15. August 2005, 15:46 Uhr

"Leute, wir gehen nicht unter!"

Ganz schnell kann man alles verlieren. Den Job, die Wohnung, die Würde. Und nach der Bundestagswahl wird alles noch schlimmer, fürchtet der Soziologe Ulrich Beck. Es sei denn, "wir erfinden Deutschland neu".

Professor Ulrich Beck: "Das Vertraute ist aus den Angeln"©

Herr Beck, am Tag, als Kanzler Schröder sich das Misstrauen aussprechen ließ, sagten Sie zu mir: "Das Grauen greift um sich!"

Ja, diese Welt ist paradox geworden, alles ist unsicher, nichts ist mehr verlässlich. Hinter der Fassade von Ruhe und Ordnung erodiert die Macht, aber diese Realität wird nicht wahrgenommen. Die SPD ist gespalten, sie weiß gar nicht mehr, ob sie noch eine SPD ist. Aber anstatt darüber zu reden, wird geschwiegen.

Der Kanzler hat ja - ganz autoritär - den Marschbefehl und das Diskussionsverbot ausgegeben: Die Reformen, sagt er, "sind notwendig", sie sind "ohne Alternativen".

So einen Satz sagt man, wenn man sich hilflos fühlt, wenn man keine richtige Begründung mehr hat für seine Politik. Wir sind in einer intellektuellen Situation, die mir richtig auf den Magen schlägt. Alle sagen im Augenblick so ziemlich das Gleiche, es gibt keine Opposition. Es gibt drei heilige Punkte, die nicht hinterfragt werden. Erstens: Vollbeschäftigung ist ein realistisches Ziel. Sie erreicht man, zweitens, wenn man nationale Politik betreibt und wenn man, drittens, die neoliberalen Glaubenssätze immer radikaler umsetzt: die Menschen also noch mehr quält, die Löhne noch weiter senkt, das Soziale noch mehr abbaut. Dann, so der Glaube, entsteht ein Wirtschaftswunder, dann gibt es wieder Jobs, und allen geht es wieder gut.

Und das, sagen Sie, ist eine Lüge?

Man sagt den Menschen die Unwahrheit. In den entwickelten Ländern, dort, wo tatsächlich noch Jobs entstehen, sind es vor allem fragmentierte, unsichere Arbeitsplätze. In Großbritannien und den USA ist schon die Hälfte der Beschäftigten in solchen unsicheren Jobs.

Und Sie meinen: Das ist gut so?

Ich sage nicht, dass es gut ist. Aber das ist die große Entwicklung und...

... wir sind, schrieb unlängst der ehemalige stern-Chefredakteur Rolf Winter, "auf dem Weg zurück in den Manchesterkapitalismus", allerdings, fügte er hinzu, würde man den Herren des Manchestertums damit Unrecht tun und spräche eher von "Barbarei".

Das ist mir zu simpel. Dieses untergangsfrohe Denken zieht sich durch die Diskussionen seit dem 19. Jahrhundert: dass die Menschen sich vom Neuen entwurzelt und überrollt fühlen.

Und? Ist das falsch?

Nein und ja, aber nach der Manchesterzeit gab es die Industriegesellschaft, den Wohlfahrtsstaat. Und jetzt ist es wieder so: Das Normale, das Vertraute, das Alte ist aus den Angeln, es ist wie bei Kafkas Erzählung "Die Verwandlung": "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken..." Wir sind der Käfer. Wir haben keine Arme und Beine mehr, wir sind nicht mehr in der Lage zu frühstücken. Erst als der Käfer Gregor Samsa in seinem Kopf die Verwandlung akzeptiert und sagt: "Ich bin ein anderer", gelingt es ihm, wieder auf die Beine zu kommen, wieder zu essen, wieder rumzurennen.

Aber Kafkas Käfer geht kläglich ein.

Sie verwechseln die Metapher mit einer Prognose. Ich wollte nur verdeutlichen: Eine Verwandlung hat stattgefunden, und es gibt kein Zurück zum Alten.

Als Wolfgang Clement Wirtschaftsminister wurde, gab es 3,9 Millionen Arbeitslose, und er dröhnte: Nun ist die Chance zur Trendwende da! Als 4,5 Millionen arbeitslos waren, sah er einen Silberstreif am Horizont. Und als fünf Millionen ohne Job waren, verkündete er: Es geht voran!

Ich führe Clement in meinem neuen Buch...

... "Was zur Wahl steht" ...

...als Beispiel für jemanden an, der einen völligen Wirklichkeitsverlust erlitten hat: Er ist total dem Dogma der Vollbeschäftigung verfallen. Ein Verblendeter.

Vielleicht zeigt das Beispiel nur das: Politiker sind so wirkungsvoll wie Medizinmänner, die im Busch trommeln, tanzen und behaupten: So kommt der ersehnte Regen!

Die Politiker, die wir gewählt haben, sitzen tatsächlich ziemlich macht- und ratlos auf der Zuschauertribüne, während andere, die wir nicht gewählt haben, Entscheidungen fällen, die unser Leben und Überleben bestimmen. So gesehen, ist also nicht nur Rot-Grün gescheitert, es ist eine bestimmte Idee von Politik gescheitert: dass man im Rahmen des Nationalstaats noch effektiv die Probleme der Menschen lösen kann.

In den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts haben Sie ein dickes Buch geschrieben und festgestellt, dass die sozialen Unterschiede zwar bestehen bleiben, aber es für alle wie im Fahrstuhl nach oben geht, und nun ...

...geht der Fahrstuhl für sehr viele nach unten. Dass es so kommen würde, konnte ich nicht ahnen - auch nicht, dass die Ungleichheit in extremem Ausmaß wächst. Es ist ungerecht: Warum wird immer bei den Kleinen, bei den Unteren gekürzt?

Antwort gibt Ihnen der zweitreichste Mann der Welt, der US-Milliardär Warren Buffet, er spricht von einem Klassenkampf, der tobt, und, so sagt er, "meine Klasse gewinnt".

Auch das ist mir zu simpel. Seine Klasse gewinnt, weil es keine Gegenklasse mehr gibt. Die wirklich Benachteiligten müssen nicht mal mehr ausgebeutet werden, sie sind überflüssig.

Sie sind ein Zyniker.

Nein, ich bin ein radikaler Realist und Kritiker der Verhältnisse - und ich will das Vertrauen in die Demokratie, die arm und arbeitlos macht, begründen und erhalten. Spätestens mit Hartz IV ist dieser Traum vom immer währenden Aufstiegsland endgültig geplatzt: von wegen gut bezahlte Arbeitsplätze, mehr soziale Sicherheit. Das ist vorbei, es droht eine neue Wirklichkeit: Das Weniger wird normal - es kann zum Schicksal der Mehrheit werden. Jeder wird zum Dompteur seiner Anpassung an das Weniger.

Am 18. September werden die Bürger also ihre zunehmende Armut wählen? Für den kollektiven Abstieg votieren?

Ja. Allerdings: Es gibt nirgendwo eine masochistische Demokratie, bei der Wähler ihren eigenen Abstieg programmieren.

Selbst so ein konservativer SPD-Denker wie Peter Glotz will nicht ausschließen, dass die Menschen rebellieren, "dass Arbeiter auch mal die Firma, die sie entlässt, zerlegen".

Wenn man die Lage soziologisch-realistisch ansieht, sind wir tatsächlich in einer vorrevolutionären Situation. Ich bin sicher, dass Marx gerade lächelt.

Weil der Kapitalismus sich nun so gebärdet, wie er ihn beschrieben hat? Als "die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände", als "ewige Unsicherheit", in der "alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige entweiht" wird.

Ja, eine wunderbare Beschreibung. Man hat ja fast das Gefühl, da steckt ein klein wenig neoliberaler Jubel dahinter. Marx ist ja nicht bloß ein Ankläger, der lamentiert, in seinen Worten ist auch ein Aufbruch spürbar. Wenn Sie dieses "Manifest" weiterlesen, bezieht er sich - und das ist doch sehr interessant - auf Goethe, er benützt Goethes Begriff von der Weltliteratur. Und das ist genau, was ich meine: die kosmopolitische Perspektive! Sie erlaubt uns, mit der Globalisierung offensiv umzugehen. Wir müssen den nationalen Horizont aufbrechen und ein globales Selbstbewusstsein entwickeln. Das, und nur das, hilft uns aus der Krise!

Die Menschen spüren ganz konkret: Irgendwie ist ungerecht, was mit uns geschieht. 70 Prozent der Bundesbürger stimmen Münteferings Kapitalismuskritik zu.

Ja, und das heißt, die Legitimation des Kapitalismus zerfällt. Aber noch nehmen die Menschen die Dinge hin. Braut sich unter der Oberfläche etwas zusammen? Lange - obwohl es nicht vergleichbar ist - war es in der DDR ruhig, doch plötzlich verschwand das System ganz schnell. Die Leute klagen. Die Mittelschicht spürt: Nichts ist mehr stabil, plötzlich, ganz schnell, kann man alles verlieren, den Job, die eigene Wohnung, das Leben in Würde. Das ist ein wirklicher Bruch mit der gesellschaftlichen Verfassung - es ist ein Wunder, dass es noch so ruhig ist.

Kurz vor den Mai-Unruhen 1968 in Paris hieß es: "La jeunesse s'ennuie". Aber die Jugend langweilte sich nicht, sie rebellierte plötzlich, sie jagte den Staatspräsidenten de Gaulle ins Exil nach Baden-Baden.

Heute, fürchte ich, ist die Politik ähnlich unempfindlich gegenüber dem großen Wandel, den wir erleben. Sie verweigert den Blick auf die Wirklichkeit, bleibt auf dem Alten hocken, ignoriert das Neue.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 33/2005

Zur Person Professor Ulrich Beck, 61, lehrt an der renommierten London School of Economics und ist Direktor des Soziologischen Instituts der Uni München. Seit zwei Jahrzehnten prägt Beck, dessen Bücher in 30 Sprachen übersetzt sind, mit seinen Thesen die Politdebatten - so wurde sein Begriff der "Risikogesellschaft" zum geflügelten Wort. Mit seinem Konzept zur "Bürgerarbeit" sucht er nach Wegen aus der Arbeitslosigkeit. Soeben ist sein Buch "Was zur Wahl steht" (Suhrkamp) erschienen.

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