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Die Wucht der fabelhaften Lindner-Story

Der politische Gottesbeweis scheint erbracht: 8,6 Prozent! FDP gerettet! Christian Lindner kann über Wasser laufen, zumindest an Rhein und Ruhr. Philipp Rösler droht zum Scheinvorsitzenden zu werden.

Von Florian Güßgen, Düsseldorf

  Christian Lindner dankt nach dem Wahlerfolg am Sonntagabend seinen Helfern: In seiner fünfminütigen Rede erwähnt er FDP-Chef Philipp Rösler mit keinem Wort

Christian Lindner dankt nach dem Wahlerfolg am Sonntagabend seinen Helfern: In seiner fünfminütigen Rede erwähnt er FDP-Chef Philipp Rösler mit keinem Wort

Es ist halb sieben am Sonntagabend. Und die Liberalen grölen. "Oh, wie ist das schön. Oh, wie ist das schön." Was ist Christian Lindner in den letzten Wochen nicht alles genannt worden? Retter! Erlöser! Messias! Eigentlich haben wir Journalisten alle Superlative verbraucht, alle Metaphern ausgereizt. Aber egal. So ganz falsch erscheint das jetzt alles nicht. Denn jetzt stehen Lindner-Fans, FDP-Sympathisanten, Parteifreunde im hellen Foyer des Zollhofes 11 in Düsseldorf, wo die Partei den Wahlabend begeht. Und sie jubeln. Und sie klatschen. Und, ja, sie grölen. "So was hat man lange nicht gesehen. So schön. So schön." Seit einer halben Stunde feiern sie, die Totgesagten, ihren grandiosen Wiedereinzug in den nordrhein-westfälischen Landtag. 8,6 Prozent. Und nun tritt jener Mann auf die Bühne, dem sie diesen Erfolg zu verdanken haben: Christian Lindner, 33, im perfekt sitzenden, dunklen Anzug, mit leichtem Dreitagebart. Blonder Retter. Erlöser. Und seit Sonntagabend auch Bundesvorsitzender der liberalen Herzen.

Die Lindner-Story hat verfangen

Denn 8,6 Prozent sind ein Pfund. Das ist nicht irgendein Herumgekrebse an der Fünfprozentmarke. Das sind 1,9 Prozent mehr als anno 2010. Und das ist locker das Vierfache der vernichtenden Umfragewerte noch vom März, als sie hier Neuwahlen ausriefen. 8,6 Prozent. 22 Sitze. Damit hat Lindner eine Art politischen Gottesbeweis erbracht. Er ist über Wasser gelaufen, über die Fluten von Rhein und Ruhr. Sein elegant-lockeres Auftreten, seine perfekte, gewitzt-aggressive Rhetorik, das alles gepaart mit einem bedingungslosen Bekenntnis zur Landespolitik und einer Programmatik, die Klarheit und Standfestigkeit suggerierte; diese Mischung hat die bürgerlichen Wähler offenbar überzeugt - vor allem im Vergleich mit dem hilflos irrlichternden CDU-Mann Norbert Röttgen.

Die Lindner-Story hat verfangen, das mächtige, weil dramaturgisch perfekte Narrativ vom jugendlichen Aufstieg eines politisch Hochbegabten, erst im Land, dann im Bund, bis hinauf zum Generalsekretär, die Geschichte von seinem vermeintlich prinzipientreuen, selbstlosen Abgang als Röslers Generalsekretär im Dezember 2011, und dann seine heldenhafte Wiederkehr als Gerufener, als Tribun, der sich scheinbar selbstlos in die Bresche wirft. Diese Lindner-Story hat den Lindner-Effekt geschaffen, den messbaren Aufschwung in den Umfragen - und am Wahlabend erstrahlt die FDP nun im Lindner-Erfolg. 8,6 Prozent. Lindners Gewicht in der Bundespartei ist nun fast ins Unermessliche gestiegen. Er ist Chef des mächtigen Landesverbandes NRW, demnächst mutmaßlich Fraktionschef in Düsseldorf. Und er hat diese Story, die ihn gleichsam rein wäscht von seiner Berliner Zeit. Gemeinsam mit Wolfgang Kubicki in Schleswig-Holstein hat er bewiesen, dass er die FDP aus dem finstersten Tal ans Licht führen kann. Gegen den Bundestrend, und weitgehend ohne Parteichef Philipp Rösler. Dessen Zukunft steht nun entgegen aller Beteuerung weiter infrage.

Röslers Kritiker triumphieren

Denn die rettenden Wahlerfolge der FDP in NRW und Schleswig-Holstein haben zweierlei gemeinsam: Erstens, sie sind charismatischen Spitzenkandidaten geschuldet. In Kiel dem breitbeinigen Haudrauf Kubicki, in Düsseldorf dem turbogereiften Lindner. Und zweitens, die Wähler schätzen offenbar Typen, die sich mehr oder minder eindeutig von Rösler distanziert haben. Kubicki hat Röslers Strategien schon mehrfach hemmungslos öffentlich klein gehäckselt ("Mit dem Wachstumsbegriff können die Leute wenig anfangen. Was soll das denn sein? Haarwachstum?"). Und Lindner hat die tatsächlichen Gründe für seinen Rücktritt vom Amt des Generalsekretärs zwar nie öffentlich erläutert. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass es ein Zerwürfnis zwischen ihm und Rösler gegeben hat. Der neue Generalsekretär Patrick Döring, eher ein Mann fürs Grobe, bezichtigte Lindner wenig später, Konfliktlinien bewusst verschärft zu haben, um selbst Vorsitzender zu werden. Wie soll diese Personalkonstellation künftig funktionieren?

In Düsseldorf, beim "Wahlabend" der FDP halten sich alle mit offener Kritik an Rösler tunlichst zurück. "Wir haben einen guten König und starke Fürsten", sagt etwa Otto Fricke. "Und als Vorsitzender des Landesverbandes NRW ist Christian Lindner ein ganz starker Fürst." Fricke ist als Schatzmeister Mitglied des Parteipräsidiums, er sitzt im Bundestag. Auch der Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff ist an dem Abend auf Linie. Ja, über die die "Performance in Berlin" seien manche enttäuscht. Aber NRW habe nun gezeigt, dass man mit einer vernünftigen Politik Erfolge erzielen könne - auch in der Hauptstadt. Und auch wenn man einfache Mitglieder oder Junge Liberale fragt: Begeistert ist keiner von dem Oberchef, aber seinen Abgang fordert auch niemand.

Ist Lindners FDP auch die von Rösler?

Nein, Rösler wird nicht offen angegriffen. Er wird ignoriert. Als Lindner in seiner fünfminütigen Rede seinen Helfern dankt, erwähnt er ihn mit keinem Wort. Stattdessen sagt Lindner, dass die FDP Erfolge feiern könne, wenn sie nur an Traditionen von Otto Graf Lambsdorff, Hans-Dietrich Genscher und Gerhart Baum anknüpfe." Rösler? Fehlanzeige. "Ach, Gott!", beschwichtigen die Liberalen bei der Wahlparty. Das habe nichts zu bedeuten. Es sei ja schließlich eine Landtagswahl gewesen. Da könne Lindner zum Dank doch nicht die gesamte Bundeshierarchie durchdeklinieren. Stimmt schon. Aber wer seinen Chef stärken will, erwähnt ihn. Lindner tut das nicht.

Bemerkenswert ist ebenfalls das Verhalten Guido Westerwelles, des Außenministers, der auch Röslers Vorgänger als Parteichef war. Als Lindner bei der Party spricht steht Westerwelle fröhlich, mit rosa Oberhemd unterm Sakko, neben der Bühne. Geradezu beseelt klatscht und lacht er in die Kameras. Demonstrativ. Als Lindner schon wieder zu TV-Interviews in den nahen Landtag zurückgekehrt ist, ist Rösler auf den Bildschirmen zu sehen. Er kommentiert das Wahlergebnis in Berlin. Aber bei der Wahlparty geht sein Auftritt unter. Niemand klatscht. Niemand scheint auch nur auf Rösler zu achten. Er sagt: "Die Menschen hören uns wieder zu." Aber hier hört ihm niemand zu. Auch Westerwelle nicht. Im Gegenteil. Der Außenminister hat dem Bildschirm den Rücken zugewandt, steht mit ein paar Jungen Liberalen an einem Cocktailtisch.

Westerwelle huldigt Lindner

Als Westerwelle gefragt wird, ob der Erfolg der NRW-FDP auch ein Erfolg Röslers ist, sagt er: "Es ist ein großer Erfolg für Christian Lindner. Es ist ein Erfolg für die Charakterstärke, die die nordrhein-westfälische FDP gezeigt hat. Und es gibt Rückenwind für die gesamte Partei. Und das freut alle Liberalen." Den Namen Rösler nimmt der Außenminister nicht in den Mund. Westerwelle formuliert nichts ohne Absicht. Wenn er jemanden nicht erwähnt, ist das eine politische Botschaft. Schon vor einer Woche, als Lindner in Gütersloh zum NRW-Landeschef gekürt wurde, hatte Hans-Dietrich Genscher, der Ehrenvorsitzende, unmissverständlich klar gemacht, dass er ihn, den Jürgen Möllemann einst "Bambi" taufte, für die Zukunft der FDP hält. Das war ein Ritterschlag. Wieder für Lindner. Nicht für Rösler.

Rösler selbst weiß offenbar, dass es sehr eng ist für ihn derzeit. In der vergangenen Woche berichtete der "Spiegel" über Putschpläne. Demnach gibt es Überlegungen, dass Fraktionschef Rainer Brüderle ihn beerben soll. Dagegen hat Rösler in den vergangenen Tagen verlauten lassen, dass er kämpfen wolle. Wohl auch deshalb zeigt er am Sonntagabend Flagge - und zwar bei "Günther Jauch." Es ist nur eine Mutmaßung. Aber Rösler wird gewusst haben, dass er an so einem Tag sichtbar sein muss, dass ja nicht der Eindruck entstehen darf, er überlasse das Feld nun den Kubickis und den Linders, er verstecke sich. Jetzt sitzt er also am späten Sonntagabend bei "Jauch" und gibt sich geschmeidig: "Das ist der persönliche Sieg Christian Lindners" sagt er. Und: die FDP-Führung lasse sich ihre Erfolge nicht kaputt machen, wenn versucht werde, von außen Zwist in die Partei zu tragen. Als Jauch nachhakt, wissen will, ob er, Rösler, an seinem Sessel klebe, sagt der Wirtschaftsminister, der auf den Tag genau ein Jahr Vorsitzender ist: "Es liegt noch einiges an Arbeit vor mit. Aber das werde ich gemeinsam mit den Kollegen schaffen." Er will offenbar nicht weichen. Bis 2013 ist er gewählt.

Und so wird sich in den nächsten Tagen und Wochen herauskristallisieren, wie es um Rösler parteiintern tatsächlich bestellt ist. Die Erfolge Kubickis und Lindners haben gezeigt, dass die FDP auch im Bund eine Chance hat - auch wenn sie dort derzeit in Umfragen weiter unter der Fünf-Prozent-Marke hängt. Allein, will die Partei sich das Wagnis leisten, mit einem Vorsitzenden in das Jahr 2013 zu gehen, der sein politisches Kapital, so scheint es, verspielt hat und von populären, mächtigen Fürsten bestenfalls halbherzig gestützt, wahrscheinlich nur geduldet wird? Oder versucht sie lieber, einen Wechsel an der Spitze hinzukriegen? Lindner jedenfalls will sich auf NRW konzentrieren - für den Spitzenjob hält er sich selbst angeblich noch für zu jung. Und er hat ja auch keine Eile. Er hat jetzt den Nimbus eines Parteihelden. Ihm kann auf absehbare Zeit niemand etwas. Er gelobt auch, sich am Montag den Parteigremien in Berlin zu präsentieren. Kubicki hatte das Händeschütteln mit Rösler demonstrativ geschwänzt. Aber Lindner will nicht provozieren. Muss er auch nicht. "Lindner hat eine tolle Leistung gebracht", sagt am Sonntagabend Schatzmeister Fricke. "Er wird zu denen gehören, die in der FDP in den nächsten Jahrzehnten eine große Rolle spielen - wie groß, das entscheidet immer die Partei." Am Sonntagabend lag sie Lindner zu Füßen, diese Partei.

Von Florian Güßgen, Düsseldorf
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