Er gibt sich gern volksnah und mag keinen "politischen Krawall": SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig will am 6. Mai in Kiel den Machtwechsel erreichen. Ein Porträt des "Kojak" von Schleswig-Holstein. Von Hans Peter Schütz

"Wir treffen viele Rindviecher in der Politik": der Spitzenkandidat der SPD in Schleswig-Holstein, Torsten Albig.© Christian Charisius/DPA
Er schreckt im Wahlkampf vor nichts zurück. Weder vorm Krötensammeln mit dem SPD-Ortsverein, noch vor der Fahrradtour (das ist sogar sein Hobby) auf der Suche nach SPD-Wahlwilligen, schon gar nicht vorm medialen Großauftritt zusammen mit Frank-Walter Steinmeier oder der Besichtigung der Bäckerei Schmidt in Silberstedt. Er geht auf die Wattwanderung in Dagebüll und schippert im Lotsenboot über den Nord-Ostsee-Kanal. Oder nimmt in Friedrichskoog am Training der Heuler-Aufzuchtstation teil. Er ist als Wahlkämpfer schließlich ebenso auf Kontaktsuche wie die Seehundbabies.
Denn Torsten (ohne h, oder wie er selbst zuweilen spottet "ohne Haar") will schließlich sein "Lieblingsland" Schleswig-Holstein politisch als SPD-Spitzenkandidat erobern. Nicht mit großer Selbstinszenierung, sondern durch Gespräch, Dialog mit den Bürgern und Nähe.
In dieses Programm passt natürlich gut ein Spaziergang durch den Naturerlebnisraum "Stiftungsland Schäferhaus", wo ein paar hundert zottelige Galloway-Rinder auf einem ehemaligen Panzerübungsplatz grasen. Als Albig dort nummerierte Ohrclips für Kälbchen in die Hand gedrückt werden, mit denen er die Jungtiere bei einem Zusammentreffen bestücken soll, murmelt er: "Gut so, ich suche ja noch Mitglieder fürs kommende rot-grüne Kabinett." Nachdem rundum gelacht wird, fügt er ernsten Gesichts hinzu: "Menschen wie ich müssen ja was von Rindviechern verstehen, wir treffen ja so viele in der Politik." Es darf wieder gelacht werden.
Wenig später erfährt Albig beim Fußmarsch durch den Bioland-Betrieb "Bunde Wischen", dass die Agrarministerin des Landes, Juliane Rumpf, die Öko-Prämie nach wochenlanger Prüfung durch acht Beamte um 115.000 Euro gekürzt hat. Unüberhörbar böse murmelt er daraufhin: "Die Noch-Ministerin Rumpf." Eigentlich findet er sie ganz sympathisch, aber was hier passiert ist hält Albig im Kopf nicht aus: Dass Beamte die staatliche Subvention der Weidefläche herunterrechneten, weil dort angeblich zu viele stachelige Weißdornbüsche stünden, unter denen die Kühe nicht weiden könnten. Dass Buchen und Eichen aber hier gar nicht aufwachsen könnten, ohne dass die Weißdornbüsche deren jungen Triebe vor den Kuhmäulern schützten, interessiere die Bauern-Bürokraten nicht, die noch drei Jahre zuvor alles rundum in Ordnung befunden hatten.
Den SPD-Kandidaten Albig erregt dieser, wie er sagt, "bürokratische, staatliche Verwaltungs-Schwachsinn" aufs Äußerste. Und fast wird er einem Grundsatz untreu, mit dem er den warmen Amtsstuhl des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Kiel verlassen hat und in den politischen Machtkampf gegen die schwarz-gelbe Landesregierung gezogen ist. Er wolle einen gelassenen Wahlkampf führen, den üblichen Berliner "politischen Krawall" meiden. Leicht fällt ihm das nicht immer. Und dann wird zuweilen schon erkennbar, dass in ihm mindestens ebenso viele Kilo Temperament stecken wie im SPD-Spitzenpolitiker Peer Steinbrück, dem Albig zu dessen Zeiten als Bundesfinanzminister als Sprecher zugearbeitet hat.
Auf Steinbrücks gefürchtete Ruppigkeit versteht Albig sich im Ernstfall locker. Er weiß aber genau, dass dieser Stil bei den Menschen im nördlichsten Bundesland nicht gut ankommt. Also formuliert er seine Botschaft eher mit präziser Zurückhaltung: "Die SPD ist wieder da. Die SPD will regieren. Sie wird regieren."
Seine Siegesgewissheit teilen in der eigenen Partei längst nicht alle. Schließlich hat sich ihr fast neunundvierzigjähriger Spitzenkandidat in einer kühnen Aktion an diese Position gekämpft: Er kandidierte gegen den bisherigen, ungeliebten, linkswütigen SPD-Chef Ralf Stegner und besiegte ihn haushoch: Stegner 32 Prozent, Albig 57. Dies gegen einen Konkurrenten, der es in der 2009 zerbrochenen Großen Koalition in Schleswig-Holstein immerhin zu den Ämtern des Finanz- und Innenministers gebracht hatte.
Viele verstanden nicht, dass Albig seinen Triumph nicht nutzte, den in der Partei nicht sehr beliebten Stegner vollends abzuservieren. Im Gespräch mit stern.de räumt er ein, dass viele von ihm erwartet hätten, alle alten Rechnungen zu begleichen. Doch Albig nennt auch die Stärken des Konkurrenten. "Er kennt die Partei besser als ich." Und er sei in der programmatischen Debatte ein sachkundiger, starker Diskutant. Man darf vermuten: Der Analytiker Albig hat erkannt, gegen Stegner an der SPD-Spitze zu sein, hätte seine Probleme nur vergrößert und die Partei im Wahlkampf geschwächt. Leicht denkbar, dass dieser Albig, den viele auch den "Kojak" von Schleswig-Holstein nennen, wie auch der echte Kojak von Manhattan gerne Lockvögel einsetzt. Und mit der Milde gegenüber Stegner die SPD-Linke an sich gebunden hat.
Leicht wird die Machteroberung jedenfalls nicht. Aber Albig gibt sich siegesgewiss: "Ich gewinne sehr gerne." Auf der ersten Großkundgebung seines Wahlkampfs in Kiel zeigte er massiven Siegeswillen. Alle 35 Wahlkreise seien von den SPD-Kandidaten zu erobern, forderte er laut. Ein kühner Anspruch beim Blick aufs letzte SPD-Wahlergebnis, das mit 25,4 Prozent sehr bescheiden ausgefallen war (CDU: 31,5).