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Warum die CDU die AfD nicht fürchten muss

Traditionelle Konservative wählen nicht die AfD. Es sind andere. Vornehmlich männlich, weiß, gutverdienend. Und mit massiven Zukunftsängsten. Sagt Forsa-Chef Manfred Güllner.

  Manfred Güllner ist Chef des Berliner Meinungsforschungsinstitutes Forsa. Für den stern erstellt er wöchentlich den Wahltrend

Manfred Güllner ist Chef des Berliner Meinungsforschungsinstitutes Forsa. Für den stern erstellt er wöchentlich den Wahltrend

Herr Professor Güllner, warum hat die AfD in Thüringen und Brandenburg so gut abgeschnitten?
Die Stimmenzahl für diese Partei war ja nicht wesentlich höher als schon bei der Bundestagswahl vor einem Jahr. In Sachsen war sie völlig identisch, in Thüringen und Brandenburg etwas höher - in Brandenburg auch deshalb, weil hier 16- und 17-Jährige wählen durften und sie 14.000 Stimmen aus dem Lager der NPD bekam. Und in Thüringen setzten rund 9000 NPD-Erststimmen-Wähler ihr Zweitstimmen-Kreuz wohl bei der AfD. Der minimale Zuwachs in diesen beiden Ländern erklärt sich aber auch damit, dass die AfDe nach der Landtagswahl in Sachsen wieder hochgeredet worden war. Würde man sie ächten und dorthin stellen, wo sie hingehört, würden auch mehr Menschen davon abgehalten, sie zu wählen. Die AfD schafft es allerdings im Gegensatz zu den anderen Parteien, dass sie ihre Anhängerschaft an die Urnen bringt.

Wie setzt sich diese Anhängerschaft zusammen?
Die Sympathisanten der AfD sind alles andere als lupenreine Demokraten. Der typische AfD-Anhänger ist - wie eine Analyse von 2 767 AfD-Sympathisanten zeigt - männlich, im rechten Spektrum verankert, ohne kirchliche Bindung, voller Abscheu in Bezug auf die demokratischen Parteien und die Institutionen der parlamentarischen Demokratie und hat extreme Existenzängste, obwohl er zu den gehobenen sozialen Schichten mit entsprechend gutem Einkommen zählt. Damit ähnelt das soziale Profil der AfD-Anhänger dem der Anhänger der rechtsextremen Parteien: So sind 71 Prozent der AfD-Anhänger Männer - von den Anhängern rechtsradikaler Parteien sind es 69 Prozent. Konfessionslos sind 47 Prozent der AfD-Anhänger und 56 Prozent der Sympathisanten rechtsextremer Parteien. 58 Prozent der AfD-Anhänger und 66 Prozent der Anhänger rechtsradikaler Parteien trauen keiner Partei politische Kompetenz zu und jeweils die Hälfte beider Gruppen - 51 beziehungsweise 48 Prozent - hat bei der Kanzlerfrage weder Präferenzen für Merkel noch für Gabriel.

Wodurch unterscheiden sich die Anhänger der AfD von Sympathisanten der rechtsextremen Parteien?
Nur dadurch, dass sie überwiegend der Ober- und Mittelschicht mit entsprechend hohem Einkommen und hoher Schulbildung entstammen, während die NPD- Sympathisanten überwiegend aus den unteren sozialen Schichten mit geringem Einkommen und geringer Schulbildung stammen. Fundamental unterscheiden sich die Anhänger der AfD aber von denen, die sich traditionell konservativen Werten verbunden fühlen; denn diese Gruppe der Gesellschaft hegt keine grundsätzlichen Ressentiments gegen das politische System, ist kirchlich gebunden und nicht von Statusängsten geprägt wie die Klientel der AfD und anderer Parteien am rechten Rand.

Die FDP verliert, die AfD gewinnt - gibt es da einen Zusammenhang?


Die AfD ist nicht - wie einige Wahlforscher, zum Beispiel Oskar Niedermayer, glauben - für die Kernklientel der FDP eine Alternative, den Mittelstand, der wirtschaftspolitisch liberal und gesellschaftspolitisch konservativ ist. Dieser klassische Mittelstand in Deutschland ist derzeit politisch heimatlos, gehört jedoch nicht dem rechtsradikalen Segment des Mittelstandes an, dem die AfD-Anhänger entstammen.

Wird die AfD das deutsche Parteiensystem nachhaltig verändern?
Es gibt keine nachhaltigen Verschiebungen durch die AfD-Stimmen, weil wir ja auch früher schon mit rechtsradikalen Wellen fertig wurden. Diese Verschiebungen gibt es aber durch die sehr hohe Zahl von Wahlverweigerern – in Brandenburg sind es mehr Nichtwähler als Wähler. Wir wissen aus unseren Nichtwähler-Studien, dass die Leute, die häufiger nicht wählen gehen, sich immer weiter von der Demokratie entfernen. Dadurch besteht die große Gefahr, dass bei denen auch die Akzeptanz des demokratischen Systems abnimmt.

Nagt die AfD am Wählerpotenzial der CDU?


Kaum. Der CDU/CSU-Stimmenanteil stieg von 2009 bis 2013 von 23,6 um 5,6 Prozentpunkte auf 29,2 Prozent – und das, obwohl der Anteil der Parteien am rechten Rand um 2,9 Prozentpunkte von 1,4 auf 4,3 Prozent angestiegen war. Das Ergebnis der Europawahl kam ebenfalls nicht durch Abwanderungen früherer CDU/CSU-Wähler zur AfD zustande; denn die Union erhielt im Mai 2014 rund 7,9 Millionen Stimmen weniger als bei der Bundestagswahl wenige Monate zuvor - und das, obwohl die rechten Parteien bei der Europawahl 228.000 Stimmen weniger Stimmen erhielten als bei der vorangegangenen Bundestagswahl.

Hat die AfD ihr Potenzial zum Beispiel in Brandenburg, wo sie auf 12,2 Prozent kam, schon ausgeschöpft?
In einer Studie, die wir zusammen mit der Freien Universität Berlin gemacht haben, kamen wir zum Ergebnis, dass mindestens elf Prozent der Brandenburger ein rechtsradikales Weltbild haben. Dort ist das Potenzial der AfD also noch nicht ausgereizt. Bei einer Wahlbeteiligung von 50 Prozent könnte sie unter bestimmten Umständen auf bis zu 20 Prozent der gültigen Stimmen kommen.

Interview: Werner Mathes
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