, ich hatte keinen Plan mehr", erzählt er. Patrick musste bereits die vierte Klasse in der Grundschule wiederholen, weil er Probleme beim Lesen hatte. In der siebten Klasse hatte er ständig Stress mit seinen Eltern, sie drohten ihm mit Hausarrest und Computer-Entzug, wenn seine Leistungen nicht besser würden. Sein Vater schlug ihm schließlich vor, die Schule zu wechseln.

Auf der neuen Schule fand sich Patrick am Anfang nur schwer zu Recht. Der offene Großraum wirkte auf ihn unübersichtlich und laut. Auch gesteht Patrick: "Ich brauche den Noten, sonst lerne ich nicht richtig." Aber inzwischen hat er sich gut eingelebt. "An der normalen Schule herrscht mehr Druck, die Lehrer nehmen weniger Rücksicht, wenn man etwas nicht versteht." An der Laborschule findet er gut, dass er alle Lehrer duzen kann, das senkt die Hemmschwelle, er traut sich eher mal was nach zu fragen.

Auch Esther Schmidt hat den Druck auf einer normalen Schule zu spüren bekommen. Auch sie hatte Probleme mit Englisch. In der 5. Klasse auf dem Gymnasium stand sie zwischen Drei und Vier. "Immer wenn wir eine Arbeit schreiben mussten, hatte ich total Schiss", sagt die blonde 13-Jährige. Sie hatte Bauchschmerzen, konnte nicht schlafen. Als sie dann vor der Arbeit saß, war alles, was sie gelernt hat, vergessen. Die Lehrer sagten: "Du musst dich besser konzentrieren." Und die Eltern: "Du musst früher anfangen zu lernen."

Als sie auf die Laborschule wechselte wurde Esther schlagartig besser. "Hier ist es beim Lernen viel lockerer, alles wird erklärt, man muss nicht bloß von der Tafel abschreiben" sagt sie. "Ich bin zwar noch nervös vor Tests, aber es nicht mehr so schlimm." Esther geht in die siebte Stufe. Später möchte sie Abitur machen und Lehrerin werden.

An der Laborschule wird nicht nur Wert auf Leistung gelegt, sondern vor allem auf Persönlichkeitsbildung. "So einen Jungen wie Patrick, müssen wir hier erstmal aufrichten, bevor er etwas leisten kann", sagt Annemarie von der Groeben, die seit über 30 Jahren an der Laborschule Deutsch, Französisch, Philosophie, Religion und Ethik unterrichtet. "Bei uns unterrichten die Lehrer Kinder, nicht Fächer", sagt die 65-Jährige.

Jeder Schüler soll individuell gefördert werden. Für die Fünf- bis Achtjährigen gibt es keinen Stundenplan. Spielen und Lernen wechseln sich ab. In den oberen Stufen steht Gruppenarbeit an Projekten im Vordergrund. Alle arbeiten an einem Thema, aber mit unterschiedlichen Zugängen. Wie der aussieht, das entscheiden vor allem die Schüler. Dazu müssen die Lehrer wissen: Wo steht jeder einzelne Schüler. "Natürlich müssen wir auch dafür sorgen, dass unsere Schüler den Anschluss schaffen", sagt Lehrerin von der Groeben.

Dem 16-jährigen Patrick macht vor allem Englisch zu schaffen© Isadora Tast

Viele absolvieren anschließend erfolgreich die Oberstufe und machen Abitur. Aber auch an der Laborschule sind nicht alle Schüler automatisch gut. Hat einer in einem Fach Schwierigkeiten hat, klären die Lehrer: Wie können wir helfen? Wie gezielt fördern?

Englisch ist zwar immer noch Patricks Schwäche. "Aber Uwe, mein Englisch-Lehrer unterstützt mich", sagt er. "Eine Klasse zu wiederholen ist Schwachsinn. Denn in den Fächern, in denen man gut ist, wird es langweilig."

Nicht nur an der Laborschule, auch an Waldorfschulen können Kinder nicht sitzen bleiben, alle Schüler durchlaufen ohne zu wiederholen zwölf Schuljahre. Auch an den Gesamtschulen ist in den meisten Bundesländern die Versetzung der Regelfall. Schwache Schüler bleiben nicht sitzen, sondern besuchen einen Kurs auf dem Niveau, das sie schaffen können. In der integrierten Gesamtschule werden die Schüler in einzelnen Fächern nach Leistung in verschiedene Kurse aufgeteilt. In der kooperativen Gesamtschule gibt es Haupt-, Realschul- und Gymnasialzweig nebeneinander.

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Von Catrin Boldebuck
 
 
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