18. Januar 2009, 19:35 Uhr

Von der Arroganz der Macht

Hessen wird künftig von einer schwarz-gelben Koalition regiert, Roland Koch bleibt Ministerpräsident. Dennoch wird das Ergebnis der CDU schwer im Magen liegen. Denn die enttäuschten Konservativen wandern in Scharen zum eigentlichen Gewinner ab: der FDP. Und die SPD? Sie muss in die Reha. Ein Kommentar von Lutz Kinkel

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Roland Koch (CDU) nach der Bekanntgabe der Wahlprognose. Er weiß, dass er seinen Machterhalt in erster Linie der FDP verdankt©

Die "hessischen Verhältnisse" sind Geschichte. Endlich. Das ist die gute Nachricht aus Wiesbaden. CDU und FDP können eine Regierung bilden, die sich auf eine deutliche Mehrheit stützt. Das ist, nach dem Chaos und Gezänk des vergangenen Jahres, schon ein Fortschritt. Die Politik muss handlungsfähig sein, gerade jetzt, da die Wirtschaftskrise wie ein Hurrikan über Deutschland zieht.

Roland Koch, der geschäftsführende und wohl auch künftige Ministerpräsident, wird dennoch bleierne Stunden erleben. Die Menschen haben ihm seinen Imagewechsel vom politischen Pitbull zum gütigen Landesvater nicht abgenommen. Die CDU gewinnt praktisch nichts hinzu, sie stagniert bei rund 37 Prozent - zur Erinnerung: Koch hatte 2002 die absolute Mehrheit errungen. Mit dem jetzigen Ergebnis kann sich Koch als Sieger fühlen, aber es ist ein matter, glanzloser Sieg. In Anbetracht des FDP-Ergebnisses ist es sogar ein unglücklicher Sieg.

Die hessische FDP holte die Sterne vom Himmel - zwischen 16 und 17 Prozent, ein Wert, der die als utopisch empfundene 18-Prozent-Kampagne eines Jürgen Möllemann Realität werden lässt. Dieses Ergebnis zeigt, wie schon die Wahl in Bayern, dass sich im bürgerlichen Lager die Akzente verschieben. Weg von der Union, hin zu FDP und Freien Wählern.

Bange Herzen im Kanzleramt

Das offenbart die Schwäche einer Union, die in der Regierungsverantwortung zur Arroganz der Macht neigt und damit ihre Wähler verprellt. In Bayern waren es das Rauchverbot, das Transrapid-Debakel und die Milliardenverluste der Landesbank. In Hessen dürften es die vergeigte Schulreform, die mediokre Wirtschaftspolitik und der ausländerfeindlich getönte Wahlkampf von 2008 gewesen sein.

Im Berliner Kanzleramt werden sie das Ergebnis dieser Wahl mit bangem Herzen studieren. Denn das, was in Bayern und Hessen passiert ist, könnte sich genauso bei der Bundestagswahl im September vollziehen. Kanzlerin Angela Merkel hat das Profil der CDU bis zur Unkenntlichkeit verwässert, Konservative und Marktliberale bedient sie überhaupt nicht mehr. Wandert diese Klientel zur FDP ab, muss sie mit einem starken, unbequemen Koalitionspartner regieren. Denn sie kommt nicht an der FDP vorbei, wenn die Mehrheiten dafür reichen, auch wenn sie sich insgeheim eine Fortsetzung der Großen Koalition wünschen mag.

Schon jetzt wird die FDP der Kanzlerin häufiger dazwischenfunken, als ihr lieb sein kann. Durch die Wahl in Hessen verliert die Große Koalition ihre Mehrheit im Bundesrat. Bei Gesetzen, die zustimmungspflichtig sind, muss sie mit der FDP verhandeln. Die hat bereits angekündigt, dass sie das Konjunkturpaket wieder aufschnüren will, um weitere Steuersenkungen durchzusetzen, Guido Westerwelle regiert faktisch mit. Also muss "Mutti" Merkel zur Super-Nanny werden, denn sie hat nun gleich vier Parteien an der Hacke (CDU, CSU, SPD, FDP) - auch das ist eine Konsequenz der hessischen Wahl.

Und die hessische SPD? Ach ja. Sie wirkt wie ein Patient, der nach zwei Gehirnschlägen eine lange, lange Rehabilitationsphase antreten muss. Andrea Ypsilanti ist von ihren Partei-Ämtern zurückgetreten, Thorsten Schäfer-Gümbel wird die Salben und Verbände in den kommenden fünf Jahren anreichen müssen. Für die Bundes-SPD ist das kein guter Start ins Wahljahr 2009. Aber wer hat, außer der FDP, mit diesem Ergebnis keine Sorgen? Selbst die Grünen sind angeschmiert. 14 Prozent geholt, herzlichen Glückwunsch, und nun: setzen. Auf die Oppositionsbank.

Ein Kommentar von Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 60)
 
Georges13437 (20.01.2009, 22:14 Uhr)
Konsorten also.
Da gibt es doch einige, die ein gewaltiges Problem mit dem Begriff Demokratie und mit Wahlergebnissen Haben.
In der Bundesrepublik gehen wir wählen und nicht abwählen und die Ergebnisse stehen und nach diesen wird es zum Regieren kommen.
Diesesmal regiert wieder die CDU und die FDP, wenn einige damit ein Problem haben, so ist es ihr eigenes und ist es ganz schlimm, so sollen sie halt in den Stein beißen. Ja das hat jetzt einer vom Club der Konsorten geschrieben.
Die Dummen geben sich immer durch primitive Beleidigungen zu erkennen.
Herzlichst
Georges
UR63 (20.01.2009, 16:33 Uhr)
Laut @Zwickau
steht die Weltrevolution bevor!
bei einer Wahlbeteiligung von 60% haben ca.3% der Wahlberechtigen in Hessen die Linke gewählt!
WAHNSINN!!!!!
Weiter so!LOL
manesse (19.01.2009, 19:01 Uhr)
@benkku
Und wenn's einem nicht passt, kommt die Wählerbeschimpfung. Sie sind mir ein toller Demokrat. Sie haben ungefähr das Niveau dieser Ypsilanti.
sophisticated (19.01.2009, 17:14 Uhr)
Was wirklich bedenklich ist:
- Mehr als jeder dritte Hesse hat erst gar nicht gewählt! - Nur weil das Wetter schlecht war? Wohl nicht...
.
- Die 6.stärkste Kraft (mit fast 3Prozent) in Hessen sind die Wahlverweiger, die ihre Stimmzettel ungültig gemacht haben. (Da fanden sich Bemerkungen wie "40 Jahre habe ich in die Kassen eingezahlt und was krieg ich raus? Nichts!" - Oder die Listen waren durchgestrichen mit der Bemerkung "alles Idioten")
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Wenn ein Ministerpräsident auch beim zweiten Anlauf seinen erdrutschartigen Verlust vom Vorjahr nicht kompensieren kann, darf er dann weiter MP sein? Oder schürt das weiter die politischen Ohnmachtsgefühle?
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Was lernen die Wahlgewinner (Grüne und FDP) aus all dem? Wie setzen sie diese Erkenntnisse um?
Zwickau (19.01.2009, 16:47 Uhr)
@vegefranz und Konsorten
Mit 5,4 Prozent und 6 Abgeordneten zieht DIE LINKE laut vorläufigem Endergebnis wieder in den hessischen Landtag ein. Der Start in das Wahljahr 2009 ist gelungen. Auf zu neuen Daten, damit die Taten erfolgreich sind.
Benkku (19.01.2009, 15:19 Uhr)
Die Hessen sind die schlimmsten Spießer Deutschlands.
Das zweimal hintereinander ziemlich gleichmäßige Abschneiden von Roland Koch hatte weder damit zu tun, daß er einmal gerechte Strafe für jugendliche Ausländer gefordert hatte oder daß er dieses Mal halbherzige Kuschelimagepflege betrieben hatte. Für das Besitz- und möchtegern-Besitzbürgertum spielt der Unterschied dabei keine Rolle, es findet an Beidem seinen Gefallen. Es ist vorallem auch gegen eine neoliberale Bedrohung immun. Und das ist beklagenswerter als alles andere. Doch gerade der administrative Machtzuwachs der Neoliberalität mit der Forderung nach totaler Privatisierung und der Wille zu militärischer Aggression ist als der allergrößte Verlust nach der Hessenwahl anzusehen. Daran ist allein das Spießertum der Hessen schuld.
Corazito3333 (19.01.2009, 15:05 Uhr)
Ob das noch viel bringt
Die Milliarden hat die Angela schon auf den Weg gebracht, die werden bald verschwinden in den gierigen Schlündern einiger weniger - wie gehabt. Mehr Arbeitslose - mehr Hartz4, ob die die Kurve kriegen und schnellstens die richtigen Änderungen
mit Verstand einführen und schnellstens die Milliarden zurückholen. Denk ich nicht, weiter gehts - ab nach unten!!!!!
SethusCalvisius (19.01.2009, 14:40 Uhr)
Schlechte Gewinner
@muemmelfrau
Möchte mal wissen, was hier für Kommentare über "dumme" Hessen ständen, wenn die SPD gewonnen hätte. Aber dann wär das natürlich was ganz anderes.
Ihr Kommentar passt aber gut zu dem Artikel "Arroganz der Macht". Dass Länder wie Hessen, Bayern oder BW die anderen Bundesländer "Am Leben erhalten", ist ja wohl etwas simpel gedacht. Immerhin haben wir in NRW euch ja erstmal aufgepäppelt, bis Ihr soweit wart.
Die Verluste der SPD allein an Ypse festzumachen, ist ebenfalls sehr einseitig gedacht. Immerhin hatte sie den größten Teil der jetzt wieder verlorenen Stimmen im Januar 08 für die SPD geholt. Als Ypsilanti die Hessen-SPD übernommen hat, regierte Koch noch mit absoluter Mehrheit. gegen den Bundestrend hat Ypse 2008 für die SPD einen Stimmenzuwachs von 7,6 % geholt. Dass sie danach grobe Fehler gemacht hat, ist unbestritten, der Niedergang der SPD begann aber nicht mit Yps, sondern mit Hartz IV.
Im übrigen lag die Hessen-SPD in den Umfragen bis zur vorgesehenen Wahl im November bei 27/28 %. Erst als Metzger und co die Sache platzen ließen, stürzten sie auf den historischen Tiefpunkt von 23 %. Insofern ist die Annahme, mit Metzger an der Spitze hätte die SPD besser abgeschnitten, absurd.
utospatz (19.01.2009, 13:50 Uhr)
Ein astronomisches Ergebnis!
Konnte man per Satelitenteleskop aus dem All betrachten!
4,4 millionen Wahlberechtigte.
60% Beteiligung,= 2,64 millionen Wähler. Davon 37,2%, sind eine Million schwarze Löcher!
Die warten nun darauf, dass sich in Deutschland 2,5 millionen am Hungertuch nagende Kinder verdoppeln,
Leih-und Zeitarbeiter verdreifachen, die neueste SPD Atomclementine für ihre Urenkel auf den Cayman-Isles die Konten eingerichtet hat, und Gazprom Gerd auf der Krim für seinen Gospodin Putin und sich ein gemeinsames Schlafzimmer eingerichtet hat! So wird in Zukunft Europa jedem islamistischen Eindringling eine eindringliche Warnung sein!
vegefranz (19.01.2009, 13:20 Uhr)
@zwickau/Linke: "Auf geht’s zu neuen Taten"
"Auf geht’s zu neuen Taten" - was meinst du damitß Andersdenkende einsperren und foltern? neue Mauer? kinderdopingß
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