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27. Januar 2008, 19:52 Uhr

Eine Ohrfeige mit bundesweitem Widerhall

Die hessischen Wähler haben Roland Koch für seinen Schmuddel-Wahlkampf übelster Machart eine Ohrfeige versetzt, deren Widerhall auch das politische Berlin aufrütteln wird. Die SPD ist nun obenauf, ebenso die Linken - und CDU-Chefin Angela Merkel steht eine Strategiedebatte ins Haus. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Zeichen des Desasters: Plakate mit dem Vornamen des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) liegen am Boden© Thomas Kienzle/AP

Völlig klar ist, dass das Ergebnis für Roland Koch ein Desaster ist. Als regierender Ministerpräsident rund zwölf Prozent zu verlieren, das muss einer erst mal schaffen. Er wurde abgestraft für seine Landespolitik, vor allem für eine Schulpolitik, die glaubte, ungestraft über die Köpfe und Gefühle der Eltern hinweg agieren zu können. Er wurde abgestraft für ein Wahlkampagne, die - man muss das so brutal sagen - an niedrigste Vorurteile gegen Migranten appellierte. Das war Schmuddel-Wahlkampf übelster Machart. Und die hessische CDU muss jetzt zur Kenntnis nehmen, dass die Wähler vielleicht ganz andere Sorgen haben als sie thematisch ihnen unterstellt hat.

Unstrittig auch, dass Kurt Beck und seine SPD zu den eindeutigen Siegern der Wahlen in Hessen und Niedersachsen gehören. Das magere Ergebnis des niedersächsischen SPD-Kandidaten Jüttner mindert den Erfolg nicht. Die SPD hatte Niedersachsen von vornherein verloren gegeben. Und man kann unterstellen, dass der Überraschungserfolg der Linken in diesem Bundesland auch auf den schwachen SPD-Kandidaten zurück zu führen ist. Die Linkspartei dürfte von vielen SPD-Wählern nur gewählt worden sein, weil ihnen ihre Stimme für einen Jüttner verschenkt erschien. Beck darf beanspruchen, dass er die unter Müntefering erstarrte SPD wieder in Bewegung gesetzt hat. Sein so genannter Linksruck wurde in Hessen abgesegnet. Das stärkt Beck, offen ist dabei, ob jetzt der linke SPD-Flügel auf weitere Abstriche an der Agenda 2010 drängt.

Zu den eindeutigen Siegern gehört die Linkspartei. Sie ist eindeutig in der alten Bundesrepublik angekommen, zumal man davon ausgehen muss, dass sie demnächst auch noch den Sprung in die Hamburger Bürgerschaft schafft. Sie ist jetzt eindeutig eine gesamtdeutsche Partei geworden. Damit ist auf Dauer ein Fünf-Parteien-System (sechs Parteien, wenn man die CSU aus der Union herausrechnet) in der Bundesrepublik etabliert. Das schafft für alle Beteiligten ganz neue Optionen. Dabei muss es die bürgerlichen Parteien FDP und CDU/CSU beunruhigen, dass es tatsächlich eine linke Mehrheit gegen sie gibt. Auch wenn die Linkspartei vorerst nicht an Koalitionen mit SPD und Grünen beteiligt wird, so hat sie auf jeden Fall eine Position erreicht, von der aus sie politischen Einfluss nehmen kann.

Für Angela Merkel ist offen, was die Fernwirkungen der beiden Wahlen sein werden. Zwar ist sie mit Koch einen potentiellen Konkurrenten auf absehbare Zeit los. Aber der Absturz von Koch wird den konservativen Flügel und den Wirtschaftsflügel nicht ruhig stellen. Stimmen verloren hat schließlich auch Christian Wulff. Fehler der Berliner Politik - zum Beispiel der Mindestlohn - werden auch bei ihr abgeladen. Die interne Strategiedebatte läuft längst, Merkels präsidialer Stil ist umstritten. Die SPD wird jetzt viel selbstbewusster auftreten. Wir sind wieder mehrheitsfähig, sagte Kurt Beck selbstbewusst am Wahlabend. Zugeständnisse wird die SPD der Kanzlerin nicht mehr machen.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
sachsenwini (28.01.2008, 11:37 Uhr)
So dumm sind die Wähler nicht.
Nicht, dass Koch gegen die Jugendkriminalität vorgehen wollte, hat ihm Stimmen gekostet, die Wähler haben vielmehr gemerkt, dass er maßlos übertreibt und es selbst damit nie ernst meinte.
Roland Koch hat in seinen Regierungsjahren seit 1999 gerade das Gegenteil getan, wogegen er im Wahlkampf zu Felde gezogen ist.
Er kürzte Gelder für die Prävention und für die Aufklärung von Straftaten, unter seiner Regie wurden Jugendhäuser geschlossen und Polizisten entlassen.
nightmare_online (28.01.2008, 10:20 Uhr)
@kaffeesatz
Ach die Merkel verfolgt - wie bisher - die Politik der untätigen Hand. War übrigens wieder witzig gestern als sich CDU-Fuzzis den Aufschwung als Erfolg ihrer Politik "anhefteten". Und kein Journalist in der Lage war die einfache Frage "Wodurch" zu stellen.
kaffeesatz (28.01.2008, 09:58 Uhr)
Debakel
Nun werden wir erleben wie Herr Koch auf seinem Sessel klebt und sich das Wahlergebnis schön redet, die SPD sich und uns die Notwendigkeit einer Koalition mit der Linken schmackhaft machen wird. Verlierer sind die Bürger Hessens. Die Schuldigen schnell ausgemacht: Natürlich die Wähler!!!
Bemerkenswert ist, dass Frau Merkel völlig abgetaucht ist. Sie, die sogar die dt. Handballmanschaft angerufen hat, um ihnen viel Erfolg zu wünschen, bleibt völlig stumm!
Bei einem Wahlsieg von Koch wäre sie in jeder Talkrunde präsent gewesen. (Nicht, dass ich sie vermisst hätte, ich habe nichts anderes erwartet!)
Herzlichen Glückwunsch, Frau Merkel, sie haben gut gelernt beim Altkanzler Kohl!! Aussitzen!
vegefranz (28.01.2008, 09:35 Uhr)
gegen den mainstream

klar, Koch hat beim mainstream unpopuläre Thesen vertreten. Das war mutig, hat ihn aber wohl stimmen gekostet. Wer gegen den mainstream argumentiert, hat es natürlich immer schwerer. In ein paar Jahren, wenn hier niemand mehr sicher ist, wird man sagen, Koch sei 2008 seiner Zeit voraus gewesen
thomasottobu (28.01.2008, 08:45 Uhr)
auch Herrn Oettinger wird es so ergehen
Auch Herr Oettingher wird so abgestraft - und damit erneut Frau Merkel in Berlin - hier geht es nicht um Rechts gegen Links oder Mindestlohn, sondern um eine Abstrafung der Regierenden, da sie eine Politik über die Köpfe der Wähler (Eltern / Hinweis Schulpolitik) hinweg machen.
quintus11 (28.01.2008, 08:36 Uhr)
Vielen Dank ...
... für diesen scharfsinnigen und zugleich weitblickenden Artikel. Das ist Journalismus, der gegenüber unterschiedliche politischen Meinungen tolerant und objektiv ist - aber zugleich Menschenverachtug und Gesellschaftsspaltung scharf kritisiert. Deshalb lese ich Stern!
nightmare_online (28.01.2008, 08:36 Uhr)
Bravo!
Einen herlichen Glückwunsch an die Bürger in Hessen, die wesentlich klüger waren, als Koch dachte und auf die Schmutzkampagne dieses Herrn nicht noch einmal hereingefallen sind. Nun gibts nur noch eins für Koch: Brutalstmöglich verschwinden!
Buureremmel (28.01.2008, 08:35 Uhr)
Beck gestärkt?
Vordergründig ja, aber Beck steckt in einer Zwickmühle: Einerseits lehnt er Bündnisse mit den Linken ab, andererseite hat er keine Probleme, deren Themen für seine Wahlkämpfe zu vereinnahmen. Ob er damit glaubwürdig ist, mag dahinstehen, manche nennen das Populismus. Wie lange er seine ablehnende Position halten wird, bleibt abzuwarten, da mit dem Einzug der Linken in die Parlamente Rot-Grün-Koalitionen ofenbar nicht mehrheitsfähig sind. Beck hat damit das Heft des Handelns nicht wirklich in der Hand. Er bleibt Getriebener des "wachstumsgestörten Möchtegernstaatsrats aus dem Saarländischen",wie ihn ein Kabarettist neulich beschrieb. Das ist keine Position wirklicher Stärke.
guenni22 (28.01.2008, 05:45 Uhr)
sorgen der bürger
lieber mackeldei , offenbar hat der bürger in hessen andere sorgen als koch und seine populistenbande ihnen weißmachen wollte. ganz so blöd, wie koch sie sieht sind sie wohl doch nicht. die bürger differenzieren wohl mehr als den politikern lieb ist, die meinen, mit dem holzhammer politik machen zu können. schulpolitik und soziale gerechtigkeit sind die themen, die die spd klug besetzt, und damit gewonnen hat. die angeblichen ängste der bürger liegen dort, wo sie persönlich betroffen sind und nicht dort wo koch und die blödzeitung sie haben will
waelder (28.01.2008, 04:49 Uhr)
Volle Zustimmung
"Wer sich immer scharf rechts hält, bewegt sich überwiegend in der Gosse!" Und da fühlt sich ganz offensichtlich die Mehrheit der Wählenden in Hessen nicht zu Hause.
Und wer ganze Volksgruppen mit verschärfter Haft bedroht, darf sich nicht wundern, wenn er von genau diesen Gruppen nicht gewählt wird.
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