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Die perfekte Story

Alles passt, alles stimmt – scheinbar. Tatsächlich gab es keinen Todesfall am Lageso. Und keine Entführung eines russisch-deutschen Mädchens. Wenn wir nur noch zur Kenntnis nehmen, was wir glauben wollen, ist die Demokratie am Ende.

Von Lutz Kinkel

Flüchtlinge warten in der Kälte vor dem Berliner Lageso

5. Januar 2015: Flüchtlinge warten in der Kälte auf Zugang zum Berliner Lageso

Es schien die perfekte Story zu sein. Sie lag nicht nur im Korridor der Erwartungen. Sie wirkte wie eine überfällige Bestätigung dieser Erwartungen. Ein toter Syrer, 24 Jahre alt, gestorben an Erschöpfung, weil er tagelang am Berliner Lageso warten musste. Ein Helfer, der den Fall detailliert und in Echtzeit auf Facebook schildert. Eine angesehene Organisation wie "Moabit hilft", die das Geschehen beglaubigt und auf ihre Agenda setzt. Ein geharnischter Brief an Kanzlerin Angela Merkel, wonach die bekannt unhaltbaren Zustände am Lageso für den Tod des Syrers mitverantwortlich seien. Unterschrieben von einer Helferin, die als seriös gilt. Alles drin, alles dran. Auch die Redaktion des stern begann zu recherchieren.

Es stellte sich heraus: alles nur Schimäre. Die Geschichte hat nur im Kopf des Helfers stattgefunden. Eines Mannes, der offenbar am Ende seiner psychischen Kräfte war. Warum auch immer er diesen Fake in die Welt gesetzt hat – das Konstrukt war so plausibel, dass es sofort in den sozialen Medien die Runde machte. Und je mehr Menschen die Story lasen und posteten und teilten, desto glaubwürdiger schien sie. "Die totale Präsenz einer Geschichte suggeriert Wichtigkeit und Relevanz", sagt der Medienforscher Bernhard Pörksen. Aber diese Suggestion sagt eben noch nichts darüber aus, ob eine Geschichte stimmt oder nicht. Diese stimmte nicht. Innerhalb eines Tages war sie widerlegt.

"Entfesselung des Bestätigungsdenkens" 

Das Problem ist: Es gibt Menschen, die sie trotzdem für wahr halten, so wie andere glauben, dass die Tochter einer russisch-deutschen Familie von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt wurde, obwohl auch diese Story widerlegt ist. Haben Flüchtlinge nicht auch einen Streichelzoo überfallen, die Tiere geschlachtet und aufgegessen? Wer hat an 9/11 die Twin-Towers zu Fall gebracht, waren das nicht die Amerikaner selbst, um einen Krieg gegen die muslimische Welt zu legitimieren? Pörksen spricht von einer "Entfesselung des Bestätigungsdenkens". Heißt: Zu viele suchen nur noch nach dem, was in ihr Weltbild passt, was ihre Meinungen und Einstellungen bestärkt. Zu wenige suchen nach Wahrheit, gleichgültig, ob sie ihnen gefällt oder nicht.

Das ist nicht nur eine Folge der Technologie, also des Internets. Natürlich kann inzwischen jeder publizieren, was er will. Das schafft Raum für Propagandisten jedweder Art und liefert Stoff für Gläubige jedweder Couleur. Das Problem liegt aber tiefer: Es ist der Glaubwürdigkeitsverlust der alten Institutionen – Medien, Politik, Justiz, Polizei. Wer diesen Glaubwürdigkeitsverlust mit – echten, wahren – Beispielen begründen will, muss leider nicht lange suchen. Das jüngste Beispiel lieferte die Kölner Polizei, die in ihrer ersten Pressemitteilung von einer ausgelassenen, weitgehend friedlichen Silvesternacht sprach. Obwohl vor dem Kölner Hauptbahnhof Frauen reihenweise bedrängt, beklaut und begrapscht wurden. Vertrauen aufzubauen, braucht Zeit. Es zu verspielen, nur einen Wimpernschlag.

"Wahrheit braucht Zeit"

Der Ausgang der Geschichte ist auch für uns Journalisten offen. Ersaufen wir in Misstrauen? Schlagen die Wellen der Fakes über uns zusammen? Haben wir im immer härteren Medienmarkt noch die Ressourcen, eine "Story" bis ins letzte Detail zu prüfen? Pörksen empfiehlt Entschleunigung. "Information ist wahnsinnig schnell, Wahrheit braucht Zeit." Manchmal, wie im Fall des vermeintlichen Todesfalls am Lageso, einen Tag. Manchmal auch länger. Jeder sollte sich diese Zeit nehmen: Nachrichtenproduzenten und Nachrichtenkonsumenten. Sonst brüllen wir uns eines Tages nur noch an. Eine Demokratie, die von Falschinformationen, Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien befallen ist, kann nicht überleben.

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