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20. März 2010, 15:36 Uhr

Konservative mit menschlichem Antlitz

NRW-Landeschef Jürgen Rüttgers hat sich mit einer fulminanten Rede wieder als Arbeiterführer der CDU inszeniert - und sich gegen Steuersenkungen ausgesprochen. Die Kanzlerin pflichtete ihm bei. Von Lutz Kinkel, Münster

NRW, Rüttgers, Merkel, Landesparteitag, Kraft, Steuersenkungen

"Bund und Land, Hand in Hand": Kanzlerin Merkel auf dem Landesparteitag der NRW-CDU neben Ministerpräsident Jürgen Rüttgers© DPA

Es ist merkwürdig, wie Gestik und Inhalt auseinanderfallen. Jürgen Rüttgers, Chef der nordrhein-westfälischen CDU, reckt die Arme, spreizt seine Finger zum Victory-Zeichen, sein Gesicht verzerrt ein Haifischgrinsen, die Zunge benetzt die Lippen, als hätte er gerade in ein saftiges Steak gebissen. Das sieht nach Joseph Ackermann aus, nach einer Bilanzpressekonferenz der Deutschen Bank, aber nicht nach einem Christdemokraten, der sich gerade mal wieder als oberster Arbeiterführer der Republik in Szene gesetzt hat. Auch Kanzlerin Angela Merkel ist da, sie trägt einen lilafarbenen Blazer, die Signalfarbe der Feministinnen, und patscht die Hände beim Klatschen wie ein kleines Kind aufeinander - dabei ist sie alles andere als frauenbewegt oder gar naiv.

Es ist eine kleine Irritation auf diesem Landesparteitag in der Münsterlandhalle, aber sie wird hinweggespült vom tosenden Applaus der rund 700 Delegierten. "Das war eine der besten Reden, die Rüttgers überhaupt je gehalten hat", sagt ein überglücklicher Delegierter zu stern.de und um ihn herum nicken sie mit den Köpfen.

Es geht um die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat

Die NRW-CDU hat diesen Motivationsschub dringend nötig. In der jüngsten Umfrage des ZDF bekommt sie auf 37 Prozent, die Liberalen auf 8 Prozent. Damit liegt das bürgerliche Lager gleichauf mit SPD (33 Prozent) und Grünen (12 Prozent). Schaffen auch die Linken den Sprung in den Landtag - derzeit werden sie auf 6 Prozent geschätzt -, wäre Nordrhein-Westfalen plötzlich wieder ritzerot. Dass die Zahlen so sind, wie sie sind, hat mit dem Chaos der schwarz-gelben Koalition in Berlin zu tun, andererseits auch mit der Sponsoring-Affäre, die Rüttgers' sorgsam gepflegtes Image als rechtschaffener Biedermann schwer beschädigt hat. Sein Generalsekretär Henrik Wüst musste wegen der Sponsoring-Affäre seinen Job quittieren, der Nachfolger Andreas Krautschneid wird auf diesem Parteitag mit sagenhaften 99,5 Prozent ins Amt gewählt.

Führt Rüttgers einen Wahlkampf gegen Berlin, um seine eigene Haut zu retten? Diesen Gedanken, der angeblich in einem geheimen Strategiepapier der NRW-CDU festgehalten ist, wischt Rüttgers schon bei der Eröffnung des Parteitags beiseite. Es gelte das Motto "Bund und Land, Hand in Hand", sagt er. Jedes andere Vorgehen wäre auch schwierig. FDP-Parteichef Guido Westerwelle hatte am vergangenen Wochenende angekündigt, er werde im Wahlkampf kräftig mitmischen. Für Angela Merkel sind nicht weniger als 15 Auftritte vorgesehen. NRW ist Chefsache, denn es geht um sehr viel. Es geht um die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat, aber auch um die Story der Schwarz-Gelben überhaupt. Geht NRW verloren, wäre dies ein erstes Zeichen des Niedergangs.

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