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Der grüne Rausch

Und wieder haben die Grünen ein Rekordergebnis eingefahren: 12,1 Prozent in NRW. Was macht diese Partei so erfolgreich? Fünf Gründe.

Von Jens König

Die Grünen sind die Partei der Stunde. 12,1 Prozent der Stimmen in Nordrhein-Westfalen gewonnen, Platz drei im industriellen Kernland der Republik erobert, mit Lob für ihr Wahlprogramm von allen Seiten überschüttet. Die Grünen scheinen gegen alle Verwerfungen des deutschen Parteiensystems immun zu sein. Sie wachsen allerorten unaufhörlich. In Baden-Württemberg stehen sie in aktuellen Umfragen bei 17 Prozent, in Schleswig-Holstein bei 20 Prozent, in Berlin gar bei 23 Prozent. In Freiburg wurde der grüne Oberbürgermeister gerade wiedergewählt - im ersten Wahlgang, mit sagenhaften 50,5 Prozent der Stimmen. Manche sehen die Grünen schon auf dem Weg zu einer kleinen Volkspartei.

Gemach, gemach, auch die grüne Herrlichkeit hat ihre Grenzen. Aber eine simple Frage stellt sich schon: Wie machen die das bloß? Was können die Grünen, was andere nicht können?

Ihr größtes Pfund ist ihre Glaubwürdigkeit. Die Wähler honorieren, dass die Grünen über alle Epochenbrüche und gesellschaftlichen Großkrisen hinweg ihre ökologische Kernkompetenz bewahrt und sogar noch ausgebaut haben. Das ist ja keinesfalls der Normalzustand: Dass eine Partei systematisch arbeitet und es bitterernst meint mit dem, was sie sagt und tut.

Schwarze Zahlen mit grünen Ideen

Zweiter Grund für den Aufschwung: Die Grünen sind eine Partei auf der Höhe der Zeit. Sie gibt schlüssige Antworten auf die großen Sinnfragen: Wie wollen wir leben? Wie wollen wir wirtschaften, wenn ewiges Wachstum in den Untergang führt und die Umwelt nicht weiter ausgebeutet werden darf? Was hält unsere Gesellschaft zusammen, wenn die soziale Spaltung immer größer wird? Tue das keiner als Feuilleton ab. Die Sehnsucht nach Orientierung in dieser Gesellschaft ist groß. Man muss nicht alle Antworten der Grünen davon teilen. Aber wer ein so umfassendes, durchdachtes Programm anbietet wie die Ökopartei mit ihrem "Green New Deal", der ist gegenüber einer Partei wie der FDP, die das Wort "Ökologie" nicht einmal fehlerfrei buchstabieren kann, in jedem Fall im Vorteil. Außerdem sind die Grünen in der Lage, das hat ihr Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann in NRW bewiesen, die großen Konzepte in ganz konkrete, durchgerechnete Politikangebote vor Ort umzusetzen.

Dritter Grund: Die Grünen sind eine intelligente Partei. Sie haben ihren Katastrophismus von früher ("Der Wald stirbt!") abgelegt. Sie beweisen heute, dass man mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben kann. Ökologie ist längst ein knallhartes Wirtschaftsthema geworden. Die Grünen denken beides zusammen. Das macht sie mittlerweile zu einem begehrten Gesprächs- und Kooperationspartner vieler kleiner und mittlerer Unternehmen. Und das spiegelt sich dann im Wahlverhalten wider: 23 Prozent der Grünenwähler in Nordrhein-Westfalen gaben an, die Partei wegen ihrer Wirtschaftskompetenz gewählt zu haben. Auf ähnlich intelligente Weise verbinden die Grünen die Themen Soziales und Bildung sowie Finanzen und Kommunalpolitik.

Gebildete, wohlhabende Wähler

Daraus ergibt sich der vierte Grund ihres Aufschwungs: Die Grünen sind mit ihren Themen und Wählern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aus der einstigen Anti-Parteien-Partei der Alternativen ist eine pragmatische Partei der kritischen Bildungselite geworden. Keine Partei ist bürgerlicher als sie. Ihre Anhänger verdienen von den Wählern aller Parteien das meiste Geld und verfügen über die höchsten Bildungsabschlüsse. Die Folge war in Nordrhein-Westfalen zu besichtigen: Die Grünen haben nicht nur der SPD 170.000 Stimmen abgenommen, sondern auch der CDU 90.000 und der FDP 30.000. 15 Prozent aller Selbstständigen haben die Grünen gewählt - mehr als die FDP.

Fünfter Grund: Die Grünen haben sich von der SPD emanzipiert. Die bitteren Erfahrungen im Bund (mit Gerhard Schröder) und in Nordrhein-Westfalen (mit Wolfgang Clement und Peer Steinbrück) haben aus dem einstigen rot-grünen Projekt eine nüchterne Geschäftsbeziehung werden lassen. Heute verfolgen die Grünen einen Kurs der Eigenständigkeit und sind offen für neue Bündnisse. In Hamburg regieren sie zusammen mit der CDU, im Saarland mit CDU und FDP und in Bremen, ganz traditionell, mit der SPD. Ihnen schadet offenbar nicht einmal, dass sie in NRW offiziell einen rot-grünen Wahlkampf geführt, aber heimlich auf ein schwarz-grünes Bündnis gehofft haben.

Die Grünen des Jahres 2010 sind erfolgreich, kompetent, ernsthaft, berechenbar.

Und ein bisschen langweilig.

Verlust an programmatischer Schärfe

Da ist die Politik ja nicht anders als das normale Leben: In den Stärken stecken zugleich die Schwächen, die Vorteile tragen die Nachteile schon in sich. Je weiter sich die Grünen zu einer normalen Partei entwickeln, desto mehr verlieren sie ihre Besonderheit und Unkonventionalität. Davon aber haben die Grünen 30 Jahre gelebt. Je weiter die Partei in die politische Mitte rückt, desto mehr verwäscht sie ihre programmatische Schärfe und verliert ihre Eindeutigkeit. Je mehr verschiedene Regierungsbündnisse sie eingeht, desto beliebiger wird sie. Je öfter sie mitregiert, desto mehr Enttäuschungen produziert sie bei ihren Anhängern. Der grüne Höhenflug wird nicht ewig anhalten. Irgendwann geht's auch wieder runter.

Die Grünen sind die Partei der Stunde, keine Frage. Ob sie aber auch die Partei der nächsten Jahre werden? Den Beweis dafür haben sie noch nicht angetreten.

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