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AfD - gekommen, um zu bleiben

Alle Parteien haben versucht, die AfD zu ignorieren. Damit ist es vorbei. Vor allem die Union braucht eine Strategie für den Umgang mit den Schmuddelkindern der Republik.

Ein Kommentar von Tilman Gerwien

  Nicht mehr zu ignorieren: AfD-Chef Bernd Lucke und seine Parteigenossen bejubeln um die zehn Prozent Wählerstimmen sowohl in Thüringen wie in Brandenburg

Nicht mehr zu ignorieren: AfD-Chef Bernd Lucke und seine Parteigenossen bejubeln um die zehn Prozent Wählerstimmen sowohl in Thüringen wie in Brandenburg

Bis vor wenigen Monaten hielten viele kluge Köpfe die "Alternative für Deutschland" (AfD) für eine Art Verirrung der Parteiendemokratie. Ein schräger Haufen hatte sich da angesammelt in den Souterrains der Republik, eine mehr oder weniger unbegreifliche Mischung aus Euroskeptikern, Marktradikalen, frommen Christen und sehr, sehr rechten Konservativen, dazu Empörte, Verzweifelte, Querulanten und Verschwörungstheroretiker aller Art.

Die Erfolge des wilden Haufens bei Bundestagwahlen, Europawahlen und der Landtagswahl in Sachen ließen zwar aufhorchen. Aber die Strategen in den Zentralen der etablierten Parteien konnten immer noch die Hoffnung hegen, irgendwann werde sich das nur halb verstandene und nie richtig ernst genommene Phänomen AfD von selbst erledigen.

Es war lästig, wie schlechtes Wetter. Und es sollte verschwinden wie schlechtes Wetter.

Fleisch vom Fleische der FDP

Damit ist es nun vorbei. Diese Partei verschwindet nicht, jedenfalls nicht auf absehbare Zeit. Sie ist gekommen, um zu bleiben. Erst vor gut anderthalb Jahren gegründet eilt die AfD von Sieg zu Sieg: bei der Bundestagwahl nur knapp an der fünf-Prozent-Hürde gescheitert, bei der Europawahl 7,1 Prozent, in Sachsen 9,7 Prozent und jetzt wohl in Erfurt und Potsdam zweitstellige Ergebnisse - das dürfte mehr sein als eine flüchtige Konjunktur. Das könnte der Beginn einer tektonischen Verschiebung der deutschen Parteienlandschaft sein.

Schon jetzt hat die AfD erreicht, dass die FDP im politischen Wachkoma bleibt. Auch wenn es die Liberalen nicht wahrhaben wollen: Viele, die eine stabile Währung und Sicherheit ihres Eigentums wollen und dazu noch eine Aversion gegen rot-grüne Umerziehungsversuche haben, sind für die AfD zumindest ansprechbar - und dieses Milieu ist Fleisch vom Fleische der FDP. Damit hat die AfD der Union den wichtigsten strategischen Partner für eine bürgerlich-konservative Mehrheitsbildung schlicht weggenommen. CDU/CSU werden, wenn sie irgendwann einmal aus dem Gefängnis großer Koalitionen ausbrechen wollen, auf die Grünen zugehen müssen – Schwarz-Grün aber wäre geradezu politisches Doping für die AfD.

Mühsam gedeckelte Strategiedebatte

Denn auch im Milieu von CDU und CSU gibt es viele, die mit der AfD zumindest sympathisieren: Menschen, für die Familie, Glaube und Gesetzestreue wichtige Wert sind und die von Merkels weltanschaulicher Beliebigkeit zum Beispiel bei der Homo-Ehe gekränkt und enttäuscht sind. Selbst in die Wählerbastionen der Linkspartei kann die AfD vordringen, das legen die Ergebnisse im Osten nahe. Das Gefühl, von "denen da oben" nicht angehört, nicht wertgeschätzt und im Zweifel auch noch angelogen zu werden, ist dort weit verbreitet - und es ist exakt das Gefühl, das die AfD mehr als alle inhaltlichen Positionen im Innersten zusammenhält.

Vor allem Angela Merkel und Horst Seehofer stehen unruhige Wochen bevor. Die bisher nur mühsam unter dem Deckel gehaltene Strategiedebatte über den Umgang mit der AfD wird jetzt ausbrechen. Die Ansage vom Bundestags-Fraktionschef Volker Kauder, sich mit AfD-Repräsentanten nicht in TV-Diskussionen zu setzen, wirkt in ihrer ganzen ehrpusseligen Beleidigtheit schon heute lächerlich. Diese Position wird sich nicht halten lassen.

Merkel und ihr blaues Wunder

Die AfD hat heute fast 20.000 Mitglieder, die in 340 Kreisverbänden republikweit bereits bemerkenswerte Präsenz zeigen. Die üppigen Wahlkampfkostenerstattungen nach den jüngsten Wahlsiegen und die erstklassige Ausstattung der Abgeordneten, die in drei ostdeutschen Landtagen sitzen, dazu noch im Europarlament, mit einem weitverzweigten Apparat von Mitarbeitern - all das wird der Partei Schlagkraft und Beständigkeit verleihen. Lange wurden die blauen Fahnen und Luftballons der AfD belächelt. Heute Abend hat die Republik ihr blaues Wunder erlebt.

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